Mecklenburgische Rätsel, Richard Wossidlo
ISBN 3-935171-99-4

Wegen der wachsenden Lust auf Plattdeutsch, schien es uns an der Zeit, dem interessierten Laien nach der Gillhoffschen Rätselsammlung nun auch die Rätsel von Richard Wossidlo wieder zugänglich zu machen.

Leseprobe:
Wat machst leewer:
scharpen schät oder 'n stück von 'n noors?
(Ei - schinken)

König Fritz kümmt eens bi 'n pasterhuus vörbi, dor steit anschräben: Ich lebe ohne sorgen. Dor gifft he em dree upgaben; he sall em seggen:
Wo hooch de himmel, wo deep dat meer, wat he, de könig, denkt.
De kutscher treckt sik den paster sien tüüch an un geit rin na 'n könig:
De himmel is 'ne dachreis', dor mööt man in een tour hen, krög' sünd dor nich, ankihrt kann nich warden unnerwägs;
dat meer is eenen steenwurf deep, de steen söcht de grund;
Se denken, ik bün de paster un ik bün doch man sien kutscher.
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Der gelbe Hai, Wolfgang Schreyer
ISBN 3-935171-76-5

1969 erschienen; eins der Bücher Wolfgang Schreyers, mit denen er das Lateinamerika-Bild in der DDR maßgeblich geprägt hat.

Leseprobe:
Abends kam Sprühregen auf, die beleuchteten Palmen vor dem Hotel "Commodore" tropften im Wind. Irgendwo auf dem Weg durch die Stadt hatte sich ein Schatten an mich gehängt. Ich spürte ihn zum ersten Mal beim Überqueren der Patton Avenue, fünfzig Schritte vor meinem Stammlokal. Nicht, daß ich ihn gesehen hätte; die City war viel zu belebt. Wer immer es sein mochte, er schwamm im großen Strom hinter mir her. Als ich die Stufen zum "El Chico" hinabstieg, glaubte ich es wieder zu fühlen … Aber warum? Ich tat ja nichts, hatte nichts in Aussicht - seit einem Dreivierteljahr lungerte ich in Miami herum. Sie hatten uns auf Eis gelegt, das war mein Kummer, darüber wollte ich nachher mit Lopez sprechen. Also warum?
Ich grübelte noch vor der Theke, wo man für neunzig Cents ein Sandwich mit Schinken und Käse, Muschelsuppe und Kaffee bekommt, meistens auch ein Doughnut. Die Warteschlangen sind entsprechend lang. Der Raum war wie immer laut und voll - ein Treffpunkt meiner Landsleute. Anscheinend redete alles von dem Mord an Kennedy. Aus dem Attentat von Dallas wurde allmählich ein amerikanischer Alptraum. Eben sagte der Fernsehsprecher, Johnson habe durch Verfügung Nr. 11 130 sieben prominente Bürger unter dem Vorsitz des Obersten Richters Warren beauftragt, Hergang und Hintergrund des Anschlags zu klären. Ich nickte Bekannten zu und beobachtete die Schwingtür. Doch es erschien kein fremdes Gesicht.
Eine Zeitlang hörte ich auf, mir Sorgen zu machen, blieb aber auf der Hut. Die allgemeine Nervosität hatte mich angesteckt.
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Das Kurhaus, Wolfgang Schreyer
ISBN 3-88954-014-X

Das Ahrenshooper Kurhaus, Baujahr 1970, war einst begehrtes Urlaubsziel. Seit neun Jahren verfällt es zur gespenstischen Ruine. Die will der Eigner durch ein Grand Hotel ersetzen, wie es das Dorf noch niemals kannte. Wird es jetzt zum Modebad, zum Sylt des Ostens werden? Wolfgang Schreyer, seit langem hier ansässig, blickt zurück auf die Künstlerkolonie, auf das alte Kurhaus, seine Gäste und deren skurrile Geschichten. Der heutige Streit, genau erzählt, füllt diesen packenden Bericht mit Zeitgeist: Wie meistert man das Leben und findet auch sein Glück? Eine besinnlich-amüsante Story mit noch immer offenem Schluß.

Leseprobe:
Ja, wie nun beginnen? Es gab zwei Wege: Die Geschichte der Hotels auf dem Schifferberg von den Anfängen her zu erzählen - oder der Sprung in den heutigen Streit. Das war spannend, es lockte viel mehr; ein Drama mit offenem Schluß. In langen Momenten ließ ich mich so treiben, überschwemmt von Emotionen, dem antikapitalistischen Reflex. Der Investor als heimlicher Schurke des Stücks, in Goldgräberlaune von Gier erfaßt dabei, dem Ort ein Monstrum zu verpassen. Selber längst schwerreich, ließ er sich seinen Coup aus dem Steuertopf fördern. Die Welt in der Nußschale dieses Dorfs, ein Polit-Thriller en miniature, Sittenbild aus dem Wirtschaftsleben. Da ging es bekanntlich schlimm zu, es wurde gebolzt, verschleiert und gelogen; wer wußte das nicht seit den großen Finanzskandalen von der Wallstreet bis ins Berlin unserer Tage. Weltweit tätige Firmen boten ein Bild von Verrottung, schamlos sahnten Chefmanager ab, zu Lasten ihrer Angestellten wie auch der Aktionäre. Das System war makaber, es erlaubte Betrug und Diebstahl in größtem Stil. Aber all diese Raubzüge wirkten fast legal und seltsam unpersönlich, weil sie derart komplex waren, verzwickt, beinah unverständlich - und so weit entfernt schienen von normaler menschlicher Kriminalität. Vorm Aufstehen pflegte ich komplett zu vergessen, daß nicht nur das Dorf, sondern auch ich selber am Scheideweg stand.
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Taube aus Papier, Armin Müller
ISBN 3-88954-027-1

Nach dem Tod der Schauspielstudentin Sabine S. spürt ein junger Dramatiker, der sie aus gemeinsamer Arbeit kannte, ihrem Leben nach. Wie ein Mosaik entsteht das Bild eines Mädchens, das, in althergebrachten Wertvorstellungen erzogen, diese Werte in ihrem eigenen Leben aber nicht verwirklichen kann. Sie paßt sich an. Heimlich schreibt sie Gedichte und läßt Papiertauben über Dächer gleiten. Als sich für sie und ihren Freund nach dem Studium eine gemeinsame berufliche Chance bietet, erwartet sie ein Kind. Ihr Partner reagiert wütend und enttäuscht, weil sie sich für das Kind entscheidet.

Leseprobe:
Sobald der Tod im Spiel ist, geht das nicht. Stötzer bringt das fertig, der vielleicht. Ich nicht. Die Hochschule lag nicht weit vom Hotel entfernt. Dort erfuhr ich die Adresse von Sabines Eltern. Sie seien verständigt, wurde mir versichert; ein Wagen der Schule würde sie herholen, sobald die Obduktion beendet und die Leiche freigegeben sei. Freigegeben. Wie kann man eine Leiche freigeben, dachte ich. Ich lebte in einer seltsamen Welt. Die Sprache, Ausdruck der Gedanken, der Empfindungen, schrumpfte zusammen, verkümmerte. Verkümmerten auch die Gedanken, die Empfindungen? Überall hingen die Plakate, der Kartenvorverkauf hatte begonnen. Wie, so fragte ich mich, würde das Ausfallen der Uraufführung begründet werden? Die Stadt, in der Sabine aufgewachsen war, kannte ich von meinem letzten Urlaub, ein Marktflecken, verwinkelt, im Sommer überschwemmt von Touristen; auf der Fahrt stellte ich mir verschiedene Formulierungen vor: Aus technischen Gründen oder Auf unbestimmte Zeit verschoben. Wir sagen nicht, daß jemand ermordet wird. Wir sagen auch nicht, daß jemand aus dem vierten Stock eines baufälligen Hauses stürzt. Schon gar nicht, daß jemand sich das Leben nimmt. Da war es wieder, das Gefühl, daß etwas nicht stimmte an der Art, wie wir miteinander umgingen.
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Wismar - Stadt und Hafen, Max Wiegandt
ISBN 3-88954-030-1

... "Ich möchte mit dem Leser wieder einmal einen Spaziergang durch meine Wahlheimat machen, wie ich es oft mit Fremden, Mecklenburgern, Gästen aus den Nachbarstaaten, auch Ausländern, durfte, möchte zeigen, wie viel Schönes und Interessantes trotz der Verwüstungen des letzten Krieges erhalten geblieben ist." ...

Leseprobe:
Es ist gut und notwendig, sich heute zu vergegenwärtigen, welche Entwicklung der wismarsche Hafen in seiner langen Geschichte genommen hat. Bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts bestand er nur aus dem Alten Hafen, in den der Wallensteingraben mündet. Ein Schlagbaum, nach dem noch heute das "Baumhaus" (Lotsenhaus) heißt, schloß, wie z. B. in Hamburg, nachts den Hafen. Aber was für ein Leben muß im Mittelalter im Alten Hafen gewesen sein! Eingeführt wurden, um nur einige Beispiele zu nennen, Heringe von Schonen und Drakör, Stockfische von Bergen, Tuche von Brügge, Wolle aus London, Felle von Nowgorod, Holz, Steine, Kalk aus Gotland, Salz von der Bai, das heißt der französischen Küste südlich der Loire, auch aus Spanien. Ausgeführt wurden Getreide, Hopfen, Lüneburger Salz, Tuch- und Wollwaren und Bier! Das wismarsche Bier war weltberühmt. Nach Holland, nach Bergen, Dänemark, Schweden, Riga wurde es verschifft, sogar nach England und Portugal, und als in Danzig einst 1378 die Einfuhr des wismarschen Bieres, "Starkbier, wie man es dem Kriegsvolk nicht gerne zu trinken gab", als einer lästigen Konkurrenz verboten wurde, kam es dort sogar zu Revolten. Zufällig besitzt das Ratsarchiv eine Statistik aus dem Jahr 1465. Nicht weniger als 182 Bürger nutzten damals ihr Recht aus, in ihrem Hause zu brauen, in jenem Jahr zusammen rund 40.000 Tonnen! Mit dem Aufkommen des spanischen, portugiesischen, holländischen, später auch des englischen Seehandels zu Beginn der Neuzeit ging der Handel Wismars, wie der ganzen Hanse, zurück. Den Todesstoß versetzte ihm - neben zahlreichen anderen Gründen - der Dreißigjährige Krieg. Wirtschaftssachverständige hatten dem König Gustav Adolf geraten, sich Kolonien nicht, wie andere Staaten Europas, in weiter Ferne und in Übersee zu suchen. Er hätte die beste Möglichkeit unmittelbar vor seiner Tür: die deutsche Ostsee- und Nordseeküste! Ein Gedanke, der überdies der gesamten schwedischen Ostseepolitik jener Jahrzehnte entsprach. So kam, zugleich mit großen Teilen Nordwest- und Norddeutschlands, auch Wismar 1648 an Schweden. Als dieses später seine Kriegseroberungen nicht mehr halten konnte, waren auch Wismars Hoffnungen auf baldiges Wiederaufleben seiner Wirtschaft dahin.
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Ein Jahr geht schnell vorüber. Chronik 2002,
Eberhard Schiel

ISBN 3-88954-020-4

Da besichtigt einer mit Leidenschaft ein Jahr, ein ganz normales, das eben vergangene. Ob die Zufallsbegegnung auf der Straße, das Fußballspiel von Rot-Weiß Groß-Kordshagen, die Treffen mit den Großen dieser und vergangener Zeit - durch fast 20 Zeitungen/Zeitschriften, Reisen, Archivstudien und eine umfangreiche Korrespondenz vermittelt, - alles ist wichtig, alles ist das Leben. Da wirbeln die Sprachen und Begriffe, die Länder, die Kontinente durcheinander; zwecklos der Versuch - das zu bändigen. Ein ganz normales Jahr? Es könnte "Das schlimme Jahr" dieses Jahrhunderts werden - auch das zeigt sich bei der Besichtigung.

Leseprobe:
Heute erfahre ich das ganze Ausmaß des Todes-Sturms. In Berlin und Brandenburg sind acht Opfer zu beklagen, darunter zwei Jugendliche im Alter von 14 bzw. 16 Jahren, die auf dem Campingplatz Schwanenwerder bei Potsdam von dem verheerenden Sturm überrascht wurden. In Berlin-Wannsee erreichten die Orkanböen laut Presseberichten zeitweilig Spitzengeschwindigkeiten von 152 Kilometern pro Stunde. Insgesamt wurden allein in Berlin 1.400 Bäume entwurzelt. Beim NDR sprachen einige Zeugen der Naturkatastrophe. Sie benutzen bei der Schilderung ihrer persönlichen Erlebnisse Begriffe wie "Sintflut" und "Weltuntergang". In Minutenschnelle hätte sich am Firmament eine höllenschwarze Wand gebildet, der dann orkanartige Winde und starke Regengüsse gefolgt seien. Metereologen schließen nunmehr den Beginn des Rachefeldzuges der Natur gegen die Umweltsünden der mächtigsten Industriestaaten nicht mehr aus. Überall bei uns in der Stadt konnte man an diesem Tag die Auswirkungen des Orkans spüren. Kräftige Bäume samt meterdicken Wurzeln lagen umgestürzt am Boden. Ein starker Ast vor unserem Haus stürzte auf den Balkon eines Mieters der Parterre-Wohnung. Bei der Physiotherapie gab es auch nur dieses eine Thema.
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Im Mantel von Allerleirauh, Elisabeth Schulz-Semrau
ISBN 3-88954-017-4

Eine Auswahl früher und später Gedichte

Leseprobe:
Der Menschen Glück

Unlängst
verriet jemand
über den Äther
ein Wissenschaftler
wobei sein Lachen
computerhaft kollerte:
Ab 2040 beginnt
die vollkommene Zukunft
Eine Welt aus Computern -
der Wald aus Computern
das Meer aus Computern
die Berge aus Computern
und all' unsere Mühen
lösen Computer …

Oh Gott dachte ich
Und wo verstecken sie
die richtige Welt?
Und Dich
lieber Gott
klonen sie Dich vielleicht
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FallbeilSpiele, Marion Pelny
ISBN 3-88954-029-8

Gedichte - mit Bildern von Pia Zschuckelt

Leseprobe:
Jetzt, da du endlich
gekommen bist,

bitte, berühr mich
nicht.

Setz dich hin, ja -
auf den anderen Sessel.

Trink aus der anderen
Tasse den Tee.

Jetzt, da du endlich
gekommen bist, vergiß
die Ewigkeit seit damals
nicht.
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Solo für Martina, Ruth Kraft
ISBN 3-88954-016-6

"Ich studiere Wirtschaftswissenschaften", sagt Martina und pfeift sich eins auf ihrer alten Flöte, die sie lässig zum Faschingskostüm trägt. Auf dem Maskenfest beginnt eine Romanze, die im vogtländischen Musikwinkel spielt, da, wo selbst spröde Ökonomie und exakte Zahlen etwas Klingendes, Romantisches und Gemütliches haben. Hier musiziert die Geschichte mit, es tönt aus jedem zweiten Haus, hier trifft sich die Prominenz der Konzertpodien in der engen Stube der alten Geigenbauer. Und hier macht Martina ihr Praktikum, blickt sich um, fragt, schaut den Meistern über die Schulter und den Ökonomen in die Papiere. Im Musikinstrumenten-Mu-seum entdeckt sie Schätze aus aller Welt. Es ist ein Semester nach Noten. Ruth Kraft hat diesen Roman nach intensiven Studien und vielen Begegnungen in Markneukirchen, Klingenthal und Schöneck geschrieben. Sie hat sich anrühren lassen von der lebendigen Vergangenheit und Gegenwart eines klingenden Handwerks.

Leseprobe:
Ich vermute, dieses versuchte Porträt trug mit dazu bei, daß Marta sich unmittelbar darauf dem dritten Eckpfeiler des Musikwinkels zuwandte. Sie zog um in die Geigenmacherstadt. "Alle Wegweiser scheinen auf Markneukirchen gerichtet", erklärte sie kurz und bündig. Und Peter gegenüber, dem sie erst dann Bescheid gab, als sie dort war, fügte sie hinzu: "Ich muß mehr ins Zentrum. Musima, Sinfonia, Migma, dauernd ist davon die Rede. Ich will das selber sehen. Es ist da noch ein anderer Klang zwischen als in Klingenthal-Schöneck. Außerdem - das Museum!" Im Museum hatte es überhaupt angefangen. Die Fahrt mit den Harmonikawerkern verhalf ihr zu dem, was sie später ihr Markneukirchner Grunderlebnis nennt. Beim Einlaß fragte sie die freundliche Frau an der Kasse, ob sie nicht ein Zimmer wüßte, so für ein, zwei Wochen. Bereits nach dem Rundgang bekam Marta die Zusage. Frau Spiekers Tochter, die im Leipziger Grassimuseum als Restaurator für Musikinstrumente arbeitete, kam an den nächsten Wochenenden nicht nach Hause. Das Zimmer konnte Marta haben. Frau Spieker war Lehrerswitwe und längst Rentnerin. Sie brauchte den täglichen Umgang mit Menschen, und so tat sie unverdrossen Dienst an der Kasse, verkaufte Ansichtskarten, Diapositive mit Darstellungen aus der Sammlung und machte auch manchmal Führungen. Für den Kulturboten des Musikwinkels schrieb sie ab und an einen Artikel. Der Umzug hätte sich allein wegen des Spiekerschen Hauses gelohnt, schwärmte Martina beim Telefonieren mit Peter. Die Biedermeiermöbel, die vielen Bildbände, vor allem der Blick aus dem Küchenfenster über die Höfe hinweg - sie könne den Geigen- und Flötenmachern direkt in die Werkstätten gucken. Scheinbar beiläufig hat sie hinzugesetzt: "Um Markneukirchen kommt man nicht herum, unser Pole Poppenspäler hat recht." Peter ist flugs in den Nachmittagsbus gestiegen, um sich noch vor Schließung des Museums mit Marta zu treffen. Sie erwartete ihn im Café Mönnig, bei Kaffee und Windbeutel. Er trieb zur Eile. Wie konnte er ahnen, daß sie bereits das Vorrecht genoß, eine halbe Stunde vor Toresschluß noch Einlaß zu bekommen. Ihre Gelassenheit verstimmte ihn. Marta ahnte den Grund: Er wollte überall ihr Wegbereiter sein.
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Ali und die Bande vom Lauseplatz, Karl Mundstock
ISBN 3-935171-73-0

Die spannend erzählten Geschichten geben aber auch den Gleichaltrigen der heutigen Zeit, wenn sie die Toleranz haben, Verse des Büxensteinliedes zu akzeptieren, Anregungen für das, was zwischen Schule, ABM und Disco sein kann. Selbstverwirklichung heißt das wohl, und skurile Typen findet man auch heute die Menge.

Leseprobe:
Der Nachsommer des Jahres 1923 war ungewöhnlich warm. Die Kiefholzstraße, die den Südosten Berlins mit der Vorstadt Baumschulenweg verbindet, schlummerte im satten Licht der Nachmittagssonne. Die vereinzelten Mietshäuser vor dem schwarzen Loch der Bahnunterführung schienen von allem Leben verlassen. Die Kronen der alten Kastanien zeichneten durchbrochene Schattenmuster auf das blendende Pflaster. Das dunkle Laub glühte. Kein Windhauch beunruhigte die Stille. Nichts regte sich.
Da flitzte ein barfüßiger Bengel die Bordschwelle entlang zur Elsenstraße. Er sprang vor der jäh bremsenden Straßenbahn über den Fahrdamm, streckte dem schimpfenden Wagenführer im Laufen die Zunge heraus, schlängelte sich flink durch eine Frauenmenge, die nach Kohlen anstand, und sauste durch die Plesserstraße zur Graetzstraße auf das schwarze Glasschild zu, dessen weiße Buchstaben verkündeten: 55
LEMKES SEL. WWE. Bonbons, Schokolade, Pralinen
"Geschafft!" Mit einem Satz über drei Stufen hinweg landete er in dem schummrigen Laden und sprach laut: "Für eine Milliarde Maiblätter."
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Der Magdalenenbaum, Armin Müller
ISBN 3-89954-003-4

Schwester Magda, unscheinbar, klein fast. Sie streckt sich, daß ihr das Kreuz wehtut. So klein, denkt sie, bin ich doch nicht.

