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Wundersames Leben, Kolumnen 2011
Kolumnen, Kurzgeschichten
Ditte Clemens
Die samstäglichen Kolumnen im Nordkurier des Jahrgangs 2007 bis 2010 sind bereits in Buchform beim BS-Verlag-Rostock erschienen.
Nun gibt es die gesammelten Kolumnen des Jahres 2011 und somit wieder herzerfrischendes Lesevergnügen.
Preis: 9,90 € *
Leseprobe
Heißer Atem für die Seele im November
Pusten kühlt und Hauchen wärmt. Erstaunlich, zu welchen wundersamen Dingen unser Atem in der Lage ist.
Im November bin ich übrigens morgens ständig am Hauchen. Mein Auto steht nämlich draußen. Wenn ich dort früh einsteige, habe ich das Gefühl, dass das Lenkrad sich die ganze Nacht woanders rumgetrieben hat. Es fühlt sich an, als hätte es stundenlang im Tiefkühlschrank gelegen. Und deshalb hauche ich abwechselnd in die rechte und linke Hand, und wenn die Ampel auf Rot steht in beide.
Und was bin ich im November immer am Pusten, wenn mich meine selbst gemachte Hühnersuppe mit strahlenden Fettäugelein anlächelt. Das Bepusten von Hühnersuppe gerade in diesem Monat haben schon meine Großeltern gemacht. Mein Großvater tat das allerdings so kräftig, dass sein Löffel danach so leergefegt war wie die Bürgersteige, wenn im Fernsehen „Dallas“ gesendet wurde. Auf den Fettfleck hat er dann fix die Blumenvase gestellt. Aber Großmutter konnte mit ihrem Röntgenblick durch die Blumenvase hindurch sehen. Auf sie traf zu, was der Komponist Georg Kreisler einmal gesagt hat: „Gott sieht alles, aber eine Frau sieht mehr.“ Weil Fettflecken sich auf zarten Tischdecken nur mit einer Schere entfernen lassen, bepuste ich meine Löffel voller Hühnersuppe mit vornehm gespitztem Mund.
Sie hilft, was wissenschaftlich nachgewiesen ist, bei Erkältungen und mir auch bei schlechter Stimmung im November. Er ist für mich die graue Maus unter all den Monaten des Jahres, die meine gute Laune annagen wollen. Heinrich Seidel hat diesen Monat in seinem November-Gedicht trefflich beschrieben mit solchen Formulierungen wie „schönes Schlackerwetter“ und „in Wolken maulen“.
„Keiner kann wie dieser toben, keiner so verdrießlich sein“, stellte er fest. Bei Erich Kästner trägt der November in seinen Monatsgedichten den Trauerflor.
Friedrich Nietzsche beklagt in seinem Gedicht „Im deutschen November“ die welke Welt und Herrmann Hesse in seinen Zeilen vom November die Einsamkeit der Menschen.
Finden Sie nicht auch, dass kein Regen so kalt und so nass ist wie der Novemberregen? Tagelang lässt dieser Monat die Jalousien runter, um uns mürbe zu machen. Schon morgens wirft er die Nebelmaschine an und lacht sich eins in sein eisigkaltes Fäustchen, wenn wir immer träger werden.
Ein gutes Mittel gegen den Novemberblues ist Hühnersuppe. Jedoch nur die selbstgemachte. Die haucht nämlich ihren heißen Atem mitten in unsere zähneklappernde Seele hinein. Und vor dem Genuss bitte pusten, aber nicht zu kräftig.
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