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Geh nicht so fügsam in die dunkle Nacht
Seitenanzahl: 203
ISBN: 978-3-86785-122-0
Buchart: Paperback
Gewicht: 250 g
Größe: 12,6 x 19,0 cm
Erscheinungsdatum: März 2010

Geh nicht so fügsam in die dunkle Nacht

Dorothea Kleine

Mit einem Vorwort von Ingeborg Arlt

Dorothea Kleine bewies in Leben und Werk – und beweist auch in diesem, ihrem letzten Werk, das über ihr Leben berichtet -, dass der Platz eines anständigen Menschen zwischen allen Stühlen ist, auf der Seite der Wahrheit, nicht auf jener der fertigen Bilder.
Zum Bild, das sich mancher nach der Vereinigung Deutschlands von ostdeutschen Schriftstellern machte, passte sie selbst nicht; sonst stünde sie jetzt schon in jenen Lexika, in denen sie eines Tages stehen wird. Sie wird darin stehen. Auch dieses Buch, ihre Erinnerungen enthaltend, aufrichtig, unbestechlich, gerecht, aber ohne Rachegelüste, beweist es.

Preis: 12,90 € *

 

Leseprobe

DAS LEBENEIN GESCHENK


Die Müdigkeit, die “Herbstzeit”, erlaubte es Dorothea Kleine nicht, dieses Buch zu beenden. Ihre Gesundheit war schwach, jedoch verfügte sie über eine innere Stärke, einen buchstäblich eisernen Willen.
Auf ihrem Schreibtisch fand ich beim Durchsehen einiger Papiere ein Gedicht von Johannes R. Becher mit dem Titel “Müde”.
Sie hatte das Gedicht ausgeschnitten und so platziert, dass sie es beim Schreiben vor Augen hatte. Es zeigt wohl einen anderen, einen schwachen Moment. Ich hätte sie gern gefragt, ob diese Zeilen sie bewogen haben, ihre Erinnerungen zunächst “Herbstgedanken” zu nennen:
Müde
Müde bin ich alles dessen,
All der Pein, jahraus, jahrein,
Und ich will nichts als vergessen
Und will selbst vergessen sein.

O wie müd bin ich des allen,
All der jahrelangen Pein,
Herbstzeit ist. Die Blätter fallen.
Und wir gehen ins Dunkel ein.
Aus “Hundert Gedichte” (1948)