Leseprobe:
Der Artikel, so berichtet Pfützner, war schon gesetzt, die Klischees lagen auf dem Tisch, als es hieß: Kommando zurück. Ramboll war in eine dumme Geschichte geraten. Pfützner lacht. Irgendwas an seinem Lachen stört Magda. Er gießt sich ein. Du mußt wissen, sagt er, Ramboll war ein ziemlich geachteter Mann, ein Maler vor dem Höhepunkt seiner Karriere, als er durchdrehte. Durchdrehte, sagt Pfützner. Magda hört es genau: durchdrehte.
Er erzählt, was passiert ist: Polizisten bemerkten eines Nachts, wie im Mondlicht ein Mann mit einer Leiter sich an einem Wandgemälde zu schaffen machte, das vor einiger Zeit im Auftrag der Stadtverwaltung an der Seitenfront des Justizgebäudes entstanden war, ein Gruppenbild: Menschen verschiedener Berufe in offensichtlicher Eintracht. Der Mann, den die Polizisten daraufhin von der Leiter holten, wies sich als der Maler des Bildes aus: Karl Ernst Ramboll. Mit einer Spritze für Insektenvertilgungsmittel hatte er eine schwarze Flüssigkeit gegen sein Werk gesprüht. Eine sofort vorgenommene Alkoholprobe ergab, daß er bei vollem Bewußtsein gehandelt hatte. Ein Fall also für den Psychiater. Als Magda dies hört, sieht sie Ramboll vor Männern in weißen Kitteln sitzen, Ramboll verteidigt sich. Für das zerstörte Bild werde er tausend kleine malen, schwört er. Seine Augen sind fiebrig, die Haare hängen ihm in die Stirn. Er konnte das Bild nicht mehr sehen, sagt Pfützner, die Leute redeten darüber, nannten es wegen der vorherrschenden Gelbtöne Eierkuchen. Pfützner lacht. Sein Lachen verletzt Magda. Das weitere kann man sich vorstellen, meint er. Ramboll: ein Maler, der seine Bilder nicht sehen will. Und seine Frau: Direktorin einer Schule.
Magda bringt kein Wort raus. Sie weiß nun, was den Maler nach Großräschnitz getrieben hat und warum er den Leuten aus dem Wege geht; sie weiß auch, daß sie immer darauf aus war, hinter sein Geheimnis zu kommen, doch nun, da sie Gewißheit hat, wünscht sie sich die Zeit zurück, da die Geschichte um Ramboll im Dunkeln lag, da Raum blieb, sich Gründe für seine Flucht auszumalen. Einen Moment lang sieht sie Ramboll im Dämmerlicht der Kirche, unter der Empore, Schritte von den anderen entfernt. Sie wird sich nichts anmerken lassen, nimmt sie sich vor, sie wird so tun, als habe ihr niemand erzählt, was geschehen ist. Noch während sie das denkt, kommt ihr das wie ein Betrug vor.
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Poem Neunundfünfzig und der zerbrochene Regenbogen, Armin Müller
ISBN 3-89954-006-9

Der Band verbindet das frühe Dichterwort mit den späten Gemälden des sprachlos Gewordenen.

Leseprobe:
Vorwort zu dieser Auflage

Als ich von der Absicht erfuhr, das Poem Neunundfünfzig noch einmal zu drucken, glaubte ich zunächst an ein Missverständnis. Schließlich war das kleine Buch vor fast einem halben Jahrhundert erschienen, nicht nur die Spanne eines Menschenlebens neigte sich dem Ende zu, auch alle Koordinaten, die für die Edition von Büchern maßgebend sind, hatten sich geändert. Das Land, das sich Deutsche Demokratische Republik nannte, war untergegangen und mit ihm viele der Erwartungen, mit denen wir, damals jung und unerfahren, seine Geburt begleitet hatten.
Wo sollte da ein Poem, das unseren Hoffnungen Stimme zu geben versuchte, heute noch seinen Platz finden?
Ich ging mit mir zu Rate, befragte meine Freunde, und mit jedem Gespräch, das ich führte, jeder Erfahrung, die ich machte, gewann ein Aspekt an Bedeutung, der meinen Zweifeln das Gewicht nahm. Wir alle, so sagte diese Erfahrung, sind in den letzten Jahren daran gewöhnt worden, das untergegangene Land von seinem Ende her zu beurteilen, von den Verwerfungen, die seinen Sturz beschleunigt haben.
Gibt uns das Wissen um diese Erfahrung aber das Recht, in den Chor des Zeitgeistes einzustimmen und den Traum, den alten, wie eine Peinlichkeit vor uns selber, unseren Kindern und Enkeln zu verschweigen?
Ich weiß noch, wie mir zumute war, als ich als einer der ersten jungen Deutschen in Auschwitz vor den Überresten der Gaskammern stand und wie die Scham mich ergriff, als ich auf den Giftbehältern das Herkunftsland des Todes entzifferte.
Geschichte, das spürte ich als schmerzenden Imperativ, durfte nicht alternativlos bleiben. Mit bloßen Händen galt es, dem Schicksal in die Speichen zu greifen. Im Rückblick auf diese Zeit bekannte einer, der Jahrzehnte später seinem Land den Rücken kehrte, anlässlich einer Preisverleihung nach seinem Weggang: "Angesichts des massenhaften Elends auf Erden, der blutigen Wirren, musste es als eine Ehre gelten, sich einer Gemeinschaft anschließen zu dürfen, die mit einer von ihr selber deklarierten Unfehlbarkeit den Ausweg aus der bisherigen Geschichte in eine alternative Geschichte zu weisen vermochte."
Eine bis dahin unbekannte Aufbruchstimmung hatte viele meiner Altersgefährten erfasst. Wir suchten kein Büttenpapier für unsere Verse. An den Plakaten, die wir klebten, zerrte der Wind. Worte, wie unerfahrene Vögel taumelnd, stürzten, getroffen vom Pfeil der Entrüstung, auf den Asphalt.
Damals glaubte ich, Kunst müsse als Waffe in diesem Kampf tauglich sein. Erst später, nach schmerzlichen Auseinandersetzungen mit mir selber, lernte ich begreifen, dass auch der eigene Versuch mehr und anderes zu leisten imstande sein konnte als Antworten auf noch so notwendige Fragen des wechselnden Tages zu geben.
Was blieb, war die Sehnsucht, den Traum, den wir träumten, gegen alle Gefährdungen, gegen Einengungen und Entstellungen zu bewahren. Das musste zu Kollisionen mit der Wirklichkeit führen. Es kamen Stunden, da lagen mir die Worte, die ich suchte, auf der Zunge, ich schmeckte sie, ich hörte ihren Klang, doch ich konnte sie nicht aussprechen, nicht hinschreiben. Da fing ich an, meinen Schmerz, meine Fragen, meinen Traum zu malen.
Mein Gesicht ist offen allen Winden, wie das eure offen ist allen Winden. Was ich habe, lege ich vor euch auf den Tisch, meine Bücher, meine Schuld.

Der zerbrochene Regenbogen

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Gespenster-Edes Tod und Auferstehung, Karl Mundstock
ISBN 3-935171-70-6

Das von Hans Mau illustrierte Buch ist eine Fundgrube für alle, die sich für das Alltagsleben Berliner Jugendlicher am Ende der Weimarer Republik interessieren.

Leseprobe:
Das liebe Gebrummel! Wie lange hatte er es nicht gehört! Nun erst war er richtig zu Hause. Mutter tat ihm leid. Er bereute seine Schreibfaulheit aufrichtig. Gern hätte er ihr ein paar gute Worte gesagt, wußte er doch, wie sie sofort aufstrahlen würde. Ach, er hatte ja öfter und mehr schreiben wollen! Immer war etwas dazwischengekommen. Saß er endlich und begann zu schreiben, gleich holte ihn ein Gefährte zum Wettschwimmen, zum Fußballmatch, zur Judo-Runde, zu einem Abend am Lagerfeuer oder zu anderen hochwichtigen Angelegenheiten. Sollte er es Muttern sagen? Nein, sie hätte das nur für eine Ausrede gehalten und wäre noch betrübter geworden. Also ließ er die Strafpredigt über sich ergehen, wohl wissend, daß auf den Regen bald der Sonnenschein folgen würde.
Mutter suchte an Ali herum. Sie schien todunglücklich, denn Ali war von Kopf bis Fuß blitzsauber! Es gab rein gar nichts an ihm auszusetzen, sah man von den Schuhen ab, die von der Reise bestaubt waren. Kein einziger Knopf war durch eine Drahtschlaufe ersetzt. Enttäuscht wollte Mutter sich abwenden, da wurde ihr Gesicht hell wie die aufgehende Sonne.
"Du meine Güte! Deine Haare! Bist du noch mit dem Kamm durchgekommen? Auf der Stelle gehst du mir zum Friseur. Die Zotteln kommen noch heute herunter."
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Bis zum letzten Mann, Karl Mundstock
ISBN 3-935171-79-X

Die Erzählung "Bis zum letzten Mann" machte den Autor Karl Mundstock weltbekannt. Mit der Thematik um Leben und Sterben beschrieb er die deutsche Erfahrung, daß der Faschismus diejenigen zugrunde richtete, die sich ausschicken ließen, andere Völker zu unterwerfen. Das Buch "Tod an der Grenze" wurde in der DDR verrissen und wurde so zum Geheimtipp. Nach Korrektur undienlicher Ausschweifungen und aufgrund des "kriminellen" Umgangs mit der Sprache fiel es mit der 5. Auflage der Kampagne gegen die "harte Schreibweise nach amerikanischem Muster" zum Opfer. Diese Nachauflage enthält wieder alle Erzählungen, in denen Karl Mundstock den Krieg nicht als Schicksal, sondern als ein gesellschaftliches Ereignis, das die Helden mitzuverantworten haben, darstellt.

Leseprobe:
Hollerer zog die rechte Hand aus dem Handschuh. Sie war froststarr. Kohlmeyers Pukko entfiel ihr. Hollerer versuchte hochzukommen. Die Beine trugen seinen Körper nicht mehr. ›Jetzt‹, dachte er, ›jetzt könnte ich jenseits des Muonio-Elfs sein oder am Rande der Tundra.‹ Er hing mit dem Kopf über dem Felsen und starrte mit glimmenden Augen aus dem verbrannten Antlitz auf den ausgeruhten und bewaffneten Feind. Über den Felsen hängend, an den eisigen Boden geklammert, von der frostigen Hand des Sturmes gezüchtigt, erlöschende Augen in einem erloschenen Antlitz, so sann Hollerer der unendlichen Kette von Fehlern nach, die er in seinem Leben bis hierher zu diesem letzten und logischen Schluß begangen hatte. »Ich bin einsam gewesen, ich habe geträumt, ich habe mich selbst betrogen, ich habe die Wahrheit nicht wahrhaben wollen, ich habe nur noch gehaßt, ich habe keine Zukunft gesehen, ich bin meinen Weg allein gegangen, und Kohlmeyer ist seinen Weg allein gegangen, und die Kameraden sind ihren Weg allein gegangen, und das war der tödliche Irrtum. Und nur Weiß, Weiß, Weiß hat sich nicht geirrt«, flüsterte Hollerer. »Weiß, Weiß, Weiß«, stammelte er sinnlos vor sich hin. Weiß hatte den Glauben vergiftet und mit dem Glauben den Menschen. Weiß hatte den Menschen mit sich selbst entzweit, den Mut mit sich selbst entzweit und die Feigheit mit sich selbst entzweit, so daß Feiglinge mutig und Mutige feig erschienen. Weiß hatte immer desertieren wollen, wie er im März 1938 zu den Nazis desertiert war und wie er nach diesem Krieg wieder desertieren wird. Und so stand denn nach alledem fest, zu spät erkannt und teuer bezahlt: Mit Weiß zusammen auf einer Welt gibt es kein Auskommen. Mit Weiß mußte er fertig werden, in seinem Land, in seinem Haus, auf der ganzen Welt, in der eigenen Familie. Im Frieden mußte man mit dem lebenden Weiß abrechnen. Immer klarer sah es Hollerer: Im Frieden leben und mit Weiß abrechnen, die Blutschuld aufrechnen und begleichen, im Angesicht des Volkes, des betrogenen und verratenen, gehenkten und in den Tod getriebenen. Hollerer zog die Hände unter der Pelzweste hervor. Er klaubte den Pukko aus dem Schnee, in den er eingefroren war. Er nahm das Gewehr vom Rücken, aber er ließ es nicht los und stemmte sich auf Knien und Händen hoch. Und da blickte Weiß nach oben.
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Stimmen im Sturm, Walter Kaufmann
ISBN 3-935171-78-1

Der in Australien geschriebene und 1953 unter dem Titel "Voices in the Storm" in englischer Sprache erschiebene Roman wurde in einer vom Autor bearbeiteten deutschen Ausgabe erstmals 1977 im Verlag der Nation Berlin veröffentlicht.

Leseprobe:
Duisburg, Krefeld, Venlo an der Grenze … vorbei und vergangen, und der Zug eilt durch das holländische Tiefland - weite Felder, eine Windmühle im Schneegestöber, saubere Gehöfte unter wogenden Wolken. Der holländische Beamte hat ihnen die Pässe mit einem freundlichen "Danke sehr" wiedergegeben, und aus seinem Mund klingt Daniel das Deutsche nicht fremd. Der Junge mit dem krausen Haar spielt Akkordeon, ganz leise - es klingt wie das Echo einer fernen Musik. Hand in Hand, wie sie die meiste Zeit dagesessen haben, hören die Schwestern versonnen zu. Und auch sie hört zu, das Mädchen mit dem kastanienbraunen Haar. Ihre Augen ruhen auf Daniel.
"War das deine Mutter auf dem Bahnsteig?" fragt sie ganz so, als hätte ihre Reise eben erst begonnen. Daniel kommt es vor, als hätte der Zug bereits hundert Städte hinter sich und hundert Grenzen überquert.
Meine Mutter, ja, und vielleicht sehe ich sie nie wieder, ich fahre nach England und kehre nicht mehr zurück. Duisburg, Krefeld, Venlo an der Grenze, warum also fragst du nach meiner Mutter? Sie ist weit weg, sehr weit … Schlimm, daß ich das so empfinde ...
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Schweigen über Lilo.
Die Geschichte der Liselotte Herrmann
, Ditte Clemens

ISBN 3-89954-013-1

Dieses Buch ist nicht nur gründlich recherchiert, sondern auch tief bewegend, glänzend geschrieben und nicht zuletzt spannend.

Leseprobe:
Das Gnadengesuch. Der Gang nach Canossa. Sich beugen und sich doch das Kreuz nicht brechen lassen. Das ist aus Lilos Gnadengesuch zu entnehmen. In der DDR wird es nie vollständig veröffentlicht. Übriggeblieben ist da nur die letzte Zeile, die oft als Zitat ohne Quelle angegeben wird. Alle anderen Worte werden verschwiegen. Am 26. Juni 1937 läßt sich Lilo Papier und Füllhalter geben. Sie bittet, von der Vollstreckung des Urteils abzusehen: »Auch im Hinblick auf mein Kind möchte ich diese Bitte aussprechen. Wenn ich bei dauerndem Aufenthalt im Zuchthaus meine Mutterpflichten, die mir das heiligste und liebste sind, nie mehr auch uneinigermaßen erfüllen könnte, so bliebe dem Kind aber wenigstens die Gewißheit, daß seine Mutter lebt und ihn liebt wie kein anderer Mensch und daß er sie nicht auf so grausame Weise hat verlieren müssen, was eine ungeheure innere sowie äußere Belastung zeit seines Lebens sein würde und was seine bisher so glücklich und gesund verlaufende Entwicklung tiefgreifend und nachhaltig erschüttern würde.« Und Lilo schreibt weiter, daß sie sich der Tat, die ihr zur Last gelegt wird, aufgrund ihrer Unerfahrenheit und Unkenntnis der Zusammenhänge nicht in vollem Umfang für schuldig fühlen kann. Ihrer Unterschrift fügt sie als letzten Satz ein Zitat von Beethoven an. »O! Wer war glücklicher als ich, da ich noch den süßen Namen Mutter aussprechen konnte und er wurde gehört.« ... An den verantwortlichen Stellen für Gnadengesuche schüttelt man die Köpfe, man begreift den Starrsinn dieser Frau nicht und notiert am 1. Juli 1937: »Bei Liselotte Herrmann liegen besondere Umstände, die bei der Prüfung eines Gnadenerweises in Betracht kämen, nicht vor. Im Verlaufe der polizeilichen Ermittlungen hat die Herrmann durch ihr Verhalten nicht gezeigt, daß sie über ihre Tat Reue empfindet, und sie hat von sich aus zur Klärung des Sachverhaltes nicht beigetragen.« Lilo muß auf ihre letzte Reise gehen.
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Dorfschulmeister Franz Kuhlmann, Rudi Czerwenka
ISBN 3-89954-007-7

Der Schustergeselle Franz will hoch hinaus, denn der Beruf des Lehrers interessiert ihn. Und da er die schöne Tochter des Grafen vor dem Ertrinken rettet, darf er sich etwas wünschen. Die Geschichte nimmt ihren Lauf und der Leser entdeckt, daß der Autor die Fabel für sein Buch in dem Tagebuch dieses Dorfschullehrers fand. Er zeichnet mit ausdrucksvollen Worten das Bild des einfachen dörflichen Lebens und der typischen Landschaft der Provinz Vorpommern des 19. Jahrhunderts und damit das Leben des Franz Kuhlmann.

Leseprobe:
Jetzt quollen sie heraus, die Träume, in deren Widerschein Franz nach jenen Ereignissen am Pfingstsonntag lebte. Die eine Stunde am Hafen kam in seinem Bericht nur kurz weg. Ausführlicher offenbarte er seine Gedanken, seine Wunschvorstellungen, die ihm selbst unerklärbare Sehnsucht nach dieser Frau. "Dabei weiß ich noch nicht einmal, wie sie wirklich aussieht, ich habe sie ja nur so pitschnaß und hilfsbedürftig gesehen." "Eine Komtesse!" Dornquast schüttelte den Kopf. "Das wird nichts, nie und nimmer in dieser Welt." "Aber warum nicht?" "Junger Freund, behalten Sie das Bild in Ihrem Gedächtnis, so wie es war. Aber rühren Sie nicht daran. Schreiten Sie weiter! Das ist mein Rat." "Aber ich komme nicht los davon, wenn ich nachts im Bett liege und wenn es mich immer wieder zum Hafen zieht." "Können Sie lesen, einigermaßen wenigstens?" fragte Dornquast nach einer Überlegungspause. "Ich war der beste damals in der Schule." Der Mann fingerte ein schmales Buch aus dem Regal. "Dann lesen Sie das hier! Wenn es Ihnen gefällt, können Sie es behalten. Irgendwann reden wir mal weiter. Für heute soll es genug sein. Es ist spät geworden." Franz nahm das Büchlein, bedankte und verabschiedete sich. Die Mellendorfs waren schon zu Bett gegangen. In seiner Dachstube hockte Franz dicht neben der brennenden Kerze und las die Geschichte von dem Mädchen Julia und dem Knaben Romeo, die sich liebten, aber nicht lieben durften. Die erste Kerze war heruntergebrannt, Franz entzündete eine zweite. Er verstand sehr wohl, warum der Herr Rektor ihm gerade dieses Büchlein mitgegeben hatte, was der fremde englische Dichter ihm sagen wollte. Es war das alte Lied von den zwei Liebenden, die nicht zueinander fanden, weil das Wasser zwischen ihnen viel zu tief war. Hier lagen die Dinge zwar etwas anders. Das Wasser hatte sie zusammengeführt, dafür gab es stärkere Hindernisse. Auf der einen Seite befand sich Louise, die Grafentochter, die Komtesse, von der er nicht einmal wußte, ob sie sich überhaupt noch an ihn erinnerte. Auf der anderen Seite hockte er, Franz Kuhlmann, auf seinem Strohsack, der Schustergeselle, also ein Nichts. Er las das Buch ein zweites und ein drittes Mal und vertiefte die Erkenntnis, daß der lebenserfahrene alte Mann recht hatte mit seinem "Das wird nichts".
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Unter den drei Kronen
Novelle vom Ende der Wismarer Schwedenzeit
,
Frank Schlößer

ISBN 3-935171-88-9

Dieses Buch erschien anlässlich der Feierlichkeiten zum Schwedenfest in der Hansestadt Wismar 2003 und enthält die Originalausgabe der Festschrift zur Jubelfeier von 1803.

Leseprobe:
Ich wollte gerade um die Ecke des Badstavens biegen, da rannte sie mir in die Arme: Geertje. Geschminkt, das Mieder aufgebunden und den Rock gerafft. Eine gelungene Überraschung! Ich hielt Geertje um die Hüften und lachte sie an. Aber sie schrie verzweifelt: "Lass mich doch los!" Angstvoll blickte sie sich zu ihren Verfolgern um: Zwei dickbäuchige Stadtsoldaten von der Bürgerwache keuchten heran und verlangsamten ihre Schritte, als sie sahen, dass ihre Beute bei mir wohl in Sicherheit war. Noch hatten sie Geertje nicht erkannt. Geertje gab ihren Widerstand auf, Tränen liefen ihr über die Wangen, und färbten sich rot von der Schminke. "Es war doch das erste Mal. Ach Gustav!" Da erst begriff ich: Geertje hatte tatsächlich nach Kundschaft gestanden. Es gab mir einen Stich. Ich hatte sie noch nie so gesehen: Verzweifelt und hemmungslos weinend. Das war nicht die fröhliche Geertje, meine singende Schäferin. Das war einfach nur ein angstvoll jammerndes Weib. Das Keuchen der beiden Soldaten kam näher. "Komm," flüsterte ich, griff ihr Handgelenk fest und rannte los, in den Schatten von Sankt Georgen und noch weiter hinauf, vorbei am Fürstenhof, zog sie hinter die kleine Sühnekapelle bei Sankt Marien. Dort war es dunkel, dort hatte Geertje genug Zeit, sich die Farbe und die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Mit angehaltenem Atem horchten wir in den Abend, ob Schritte uns folgen würden. Doch die beiden hatten wohl das Rennen schnell aufgegeben. Geertje schluchzte immer noch, dann schlug ihre Verzweiflung um: "Geh doch zur Steinecke!" zischte sie wütend. "Vielleicht hat sie ja ein ganz junges Vögelchen für dich! Wenn du weg bist, kann ich endlich auch bei ihr einziehen." Sie wollte mich schlagen. Dann drehte sie sich wieder um, lehnte sich an die Mauer der Kapelle und schluchzte. Ich griff ihr von hinten um die Schultern. Sie wehrte mich ab. Jetzt war ich ebenso verzweifelt wie sie. Bis jetzt hatten wir immer über alles reden können. "Ich versteh nicht, Geertje, was ist denn los?" Da drehte sie sich um und schrie mich an: "Was los ist? Die Kinder müssen essen! Das ist los! Der Vater ist tot, schon seit Jahren! Das ist los! Du bist blind, Gustav! Das ist los! Verzieh dich endlich in dein Stockholm und lass uns in Ruhe!
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Flammendes Irland, Walter Kaufmann
ISBN 3-935171-92-7

"Wir lachen, weil wir weinen" - so lautet ein irisches Sprichwort, das in all seiner Knappheit Charakteristisches über Irland und die Iren aussagt. Dem in jahrhundertelanger Unterdrückung durch die Engländer erfahrenen Leid, aber auch dem unbeugsamen Lebenswillen des irischen Volkes spürt Walter Kaufmann nach. Seine Reportagen zeugen von seiner Liebe zu diesem Land, die Menschen, denen wir begegnen, nehmen Gestalt an, offenbaren sich als unverwechselbar: Katholiken und Protestanten, Männer der IRA und deren erbitterte Feinde, Arbeiterführer und Kapitalisten. Ihr Leben, ihre Schicksale verdeutlichen uns die Widersprüche im Lande und beschwören die Vorstellung eines Alltags, der so nur in Irland verläuft.

