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Draußen am See
Volker Keßling
Eine Liebesgeschichte zweier sehr ungleicher Menschen, die sich unter verschiedenen Umständen immer wieder begegnen und doch nicht zueinander finden.
Frank, an einen Rollstuhl gefesselt, und Bi erleiden in ihrer Beziehung immer wieder Trennungen durch Vorurteile der Umgebung, die sich gründen in oberflächlichen Vorstellungen und Erwartungen. Erschwerend wirken verwirrende gesellschaftliche Umbrüche.
Die unerfüllbare und sexuell-unschuldige Beziehung endet mit der kriminell-gewaltsamen Verletzung des Helden, der im Koma körperliche Leichtigkeit und die Nähe zu Bi findet.
Der Text ist bei aller Rigorosität des Schlusses in unterhaltendem flüssigen Ton geschreiben, sicher auch für Jugendliche geeignet, aber keineswegs nur für Jugendliche.
Ein wenig Humor und eine Lakonie in der Betrachtung zeichnet die Erzählung aus.
Preis: 9,00 € *
Leseprobe
Tag für Tag blieb der Himmel makellos blau. Sie spazierten allein oder mit anderen Rollstuhlpärchen im Park und im angrenzenden Wald, soweit die Wege das zuließen. Bei Kinoabenden saßen sie nebeneinander, am Feuer verbrannten oder rösteten sie gemeinsam Knüppelkuchen, bugsierten meterhohe Plastikschachfiguren über Schachfelder. Manche Stunde verbrachten sie an schattigen Plätzchen, wo sie in Büchern und Magazinen blätterten.
Zum nahen Strand fuhren sie, eine Herausforderung, denn es war eine ebenso elegante wie hohe Brücke zu überwinden, um zum See zu gelangen. Zuerst versuchten sie es, mit dem Rollstuhl über den Buckel zu rollen, was misslang. Dann stieg Ef aus und hangelte sich am Brückengeländer über die Höhe, während Bi mit dem Rollstuhl auf der einen Seite hinaufzerrte und angebremst auf der anderen Seite hinunter.
Am Strand räkelte sich Ef im Sand. Bi, in knappem Bikinihöschen und mit einem T-Shirt bekleidet, rannte ins Wasser. Ef wartete am Ufer, dass sie wieder herauskäme, denn er sah Bi gern mit nassem T-Shirt. Das nasse T-Shirt klebte ihr am Leib und zeichnete die runden Brüste, die festen Knospen. Mit dem Bild blühte eine Erinnerung auf an seine Physiotherapeutinnen seinerzeit im Internat, deren Berührungen, eingehüllt in verführerische Gerüche, er genoss.
Waren nur wenige Menschen am Strand, robbte Ef umständlich und eher ähnlich einer Krabbe bis ans Wasser, wo er sich langsam ein Stück hineingleiten ließ. Er spürte die Leichtigkeit der verkrampften Glieder und erlebte, allen, die sich im Wasser wie Kinder tummelten, zu gleichen. Nur zehn Meter entfernt schwamm Bi. Dort sank der Grund schnell ab. Ef stellte sich vor, auf den Grund des Wassers zu gleiten, in die grünliche Dämmerwelt des Wodnik.
“Hast du Wodnik gesehen?”, fragte Ef, als seine Bi wieder ans Ufer kam.
“Wen?”
“Wodnik! Hast ‘ne Wasserpflanze auf ‘m Hemd, is’ von Wodnik, dem Nix, der auf Mädch’n steht. Mit grüne Haare, Algen un’ Schlingpflanzen auf ‘m Kopp, ‘nen slawischer Wassergeist!”
“Oh! Der ist hier im See!”, rief Bi mit gespieltem Schreck und sprang zum Ufer.
“Is’ überall im Nord’n un’ Osten in Wasser.”
“Was macht der mit den Mädchen, na?”
“Weiß nich’.”
“Ich denke, der wird sie herzen und küssen, weißt. Ach der liebe Wodnik! Oder meinst du, der zieht sie hinab in die Finsternis, in die glitschige Tiefe des Meeres? Hu, hu!”, rief Bi, wendete sich vom Wasser ab und kullerte sich lachend im warmen Sand.
“Fahr’n wir nach ‘m Essen wieder her?”, fragte Ef.
“Ist das schon so weit? Man, wieder über die Brücke und zurück”, maulte Bi. “Kannst du nicht einen Kellner bestellen, er solle am Strand servieren, bitteschön.”
“Tja, da wär Kupola, auch slawisch Geist. Der macht sowas. Aber hört nich auf mich”, erklärte Ef.
“Oh schade!”
Sie quälten sich zurück zu ihrer Zeltstadt, in der sie, nicht weit entfernt von der tatsächlichen aus Stein errichteten Stadt, schnell ihr eigenes Leben lernten. Sonne, die Verse Ovids, kleine Blödeleien und eine ebenso unbekannte wie unbeschreibliche Erwartung, das war ihre Sommerwelt. Die Stadt mit ihren betonierten Unmöglichkeiten, mit Treppen, Stufen und behindernden Gewohnheiten hatten sie vergessen. Wenn sie die elegant geschwungene Brücke überwanden, waren sie frei und leicht wie es die Vögel in der Luft sind oder die Fische im Wasser. Sie lebten ohne Gedanken daran, dass auch in ihre Blütenstunde der Wurm ein Ende bohrt.
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