Viele Gerichtsberichte schrieb Dorothea Kleine. Sie finden sich in einer großen Anzahl in Ordnern und Mappen, die ihre Veröffentlichungen enthalten – die nun plötzlich die Bezeichnung “Nachlass” tragen.
Ihr letzter Satz, sie schrieb ihn am Vortag ihres Todes, heißt: “Hochzufrieden verließ er den Gerichtssaal.” Der Mann, um den es in dieser Verhandlung ging, und seine Tat wurden von der Autorin auf dessen Motive und Beweggründe untersucht. Der Mensch dahinter, die gesellschaftliche Dimension der Tat, das war es immer, was sie interessierte, was es zu ergründen und zu bewerten gab. Das Warum. Dabei blieb ihr Blick unbestechlich. Mit Oberflächlichkeiten und Klischees gab sie sich nie zufrieden.
Ihre unvollendeten Erinnerungen lassen einerseits ein klares menschliches Bekenntnis für eine gerechtere Welt erkennen (sie lassen mich, die ich nicht dabei war, die Emotionen der Aufbruchstimmung in den 50er Jahren erahnen), zeigen aber auch zunehmend Zweifel an der politischen Umsetzung des Systems in der DDR. Auch reflektieren ihre Romane, dass sie unsicher wurde. Ihre kritische Sicht auf Ungerechtigkeiten in unserem Land und auf das Schicksal Benachteiligter war jedoch nie unsicher. Sie ging mutig und unbeugsam einen absolut gradlinigen Weg in undurchsichtigen Zeiten.
Nicht alle Erlebnisse und Erfahrungen konnte Dorothea Kleine wie geplant in ihren Erinnerungen verarbeiten: eine große Anzahl weiterer Romane – immerhin waren es insgesamt 20 Bücher und Erzählungen – der Kampf gegen neue und alte Krankheiten, schöne Erlebnisse mit Freunden und der Familie …
“Ich möchte über dich schreiben”, sagte sie vor einigen Wochen zu mir. “Wenn es so weit ist, musst du das lesen …, mir ist das wichtig. Hörst du.”
Viele ihrer Manuskripte habe ich in den Arbeitsphasen gelesen. Seit ich denken kann. Das war Vergnügen, Privileg und Verantwortung. Dieses Mal kam es nicht mehr dazu.
Ich weiß, dass sie ihre zweite Amerika-Reise erwähnen wollte. Nach New York mit dem Schiff, Flug zurück. Es war im August 2008 …
Der Arzt hatte ihr wegen der kranken Hüfte Bewegung verordnet. So kaufte sie sich einen Schrittzähler, ließ ihn im Sportgeschäft auf ihre Schrittgröße einstellen und – wie sie es selbst formulierte – “marschierte” täglich die vorgeschriebene Anzahl von Schritten. Dabei kam sie am Schaufenster eines Reisebüros vorüber und erblickte die Werbung: New York mit der Queen Mary II und Flug zurück. Sie war wie elektrisiert und nahm sich vor, am Folgetag zu den Öffnungszeiten des Reisebüros zurück zu kommen.
Sie machte die Reise. Ich begleitete sie. Vom gesundheitlichen Standpunkt war es ein unmögliches Unterfangen. Die Fluggesellschaft wollte sie nicht befördern, ein separates Sauerstoffgerät sollte an Bord genommen werden, verschiedene Ärzte waren dagegen. Schließlich – nach zusätzlichen Untersuchungen und Tests – gestattete der Ärztedienst der Lufthansa die Beförderung.
Ich erinnere mich an ihre Freude, ihr Staunen, ihre spontanen Einfälle, ihre Neugier auf alles. Daran, dass sie beständig Material sammelte für ihre Erinnerungen und daran, wie sie sich erholte und wie gut es ihr ging. Sie war glücklich, genoss jeden Tag, fürchtete sich etwas vor New Yorks Lautstärke und Geschwindigkeit, fühlte sich gut. Ich staunte über ihre gesundheitliche Verfassung. Auf dem Rückflug, vor dem alle so Bange hatten, tranken wir Sekt.
An eine Episode, die sie mir am Telefon erzählte, erinnere ich mich jetzt. Sie holte Medikamente aus der Apotheke und die Dame am Tresen bot ihr die “Apotheken-Umschau” an. “Hier können Sie Interessantes und Wissenswertes über diverse Krankheiten und Beschwerden nachlesen”, sagte sie. Darauf antworte meine Tante freundlich im Gehen: “Vielen Dank, aber ich habe schon alle Krankheiten.”