Leseprobe:
Um 12:35 Uhr dieses regnerisch-windigen Donnerstags der ersten Oktoberwoche 1975 schwenkte in einem katholischen Ghetto von Belfast ein blauer Mercedes von der Falls Road in die Leeson Street ein, raste zwischen den rostbraunen, verfallenen Häuserreihen übers Pflaster, durchbrach eine Sperre schwerer Tonnen und kam mit hartem Bremsen vor der Eckkneipe Bush Bar zum Stehen. Die Wagenschläge flogen auf, drei mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer sprangen auf die Straße, rannten auf die beiden Eingänge der Kneipe zu und feuerten ohne Warnung, während ein vierter eine Bombe aus dem Auto trug, die er seitlich des Hauses absetzte. Sich gegenseitig durch Salven absichernd, wichen die vier Attentäter zu dem Mercedes zurück und schlugen die Türen hinter sich zu. Kaum hatte das sofort vorschnellende Auto die nahe Grosvenor Road erreicht, da explodierte auch schon die Bombe im Rücken der Männer, die sich fluchtartig aus dem Haus ins Freie gedrängt hatten, neun von ihnen waren durch Schüsse verletzt worden. Es dauerte knapp zwei Stunden, bis es Feuerwehrleuten, britischen Soldaten und Bewohnern der Leeson Street gelang, die Trümmer der völlig zerstörten Bush Bar so weit wegzuräumen, daß sie sich den Weg ins Nebenhaus bahnen und eine achtundachtzigjährige Frau befreien konnten, die dort verschüttet war. Zu diesem Zeitpunkt stand schon fest, daß die Attentäter Mitglieder der UVF gewesen waren, der Ulster Volunteer Force, einer protestantischen, paramilitärischen Organisation, und es hatte sich auch erwiesen, daß ein alter Mann bei dem Überfall tödlich verwundet worden war. Auf den Titelseiten der Zeitungen des folgenden Tages prangten Schlagzeilen wie Gemetzel - Blutbad - Tag des Grauens. Die haarsträubenden Schilderungen von Gewalttätigkeiten, die unter diesen Schlagzeilen zu lesen waren, bezogen sich jedoch nur zum Teil auf das Attentat in der Leeson Street. Denn in den vorhergegangenen vierundzwanzig Stunden waren in ganz Nordirland bei sechzehn Bombenanschlägen neun Männer und drei Frauen ums Leben gekommen und mehr als dreißig Personen erheblich verletzt in Krankenhäuser eingeliefert worden. In der Tat eine erschreckende Bilanz - die uns in gerader Linie zurück zur Bush Bar führt, wo ich nur kurz nach der Explosion am ersten Tag meiner dritten Belfastreise eintraf, um Jack O'Malley aufzusuchen, mit dem ich Monate zuvor bekannt geworden war und den ich in dieser Kneipe vermutete.
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Reisen ins gelobte Land, Walter Kaufmann
Illustrationen: Angela Brunner

ISBN 3-935171-69-2

"… Israel wird erkennbar als Vulkan sozialer Gegensätze … nacherlebbar (und auch anschaulich erklärbar) durch Einblicke in unverwechselbare menschliche Schicksale …" Hans-Dieter Schütt

Leseprobe:
Noch immer sehe ich Azmi Edeen im gleißenden Sonnenlicht am Strand der Oase von Dhahab stehen und mit hoch über dem Kopf erhobenen Händen dem Jeep nachwinken, der mich zwischen den Palmen davonträgt. Bald erkannte ich ihn nur noch schemenhaft hinter der Staubwolke, die von den Rädern des Jeep über der Ebene der Wüste aufgewirbelt wurde. Doch sah ich gerade noch, daß er den Pelz der Anna Wolinski über die Schultern warf und der nun ihm gehört …
"Dezembernächte im Sinai können so kalt wie ein russischer Winter sein", hörte ich die mütterliche Wirtin meiner Tage in Haifa wieder sagen, sie, die Rabbitochter aus Minsk, ... Und dann war sie zum Kleiderschrank gegangen, um den Pelz hervorzuholen, einen noch gut erhaltenen ärmellosen, über zwei Menschenalter hinweg geretteten Biberpelz, den ihr Vater einst unter dem Kaftan getragen hatte.
Ich wollte ihn zuerst nicht nehmen. Hätte ich zulassen sollen, daß sie ein Erbstück opferte? Aber sie duldete keinen Widerspruch, war es zufrieden, daß sich der Pelz nach all den Jahren noch als nützlich er-wies, und weil ich noch immer ihn zu nehmen mich scheute, drängte sie mir den Pelz mit der Bitte auf, daß ich ihn am Ende meiner Reise weitergäbe an einen, der ihn nötig hätte, so wie ich ihn würde nötig haben, "an einen Araber". Den Arabern fühlte sich Anna Wolinski verpflichtet. Diese Verpflichtung war der Leitfaden ihres Lebens. "Wenn wir aus unserer Vergangenheit nicht die Lehre ziehen, anderen Menschen zu helfen, Unterdrückten, Verfolgten, wie wir es waren", sagte sie, "dann haben wir umsonst gelebt!"
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Der Dänenschatz, Heinz-Jürgen Zierke
ISBN 3-935171-93-5

1367-1370 - zweiter Krieg der Hanse gegen Dänemark. In dieser Zeit sind die Erzählungen um den Dänenschatz angesiedelt.

Leseprobe:
Nun würden sie es tun müssen. König Waldemar Atterdag von Dänemark hatte sein Land geeinigt, Adel und Bürgerschaft um sich geschart und schickte sich an, die Hanse zu bedrängen. Nach seinem Willen sollten die dänischen Kaufleute den Fernhandel zwischen Rußland und Flandern und den andern Ländern in ihre Hände nehmen, damit die reichlichen Gewinne in ihre und seine Taschen flössen. Konnte die Hanse das zulassen, zusehen, wie die dänischen Städte aufblühten, prächtige Häuser und stolze Kirchen bauten, während Hamburg, Lübeck, Rostock, Stralsund und die vielen kleineren Hafenplätze verödeten? Sollte er, Bertram Wulflam, vielleicht Schweine hüten oder Bürsten binden, um nicht zu verhungern? König Waldemar hatte den hansischen Sendboten hohnlachend die Tür gewiesen, er hatte die Schweden mit Krieg überzogen und ihnen die Halbinsel Schonen abgenommen. Damit war er Herr über alle Ostseeausgänge und konnte der Hanseschiffahrt die Lebensader abdrücken. Und dann überfiel er mitten im Frieden die hansische Niederlassung in Wisby auf der Insel Gotland und zerstörte sie gründlich. Die erbitterten Städte hatten eilig eine Flotte gegen ihn ausgesandt, auch Wulf war einer ihrer Befehlshaber gewesen. Doch wiewohl sie manchen wuchtigen Hieb austeilten, mußten sie sich zu einem Frieden bequemen, der keiner Seite recht behagte und der den Krieg nicht beendete, sondern ihn nur verschob. Waldemar, der Dänenkönig, bereitete den neuen Waffengang ernsthaft vor, das war offensichtlich. Er verheiratete seine Tochter Margarete mit König Hakon von Norwegen und seine Nichten und Neffen mit den Kindern der Herzöge von Pommern und Mecklenburg. Diese neuen Verhältnisse sollten die Städte im Rücken bedrohen, damit sie sich nicht mit ihrer ganzen Macht auf Waldemar werfen konnten. Neuerdings, so hatte man Herrn Bertram berichtet, legte er sogar der häßlichen Sophie von Stolp, der Tochter des verarmten Herzogs Erich Kasimir von Hinterpommern einen seiner Neffen in die Arme. "Ich bleibe dabei", brummte Wulf, "wer zuerst schlägt, trifft zuerst."
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Jan und Jutta, Liselotte Welskopf-Henrich
ISBN 3-89954-001-8

Befragt über die Entstehungsgeschichte des vorliegenden Buches, antwortet Liselotte Welskopf-Henrich: Die vielfache Ermunterung ihrer Freunde hat sie veranlaßt, dieses Stück Leben aufzuzeichnen. Und sie fährt fort: "Anders als in allen meinen anderen Romanen und Erzählungen fühlte ich mich hier zu chronistischer Treue bei der Darstellung des Geschehens und Erlebens verpflichtet; ich wollte unseren jungen Menschen wie ein Historiker berichten, was vor sich gegangen ist und wie die Menschen gehandelt, gedacht und gesprochen haben.

Leseprobe:
Auf der Südostseite der Straße, die die Sonne genoß, waren die Wohnungen größer, die Hauseingänge noch prächtiger, die Bewohner reicher. Juttas Fuß stockte einen Moment. Sie hatte etwas Ungewohntes wahrgenommen. Vor dem Eingang des gegenüberliegenden Hauses stand eine uniformierte Wache mit Stahlhelm und geschultertem Karabiner. Ein SS-Mann. Er war groß, feist und stand breitbeinig, regungslos auf seinem Posten. Jutta betrachtete ihn nur so lange, wie sie sich selbst noch innerhalb ihres Hauses befand. Sobald sie die Haustür geöffnet hatte, schaute sie absichtlich in andere Richtung. Des Abends, bei der Rückkehr vom Dienst, stellte Jutta fest, daß die Wache verschwunden war. Aber am nächsten Morgen war die feindliche Figur wieder aufgestellt. Vor dem Hause drüben lag jetzt ein Sandhaufen, wie er für Maurerarbeiten gebraucht wird. Während Jutta eben aus der Haustür trat, sah sie drüben einen Menschen aus dem Hinterausgang herauskommen. Er trug eine blauweiß gestreifte Drillichjacke und eine ebensolche Hose und war barhaupt. Mit einem Eimer holte er von dem Sand, der am Straßenrand zwischen den Alleebäumen aufgeschüttet war. In diesem Augenblick ging eine Dame an Juttas Haus vorbei. Sie blickte über den Fahrdamm zu dem Häftling hinüber. In einer auffälligen Weise hatte sie den Kopf gewendet, um hinüberzuschauen. Da schnarrte die Befehlsstimme der Wache. Jutta verstand das Wort nicht, sie vernahm nur den Ton und sah die Wirkung. Wie bei einer Marionette, an deren Fäden grob gezogen wird, strafften sich die Glieder des Häftlings. Er stand stramm vor seinem Wächter, ein magerer Mensch mit bleichem Gesicht, um dessen Körper der Drillichanzug schlotterte. Der Feiste betrachtete ihn finster. Juttas Nerven krampften sich zusammen. Der kurze brutale Anruf, die hastige Bewegung des Strammstehens drückten nicht die Autorität und Selbstdisziplin unter Soldaten, sondern den mit blutiger Drohung erzwungenen Gehorsam geschundener Sklaven aus. Juttas lebendiges Empfinden hatte in dem einen Anruf, in der einen Bewegung alles das anschaulich erfaßt, was "KZ" bedeutete. Sie schauderte und ging ihres Weges. Aber ihre Gedanken fingen an zu arbeiten und kamen nicht mehr zur Ruhe.
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Die Belagerung - Ich habe getötet, Ulrich Frohriep
ISBN 3-935171-83-8

Das Hörspiel "Ich habe getötet" wurde vom Rundfunk der DDR zur Produktion angekauft, dann auf Eis gelegt. Im April 1991 von Radio Aktuell urgesendet

Leseprobe:
Johann:
Als ob wir im Flugzeug säßen. Sie hatte ihre Hand zwischen meine Beine gelegt, und das wuchs und wuchs. Das wurde immer größer, Ich konnte schon gar nicht mehr richtig fahren.
Doris:
Siehst du den Weg dort? Fahr da rein. Na, nun tu's schon.
Johann:
Ich tat's.
Doris:
Hast du's schon mal im Auto gemacht? - Ich hab's schon mal gemacht. Das war vielleicht verrückt. Der Sitz ging nicht runter. Das war eng - wie deine Jeans jetzt. (sie lacht) Los, wir machen's in deinem Auto. Fahr da rein, zwischen die Büsche, da sieht uns keiner zu. - Oder soll uns einer zusehen? (sie lacht schrill) Nun halt doch schon an!
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Dit un dat in Wismersch Platt, Hans Draehmpaehl
ISBN 3-935171-84-6

Nach über 20 Jahren ist es jetzt gelungen, aus dem bislang unveröffentlichtem Nachlaß des Autors plattdeutsche Gedichte und Geschichten über Wismar neu zu verlegen

Leseprobe:
VADDER SEELER
VADDER säden de Kinner to den ollen Seeler, de dat schönst' Karussell vun Wismer harr. Nich so een niemodsch Ding mit väl Krach un Lichterblinkeri - nee, een Karussell mit Pierd un Kutschen. Dat wier wat för de lütten Klabaters, un se snackten Mudder un Vadder männigeenen Groschen af, üm up dat Wunnerding to führen. Un dat wier een Wunnerding! In 'n Fröhjohr pinselte Seeler vierteihn Dag an Pierd un Kutschen rüm, bät allens in niege Farw blänkerte. Jedet Pierd harr sienen Namen - un jedet Kind wull ümmers wedder up sien Pierd. Giern rückten de Öllern de poor Groschen rut, üm de vergnögten Kinneroogen to sehn, de mit de smucken Pierd üm de Wett blänkerten. Wenn dor äwer een Klabater mit trurig Oogen bisiet stünn, wiel de Groschens all' wieren, künn de oll Seeler dat nie nich lang' mit ansehn. Eegenhännig sett he den Lütten up dat smucke Pierd un hoegte sick oewer den lütten Klabater. Is dat een Wunner, dat de Kinner to den ollen Seeler VADDER seggen deden?
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Der Verlust, Wolfgang Schreyer
ISBN 3-935171-66-8

KARIBIK, 1984 und 1986: Schwungvoll beginnt Uwe Reuss mit Linda, seiner nächsten Partnerin, ein neues Leben. Sie fassen Fuß auf Navassa und betreiben dort ein Feriendorf. Bis es ihnen dämmert, daß dies nur fremde Interessen deckt:

Leseprobe:
Sie standen, die Reling im Rücken, unter dem Spanker, dem letzten Segel, am schrägen Spiegelheck. So mit Sicht nach vorn, auf das Schutzdach und den Smoking Room, konnte sich ihnen niemand nähern, ohne daß man ihn im Lichterschein rechtzeitig sah. Jetzt muß alles auf den Tisch, sagte Figueras. Anders hat’s überhaupt keinen Zweck. Uwe, laß uns endlich aufrichtig sein, und zwar restlos.
Okay, fang damit an. Sei du zuerst aufrichtig.
Schön, wenn’s dir hilft, meinetwegen. Figueras seufzte wie vor einem lästigen Umweg. Ich weiß doch ganz genau, Junge, was dir in Miami passiert ist. Die Firma heißt Dattel und Goldberg, nicht wahr? Drei Tage lang hab ich gehofft, du kommst damit von selbst zu mir.
Reuss fühlte die Decksplanken unter sich beben, als setze die Maschine ein. Woher weißt du’s?, fragte er atemlos, wie in Panik. Die DEA, mein Gott Ist da ein Leck in der Behörde?
Nein. Hoffentlich nicht. Ich arbeite für sie. Dich zu nehmen, das war Dattels Idee. Er mag dich seit eurer Gemeinschaft im Gefängnis auf Grenada. Von ihm kam auch das Geld, die dreiundzwanzig Riesen. Ich gab es dir in Fort Walton Beach, damit sie Gelegenheit hatten, dich zu überreden. Goldberg meinte, ganz ohne Druck tust du’s nicht.
Reuss war baff. Da lagt ihr richtig, sagte er dann. Freiwillig wär ich nie gegangen Verdammt, wieso haben die denn geglaubt, mich zu brauchen?
Weil ein Mann allein den Job nicht schafft. Ihr Problem war, mehrere zu installieren zwei, drei verdeckte Ermittler auf der Jacht. Daß wir uns kennen, zumindest seit Navassa, das wissen sie. In ihren Augen sind wir ein eingespieltes Team. Behebt den Personalmangel für sie.
Das sind deren Gründe, wo ist dein Motiv? Weshalb riskierst du Kopf und Kragen? Haben sie dich auch in der Hand?
Ach was. Ich bin ihnen schon früher behilflich gewesen, frag mich nicht, warum.
Ich frage aber, Sergio. Ich muß das wissen, sonst bleibt mir alles schleierhaft.
Warum? Na, weil es Spaß macht und weil es sich lohnt.
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Der Fund, Wolfgang Schreyer
ISBN 3-935171-65-X

Gesetzt den Fall, Sie hätten nach langer Wanderung Ihr Glück gefunden. Sie lebten in keinem Industrieland brav, geordnet und langweilig vor sich hin. Sondern mit Ihrer reizenden Freundin auf einer Trauminsel, und zwar vom Tourismusgeschäft! ...

Leseprobe:
Der Zweck heiligt die Mittel, dachte er, gewillt, Figueras nichts nachzutragen. Denn schließlich, der Erfolg gab ihm recht. Wie sein Verstand wieder zugriff und das Transportproblem löste! Nimm die Barren, hörte er den Partner sagen. Ich schnappe mir die schweren Kästen. Mal sehen, was man wegkriegt Das Werkzeug bleibt hier.
Es hatte ausgedient. Sie warfen es ins Loch, das sie mit Zweigen tarnten. Auch das Sonargerät blieb zurück. Es hatte viel Geld gekostet (wenngleich kaum die 15.000 CI-Dollar, die Figueras dafür berechnet hatte, wohl um in der Lage zu sein, dem Team auf Cayman Brac das fällige Gehalt zu zahlen) und war ihnen eine unschätzbare Hilfe gewesen. Ohne das Gerät hätten sie wochenlang, und sicherlich vergebens, mit Sonden im Pico del Oro gestochert. Aber natürlich war es sein Gewicht in Gold nicht wert.
Was sie da, von Stechfliegen umschwirrt, talwärts durch den Dschungel schleppten, mochte der Gegenwert von anderthalb Millionen Dollar sein. Es klirrte kaum in den Kästen, so waren die mit Münzen vollgestopft. Unter dem Zug der Rucksackriemen, die ihm die Schultern zerschnitten, gingen Reuss die Vorzüge des Papiergelds auf, dieser Errungenschaft des 19. Jahrhunderts. In großen Scheinen hätte der ganze Reichtum knapp ein Aktenköfferchen gefüllt. Noch leichter wäre ein Scheckheft oder eine Kreditkarte gewesen Doch leider hatten Banknoten, einmal vom Gold abgekoppelt, sich als wenig beständig gezeigt. Nicht nur in der Wildnis verdarben sie, schwankende Inflationsraten sorgten auch sonst für Verfall, und jeder Notenumtausch, jede Manipulation der Währung gab ihnen schlagartig den Rest.
Unter solchen Betrachtungen erreichten sie das Flüßchen, langten bald an dessen Mündung beim Schlauchboot an und setzten der Last wegen in zwei Fahrten zur Tortuga über. Linda Prout war nicht an Bord. Sie hievten die Beute hoch und verbargen sie auf der Jacht. Gehen wir nochmal? fragte Figueras. Bis Sonnenuntergang ist's zu schaffen.
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Die Suche, Wolfgang Schreyer
ISBN 3-935171-64-1

HAMBURG, FRÜHJAHR 1979. Uwe Reuss, als Chef einer Nordsee-Bohrinsel kürzlich entlassen, nimmt die Suche nach der Tochter seines besten Freundes auf: Gina Dahlmann ist mit einem verheirateten Grundstücksmakler angeblich nach Übersee geflogen und dort verschollen.

Leseprobe:
Nicht von mir. Er glaubt ja, ich bringe dich zurück.
Und er trug dazu bei! Die Vorstellung, ihm falle es zu, den Stein ins Rollen zu bringen, war so unheimlich, daß Reuss Übelkeit verspürte, ein Vorgefühl von Vernichtung. Kam das heraus, warf man ihn schlicht über Bord. An Rückzug war nicht mehr zu denken, man lief jetzt unter der weißen Betonbrücke durch. Dort oben, hoch über dem Masttopp, hatte er vormittags den Kanal im Taxi überquert, als freier Mann. Die Sperre war eingerastet, unmerklich, in der letzten Viertelstunde ... Bei Farfán Point fiel die Mündung südlich der Fahrrinne trocken. Nur Boote im Gegenverkehr, ab drei lief kein Handelsschiff mehr ein, damit der Raum vor den Schleusen nicht verstopfte. Und jenseits der Brücke blieb der Hafen zurück, mit ihm das Gesetz. Auf diesen Stahlplanken herrschte nur das Recht des Stärkeren, das Gesetz der Mafia.
Links der Hang des Monte Ancón mit den hübschen Villen, dem Fernsehturm. Dann die lange Mole, an deren Endpunkt die Flamenco-Insel emporwuchs; ein Stumpfkegel, hundert Meter hoch, Büsche im Abendschein, das Leuchtfeuer auf dem Betonsockel, die Lotsenstation. Reuss wollte sich an Gina wenden, brachte aber kein Wort hervor. Panamá! Es zog ihm die Gurgel zu. All das hatte er neulich vom Hoteldach aus gesehen, mit dem Blick des Reisenden. Und jetzt, dabei, die Stadt zu verlassen, kehrte sie sich ihm majestätisch noch einmal zu, tröstlich und wunderbar im Moment des Abschieds über dem Sternenbanner des Forts Amador und dem langen Wellenbrecher terrassenhaft entfaltet. Im schrägen, von tausend Scheiben gespiegelten Licht ragten die Kirchen und Hochhäuser auf, von Bella Vista bis hinab zu der alten Bastion und dem schwarzen Vorgebirge von Punta Paitillo. Das Hilton, in dem noch sein Koffer stand, verschwand unter all dem Gefunkel. Benommen sagte er: Du, ich verstehe mich selbst nicht mehr ... Wenn das dein Vater erfährt, trifft ihn der Schlag.
Er ist doch schon manches gewöhnt, erwiderte Gina um eine Nuance zu forsch.
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Gelegenheit macht Liebe, Urlaubsgeschichten,
Heinz Kahlow

ISBN 3-935171-22-6,

Vor fast 50 Jahren Urlaub an der Ostsee. Herr Kahlow, was ist heute anders?
Den Sandstrand mit Sonnenuntergang kann man wie damals genießen, das Stück Urwald am Meer, wenn auch sturmzerzaust (ein paar Windflüchter weniger), zeigt sich in alter Pracht; und die wilde salzige See ist nicht zahmer geworden.

Leseprobe:
Die Gazelle kam an diesem Nachmittag mit ihren Gefühlen überhaupt nicht mehr zurecht.
Was fand sie denn nur an diesem Harri? Wenn ihr der Rudi daheim nicht so nachgelaufen wäre, sie hätte sich bestimmt nicht um ihn gekümmert.
Aber hier? Hier hatte sie am Deich auf Harri gewartet. Sie, ein Mädchen! Auf einen Mann gewartet!
Und als er dann nicht kam, war sie unruhig auf und ab gegangen und hatte den ganzen Tag langsam grau und langweilig gefunden. Ja, was war denn das!? Wegen dieses dummen Harri, der doch so oberflächlich war! Wegen dem rannte sie nun allein auf dem Deich hin und her!
Die Gazelle versuchte, wieder ein gescheites Mädchen zu werden. Sollte er doch mit Marga tun und lassen, was er wollte, wenn Marga sich schon mit ihm abgab. Schließlich habe ich ja noch zu studieren dachte sie. Das fehlte gerade noch, sich in irgendeinen Tunichtgut zu verlieben!
Und sie redete sich ein, daß Harri ein Tunichtgut sei, kniff die Lippen böse zusammen und stampfte mit dem Fuß auf. Äußerlich wirkte sie sehr entschlossen. Aber drinnen blieb alles, wie es war: verliebt.
Das ärgerte sie, und sie fing schließlich an zu weinen, über Harri, über sich selbst, über Marga, die sich so entpuppt hatte, über Lotti, die nicht da war, wenn man sie brauchte. Und dann wieder von vorn: über Harri, über sich selbst ...  Und dabei wollte sie die Tränen nicht kommen lassen, sie versuchte sich zu beherrschen, sie fing sogar aus Trotz zu singen an. Ganz für sich allein auf dem langen leeren Deich, weitweg vom Dorf. Aber die dicken großen Kullertränen rollten dann doch, als sie verbissen schluchzte:
Wir lieben das fröhliche Leben ...
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Das Monster von Llahna, Klaus Frühauf
ISBN 3-935171-27-7

Ein einsamer Mensch in einer Beobachtungsstation auf einem fremden Planeten und ein einsames Monster, das seit mehr als tausend Jahren nach einem Gefährten sucht ...

Leseprobe:
Etwas erhob sich aus dem Meer.
Es war, als wachse ein schwarzer Berg über den Horizont. Und während es entsetzlich schnell näherkam, öffnete sich an der Vorderflanke dieses monströsen Gebirges etwas, das dem Leben zugehörig sein mußte, eine runde Luke, aus der ein blendender Lichtstrahl in das Innere unserer Kuppel drang.
Und dann ein Geräusch wie Zähneknirschen, das mir das Mark in den Knochen gefrieren ließ.
Mein Gott! stöhnte Monson. Das hat es noch nie getan.
Der einzige Gedanke, der sich bei diesem Anblick in meinem Hirn formierte, war der an Flucht. Selbst wenn uns das Licht nicht schaden sollte, woran ich im Hinblick auf Monsons Augen zweifelte, unter dem Anprall der riesigen Masse dieses Monsters würden die Sichtwände der Kuppel wie Pappmaché zusammenbrechen.
Sofort in den Orbiter und weg hier! schrie ich und sprang hinüber zu einem der Hangars. Aber Monson rührte sich nicht. Er stand, in helles Licht gehüllt an der Sichtwand und starrte auf den sich heranwälzenden Berg. Auf dem Manual des Pultes klirrten zwei Trinkgläser aneinander, und irgendwo hinter einer Verkleidung knisterten Funken.
Schnell, Lorn! schrie ich. Wir haben höchsten noch zehn Sekunden!
Er blickte mich an und schüttelte den Kopf. Habe ich nicht gesagt, daß ich auf meine Ablösung verzichte. Ein Lächeln kräuselte seine Lippen. Entspann dich, Junge! Es wird uns nicht angreifen. Das hat es noch nie getan.
Dann jedoch erklang vorn das Knirschen, und ich sah Monson erblassen. Komm! schrie ich noch mal. Aber er schüttelte stumm den Kopf. Da mir die verbleibende Zeit für einen weiteren Überredungsversuch nicht mehr zu reichen schien, warf ich mich in den Pilotensessel und drückte den Startknopf nieder ...
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Die Bäume von Eden, Klaus Frühauf
ISBN 3-935171-21-8

Klaus Frühauf setzte sich vor zwanzig Jahren in seinem  utopischen Roman, der um die Jahrtausendwende, also heute,  spielt, mit den Problemen des Gebrauchs und des Mißbrauchs von Drogen, Medikamenten und Pharmaka auseinander

Leseprobe:
Entschieden schüttelte Meister den Kopf. Bessows Nerven sind völlig intakt, kaum Überarbeitung, kaum Stress. Nicht mehr als bei Ihnen oder mir, Professor. Und Alkohol können wir mit absoluter Sicherheit ausschließen. Es hat da genaue Untersuchungen gegeben, soweit man das von hier aus tun konnte. Was die Ursache für Bessows skandalöses Verhalten war, sollen Sie herausfinden.
Ich? fragte Roßberg erstaunt, als habe er sich verhört. Ich bin Wissenschaftler, Biologe, kein Kriminalist.
Sie wissen sicherlich, daß uns dieser Vorgang große Schwierigkeiten bereitet, sagte Meister, Roßbergs Einwand ignorierend.
Ja, Roßberg konnte sich die Schwierigkeiten vorstellen. Da war in den Zeitungen, im Rundfunk und im Fernsehen, ausführlich und meist an hervorragender Stelle, geschildert worden, wie der unter Erfolgszwang stehende Trainer nach dem erregenden Erlebnis eines nahezu unerklärlichen Sieges seiner Mannschaft einem plötzlichen Verfall der Verhaltensstruktur unterlag, wie er die Reporter brüskierte, danach stundenlang durch London irrte, und wie sich schließlich sein gequälter und unvermittelt in ein Vakuum gestürzter Geist verwirrte, so daß der Mann, von aufgestauter, sexueller Gier getrieben, auf offener Straße und im Hotel Frauen überfiel und endlich einen der künstlichen Bäume am Piccadilly-Circus erstieg, um sich vor der aufgebrachten Menge in Sicherheit zu bringen.
Und selbstverständlich war von Drogen und Doping die Rede, um in bewährter Manier sportlichen Erfolg, Angstpsychosen, Persönlichkeitsverlust, Frustration und Drogen in einen Topf werfen zu können. Die Boulevardpresse hatte sogar die Überprüfung und eventuelle Aberkennung einer ganzen Reihe von Rekorden gefordert.
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Stern auf Nullkurs, Klaus Frühauf
ISBN 3-935171-20-X

Jahrelang hat der Kommunikationstechniker Kalo Jordan auf diesen Tag gewartet. Man hat ihn verspottet, seine Partnerin ist ihm davongelaufen, doch unerschütterlich hat er an eine Kontaktaufnahme mit Außerirdischen geglaubt.

Leseprobe:
Ich empfand die Botschaft nicht als Bedrohung, sagt er trotzdem, und es klingt wie eine vorweggenommene Verteidigung.
Das muß nicht unbedingt an der Botschaft liegen.
Sie werden uns nicht angreifen. Ich glaube es nicht, Pela.
Du willst es einfach nicht wahrhaben. Schon der Gedanke an eine Auseinandersetzung ist dir zuwider. Sie sagt es heftiger, als es ihre Art ist. Ich wiederhole: Sie werden sich keinen Augenblick lang bedenken, wenn es um die Erhaltung ihrer Existenz geht. Es ist ein Gesetz, daß eine Gesellschaft alles zu ihrer Erhaltung Notwendige unternimmt, wenn sie in die Gefahr des Unterganges gerät.
Es gibt noch eine andere Seite. Auch eine Gesetzmäßigkeit. Eine Zivilisation, die die Phase der Gärung überwunden hat, tritt in den lang andauernden Prozeß kontinuierlicher Entwicklung ein, die kriegerische Auseinandersetzungen eliminiert. Welches der beiden Gesetze, meinst du, gilt in unserem Fall?
Es gilt immer jenes, das auf seiten des Stärkeren ist.
Faustrecht also?
Sie nickt. Wenn du es so nennen willst, bitte!
Unsinn! Gesetzmäßigkeiten kann man nicht nach Belieben ein- und ausschalten. Sie wirken stets objektiv. Die Menschheit wird sich mit den Astraten einigen.
Das hieße, daß wir sie zum Verzicht auf einen Platz in unserem System, zum Verzicht auf unsere Sonne bewegen müßten.
Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ein Krieg einem Rückfall in die Barbarei gleichkäme. Für sie und für uns. Es muß eine Lösung geben, die für sie von Vorteil, für uns nicht von Nachteil ist. Diese Lösung müssen wir finden.
Er gerät erneut ins Sinnen. Das alles sagt sich so leicht. Aber auch er kennt diese Lösung nicht. Die Astraten brauchen eine Sonne, und sie haben bereits Ansprüche angemeldet. Aber das irdische System ist labil, vielleicht sind es alle Sonnensysteme, bereits das Einschwenken Astrats auf eine sonnenferne Umlaufbahn könnte unabsehbare Folgen haben, und sie würden sich zur Katastrophe ausweiten, steuerten die Fremden den freien Raum zwischen Mars und Jupiter an.
Ein unlösbares Problem, mein Lieber! sagt Pela. Erinnere dich an die Sendung.
Die ganze Zeit über spukt ihm diese Sendung im Kopf herum. Sie war bereits gespeichert, als sie von Astrat zurückkamen.
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Das Wasser des Mars, Klaus Frühauf
ISBN 3-935171-10-2

In sechs Erzählungen gestaltet der Autor Themen der wissenschaftlichen Phantastik aus neuer, origineller Sicht.

Leseprobe:
Der Atem in seinem Helm beginnt an der Scheibe zu kondensieren. Vorsichtig dreht er den Regler ein wenig weiter auf, wartet minutenlang und stellt mit Entsetzen fest, daß die Kälte nicht mehr zu vertreiben ist. Die Batterie ist nahezu leer.
Einen Augenblick lang muß er geschlafen haben. Er erwacht von einer irrsinnigen, schneidenden Kälte. Zugleich aber glaubt er ein Geräusch zu hören, daß nicht in die Totenstille des Mars paßt.
Je mehr er sich auf das Geräusch konzentriert, desto deutlicher wird es. Es klingt wie das Rauschen eines Wasserfalls. Kronert richtet sich langsam auf. Das bereitet ihm unsägliche Qualen. Sein Körper ist starr vor Kälte. Auch nach den ersten Schritten ändert sich das nicht. Überall dort, wo er den Schutzanzug von innen die Haut des Körpers berührt, an den Handgelenken, dem Hals und beim Umdrehen an den Wangen, hat er das Gefühl, in siedendes Wasser getaucht zu werden. Wasser wird, stellt er sarkastisch fest, langsam zu seiner fixen Idee.
Vielleicht ist es auch dieser unsinnige Gedanke an Wasser, der ihn vorwärts treibt. Er denkt nicht daran, tatenlos auf den Tod zu warten.
Das Geräusch ist lauter geworden, und es wird dem Rauschen von großen Wassermassen immer ähnlicher. Natürlich weiß er, daß es auf Mars kein Wasser gibt, keinen einzigen Tropfen, aber das Rauschen ist keine Einbildung, er hört es genau, mit jedem Schritt wird es lauter. Aber er ist schon zu schwach, um vernünftig denken zu können.
Das Terrain wird immer schwieriger. Die abgerundeten Buckel der Felsen bieten den Füßen nur wenig Halt; immer öfter strauchelt er, und er ist froh, es auf die schlechten Bodenverhältnisse schieben zu können.
Und dann öffnet sich vor ihm zwischen zwei eng beieinander stehenden Felsen der Blick in das Tal. Zwar ist es fast dunkel, aber seine Augen haben sich an das schwindende Licht gewöhnt. Er sieht den Wasserfall. Es ist unglaublich, unmöglich: ein Wasserfall auf dem Mars!
Hinter einer grauschwarzen Dunstwand schießt es röhrend zwischen engen Felsen hindurch, ein mächtiger Schwall grauen, quirlenden Wassers. Über eine Breite von mindestens dreißig Metern fällt der Katarakt fast ebenso tief zu Tal.
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Runter bis zur Eselstraße, Kurt Biesalski
ISBN 3-935171-25-0

In Begleitung der attraktiven Dolmetscherin, der liebenswerten Diana Ivanova, aber vermag der Autor, die Gelegenheiten eines auf Touristen eingestellten Landes zu genießen und so zu beschreiben, daß gewiß mehr dabei herauskommt als ein Reiseführer.

Leseprobe:
... Schauen Sie! sage ich und drehe mich schnell um. Aber Frau Ivanova ist eine Dame und dreht sich nicht so schnell um. Da hatte einer eine Pelzmütze auf dem Kopf. Jetzt bei der Wärme eine Pelzmütze!
Ach, das ist nichts Besonderes, sagt Frau Ivanova und winkt mit goldberingter Hand ab. Das sind in Bulgarien alte Leute. Die tragen auch eine nun, wie sagt man Pelzweste. Und wenn man fragt: Ist es nicht zu heiß? Ja, sagen sie dann, es ist heiß. Aber das liegt nicht an der Weste, das liegt an der Sonne. Und wenn man dann sagt, er soll sich die Weste ausziehen, dann sagt er: Das hat nicht viel Zweck. Zum Abend wird es wieder kalt. Das ist so nun, wie sagt man ein Sprichwort bei uns in Bulgarien.
Frau Ivanova hält den Kopf ein wenig zu mir geneigt. Sie hat einen Zug am Mundwinkel, der zeigt, daß sie bereit ist, alles lächelnd zu betrachten. Diana Ivanova ist eine weitgereiste Frau. Sie ist so oft in der Türkei gewesen, daß sie es nicht mehr zu zählen vermag, sie war mehrmals in Griechenland, in Jugoslawien. Frau Ivanova war in Italien, in Frankreich, England, Schweden und so ziemlich in allen Ländern, die zwischen Schweden und Bulgarien liegen. Sie hat die Gelassenheit einer Frau, die viel gesehen hat. Und mich berührt es ange-nehm, daß der Zug an ihrem Mundwinkel sie nicht dazu verleitet, alles einfach zu belächeln. Wenn sie lächelt, ist Wärme darin. Und am Ende spürt man immer, daß sie, die Dame, sich mit einbezieht. Sie gehört dazu. Zu den Bauern mit ihren Pelzmützen, zu den betrügerischen Marktverkäufern, zu den Tablaspielern und zu den Fischern, die mit der Müdigkeit der Vornacht auf Thunfischfang ausfahren und ohne Erfolg heimkehren; zu den kleinen Touristenspekulanten, zu den Zigeunerjungen, die artig ein Glas Bier bestellen, zu den Verkäuferinnen in allen Läden und Warenhäusern, in denen wir waren, und zu den Busfahrern und den jungen Marineoffizieren, die aufgestanden sind und den Leuten ihren Platz überlassen, zu den Kellnerinnen und den Rezeptionsmädchen, zu den Dichtern des Landes, den großen und den kleinen, und zu allen Leuten auf der Straße und wo immer man sie anspricht. Immer habe ich das Gefühl, Frau Ivanova gehört dazu. Ich habe sie nie auffahrend gesehen, und wenn es ihr irgendwo einmal nötig schien, dann ließ sie mich zurück und erledigte es allein.
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Zur Geschichte der Stadt Rostock, Hans Bernitt
ISBN 3-935171-40-4

Hans Bernitt (1899 - 1954), Lehrer und Schriftsteller, ... Lehrbeauftragter für Geschichte an der Universität Rostock.
Nach fast 50 Jahren ist seine Sicht auf Mecklenburgs Geschichte wieder bemerkenswert.

Leseprobe:
DER GROSSE ROSTOCKER STADTBRAND VON 1677
Bei der engen Bauweise unserer Städte wüteten Stadtbrände während des Mittelalters und noch darüber hinaus häufig in geradezu verheerender Weise. Die schlimmste Feuersbrunst, die Rostock vor den englisch-amerikanischen Bombenangriffen des Hitlerkrieges erlebte, ereignete sich am 11. August 1677.
Man hatte damals in der Stadt noch lange nicht die Schäden des Dreißigjährigen Krieges überwunden. Erst allmählich kamen Handel und Wandel wieder in Gang, allerdings ständig stark behindert durch den Schwedenzoll, der vor Warnemünde entrichtet werden mußte. Da brach morgens gegen halb neun Uhr beim Bäcker Joachim Schulze in der Altschmiedestraße Feuer aus. Im Backhaus lagerte viel trockenes Holz. Es geriet durch Unvorsichtigkeit in Glut. Löschwasser stand nur in geringer Menge zur Verfügung. Als die Nachbarn zu Hilfe eilten, schlugen bereits die hellen Flammen aus dem Gebäude heraus. Es war nicht mehr zu retten. Die Funken sprühten durch die Luft und entzündeten die umliegenden Häuser, in deren hinteren Räumlichkeiten die noch ungebrochene Getreideernte lagerte. Bei der Menge des Strohs griff das Feuer mit großer Geschwindigkeit um sich. An Löschgeräten herrschte fast völliger Mangel. Auch mit der Herbeischaffung des Wassers haperte es stark. Denn obwohl die Sturmglocken geläutet wurden, trafen die zur Brandbekämpfung bestimmten Bürger nur spärlich und mit erheblichen Verzögerungen ein. Viele von ihnen befanden sich nämlich nicht mehr zu Hause, sondern gingen schon ihrer Erwerbsarbeit nach.
Dadurch konnte das Feuer immer weiter anschwellen. Bald standen auch die Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Flammen. Kurze Zeit darauf hatte sich das Feuer bereits nach der Wollenweberstraße durchgefressen. Wenig später erstreckte sich das Flammenmeer schon bis an die Molkenbrücke, die über den Wasserarm der Grube führte. Unglücklicherweise kam auch noch ein starker Südostwind auf. Er trieb das Feuer auf den Alten Markt zu. Dort brannte unter anderem die Bröcker-Stiftung nieder. Zwischen Nikolai- und Petrikirche blieben kaum Häuser verschont. An der Grube verbreiteten sich die Flammen nach dem mit starken Mauern versehenen Waisenhaus. Es wurde vernichtet, ebenso die Katharinenkirche, die völlig ausbrannte, und viele Wohnhäuser der Gegend. Schon gegen Mittag standen hier überall nur noch Ruinen. Im-mer weiter fraß sich das Feuer. Ihm fiel auch das Pockenlazarett vor dem Heringstor zum Opfer.
Dann zündeten umherfliegende Funken jenseits des Grubenwas-sers, das bis dahin noch eine Sperre vor die Mittelstadt gelegt hatte. Hier gerieten zuerst die Häuser am unteren Ende der Krämerstraße in Brand. Nicht lange danach saß der rote Hahn schon auf den Gebäuden im oberen Teil der Straße. Damit näherte sich das Feuer schon gefährlich dem Neuen Markte. Es dehnte sich auf Fischbank und Kronenstraße aus, nach der andern Seite zu auf Große und Kleine Mön-chenstraße, Träger- und Koßfelderstraße, Burgwall, Lagerstraße, Am Strande, bis an die Wokrenterstraße. Vor dem Burgwalltor lag in we-nigen Stunden das neuere St.-Jürgen-Spital in Asche. Selbst am Schil-de, An der Hege und am Ortsund brannten Häuser nieder. Größere Mengen Pulver, an mehreren Stellen der vom Brande betroffenen Mittelstadt eingelagert, sowie andere leicht brennbare Stoffe in den Häusern verhalfen dem Feuer zu immer weiterer Ausdehnung. Der Mittelstadtbewohner bemächtigte sich ein fürchterlicher Schrecken. Manche von ihnen flüchteten aus der Stadt, vor allem die Obdachlos-gewordenen, die das Letzte, was sie von ihrer Habe gerettet hatten, mitnahmen.