Vielen Menschen war sie innig verbunden. Dieses Buch widmet sie Dr. Hermann Schaedel und seiner Frau Erika. Sie verband eine lange, intensive Freundschaft miteinander. Sie lagen bei vielen Themen auf der gleichen Wellenlänge und tauschten sich über Literatur und gesellschaftliche Zustände aus. Familie Schaedel hatte einen besonderen Platz in ihrem Herzen. Dr. Schaedel nannte sie “ein medizinisches Wunder” und wünschte ihr die Kraft, ihre Lebensreflexionen vollenden zu können. “… eher darfst du nicht abtreten!”, schrieb er ihr. Auch sein Wünschen hat hierbei nicht geholfen.
Ihre letzten Monate verbrachte sie mit der unermüdlichen Arbeit an ihren Erinnerungen. Ich wagte es nie, sie vormittags anzurufen. Vormittags arbeitete sie immer. Auch sonntags. Jede Unterbrechung war eine Störung und ein Ärgernis, jeder Arzttermin, jedes Telefongespräch. Selbst an den Weihnachtstagen arbeitete sie. Sie musste wohl gespürt haben, dass die Zeit knapp wird.
Zum Jahreswechsel reiste sie mit Freunden an die Ostsee. Das genoss sie, beklagte allerdings auch die nicht am Schreibtisch verbrachte Zeit. Jeden Morgen saß sie pünktlich vor dem Computer. So lange ich denken kann, arbeitete sie mit einem Höchstmaß an Disziplin. Ihre Arbeit war das Lebenselixier, das Nahrungsmittel der Tage, das Zentrum der Gedanken und der Inhalt vieler unserer Telefongespräche. Es ging ihr nie um Prestige oder Ruhm. Das Schreiben machte ihr Leben aus, ganz einfach, bis zum letzten Tag – wenige Wochen vor dem 82. Geburtstag. Ihre Freundschaften pflegte sie auch. Freunde aus alten Tagen, neue Bekannte, liebevolle Nachbarn, ihre Familie, waren bedeutsame Bestandteile ihres Lebens – besonders seit dem Tod ihres Mannes. Sie wurde sehr geliebt. Ob sie gewusst hat, wie sehr?
Eine mutige und aufrechte Frau, eine erfolgreiche Autorin, eine geliebte Frau und Freundin, eine geachtete Person in der Öffentlichkeit.
Zu ihrer Buchpremiere in Cottbus im Jahr 2009 kamen an einem stürmischen Tag über einhundert Besucher, applaudierten, als sie den Raum betrat. Sie war eine bekannte Person in ihrer Stadt, eine Berühmtheit, ein VIP – wiederum auf ihre sanfte Art. Sie machte darum nie Worte, aber es muss sie auch gefreut haben, diese bescheidene Person.
Einiges hat sie im Laufe ihres Lebens einstecken müssen. Es hat sie nicht beschädigt. “Herbstgedanken” war ein Arbeitstitel dieses Buches, “Das Leben ein Geschenk” ein anderer. Das Geschenk wird nun zurück gefordert. Sie ging am 9. Januar 2010, wie es ihre Art war, ohne Aufhebens, ganz leise, friedlich … und hat eine Lücke in unser Leben gerissen, die sich nicht in Worte fassen lässt. “Geh nicht so fügsam in die dunkle Nacht” stammt aus einem Gedicht von Dylan Thomas, in dem er sich gegen das Älterwerden und Sterben auflehnt. Dorothea Kleine hatte auch diese Zeilen notiert. Sie ist nun gegangen, aber fügsam ging sie nicht.
Und ich weiß auch nicht, wie es ohne sie weitergehen soll. Sie fehlt so sehr. Mein ganzes Leben hat sie über mich gewacht, an mich geglaubt, mich ernst genommen und mich unterstützt. Mir fehlt ihre Gesellschaft, ihr Humor, ihre Güte, ihr Kämpfergeist, ihre Nachsicht, ihr umfassendes Wissen, ihr politisches Bewusstsein, ihr Gerechtigkeitssinn, ihr Lachen, ihre Begabung …
Ich danke für das Privileg, sie so gut gekannt zu haben und dass ich ihr so lange so nah sein durfte. Und für uns alle, die wir sie kannten und liebten oder ihre Bücher mit Gewinn lasen und lesen werden, wird sie weiter unter uns sein. Wir behüten unsere Gedanken und Erinnerungen an Dorothea Kleine und ihr Wesen bleibt uns gegenwärtig und in unseren Herzen.
Dorothea Kleines Bilanz ist außerordentlich und kann sich sehen lassen. Anders als der Mann im Gerichtsbericht am Ende ihrer Erinnerungen hat sie wirklich allen Grund, hochzufrieden das irdische Geschehen zu verlassen. Es ist ein Trost zu wissen, dass Bücher nicht sterben. Sie bleiben uns. Über den Tod von Dorothea Kleine hinaus.

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