Der Unglückstag, an dem das Feuer aufging, war ein Sonnabend. Der Stadtbrand währte nicht nur während der Tagesstunden, sondern auch die ganze Nacht hindurch. Erst am Sonntagvormittag, als der Wind umsprang, gelang es, dem Feuer Einhalt zu gebieten. Dadurch rettete man die oberen Häuser des Ortsundes und der Koßfelderstraße, dazu einige Gebäude am Burgwall und an der Lagerstraße. Ebenso konnte von der Marienkirche die Gefahr abgewendet werden. Noch am Sonntagnachmittag waren Rostocker Einwohner beim Wokren-tertor mit Löschen beschäftigt. Dann setzte ein starker Regen ein, der am Montag anhielt. Nun wurde es möglich, die letzten Brandherde zu beseitigen.
Der angerichtete Schaden war ungeheuer groß. Er betraf vor allem den nördlichen und den östlichen Teil der Stadt. Von den rund 2.000 Häusern Rostocks waren etwa 700 vernichtet, dazu eine Anzahl von Wohnkellern. In ganzen Straßenzügen gab es kein einziges heiles Haus mehr. Die Einwohnerzahl, die noch um 1600 etwa 15.000 betragen hatte und schon in der Zeit des großen Krieges geringer geworden war, fiel auf rund 5.000. Hundert Jahre später hatte sie erst wieder 9.000 erreicht. Der Wiederaufbau ging langsam vor sich. Dabei veränderte sich das Stadtbild: an Stelle niedergebrannter Giebelhäuser wurden vielfach Querhäuser errichtet.
Der Geistlichkeit gab das Brandunglück Gelegenheit, Bußpredigten zu halten und drucken zu lassen. Der Magister Sandhagen gab der seinigen den Titel: Bestraffte Haushaltung der Stadt Rostock. Sogar lateinische Reden und deutsche Reimereien erschienen. Zu der letztgenannten Sorte gehörte das Heftchen des Studenten Friedrich Kiene mit der Überschrift: Rostockische Feuersbrunst auff der Rostockischen Schule öffentlich beträhnet. Ein Jahr nach dem Brande veröffentlichte Aegidius von Thienen ein (noch 1749 nachgedrucktes) Gedicht Traurfreudiges Andencken, in dessen schrecklich holprigen Strophen es unter anderem heißt:
Die Bürger so in Rostock leben,
Die musten sich aus Rostock geben,
Und Rostock geben gute Nacht:
Da stund die Stadt in vollen Flammen,
Die Flammen stießen sich zusammen,
Und Rostock ward zur Glut gemacht.
Die Häuser, die gantz hoch gerichtet,
Die wurden in der Eyl zernichtet,
Im Hui lag da Staub, Asch und Stein,
Das Feuer fing so an zu wüten,
Daß man sein Leben muste hüten,
Ihm lassen Hauß und Gut allein.
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Das Mädchen aus Vineta
Heinz-Jürgen Zierke
ISBN 3-89954-134-0

Mit Illustrationen von Gerhard Vontra

Vineta. Welch eine Faszination geht von der alten Sage aus! Wissenschaftler streiten bis heute um die Lage des Ortes, der einst einer der größten Handelsplätze Europas gewesen sein soll: Wollin, Koserow, Barth
Dabei brauchte man nur zu fragen, haben doch die Vineter das Mädchen Anda in unsere Zeit geschickt, um zu erfahren, ob die Menschen reif und willens sind, die verfemte Stadt zu erlösen und in die Gesellschaft der Heutigen aufzunehmen.

Leseprobe:
Melas' Gesicht blieb düster. Lohnt sich denn die Hoffnung auf Erlösung? Ist der Preis, den wir zahlen, nicht zu hoch?
Betroffen starrten die Ratsherrn auf die eichene Tischplatte. Jonak spitzte die Lippen. Melas meint sich selbst, überlegte er, seine Hoffnung, seinen Preis, seine Tochter. Und er wünschte dieser alles Unheil an den Hals, ein hitziges Fieber, Leib- und Knochenbrüche oder ärgeres. Melas würde den Unfall nicht verwinden. Der Weg zum Amt würde frei.
Ich frage euch: Sind die Menschen reif, uns zu erlösen? Es heißt: Wenn sie erkennen, was wir nie begreifen wollten, daß Geld nicht Gott ist und Gut nicht Güte, erst dann wird Vineta auferstehen. Keinem, der je oben war, kann entgangen sein, noch juckt den Menschen die Hand, wenn Gold und Silber zu gewinnen sind. Noch schlägt der Bruder den Bruder tot für eine Handvoll Scheine, die für Münzen gelten. Es wird noch lange, lange dauern, bis Vinetas Äpfel im ungetrübten Glanz der Sonne reifen. Mein Kind, mein armes Kind!
Vielleicht dachte manch einer der Ratsbrüder ähnlich, doch keiner gestand es ein. Sie pflichteten nicköpfend Nawratil bei: Vergessen wir nicht den Ruf des Kastens, die Stimme, die Erlösung verhieß!
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Lautlos im Orbit (SF), Klaus Frühauf
ISBN 3-935171-19-6

Captain Philipp McBruns, Forschungsoffizier an Bord der Raumstation Odin, ist ein Mann, der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat. Nur noch ferne Erinnerungen sind die Kindheitstage in dem kleinen irischen Dorf, die gefährlichen Streifzüge ins englische Armeegelände und die erste Liebe zu Sandy, der Nachbarstochter. Seit jener gräßlichen Nacht, in der ein Toter auf der einsamen Landstraße lag, ist er ruhelos durch die Welt geirrt. Doch nun endlich ist er am Ziel an Bord der Orbitalstation Odin ...

Leseprobe:
Sie enttäuschen mich, Captain Newman. Weil Sie ein für Schwächlinge typisches Argument benutzen. Befehlsnotstand! Bedeutet das nicht, daß Sie den Befehl für falsch oder überflüssig hielten und Ihren Anteil an der Ausführung nur aus Gründen der Disziplin leisteten?
Nein, Sir!
Erklären Sie mir das, bitte!
Das eine schließt das andere nicht aus, Sir.
Morris atmet fauchend aus. Verstehe ich nicht. Sie vielleicht, McBruns?
Ich glaube schon, Sir!
Setzen Sie sich endlich, Newman! Und Sie erklären mir die Zusammenhänge, McBruns!
Ganz einfach, Sir. Der Sinn eigener moralischer Wertungen ist im Bereich des Militärs erheblich eingeschränkt. Schließlich ist die Deformation oder Aufhebung individueller Moralkategorien eine der Grundaufgaben der Ausbildung. Ein guter Soldat soll nicht denken müssen, bevor er handelt, er soll automatisch funktionieren. Die moralische Wertung eines Befehls würde dessen Ausführung in Frage stellen. Zumindest aber verzögern. Sie ist also schädlich.
Nun ergibt sich aber andererseits aus der Tatsache, daß ein Soldat keine moralischen Maßstäbe anlegen darf, sein Recht, von einem Befehlsnotstand zu sprechen. Auch dann, wenn ihm der Gedanke, damit sein Gewissen entlasten zu können, überhaupt nicht gekommen ist, weil er sich nichts vorzustellen vermag, was es belasten könnte. Dieser Fakt existiert unabhängig von seiner Einstellung zu den Dingen, er existiert gewissermaßen in absoluter Form. Denn dies alles hat nicht das geringste damit zu tun, ob er den Befehl später, nachdem er Gelegenheit zu eingehender Überlegung und damit verbundener Wertung hatte, für gut, schlecht, notwendig oder auch amoralisch hält.
Gerade das System der Automatisierung von Handlungen ist es ja, was einen Einfluß individueller Wertungen auf die militärische Praxis verhindert ...
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Das verhängnisvolle Experiment (SF)
Klaus Frühauf

ISBN 3-935171-18-8

Das ist der erste Einsatz für Peter Mankov nach dem Absturz über Orechowka und dem qualvollen langen Genesungsprozeß: die Leitung einer Expedition zum fernen Planeten Procyon 4, wo ein Raumschiff verschollen ist ...

Leseprobe:
Sag das noch mal! forderte Mankov.
Ich meine, daß wir sie in Ruhe lassen sollten, versuchte er abzuschwächen. Sie haben ihre Probleme, und wir haben die unseren. Wer weiß, ob wir sie jemals begreifen werden! Er spürte, daß seine Gedanken in einem zähen Brei zu versinken drohten. Ich weiß nicht, ob sich einander fremde Zivilisationen überhaupt verstehen können. Vielleicht ist das alles Unsinn.
Aber was redest du da, Vamos. Aus Peters Worten klang Bestürzung.
Versteh doch, Peter! Sie sind so anders als wir, sind uns so fremd, daß wir sie, ohne uns ernsthaft Rechenschaft abzulegen, als Bestien bezeichnen. Wir hassen sie, ohne sie zu kennen. Und wahrscheinlich hassen auch sie uns. Ich befürchte, daß sich dieser Haß noch steigern wird, immer weiter steigern, bis er jedes vernünftige Argument hinwegschwemmt. Haß ist etwas
Er sah in Gedanken wieder den bleigrauen Ozean vor sich und das zwischen treibenden Leichen auftauchende T-Schiff, Todessaat versprühend, und er sah die Bombenpilze und die Lasersatelliten, die sich mit ihren sengenden Fächern an der brennenden Erde festsaugten, und er sah die Toten und das Blut.
Man sollte um jeden belebten Planeten eine verbotene Sphäre legen, sollte ihn isolieren. In einen Gärungsprozeß darf man nicht eingreifen. Ich erinnere mich, daß wir zu Hause, als ich noch ein Kind war, Wein angesetzt haben. Wißt ihr, daß Wein ungenießbar wird, wenn man ihm keine Ruhe gönnt, wenn man ihn hindert, zu sich selbst zu finden?
Vamos Yahiro! Hör endlich auf!
Die Erde, Peter! Wir gehören auf die Erde. Glaub mir, sie brauchen uns dort. Laß uns umkehren, Peter!
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Am Rande wohnen die Wilden (SF)
Klaus Frühauf,

ISBN 3-935171-09-9

Seit langer Zeit haben die Mornen auf ihrem Heimatplaneten Tiere und Pflanzen als unberechenbare Faktoren aus ihrem Dasein verbannt. Ein glatter Kunststoff überzieht die Landschaft, tiefe Schächte spenden Sauerstoff, bizarre Kristallkaskaden ersetzen Bäume und Sträucher ... Doch da bringen eines Tages Fernsonden die unglaubliche Kunde, daß am Rande der Galaxis bei einer überheißen Sonne ein blauschimmernder Planet existiert, auf dem hochentwickelte, intelligente Bewohner, aber auch riesige Pflanzenherden, eine artenreiche Fauna und unzählige Bakterien miteinander leben.

Leseprobe:
Die zur Auswertung zurückgekommene Sonde hatte Wohnwaben entdeckt. Aber was für Wohnwaben waren das? Sie bestanden aus einem schwer zu verarbeitenden mineralischen Stoff, dessen ungünstige Verformbarkeit auch für die zerklüftete äußere Form der Unterkünfte verantwortlich zu sein schien. Sie glichen Insektenbauten, wie sie den Mornen von einigen Planeten der Zentrallinse bekannt waren, natürlichen Gesetzen unterworfenen Zufallsformen. Leider waren die Bewohner infolge des erheblichen Abstandes nicht einwandfrei auszumachen. Trotzdem hatte die Sonde ermittelt, daß sie Apparate benutzten, mit denen sie sowohl im Orbit des Planeten wie auch in seiner nächsten Umgebung zaghaft zu schwärmen suchten.
Im Widerspruch dazu standen allerdings die Verbindungswege, die die Bewohner offensichtlich angelegt hatten, um schneller von einem Wohnzentrum zum anderen zu gelangen. Diese Straßen, die er zuerst für Barrieren, die die Pflanzenherden einzudämmen suchten, gehalten hatte, wurden erst bei näherer Betrachtung als das erkennbar, was sie waren, als Fahrspuren für die verschiedensten Fortbewegungsmittel, die eigentlich darauf hindeuteten, daß der Verkehr noch absolut planetengebunden vor sich ging. Es war eine Welt voller Widersprüche, und er fühlte, daß sehr viel Geduld und Einfühlungsvermögen erforderlich sein würden, sollten die Mornen jemals in diesen Bereich der Galaxis vorstoßen und mit dieser Intelligenz Verbindung aufnehmen.
Der Bericht endete mit einem kurzen Report über den Rückflug. Faunian ließ die Eindrücke noch einige Augenblicke auf sich wirken, und er hätte nicht behaupten können, daß es erfreuliche Gedanken waren, die ihm durch den Kopf gingen.
Erst jetzt wurde er sich darüber klar, daß die Bewohner dieses Planeten offensichtlich mit den verschiedensten Tieren in einer Gemeinschaft lebten. Ihm erschien schon der Gedanke daran absurd, aber es war kaum daran zu zweifeln, die undurchdringlichen Pflanzenherden bargen vielleicht die Urväter derer, die heute in den eigentümlichen Wohnwaben dieses Planeten lebten.
Er richtete sich auf, als er spürte, daß in die Mornen im Saal Bewegung gekommen war. Pritt hatte anscheinend eine Mitteilung gemacht, die Erstaunen ausgelöst hatte. Und dann traute Faunian seinem eigenen Emitternetz nicht, die Gruppe Bio-Galax hatte sich tatsächlich entschlossen, die nächste Expedition nicht, wie geplant, bis an den Rand der Zentrallinse, sondern weit darüber hinaus, eben bis in den Bereich der gelben Sonne vorstoßen zu lassen. Er hatte es befürchtet. Im übrigen stellte man es dem vorgesehenen Leiter der Expedition, Faunian zwölf, anheim, ob er die Gruppe übernehmen oder unter den veränderten Umständen ihre Leitung ablehnen würde.
Faunian fuhr auf. Das konnte nicht sein! Ausgerechnet er sollte das Unglück haben, eine Expedition zu leiten, der man die Aufgabe stellte, mit den schwärmenden Wilden Kontakt aufzunehmen.
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Genion (SF), Klaus Frühauf
ISBN 3-935171-16-1

Als der Berliner Genetiker Günther Bachmann ein Fernschreiben aus Marseille erhält, das von dem Fund einer "absonderlichen Leiche" berichtet, und die französische Polizei ihn bittet, bei der Klärung des Sachverhaltes zu helfen, steigen die  folgenschweren Ereignisse wieder in ihm auf ...

Leseprobe:
Kandler legte Isabell die Hände auf die Schultern. Es war eine Geste, die Besitzansprüche andeutete. Dann zeigte er auf das undefinierbare Lebewesen. "Die Natur wollte aus diesem Ding eigentlich ein Kaninchen machen. Na, und wennschon. In seiner jetzigen Gestalt ist es uns wesentlich lieber. Ist es doch der Beweis, daß künstlich hervorgerufene Mutationen nicht in jedem Fall zu absolut negativen Erscheinungen führen müssen. Wir haben den richtigen Weg gefunden."
Immer noch lagen Kandlers Hände auf Isabells Schultern. Aber Günther empfand kaum noch Verdruß darüber. Was auch hätte er dagegen unternehmen sollen, ohne sich lächerlich zu machen? Seine Gedanken gingen ganz andere Wege. Dieses Ding stammte also von einem Kaninchen ab, und nach den Naturgesetzen hätte es auch ein Kaninchen werden sollen. Der Mensch hatte ein Monstrum daraus gemacht, ein häßliches, wolliges Ding, das zu nichts nütze war, das nur lebte und das doch auf entsetzliche Weise tot war. "Schrecklich!" sagte er leise. "Und wie ist es dazu gekommen?"
"Durch den Einfluß schnell wechselnder Felder auf die Chromosomen der mütterlichen Geschlechtszellen, durch Manipulation der genetischen Sequenzen also." Isabell schien erleichtert, daß sie Gelegenheit fand, sich einzuschalten. Vielleicht spürte sie die Spannung, die sich im Labor auszubreiten begann.
Kandler nahm die Hände von ihren Schultern und hob sie zu großer Geste. "Der erste Schritt, mein Lieber", sagte er. "Wir werden die Genetik revolutionieren. Bereits der erste Versuch hat zu einer Form geführt, die alle Voraussetzungen mit sich bringt, industriell produziert zu werden, findest du nicht?"
Günther war nicht in der Stimmung, darüber zu debattieren, ob dieses Kaninchen effektiver zu produzieren war als ein Rind oder ein Schwein. Ihn schockierte auch nicht dieses Lebewesen an sich, sondern der Gedanke, hier könne es sich um ein Zufallsprodukt handeln, dessen auslösende Faktoren nach wie vor im Dunkeln lagen. "Ob sich Darwin freuen würde?" fragte er vorwurfsvoll.
"Darwin, Darwin!" äffte Kandler nach. "Wir korrigieren Darwin nicht erst seit gestern. Immerhin lebte er vor mehr als hundert Jahren."
"Ich lehne es nicht ab, die Darwinsche Lehre weiterzuentwickeln, meinetwegen auch zu korrigieren. Aber doch nicht in dieser Weise." Günther deutete auf das Versuchsprodukt.
Kandler hielt den Kopf schief. Es sah aus, als lausche er nicht so sehr den Worten wie dem Ton nach. "Was meinst du damit?"
"Ich meine, daß dies ein Monstrum ist."
Der andere blies die Backen auf. "Das, mein Lieber, ist eine Frage des Standpunktes. Alle Mutationen sind Abweichungen von der Norm."
Plötzlich wußte Günther, daß Kandler auszuweichen suchte. Und langsam kam ihm die Erkenntnis, daß er selbst mit dem Ergebnis seiner Versuche nicht zufrieden war. Vielleicht hatte er mit ganz anderem gerechnet als mit diesem Monstrum da.
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Das fremde Hirn (SF), Klaus Frühauf
ISBN 3-935171-17-X

In vierzehn Geschichten fassen Menschen wichtige Entschlüsse, machen sie aufsehenerregende Entdeckungen, stößt ihnen Merkwürdiges zu, und jedesmal sind ihre Erlebnisse auf irgendeine Art mit neuen biowissenschaftlichen Erkenntnissen verknüpft. Hirnoperation, Hirntransplantation, Klonierung und Vererbung, die Züchtung von Purahumanoiden und Tierpflanzen, der Kontakt mit außerirdischen Lebensformen ...

Leseprobe:
Das Verhalten dieses Kindes versetzte mich in eine solche Unruhe, daß ich stundenlang über sein seltsames Verhalten grübelte. Ich versuchte immer wieder Gründe zu finden, aber ich vermochte nicht einmal die Spur eines Zusammenhangs zu entdecken. Hinzu kam, daß sich diese anormalen Handlungen im Laufe der Zeit zu verstärken schienen. Ich konnte beobachten, daß sich die Spanne von der Kontaktaufnahme bis zum Ausbruch der Aggressionsphase immer weiter verkürzte. Zwei Gründe konnte ich mir dafür vorstellen. Entweder steigerte sich die Intensität der Verhaltensstörung, oder aber die anderen Schüler hatten den Auslöser der Aggressionen entdeckt und wandten ihn nun bewußt immer häufiger an.
Mein Interesse an diesem seltsamen Kind wurde schließlich so stark, daß ich jede Gelegenheit nutzte, am Zaun des Schulhofes entlangzugehen, wenn die Schüler sich zur Pause draußen auf dem Hof befanden. An einem dieser Tage wurde ich schließlich mit einer solch schockierenden Verhaltensweise des Mädchens konfrontiert, daß ich beschloß, mir endgültig Klarheit zu verschaffen.
Das Kind stand am Zaun, einem fast zwei Meter hohen Drahtgeflecht, wie man es auch für Volieren und Gartenbegrenzungen verwendet, und schien sich intensiv mit einem kleinen bunten Stoffbündel zu beschäftigen. Es war derart in seine Tätigkeit vertieft, daß es weder auf das Treiben der anderen Schüler noch auf mein Näherkommen achtete.
Als ich nahe genug an die Kleine herangekommen war, bemerkte ich, daß ihr Gesicht in ohnmächtigem Zorn verzogen war. Die Lippen waren fest zusammengebissen und die Brauen gerunzelt, auf den Wangen brannten hektischrote Flecke. Das Bündel Stoff war eine kleine Puppe, deren Kopf das Kind zwischen den Draht des Zaunes geklemmt hatte. Das Mädchen drehte und zerrte an dem Körper der Puppe, offenbar in der Absicht, den Kopf abzureißen. Als ihr das nicht sofort gelang, steigerte sich ihr Zorn in ohnmächtige Wut. Sie keuchte heftig und stieß hin und wieder schrille Schreie aus. Schließlich hielt sie den Körper der Puppe in der Hand, und der unförmige Kopf, ein bemaltes Stoffknäuel, fiel außerhalb des Zaunes zu Boden.
War ich bereits erschrocken über die vermeintliche Zerstörungswut des Kindes, der Triumph, der das kleine Gesicht plötzlich aufhellte, als das Zerstörungswerk getan war, traf mich noch tiefer. Und plötzlich wußte ich, wobei ich hier Zeuge geworden war. Dieses hübsche blonde Mädchen hatte soeben einen Mord begangen, einen gemeinen, wohlüberlegten Mord an ihrer Puppe.
Ich hob den Kopf, aus dem Wolle und Flicken quollen, auf, und als ich mich aufrichtete, sah ich, daß mich die Kleine mit Interesse musterte.
"Weshalb hast du das getan?" fragte ich. Ich sprach leise, da mir die Ungeheuerlichkeit des Vorgangs den Atem benommen hatte.
Das Mädchen blickte mich an mit blauen, kindlichen Augen, über denen die Brauen noch immer gerunzelt waren. "Weil ..., weil ...", sagte es. Mehr nicht. Und die Augen füllten sich langsam mit Tränen.
"Was hat dir denn diese Puppe Schlimmes getan?" forschte ich weiter, und ich bemühte mich, mir meine Bewegung nicht anmerken zu lassen.
"Weil ..., weil ...", wiederholte das Mädchen. Und dann plötzlich kam der Zorn in die blauen Augen zurück. "Weil sie eine Mutter hatte", schrie sie schließlich und wandte sich ab.
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Mutanten auf Andromeda (SF)
Klaus Frühauf
ISBN 3-935171-08-0

Der Sprung des Raumschiffes in eine andere Galaxis ist gelungen. Unter einer grauen Wolkendecke liegt der Planet, die vermeintliche Quelle der verstümmelten Signale. Doch dann geschieht das Unbegreifliche.

Leseprobe:
Im niedrigen, festgetretenen Gras lag seltsam verkrümmt eine langgestreckte Gestalt, deren äußere Form etwas erschreckend Menschliches hatte. Beide fühlten im Bruchteil einer Sekunde, daß sie hier vor der Leiche eines der Wesen standen, die die Herren dieses Planeten waren. Es dauerte lange, ehe sie sich dazu entschließen konnten, mit dem Ausstieg zu beginnen. Das, was sie aus der Entfernung von nur wenigen Metern, vom Gras halb freigegeben, sehen konnten, übertraf an Fremdartigkeit alles bisher Dagewesene.
Diesmal war es Wilden, der sich zuerst entschloß. "Wir müssen sie doch irgendwann einmal ansehen, Grit. Vielleicht ist es für uns so einfacher, als wenn wir einem von ihnen unverhofft lebend begegnen würden. Wir mußten als Raumfahrer jederzeit damit rechnen, fremden Lebewesen zu begegnen, deren Aussehen unseren Vorstellungen zuwiderläuft. Dabei scheint mir dieses Wesen unverkennbar menschliche Formen zu besitzen. Steigen wir also aus."
Das, was er sagte, klang vernünftig, dennoch war sein Ton unsicher. Die Biologin sah Wilden von der Seite an. "Natürlich hast du recht, Klaus. Aber gerade die Tatsache, daß dieses Wesen uns irgendwie ähnlich ist, macht mich betroffen. Wäre es ein Molch oder eine Spinne, ich würde keinen Moment zögern, eine Kontaktaufnahme zu versuchen, aber so ..."
Wieder war es Korojew, der versuchte, ihnen Sicherheit zu geben. "Ihr müßt aussteigen. Es ist eine einmalige Gelegenheit, mehr über diese Menschen zu erfahren. Außerdem müssen wir unsere natürlichen Aversionen gegenüber Fremden überwinden. Jetzt besteht die Möglichkeit, sich an den Anblick zu gewöhnen. "Faßt euch meinetwegen an den Händen", setzte er mit einem leisen Lachen hinzu.
Die wenigen Schritte bis zu der im Gras liegenden Gestalt gingen die zwei sehr langsam. Es hatte den Anschein, als wollten sie die Begegnung möglichst lange hinauszögern. So war es auch nicht verwunderlich, daß sich Klaus Wilden gern von den beiden in unmittelbarer Nähe der regungslosen Gestalt liegenden silbrigen, länglichen Gegenstände ablenken ließ. Vorsichtig berührte er eine der Säulen mit dem Fuß und beugte sich dann hinab, um sie näher in Augenschein zu nehmen. Als er sich aufrichtete, war sein Gesichtsausdruck verblüfft.
"Grit", murmelte er, "sieh dir das bitte an! Wofür hältst du das?"
Die Biologin faßte langsam mit beiden Händen die metallene Schale, an der die beiden schlanken Säulen befestigt waren, und stellte sie senkrecht. "Das ist der silberne Unterkörper der Wesen, die mit ihren Handstrahlern unsere Landerakete angegriffen haben. Er ist ein Teil für sich. Es ist eine Art mechanischer Laufapparat. Das sind ..."
"... die Beine dieser Menschen. Sie sind aus Metall." Aus den Kopfhörern klang die erregte, aber leise Diskussion der Freunde aus dem Disco. Korojew schien die Entdeckung der beiden für unmöglich zu halten oder doch zumindest die Schlußfolgerung, die sie daraus gezogen hatten. "Wie sollen diese Menschen, die nach unseren bisherigen Erfahrungen noch keinen hohen Entwicklungsstand erreicht haben, zu derartigen Mechanismen kommen?"
Klaus Wilden verteidigte die Meinung der Biologin energisch. Grit, die einen Augenblick verblüfft war über die Energie, mit der der junge Ingenieur ihre Theorie vertrat, ging zu dem stillen braunbehaarten Wesen hinüber. Sie hatte keine Furcht und keine Aversionen mehr. Sie hatte einen Gedanken, der immer mehr Gestalt annahm. Noch war sie sich selbst nicht ganz im klaren, worauf das alles hinauslief, aber sie fühlte, daß hier vielmehr Hilfe vonnöten war als Abwehr. Sie vernahm Wildens erregte Stimme in ihren Hörern. "Es handelt sich um eine halbkugelige Schale, die in ihrem Innern zwei Aussparungen enthält. Unten sind zwei Stützen beweglich angebracht, die in ihrer Form fast genau unseren Beinen entsprechen. Sie wiederum tragen an ihrem unteren Ende Füße mit drei Zehen. Das alles ist durch Gelenke miteinander verbunden, die genau an den Stellen liegen wie bei uns Menschen."
Korojews Einwände schienen leiser geworden zu sein. "Aber das bedeutet doch, daß es sich um ein steuerbares System handeln muß. Wenn es eine feste Stütze wäre, würde ich das ohne weiteres glauben, aber ein vollständiger Unterkörper ..."
"Du wirst es glauben müssen", murmelte die Biologin, die den vor ihr liegenden Körper betrachtete.
"Aber das würde bedeuten, daß sie keine Beine haben." Wilden war neben die Biologin getreten. "Genauso ist es, Ants. Sie haben keine Beine. Sie haben künstliche Stelzen." Dann tastete er die Verbindung zum Disco aus. Er war so erregt, daß er fürchtete, Korojew könne ihm anmerken, wie ihm das, was er hier sah, naheging.
Der Rumpf des vor ihm liegenden Wesens war an seinem unteren Ende fast rund, und dort standen sinnlos zwei kurze, mit Zehen versehene Stummel ab, die offensichtlich genau in die Aussparungen der Schale paßten. Sie sahen aus wie die Flossen einer Robbe.
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Der Hauptgewinn,  Kurt Biesalski
(Neuerscheinung)
ISBN 3-935171-13-7

Als stiller Beobachter hat der Autor die Zeitenläufe der jüngeren Vergangenheit zu Buche gebracht. Es waren nicht nur komische, es waren auch tragische Momente, die mit der "Wende" über die einfachen Leute im deutschen Osten kamen und ihr Leben veränderten.

Leseprobe:
Bald sahen sie vorn zwei rote Punkte - die Rücklichter eines Fahrzeugs. "Noch einer, der rüber will", brummte Fritz Jesup. Sie fuhren eine Weile hinter den Lichtern her, rückten langsam auf, und dann näherte sich ihnen von hinten ein weiteres Fahrzeug. Etwas später entdeckten sie in einer Kurve vorn weitere Rücklichter vor dem vorderen Fahrzeug - sie fuhren in einem Konvoi. "Zum Grenzübergang hin kommen sie von allen Seiten zusammen", meinte Fritz Jesup, "es wird dicht werden." Und als Regine sich in einer langgeschwungenen Biegung einmal umschaute, sah sie viele Lichter hinter sich. Sie waren also mittendrin.
Das macht nichts! dachte Regine. Es wird schon alles gut werden! Sie hatte gehört, daß es einige Umstände zu überwinden galt, bis man an das Begrüßungsgeld kam. Am Ende aber hatten alle ihre hundert Mark empfangen. Und so würde es auch ihr ergehen.
"Was machst du dann mit dem Reichtum?", fragte Fitz Jesup und fügte gleich hinzu: "Du solltest dir etwas dafür kaufen." Und Regine dachte, daß er wohl glaube, sie würde das Geld ihrem Sohn geben, und kam sich dabei ein bißchen entblößt vor.
"Ausgeben wollte ich es eigentlich nicht", entgegnete sie.
"Wir geben es aus", sagte Inge Jesup. Sie bewegte ihren Nacken dabei um keine Nuance. "Für zweihundert Mark kann man sich schon etwas Schönes leisten - eine Küchenmaschine oder ein kleines Radio oder eine Stehlampe ..."
"Wo die das viele Geld bloß hernehmen!" wunderte sich Fritz Jesup. "Sechzehn Millionen Menschen fahren jetzt rüber, und jeder kriegt hundert Mark ...!" Und nach einer Weile, während sie darüber nachgedacht hatten, fügte er noch hinzu: "Und jeder kauft sich dafür irgendwelchen Ramsch und läßt das Geld gleich wieder da. Sechzehnmillionen mal hundert Mark - wieviel ist das eigentlich?"
"Sag nicht, daß das Ramsch ist!" entgegnete Inge. "Das sind alles ganz wunderbare Sachen! Die haben wir die ganze Zeit nicht gekriegt. Oder konntest du dir hier vielleicht eine ordentliche Mikrowelle kaufen! - Findest du das nicht auch?" Die Frage war an Regine gerichtet.
Regine zögerte lange mit der Antwort. "Meine Wohnung ist für all soetwas zu klein", sagte sie endlich.
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Der kleine Mann, Kurt Biesalski
ISBN 3-935171-15-3

Seine Welt sind sieben elternlose Kinder. Im Krieg hat er sie auf seinem LKW gefahren. Er hat sie gewickelt, beschützt und genährt und oben auf dem LKW alle auf seinen Namen getauft. Nun aber sind sie groß ...

Leseprobe:
Die Schwester stand umgeben von Kinderbetten. Eine kleine Insel aus lackiertem Holz und weißem Bettzeug auf dem Bürgersteig. In den Betten lagen Säuglinge. Sie lagen quer, drei oder vier nebeneinander und dann mit einem Deckbett zugedeckt. Eine seltsame Insel dort im Straßenstaub. Und die Hilfsschwester im grauen Mantel stand geduldig. Ein LKW sollte kommen, doch er kam nicht.
Die Kinder schrien. Ihre Gesichter waren hochrot. Mäuler so groß wie Tennisbälle. Das Schreien war in dem Lärm der Kolonnen nicht zu hören. Gelegentlich sah die Schwester in eins der Betten hinein; dann zupfte sie ein Deckbett zurecht, ein Kissen und richtete sich wieder auf zur Straße. Ein LKW sollte kommen.
Und dann kam er. Einer aus der Fahrzeugkolonne hielt vor ihr, und der Fahrer stieg aus. Er trug eine Matrosenuniform. Dazu auf dem Kopf einen Stahlhelm und um den Leib ein Koppel mit feldmäßigem Zubehör. Er stieg aus und trat zu den Kinderbetten, ohne ein Wort zu sagen. Er war klein, ziemlich klein. Und wie er sich so über die Betten beugte, wie er von Bett zu Bett ging und über Eck das Geländer faßte, da sah sie, daß er zu lange Arme hatte. Er stützte sich auf und sah lange hinein. Dann wandte er sich zu ihr um.
"Und die soll ich fahren?"
Seine Augen blickten sie ungläubig an, wie erschrockene kleine Sternchen. Sein Gesicht hatte starke Jochbögen. Die Schwester hob die Schultern, als wollte sie sagen, daß sie nichts dafür könne.

Hinten knatterte die Plane. Wenn sie schneller fuhren, wurde das Knattern lauter. Wenn sie langsam fuhren, blieb die Plane still, und sie hörten die Kinder schreien. Manchmal blieben sie stehen. Vor ihnen hielten die Fahrzeuge. Dann stellte der Fahrer den Motor ab.
"Ich muß Sprit sparen", sagte er.
Anfangs horchten sie ununterbrochen nach hinten. Es fraß an den Nerven. Sie waren beide blaß und still. Später machten sie einander aufmerksam, wenn eins von den Kindern besonders schrie. Dann nickte er mit dem Kopf zurück, als ob er darauf hinweisen wollte, und die Schwester lächelte einen Atemstoß lang. Am besten aber war es, wenn sie ein paar hundert Meter schnell fahren konnten und die Plane im Fahrtwind klatschte und knatterte. Dann ging das Schreien darin unter, und sie waren von ihm befreit und fühlten sich beinahe wohl. Sie mußten ja fahren. Das wußten sie.
"Wieviel Sprit haben wir denn?" fragte die Schwester.
"Es geht", sagte der Fahrer, "so für zweihundert, dreihundert Kilometer."
"Reicht das bis ins Rheinland?"
"Ins Rheinland!" der Fahrer lachte entzückt. "Was willst du denn im Rheinland, Mädchen? Da ist doch schon der Ami!"
"Ich soll die Kinder dort hinbringen", sagte sie. "Da warten sie auf uns."
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Duell, Kurt Biesalski
ISBN 3-935171-14-5

Da muß ein Mann des 20. Jahrhunderts zweimal in seinem Leben ein Duell bestehen, von Mann zu Mann, um eine Frau.
Dieser Roman beeindruckt durch die Größe seiner Hauptgestalt und durch die novellistische Zuspitzung auf eine äußerste Entscheidungssituation.

Leseprobe:
Ich habe es nicht gewollt, dachte der Heimkehrer Robert Niemann. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Das war eine Art Traum, und er war noch irgendwo im Lazarett oder im Lager. Wenn er aufwachte, würde er sagen: Gott sei Dank, das war nur ein Traum! Sie würden eine Pause machen, irgendwo im Wald bei der Arbeit, und er würde zu seinem Kameraden sagen: Da habe ich heute nacht einen Blödsinn zusammengeträumt! Das gibt es ja gar nicht, daß man sechs Jahre lang auf einen Tag wartet, und im letzten Moment klopft einem der beste Kamerad auf die Schulter und sagt: Schnickschnack - deine Frau ist meine Frau, geh in den Wald und stirb! Das war unmöglich. Das gab es nur im Traum.
Er bemühte sich wirklich, munter zu werden; er versuchte durch die dünne Decke des letzten Morgenschlafs hindurchzukommen und sich zu vergewissern, daß er nur geträumt habe. Aber sosehr er sich auch mühte - da war kein Morgenschlaf, da war kein Traum. Er ging tatsächlich durch einen Wald, Schritt für Schritt, und bei jedem Aufsetzen des Fußes konnte er sterben. Aber es war doch nicht möglich, daß er wegen eines solchen Zufalls so einfach sein Leben verlieren sollte. Eines Zufalls wegen, den ihm dieser Kerl dort wie einen Knüppel zwischen die Beine geschleudert hatte. War das nicht allerbitterster Hohn? Und was war das für ein Kamerad? Einziger Kamerad auf dem langen Weg nach Hause und verheiratet mit der Frau. Und sagt das fünf Minuten, bevor man sie in die Arme nehmen will. Er mußte ihn hassen, er mußte ganz kühl sein und ihn einfach hassen! Er durfte jetzt nur an sich denken. Und er wünschte sich, einen Karabiner in den Händen zu haben, er würde auf ihn anlegen und abdrücken. Alles wäre erledigt. Kein Mensch würde etwas merken. Er würde den Karabiner hinwerfen und nach Hause gehen. Alles wäre vorbei ...
Er biß die Zähne zusammen. Ja, er mußte durch diesen Wald hindurch, komme, was da wolle! Er mußte hindurch, denn er wollte nach Hause. Hier gab es nur ihn, hier gab es keine Kameradschaft mehr, nur ihn und sein Recht. Der andere hatte es so gewollt. - Er hatte schon vieles geschafft, warum sollte er nicht auch dies noch schaffen? Er mußte nur klüger sein als der andere. Vor allem mußte er aufhören, so sinnlos vor sich hin zu tapsen. Er mußte einen Augenblick stehenbleiben und sich sammeln. Denn das blinde Dahingetrotte war der sichere Tod.
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Westindienfahrer,
eine Seeräuberballade

Ulrich Frohriep
ISBN 3-935171-02-1

Die von dem Kriminalschriftsteller in den 80er Jahren geschriebene Seeräuberballade schließt:
"Es gibt keine Zuflucht. Der Krieg dauert an."

Leseprobe:
Was willst du hier, fragte er, was willst du hier auf dem Schiff? Willst du Geld? Hier hast du was! Und er öffnete die Schatulle und warf mir eine Handvoll Geldstücke zu. Ich lachte und hob das Geld auf. Ich lächelte ihn an, denn ich sah, wie er immer noch Angst hatte. Ich faßte ihn an, ganz sacht. Ich nahm ihm die Schatulle aus der Hand, ich legte sie hin auf die Segel. Ich streichelte seinen Arm, er zitterte wie gehetzt. Wer bist du, fragte er, wer schickt dich? Und dann sagte er: Du darfst mich nicht anfassen. Ich faßte ihn trotzdem an. Er schielte nach der Geldkiste, aber ich machte mich heftiger über ihn her. Aber er wollte nicht so recht. Ich bin einiges gewöhnt, aber daß mich einer, nüchtern!, zurückweist? Das kann ja noch kommen, auch ich bleibe nicht ewig jung. Aber, was soll ich sagen, nein, das war mir doch komisch. Er wollte nicht, aber ich glaube eher, er konnte nicht. Wie auch immer, mein Herr, ich habe mir mein Geld redlich verdient. Bis hier schon. Wenn auch ohne Ergebnis, das ist wahr. Aber nun kam es erst, das Eigentliche, das Finstere, das Schuftige. Das polterte kurz übers Oberdeck, den Niedergang herunter, stellte sich um uns herum, übersah die Situation und lachte. Nun, soweit machte mir das nichts, aber dann griffen sie nach mir, nach mir, mein Herr, der ich hier, dort, immerhin meine Pflicht tat, will sagen, meiner Arbeit nachging, man muß leben. Sie lachten also, zogen uns aus, beide, banden uns zusammen mit festen Stricken, Brust an Brust, Bauch an Bauch, jawohl, zerdrückten ein paar von diesen Hagebutten und ließen uns liegen. Nahmen natürlich die Schatulle mit, auch das Geld, das mir gehörte. Ich muß allerdings gestehen, sie haben es mir später wiedergegeben, es war also nur ein Scherz. Aber Sie können sich denken, wie das gejuckt hat, da schon, Haut an Haut. Und der Junge lag nicht still. Schupperte und scheuerte und rieb mir den Bauch auf. Und plötzlich, siehe da, das heißt, sehen konnte ich es ja nicht, das Ding, aber ich fühlte es wachsen. Auf einmal konnte er und wollte er. ...
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Das grüne Ungeheuer, Wolfgang Schreyer
ISBN 3-935171-28-5

Der Abenteuer-Autor Wolfgang Schreyer schrieb mit diesem Roman vor 42 Jahren den ersten Politthriller, der in der DDR erschienen und verfilmt worden ist.

Leseprobe:
Navigation war meine Stärke nie, der Leser dieser Aufzeichnungen weiß das schon. Als ich nach einigen Fehlanflügen endlich die Mendoza-Weide wiederfand, kreiste darüber ein fremdes Flugzeug. Ich erschrak tödlich.
Das Hoheitszeichen des Fremden war nicht einwandfrei auszumachen, wohl aber glaubte ich zu erkennen, daß starre MGs ihm im Rumpf steckten. Bestürzt machte ich kehrt, suchte Höhe zu gewinnen, bemerkte jedoch, der andere tat dasselbe. Wir kurvten ein paar Minuten lang umeinander herum, ohne daß einer von uns die Attacke eröffnet hätte. Das lauernde Verhalten des Flugzeugs beunruhigte mich sehr. Beim Gedanken an einen Luftkampf drehte sich mir der Magen um; es wäre der erste in meinem Leben gewesen.
Daß mein Benzinvorrat zur Neige ging, verschärfte die Situation. Ich erwog schnelle Flucht und Notlandung auf einer abgelegenen Wiese. Doch war der andere nicht langsamer als ich, er hätte mir folgen und mich am Boden zerstören können. Die P-51 zu opfern und mich am Fallschirm zu retten, schien mir wiederum gar zu schändlich; auch kann man, am Fallschirm hängend, gleichfalls bequem erschossen werden. Da entschloß ich mich, im Sturzflug herunterzugehen, um auf Esquipulas Air Force Base wenigstens im Schutze der dortigen Fla-MGs zu landen - deren Mannschaft allerdings, wie ich dann sah, schlafend im Grase lag.
Kaum war die Mustang ausgerollt, da setzte auch das zweite Flugzeug zur Landung an. Damit löste sich das Rätsel, die Nervenanspannung wich: es war ein eigenes. Mir blieb immerhin die Genugtuung, daß der fremde Pilot noch weniger Heldenmut bewiesen hatte als ich. Er wagte sich erst herunter, nachdem ich schon stand und ihm nicht mehr zu schaden vermochte. Jetzt rollte ein Jeep auf die andere Maschine zu, der ein langer, in dezentes Hellgrau gekleideter Zivilist entstieg. Niemand holte mich ab, der ich entscheidende Neuigkeiten zu überbringen hatte. Der schlanke Zivilist hingegen - allem Anschein nach ein neuer Político - wurde stramm gegrüßt und davongefahren.
Ich mußte zu Fuß gehen und traf daher eine Viertelstunde nach dem anonymen Gast, der einen so feigen Piloten hatte, im Hauptquartier ein. Ich hatte gehofft, meine kriegswichtigen Meldungen dem Oberbefehlshaber selbst ausrichten zu können. Doch weder Armas noch Mendoza waren im Stabszimmer. Aus dem Nebenraum drangen ihre Stimmen, zu dem aber hatte ich keinen Zutritt: es war Don Castillos Schlafgemach. Tagsüber ließ er dort wegen der drückenden Raumenge im Hauptquartier seine Políticos Vorschriften, Kommuniqués und Regierungserklärungen zusammenbrauen. Wollten sie das Privatkabinett verlassen, mußten sie die übrigen Zimmer passieren - so hatte er sie immer unter Aufsicht.
"Ein junger Americano ist im Flugzeug gekommen", verriet mir der diensthabende Teniente. "Aus Puerto Barrios! Und sie zanken sich immerfort, Capitán, hören Sie nur!"
Mich hatte das nicht zu kümmern. Ich antwortete dem Diensthabenden, daß ich den "General en jefe" - den Oberkommandierenden, wie Armas’ Dienstbezeichnung lautete - dringend sprechen müsse, es handele sich um Nachrichten von ungeheurer Tragweite.
"Größer kann der Krach ja nicht werden", sagte der Leutnant. "Gehen Sie doch einfach ’rein!"
Ich tat es und klinkte die Tür auf. Doch als ich über die Schwelle trat, wäre ich am liebsten gleich umgekehrt. Sechs oder sieben Herren standen oder saßen in dem länglichen Schlafzimmer, einige liefen gestikulierend umher. Keiner beachtete mich. Sie sprachen so schnell, daß ich wenig verstand. Blauer Zigarrenrauch lag über der Szene.
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Tempel des Satans, Wolfgang Schreyer
ISBN 3-935171-29-3

Als Dreiteiler vom DDR-Fernsehen verfilmt; die vielfach übersetzte Buchausgabe erreichte deutschsprachig eine Gesamtauflage von ¼ Million Exemplaren

Leseprobe:
Treibstoff reicht für vier Stunden", antwortete Nordfors. "Drei - null - sechs liegt an."
Er hatte die Kehrtwendung vollzogen, nun sah er auf die Karte. Obwohl das nicht nötig war, lag ihm doch daran, seine Position festzustellen. Es fiel ihm leicht, da Rob Mahoney den Kurs von Miami bis Trinidad eingezeichnet und mit Zeitangaben versehen hatte. Die 23-Uhr-Marke lag über der Windward-Passage, dicht vor der alten Pirateninsel Tortuga, 600 Meilen von Miami und 1000 Meilen von Port of Spain entfernt, dem nächsten Flughafen. Dazwischen gab es keine Landeplätze für so schnelle Maschinen, sie taten also recht daran, ihn nach Miami zurückzuschicken. Aber es gab eine Menge Inseln. Von Haiti bis Florida hatte er die Südwestflanke des Bahama-Archipels unter sich; ein weiterer Trost. Im Falle einer Notwasserung mußte man nicht unbedingt ertrinken. Überflüssige Betrachtungen. Er wußte ja, die Maschine hielt durch ... Er hörte die Stewardeß eintreten und fragte: "Wie geht’s hinten?"
Sie starrte fassungslos auf das Loch im Kanzeldach; der Luftstrom zerrte an ihrem Haar, sie hielt Verbandzeug in der Hand. "Ich, ich weiß nicht", antwortete sie. "Ich muß dem Arzt helfen. Mein Gott, werden Sie’s schaffen?"
Er merkte, sie war einem Zusammenbruch nahe. Über die Schulter rief er ihr zu: "Wir könnten bis New York durchfliegen!"
Er wollte ihr Mut machen und erreichte es, weil er selbst daran glaubte. Und als er sich dies sagen hörte, begriff er plötzlich, daß er nun der Kommandant war und was das bedeutete. Alle Gewalt ging von ihm aus. So wie er die Maschine beherrschte, hingen auch die Menschen von ihm ab. Keine Bodenstation durfte ihn zwingen, in Miami oder sonstwo zu landen. Sie konnten bitten, beraten, empfehlen - nicht mehr. Der Flugkapitän entschied, sein Wille war oberstes Gesetz. Falls er darauf bestand, bis New York durchzufliegen, hätten sie seine Entscheidung hinnehmen müssen.
Jetzt, da er dies überdachte, lag es ihm gänzlich fern, der Flugleitung zu widersprechen, irgend etwas zu tun, das er selbst für besser hielt. Er war überzeugt, man gebe sich unten die größte Mühe und unternehme alles, ihm zu helfen. Was also sollte ihn veranlassen, den eigenen Kopf durchzusetzen? Soviel er sah, hatten sie ein und dasselbe Interesse: 100 Passagiere heil herunterzubringen.
Jedoch erregte ihn sein Gedanke, kehrte wieder, rief ein angenehmes Gefühl hervor. Es war, als genieße er den Vorgeschmack einer Macht, von der er freilich keinen Gebrauch machen würde. Und die Idee, er sei in seinen Entschlüssen frei, setzte sich in ihm fest. Zum ersten Mal in seinem Leben band ihn nichts an fremde Weisungen. Die dort am Boden würden ihm danken, wenn er ihr Flugzeug vorm Absturz bewahrte. Handelte er ihren Wünschen zuwider, mochten sie das mißbilligen. Aber was er auch tat, sie hatten es hinzunehmen, weil er die Maschine rettete.
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Bilder aus dem Dorfleben
Johannes Gillhoff
ISBN 3-935171-00-5

Ein Erzählband über das mecklenburgische Bauerndorf im 19. Jahrhundert. Das Buch gehört zu den schönsten Leistungen der niederdeutschen Literatur und besitzt einen hohen Unterhaltungswert. Erstmals seit 95 Jahren nun wieder erschienen.

Leseprobe:
Aber als die Bauern zu Mittag ausspannten, wanderte der Schulzenknüppel doch durch das Dorf. Er kam auch zu meinem Vater, und stolz trug ich ihn weiter zum Nachbarn. Träger einer amtlichen Botschaft zu sein, war mein und meiner gleichaltrigen Kameraden berechtigter Stolz. Der Schulzenknüppel war ja das amtliche Publikations-Organ in meiner Heimat, und außer ihm gab es kein Mittel, die amtlichen Bekanntmachungen des Schulzen zu verbreiten. Er war Reichsanzeiger, Regierungsblatt oder wie man ihn sonst nennen will.
Eigentlich, d. h. bei seinem Ausgang vom Schulzen, bestand er aus zwei Teilen, aber beide waren offiziös; bei seiner Rückkehr nach dem Rundgang war aber meistens nur noch ein Teil übrig, der andere war im Beruf verunglückt. Für uns Jungen war der bleibende Teil entschieden die Hauptsache. Das war ein mäßig dicker Eichenknüppel von ungefähr anderthalb Fuß Länge. Man will gesehen haben, daß die Schulzenfrau ihn in gewöhnlichen Zeiten mit Erfolg brauchte, um fremde Hunde vom Hofe zu jagen. Auch ging ein unklares Gerücht, daß des Schulzen Dienstmädchen einmal mit ihm eine Maus aus dem Butterfaß fischte. Das Mädchen war allerdings als sehr reinlich bekannt, aber ich glaube doch, daß es nur Verleumdungen waren. - In daumenbreiter Entfernung vom Ende lief ein tiefer Kerbenring rund um den Knüppel. Der Schulze hatte ihn mit dem Taschenmesser kunstlos hineingeschnitten, damit der Bindfaden nicht heruntergleite; oft war es aber auch nur ein zurückgelegtes Ende Sackband. Denn dieser Bindfaden war mit festem Knoten um ein Ende des amtlichen Anzeigers geschlungen. Man stritt im Dorfe häufig darüber, wer den Knoten geschürzt habe. Die Frauen behaupteten, so einen Weberknoten verstehe der Schulze gar nicht zu knüpfen, das könne nur seine Frau getan haben. Das sagten sie aber nur, um allerlei unnütze Bemerkungen daran zu knüpfen, wer eigentlich der Schulze sei, der Mann oder die Frau. Ich stehe aber prinzipiell auf der Seite des Schulzen. Warum sollte er als Mann nicht auch einen Weberknoten schürzen können? Ich habe es auch gelernt und kann es auch heute noch. - Der andere Teil war der amtliche Anzeiger. Das war ein Streifen Papier, der in Länge, Breite und Farbe vielfach wechselte und darum in den Dorfjungen Vorstellungen von unermeßlichen Papiervorräten im Schranke des Schulzen weckte.
Auf dem Zettel stand meistens: Heute abend acht Uhr Dorfsversammlung! - und weiter nichts. Es war auch kein Platz mehr da, denn der Schulze schien die Worte mit einem extra breiten Streichholz hingeschrieben zu haben. Von Ankündigung der Tagesordnung war keine Rede; es forderte sie auch keiner. Nur einmal hatte Jakob Brümmer den Wunsch ausgesprochen, daß sie auch bekannt gegeben werden möchte. Aber Jakob Brümmer war einer von den Unzufriedenen, die immer neue Moden einführen wollten. Er war dem Schulzen gram, weil dieser ihm statt der geforderten hundert Fuder Mergel aus der Gemeindegrube nur achtzig bewilligt hatte, und aus Opposition forderte er nun die Tagesordnung. Aber der Schulze gab ihm zur Antwort: "Ick will di mal wat seggen, Jakob: Du kümmst doch nie nich up de Dörpsversammlung, un wenn du kümmst, den slöppst du bloß." Das war schon lange her, aber seitdem hatte keiner der Bauern die Tagesordnung wieder gewünscht, und Jakob Brümmer auch nicht.
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Der nautische Urlaub, Heinz Kahlow
ISBN 3-935171-11-0

Ostsee, Spätsommer - zu wenig Sonne, dafür mehr Wind und auch Grog. Eine leider endliche Anzahl Geschichten von Kaptauben, Segelschiffen, Albatrossen, Dampfern, Hafenstädten, Kneipen ...
 

Leseprobe:
"Nämlich", sagte er und wusch sich nebenbei die Farbklecke aus den Händen, "als diese drei englischen Kapitäne sich zur Ruhe setzten, da hatten sie ein schönes Stück Geld zusammen, und das wollten sie nutzbringend anlegen. Was taten Sie also? - Sie kauften sich eine nüdliche kleine Gastwirtschaft, und jeder war mit einem Drittel daran beteiligt. Na, was soll ich euch sagen: die Gastwirtschaft wurde innen schön überholt, und sie kauften auch genug Vorrat an Whisky und Rotwein und Rum, und als sie den Gastraum nu schön ausgepinselt hatten und die Tische weißgescheuert waren, da gingen sie jeden Tag hin und inspizierten die Sache und schlugen vielleicht da und dort noch ’n Nagel ein und hängten noch ’n Haifischschwanz an die Wand. So machten sie das drei Monate lang, aber die Rolläden, die blieben immer runter, und außen wurde auch kein neues Schild angemacht. Tja ..."
Er trocknete sich die Hände an einem Lappen ab. Ich sah verstohlen auf die Uhr. Sie zeigte fünf Minuten vor sechs; und wenn es auch nur ein paar Schritte bis zur Apotheke waren, ich mußte jetzt gehen. Aber was sollte ich sagen?
"Tja", fuhr er fort, "nu wunderten sich natürlich die Leute in Boston, daß da dauernd die Rollos runter waren, aber die Leute sind da nich so neugierig wie hier und warteten also noch mal drei Monate. Indessen, die Wirtschaft blieb immer noch zu. Nur die drei Kapitäne inspizierten jeden Abend ihren Gastraum und schlugen mal hier noch ’n Nagel ein und - na, das sagte ich ja schon. Nun wurde das den Leuten in Boston aber doch zu dumm, und der Polizeihauptmann wurde hingeschickt, um sich mal zu erkundigen, und als der nu die drei alten Kapitäne fragte, was meint ihr woll, was da des Rätsels Lösung war, warum die Wirtschaft nicht aufgemacht wurde?"
Er ließ die Frage lang ausklingen. Er machte immer solche Spannungspausen bei seinen Geschichten, und ich hatte das bisher auch stets als lustig empfunden. Aber jetzt war die Uhr drei Minuten vor sechs!
"Also - Sie müssen aber zuhören, Herr Wunderlich, und nich so nervös sein, sonst verstehn Sie das nich! - Also, die Gastwirtschaft sollte garnich aufgemacht werden! Die hatten die drei nur für sich gekauft, damit sie abends in Ruhe ihren Grog und ihren Whisky trinken konnten!"
Ich hatte keine Zeit mehr, darüber zu lachen, ich machte nur ein freundliches Gesicht und stand auf. Aber der Alte drückte mich wieder auf die Bank zurück.
"Sehen Sie, das dachte ich mir! Nu glauben Sie wieder, ich erzähl Ihnen eine Schwindelei, weil ich doch vorhin erwähnte, daß die drei ihr Geld nutzbringend anlegen wollten. Aber das hat schon seine Richtigkeit. Sie haben bloß nicht gründlich mitgedacht. Sehen Sie mal, wenn die drei nun ihr Geld jeden Abend zum Gastwirt getragen hätten, dann würde der doch dran verdient haben. - Na, geht Ihnen nu ’n Licht auf? - Nämlich, das Geld haben sie nun ja allens selber eingenommen. An jedem Grog, den sie tranken, verdienten sie sozusagen! - Das war schon sehr sparsam gedacht, sehr, sehr sparsam. - Ja, zum Donnerwetter, jetzt komm ich auf einen Gedanken, wegen der Sparsamkeit! Vielleicht haben Sie vorhin doch recht gehabt, und das war gar nich in Holland, sondern in Schottland, also nicht in Boston, sondern in Dunedin?"
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Vineta 89 - Tagebuch einer Wende Jean Villain
ISBN 3-935171-55-2

Alltägliches aus der Wendezeit - vom Reporter zusammengetragen, exquisit geschrieben. Ein Denkmal für Hilflosigkeit, Erwartungen, Rechthaberei.

Leseprobe:
28. Oktober 1989
(Junge Frau auf Volksversammlung) "... Denn was sich unsere Kollegen tagtäglich anhören müssen, ist wirklich sehr ungerecht, denn die können doch wirklich nichts dafür! Zum anderen muss ich sagen, diese Unter-dem-Ladentisch-Verkauferei wird so lange nicht aufhören, als die vollen Sortimente nicht für jedermann von früh bis abends zugänglich sind … (Beifall) … und es darf natürlich auch nicht sein, dass Bananen, die für die Landbevölkerung bestimmt sind, nicht ausgefahren werden, weil die Obst- und Gemüse-Versorgung kein Fahrzeug hat … Unser Fuhrpark ist tatsächlich am Erliegen, und in solchen Fällen müsste gleich mal eine Genossenschaft angerufen werden: "Passt auf, wir haben was für euch …", und die Genossenschaft fände bestimmt einen Weg, das für ihre Leute auch ranzuholen …
Zum Leistungsprinzip, Stichwort "Auslastung der Arbeitszeit": Alles richtig, aber wie soll ich meine Kollegen halten, wenn es eben - bleiben wir bei den Bananen - Bananen gibt? Da kann ich die doch nicht zwingen, am Arbeitsplatz zu bleiben, die rennen alle, die haben ja alle kleine Kinder zu Hause … (Beifall)"
04. August 1990
Heute früh ein Anruf des Genossenschaftsvorsitzenden. Ob wir eine Kühltruhe besäßen. Und ob wir, gegebenenfalls, eine halbe Sau übernehmen könnten. Noch besser eine ganze. Da die Genossenschaft kein Futter und kein Geld mehr habe, werde jetzt auch der Saustall dicht gemacht. So billig wie heute kämen wir nie wieder an Schweinernes
heran …
Die halbe Sau auf seiner Schulter, stapft nach dem Mittagessen ein Bauer aus dem Dorf in unsere gute Stube, knallt die schwere Last mit einem Ruck auf unseren Tisch, tippt mit der Rechten an den Mützenschirm und stapft zurück zu seinem mit weiteren zwei Dutzend minus einer Schweinehälften vollgestopften Barkas-Lieferwagen.
Das Außenthermometer zeigt über dreißig Grad im Schatten. Zum Nachmittagskaffee sind Gäste angesagt, ein Pastor und seine Frau. So bleibt uns nichts weiter übrig, als dem armen halben Schwein auf unserem Tisch mit unsern ewig stumpfen Messern eiligst auf die Pelle zu rücken, es, so schnell und gut es ohne Sachkenntnisse geht, in halbwegs handliche Stücke zu zerteilen und sie in der Truhe zu verstauen. Schweigend schuften wir wie die Berserker. Als es klingelt, dampft, als wäre nichts geschehen, der Kaffee in der Kanne, steht der Kuchen auf dem Tisch.
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Der Mann auf dem Kirr
Fritz Meyer-Scharffenberg
ISBN 3-935171-53-6

Mitte der 60er Jahre nimmt Fritz Meyer-Scharffenberg ein Angebot an, auf der Boddeninsel Kirr für die Weidezeit Herr über tausend Jungrinder zu werden. Es erwarten ihn ein altes unbewohntes gehöft mit einem regenergiebigen Himmel darüber, eine Vogelwelt, wie sie vielfältiger nicht sein kann und wunderbare Kollegen.

Leseprobe:
Es heißt, es sei noch kein Meister vom Himmel gefallen, doch auf dem Großen Kirr landete eines Tages einer, und das kam so: Ein gutes halbes Jahr zuvor - wir schrieben bereits Spätherbst, und die Brandenten hatten ihre Brutheimat längst verlassen - stand ich am Zingster Strom auf dem Deich und sah zum erstenmal zum Kirr hinüber. Ich hatte bisher kein Sterbenswörtchen von dieser Insel gehört und den Namen auf der Karte auch nie beachtet.
Zwischen schwarzen Bäumen, den einzigen weit und breit, schauten das Wohnhaus und die viel größere Scheune über die Deichkrone; ein etwas düsteres Bild -, halb Böcklinsche Toteninsel, halb Halligstimmung. Kein Mensch ließ sich sehen, kein Rauch stieg aus dem Schornstein, kein Vogel strich drüberhin. Diese Verlassenheit zog mich an. Ich wäre hinübergefahren, doch es lag kein Kahn dort, weder diesseits noch jenseits des Stromes.
Eine halbe Stunde später hatte ich mit dem Direktor des Volkseigenen Gutes Zingst - so hieß es damals noch - eine Verabredung. Es war gar nicht leicht gewesen, dieses Treffen zu vereinbaren, da sich der Direktor gewöhnlich - wie man dort sagt - in der Botanik befand. Das hatte ich nun schon wiederholt im Büro zu hören bekommen. Doch es ging mir um die Genauigkeit einiger Angaben für eine Arbeit, und so ließ ich nicht locker.
Mein Gesprächspartner lud mich zum Kaffee ein. Er hatte die Vierzig noch nicht erreicht, wurde aber von seinen Kollegen kurz "der Alte" genannt.
Während unserer Unterhaltung sah ich durch das Fenster wieder das stille Gehöft hinter dem Deich auf der Insel.
"Wer lebt dort?" fragte ich.
"Auf dem Großen Kirr? Niemand! Das Gehöft steht seit zwei Jahren leer."
Ich war überrascht.
"Die Leute wurden inselmüde", fuhr er fort, "sie haben alles verlassen, Haus und Hof." Er hatte sich erhoben und ging mit langen Schritten schweigend auf und ab. Als er seine Wanderung unterbrach und groß und breit vor dem Fenster stehenblieb, sagte er: "Wenn das Eis noch nicht hielt, die Leute aber auch nicht mehr mit dem Boot über den Strom setzen konnten, fühlten sie sich wohl von aller Welt verlassen. Es gibt dort auch kein elektrisches Licht. Die Anlage wird zu teuer. Sie kostet mindestens 60.000 Mark." Mein Gastgeber nahm die Wanderung wieder auf. Seltsame Unruhe, dachte ich und konnte mir gut vorstellen, daß er zu jenen gehörte, die stets bereit waren, sofort aufzubrechen und selbst nach dem Rechten zu sehen, falls in der "Botanik" etwas nicht in ihrem Sinne lief, und daß es ihn unruhig machte, wenn er nicht über alles unterrichtet war. Endlich unterbrach er seine Wanderung und ließ sich im Sessel nieder.
Ein Hof hinter dem Deich, dachte ich, darüber Hausbäume, vom Westwind weit nach Osten geneigt, Windflüchtern gleich, und ringsum Wasser! So etwas gibt es also noch, und das sogar unmittelbar neben einem hochtechnisierten landwirtschaftlichen Großbetrieb, getrennt von ihm nur durch einen Strom, vielleicht 300 Meter breit.
Während ich noch meinen Gedanken nachhing, fragte mein Gastgeber: "Möchten Sie dort leben? - Natürlich nicht für immer, vielleicht nur für einen Sommer oder auch für zwei? Sie könnten dort ruhig arbeiten!"
"Und wieviel kostet das?"
"Keinen Pfennig", lautete die Antwort, "wie wäre es aber" aha, dachte ich, "wenn Sie gleichzeitig für uns dort den Weidemeister machen?"
Die Katze war aus dem Sack. Es gibt doch nichts im Leben umsonst. Aber immerhin: gleich Weidemeister!
"Wie groß ist die Herde?"
"Rund tausend Rinder!"
"Mehr nicht?"
"Ich denke, es wird Ihnen reichen. Außerdem ist alles nur halb so schlimm, wie es sich anhört. Sie erhalten ein Doppelglas, steigen morgens und abends auf den Deich, schauen in die Runde …" … zählen ihre Lieben, lag es mir auf der Zunge. "… und stellen fest, ob alles ruhig ist", erzählte er unbeirrt weiter: "Wir geben Ihnen zwei Pferde mit hinüber. Zwei-, dreimal in der Woche reiten Sie dann den Kirr ab. Sollte sich ein Tier den Fuß vertreten haben oder sonst irgend etwas passiert sein, melden Sie es mittags dem Tierarzt." Er blickte mich abwartend an. Als ich nicht gleich antwortete, meinte er, ich solle es mir überlegen und gelegentlich Bescheid geben. Er erwähnte noch: "Ein Boot mit einem Außenbordmotor steht Ihnen auch zur Verfügung. Mittag essen Sie in der Werkküche, Kaltverpflegung gibt ihnen die Köchin mit. Ist das ein Angebot oder nicht?"
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Claus Jesup, Ottomar Enking
ISBN 3-935171-35-8

Wismar zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Auseinandersetzungen zwischen dem Rat und den Handwerkern erschüttern die Hansestadt

Leseprobe:
Es war am Abend vor der Abfahrt der Flotte. Die Bürger wogten fröhlich durch die Gassen. Morgen war es vorbei mit der Plage! Auch der Rat freute sich. Es hatte ihn beinahe schon gereut, die Deubels von Vitalienbrüdern gerufen zu haben. Nun gab es Luft! Da schlich sich Caus Jesup in der Dämmerung aus dem Hause. Er wollte die Tür ganz leise öffnen, aber die Mutter hatte ihn gehört, kam auf den Flur und rief: "Wo willst du noch hin? Nimm dich in acht. Es sind schlimme Leute unterwegs." - "Ich komme - wohl bald wieder", stotterte Caus halbverständlich, witschte hinaus, zog die Tür so fest an, als sollte sie niemand wieder aufmachen, und lief mit stockendem Atem davon, dicht an den Mauern entlang, bis er in der Herberge anlangte, wo Barthel Vot hauste. Er ließ sich vor den mächtigen Mann führen und fragte zaghaft: Darf ich mit? Ich kann segeln und rudern." - Für Barthel Vot war es nicht das erstemal, daß sich ihm so ein Bengel antrug, und Leute konnte er immer gebrauchen. Er vermied es deshalb, erst lange zu fragen, wer der Junge sei und ob er die Erlaubnis seiner Eltern habe. Nein, um solche Kleinigkeiten kümmerte sich der Hauptmann nicht. Er prüfte dem Halbwüchsigen nur die Muskeln am Oberarm. - "Hm, dünn und schwach." - Barthel Vot sah sich den Bittsteller zweifelnd an, aber Claus Jesup sagte dringend: "Ich bin stärker, als Ihr denkt." - Da brummte Barthel Vot: "Meinetwegen. Kommst morgen früh auf mein Schiff." - "Kann ich nicht gleich bei Euch bleiben?" fragte Claus Jesup, dem davor graute, erst noch wieder nach Hause zu müssen. Auch diese Angst kannte Barthel Vot längst. Er übergab den Jungen einem Schiffsmann, der ihn gleich mit an Bord nahm. Die Wellen schmatzten an den Planken herauf, und Claus Jesup konnte die ganze Nacht hindurch kein Auge zutun. Wie das in ihm kämpfte! Nun war er los vom Webstuhl! Nun war er einer, wie Magister Cafpar sie leiden mochte. Aber seine Mutter - - oh, er wand sich auf seinem Strohsack. Nur nicht an Mutter denken! An die Sorge, die sie sich jetzt schon darüber machte, wo ihr Claus geblieben sein konnte. Und wie würde sie morgen nach ihm suchen! Überall! Oder wenn sie endlich erfuhr, was ihr Sohn ihr angetan hatte, - nein, nein! Nur nicht daran denken, wie sehr sie dann weinte! Ja, und Bruder Hinrik, - der würde ihn verachten, weil er in solche Gesellschaft gegangen war, statt ein ehrliches Handwerk zu erlernen. Auch nicht an Bruder Hinrik denken! Nur an Magister Laschke, - der ihn unzweifelhaft lobte, und an alles, was er in der Freiheit erleben und werden wollte! Wenn er wiederkam, war er ebenso viel wie Achilles und Ajax. Dann sollte seine liebe Mutter stolz auf ihn werden und ihm verzeihen, daß er ihr diesen Schmerz zufügte, zufügen mußte! So wälzte sich Claus in seinem Verschlage hin und her, bis die Knechte über ihm zu poltern anfingen. Da kroch er an Deck, und ehe er es recht gewahr wurde, waren die Koggen schon reisefertig und segelten davon. Am Hafenufer standen die Bürger. Wie gern sahen sie die Schiffe kleiner und kleiner werden!
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Riemels, Vertellers und Graffsprüch, Rudolf Hartmann
ISBN 3-935171-75-7

Verkihrt verstahn! - Ein Bur hett sick'n nieden Knecht meid

Leseprobe:
Son'n Tower un Meracher tau'n Schien as männig anner, secht dei tau denn Buern, dat weir hei nich. Hei verstün' oewer jedwede Arbeit, dei vorkäum, un hei mäuk ok jede Arbeit, hei slaw ümmer sien Tog vör sick weg, ob hei nu mudderseelenallein up denn Fell tau gang wäsen urrer wat de ganze Koppel stief vull Minschen un Uppassers stahn deer. Un von "Middagsunn holen" un "vör dei Tiet Fierabend maken", dor weir hei kein Fründ nich von, dat secht hei ok noch gliek mit bi.
Na, dat is je gaut. Nah einige Dach, donn fröcht dei Bur sien Fru, wat sei woll tau denn Mann, denn hei frisch tau annahmen har, so meinen deer?
Sei ward mal so'n bäten hoch upkieken von ehr Arbeit, un denn meint sei blot, oh, denn schien dei Kost bi ehr tau smecken, un wieder wüß sei je ok nich.
Dei Buer is mit dei kort Antwurt oewer woll noch nich taufräden, hei blifft noch bi ehr bestahn. Dat weir doch tau'm wenigsten wat, brummt hei, un denn fröcht hei ehr, wat hei denn in dei Middagsstunn un wo hei dor denn ümmer rüm schorwarken deer, de Kierl; up denn Fald, dor har hei em doch noch nich ins seihn? Hei har em dat noch extra secht, dei fri Tied tau Middag, dei wull hei vör sick nich hebben.
Ja, lacht dei Fru, wo hei dor in rümschorwarken deer, dei Gast, dat kunn sei em genau seggen; ümmer noch deer hei dat in ehr Pött un Kumm un Schöttels, dor läut hei nich ins wat in ümkamen, hei lick je woll dat ganze Geschirr noch ollig ut, dei Dierns in dei Koek, dei harn ein heil kommaudes Afwaschen upstuns.
Un wenn dei Arbeit wedder losgahn deer, stünn hei tworstens up von denn Disch, keik denn oewer bi't Rutgahn ümmer noch so lungerig un so hungerig ins nah dei Kökendör rin, as har hei oewerhaupt noch kein Happen Äten krägen, denn ganzen Dag noch nich.
"Ick löw", secht sei, "dei arm Minsch, dei hett gor keinen fasten Borm in'n Liw, süß künn't nich angahn, wo hei dormit afblieben deer, wat hei all in sick rinpackt. Jeden annern weir lang dei Mag all platzt."
Denn Buern, denn is bi ehrn Bericht dat Blaut tau Kopp stägen.
"Denn Däuwel ok", larmt hei los, "denn sall dei Brauder resen furts up dei Stä! Fräten det hei för drei un arbeiten nich för de Katt! Wenn dat noch so gemütlich tau geht in dei Hau, hei kümmt liekers mit uns annern nich mit. As so'n krankes Farken, dat von dei Tucht all utscheid is, so nusselt un smusselt hei sien Stäwel för sick weg."
"Lat doch anner Lür dat ok mal ins gewohr warden", sett hei so recht gnitterich hentau, "wat'n eizelten Minschen all leisten kann in't Äten un mit wo wenig Bewägung hei denn likers utkamen kann, ahn dor krank bi tau warden, ick weit je nu Bescheid. Un wat sär sei Kierl noch großorig tau mi?" will hei denn von frischen wedder losbössen; oewer sien Medam, dei föllt em in't Wurt:
"Holt stopp, Jehann-Hinnerk", secht sei, "nu lat mi ok mal 'n Ton dor mit insnacken! Wenn dat stimmt, as Du mi verstellt hest, denn stehst Du dorvör, denn Mann grotes Unrecht tau daun. Hett hei Di nich dütlich naug oewer sien Person Utkunft gäben? Hei wull sick bi dei Arbeit an kein'n Däuster kihrn, hett hei tau Di secht, un ümmer still för sick wegmusen. Vörlagen hett hei Di nicks, dat kannst Du nich behaupten, Mann. Un dat mit dei Middagstunn', wat hei Di dorvon secht hett, dat stimmt ok ganz genau. Wenn Du dat in'n verkihrten Hals krägen kest, dat is doch sien Schuld nich', un dor brukst Du Di nu doch nich so fürchterlich oewer uptaurägen."
"Dor räg ick mi ok nich oewer up oewer dei Loegen; oewer, dat ein dei Halunk dei Wohrheit so bats tau in dat Gesicht rin tau seggen wagt, dat is in mien Ogen dei Slechtigket un dei Utverschamtigkeit von denn Gesellen, un dat kettelt mi so infamtigen dei Läwer."
Un denn rönnt hei weg, dei Buer, woll, üm gliek eirst mal dei Pepiern farig tau maken; un sien Fru, dei löt hei dor stahn, as sienertit dei ol Lot dat mit sien Wief ok al makt hett, ick mein, ahn sick noch mal ins nah ehr ümtaukieken.
Oewer wat sei wäst is, denn Burn sien Fru, dei is in ehr Verlatenhet nich tau'n Klumpen Solt versteinert. Sei nickköppt höchst taufräden mit sick un ehr Lag un mit ehrn Mann sien Wutanfall woll ok; denn sei grient sick noch ollig achter em an; un in'n Stillen hölt sei em ein schöne Prädig.
"Dat schad Di gornich, mien klauk Jehann-Hinnerk, dat sei Di wedder mal fatkrägen hebbt", so ungefihrt geht dei Tex, "wat frögst ok mi nich ümmer eirst, wän Du in Brot nähmen un wän Du aflohnen saßt? Kiek doch, mi is dat noch nich ins passiert, dat mi einer'n olen Hamel för ein jöhrig Lamm verköfft hett, un noch sien Läben nich hew ick 'n heil un noch tau bruken Poor Hosen all in dei Plünnkist stäken: Dat weis Du doch ok rechte gaut, mien ull Jung; up'n anner Mal wäs kläuker, denn kanns Du Di välen Arger sporn, dor sorg ick Di denn allein all vör!"
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Letzte Liebe, Kurt Biesalski
ISBN 3-935171-24-2

In den Novellen dieses Bandes gestaltet der Autor das uralte, ewig junge Thema zwischenmenschlicher Beziehungen. Seine Gestalten sind schlichte, mitunter unauffällige und bescheidene Menschen unseres Alltages, die, auf ihre Weise, zurückhaltend oder aufopferungsvoll, zögernd oder mit letztem Einsatz, um den eigenen Glücks- und Lebensanspruch ringen. Liebe, Tod und Sehnsucht nach Gemeinsamkeit sind Grundthemen, die der Autor in kleinen Geschichten variiert.

Leseprobe:
"Bist du auch ganz sicher?" Gerhard blickte sie fragend an.
"Genauso sicher wie damals bei Ralf und bei Mathias."
Gerhard aß daraufhin weiter. Es war lange Zeit still am Tisch.
"Und was soll nun werden?" erhob Mathias endlich seine Stimme und sah sich unter den anderen um, die Haarsträhne in seiner Stirn leuchtete dabei hell. "Jedenfalls habe ich keine Lust, Kinderwagen zu schieben. So sieht es nämlich am Ende aus. Die Blamage möchte ich mir ersparen. Den Jüngsten trifft's dann nämlich immer …"
"Halte deinen Mund!" Gerhard sah ihn böse von der Seite an. "Wer den Wagen schiebt, darum geht es hier doch zuallerletzt!"
Eine Weile schwiegen sie wieder.
Doch Ralf sprang seinem Bruder zur Seite. "Ich verstehe ihn schon", sagte er. "Für euch ist das kein Problem, für ihn ist es aber eins. In dem Alter …, wenn da zu Hause noch ein Kleines kommt, schämt man sich ganz schön. Ich bin dann jedenfalls weg - links um!, rechts um! -, mich geht das nichts mehr an. Ihn aber trifft es."
Sage etwas! dachte Bettina und sah ihren Mann an. Sage etwas, jetzt sofort! Sei dieses eine Mal nicht so langsam mit deinem Überlegen! Ruf sie zur Ordnung! Das ist doch letzten Endes unsere Sache, ob wir noch ein Kind kriegen, und nicht ihre! Du überlegst alles wieder einmal sehr gründlich, ja. Aber jetzt könntest du eigentlich etwas sagen, bevor du alles ins reine gebracht hast …! Bettina hatte kleine, etwas runde, kirschdunkle Augen, die sie meist verschämt niederschlug, dummerweise hatte sie den schüchternen Mädchenblick auch als Frau behalten. Nun aber schaute sie ihren Mann unverwandt an. Doch der sah nicht auf, anscheinend überlegte er weiter. Als spürte er aber Bettinas fordernden Blick, begann er endlich zu sprechen; doch er sah erst auf, nachdem er den ersten Satz gesagt hatte.
"Naja", meinte Gerhard, "als Eltern sind wir ja schon ziemlich alt. Ist doch so …? Wenn dann Elternversammlung in der Schule ist, bin ich Mitte Fünfzig. Andere Eltern sind dann Mitte Zwanzig, höchstens dreißig. Das geht alles ganz schön durcheinander. Alles noch einmal von vorn. Und ich dachte, jetzt, wo die Jungen groß sind, geht es in die ruhigen Jahre …"
Da wußte Bettina also Bescheid. Alle hier waren gegen das Kind, auch Gerhard, ihr Mann. Und obgleich diese Entscheidung ihr irgendwie unangenehm war, stimmte sie ihr doch zu. Sie wird sie befolgen, natürlich. Alles andere wäre absurd, unvernünftig. Gar nicht zu übersehen, wie sehr die gewohnte Ordnung in der Familie durcheinandergeriet! Und nicht zuletzt: Schämen würde sie sich auch.
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Das Leben im Rudel, Chris Langner
ISBN 3-89954-005-0

Bei einem anderen Verlag hieße das Buch "Ein Ossi beim Bund"

Leseprobe:
Die Schiebetür aus Plexiglas schob sich auf. Ein Kerl in meinem Alter zwängte sich hindurch und grinste mich an wie der Kühlergrill einer alten Limousine. Das ungefähre Alter war wohl auch unsere einzige Gemeinsamkeit, konstatierte ich, während ich mir ein Anstandslächeln abrang. "Is doch noch frei, oder?" Was sollte ich antworten. "Klar", entgegnete ich. Mich kotzten derartige rhetorische Fragen immer wieder maßlos an. Es war schließlich kein Gepäckstück auf einem der freien Plätze zu sehen. Fehlte nur noch, daß er mich fragte, ob ich ebenfalls mit der Bahn reise. Er schob seinen speckigen Rucksack - ein ausgedientes Modell der Bundeswehr - auf die Kofferablage und sackte in die Sitzbank gegenüber. Ich bin beileibe kein Snob, doch was mir als erstes auffiel, war die Tatsache, daß er sein Geld nicht unbedingt für Garderobe ausgab. Seine Bundeswehrkutte war von Abzeichen und Stickern überzogen, die entweder ewigen Frieden oder die endgültige Apokalypse verkündeten. Anscheinend eine multiple Persönlichkeit ohne eindeutigen Auftrag, dachte ich. Zu allem Überfluß drängte er mir, zwei Sekunden, nachdem er Platz genommen hatte, ein Gespräch auf.
"Ich bin Robert! Wo willste denn hin? Siehst ja aus wie einer, den se gezogen haben!", grinste das Arschloch.
"Ja, gezogen", antwortete ich.
"Und?"
"Nix und. Gezogen halt. Wie jeder mal gezogen wird."
Robert tippte sich mit großen Augen an die Schläfe, um seine Cleverness zu unterstreichen, als er sagte: "Alles eine Sache, wie man es anfängt, verstehste?!"
Ich schüttelte den Kopf und schaute gleichgültig aus dem Fenster. Nun wünschte ich mir das gleichmäßige Poltern des Waggons auf den Gleisen zurück.
"Wie ist denn eigentlich dein Name, Bundi?"
"Risto."
"Klingt komisch. Hab ich noch nie gehört. Außer bei einem Fußballer, glaube ich."
"Der heißt Hristo, mit einem H vor dem R!", belehrte ich den an Belanglosigkeiten interessierten Blödmann.
"Wie kamen deine Oldies denn auf den Namen, ist ja nun nicht gerade alltäglich."
"Ist auch nicht alltäglich, daß man als Deutscher einen finnischen Vater hat", entgegnete ich.
"Hm. Ja, kann man so sehen. Bist also ein Internationaler, auch nicht schlecht."
"Nicht international. Deutsch-Finnisch, wobei ich auch nur unsere Muttersprache beherrsche. Finnisch ist mir zu schwer und mein Vater hatte es aufgegeben, mir diese Sprache beizubringen, weil ich mich standhaft geweigert habe. Deshalb hab ich als kleines Kind immer lieber mit meiner Mutter gesprochen. Das ist alles."
"Nun, wie auch immer", sprach der Kerl, während er sich eine Zigarette drehte. "Der Bund wollte mich ja auch. Ist kein Jahr her. Aber ich wollte nicht, hatte keinen Bock auf den Kindergarten."
"Kindergarten?", fragte ich.
"Ja, Kindergarten, Mann. Is doch klar, was da abgeht: Du machst das, was irgendein Zivilversager von dir verlangt. Und man blendet dich mit irgendwelchen falschen Idealen und versucht dich mit Orden und Abzeichen über dein elendes Los hinwegzutäuschen." Während er dies sagte, steckte er sich die Selbstgedrehte in den Mundwinkel und zündete sie mit einem alten Benzinfeuerzeug an. Seine fettigen Haare, die zu einem Zopf gebunden waren und seine flauschigen Bartstoppeln ließen ihn aussehen wie einen der mißverstandenen Vietnam-Veteranen aus unzähligen amerikanischen B-Movies. Wahrscheinlich wollte er das sogar; anders konnte ich mir dieses klischeehafte Auftreten samt dazugehörigem Outfit nicht erklären.
"Wie ist das denn bei dir? Machst du ständig nur das, was dir gefällt?", fragte ich, gleichzeitig verärgert darüber, daß ich mich nun ebenfalls für ein solches Gespräch verantwortlich machte, was ich eigentlich vermeiden wollte.
Er pustete den Rauch Richtung offenen Fensterschlitz und meinte lapidar: "Ja."
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Mördermord - Dokumente und Dialoge
Günther Fuchs und Hans-Ulrich Lüdemann
ISBN 3-89954-004-2

Der Wissenschaftler Dr. Günther Fuchs und der Schriftsteller Hans-Ulrich Lüdemann gehen einem spektakulären Prozeß nach, der 1921 großes Aufsehen erregte.

Leseprobe:
Berlin-Kreuzberg
27. September 1995, 22 Uhr 15:
Die Forster Straße, vom Görlitzer Park zum Landwehrkanal führend, ist zu dieser späten Abendstunde menschenleer. Mr. Melikjan aus Kalifornien, seit drei Monaten wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin, verflucht seinen Einfall, nach einem Besuch bei Freunden den Heimweg zu Fuß angetreten zu haben. Er hatte den Berichten einiger Kollegen in Berkeley über wachsenden Ausländerhaß in Deutschland nicht glauben wollen. Aber nun hilft alles Fluchen nichts mehr. In diesem Augenblick rennt Soghomon Melikjan um sein Leben. Er keucht, und ein stechender Schmerz in den Seiten raubt ihm fast die Sinne. Blitzartig spulen Filmszenen vor seinen Augen ab. Mit Bildern, die nach Berichten seines armenischen Großvaters Soghomon Tehlerjan, der sich später Saro Melikjan nannte, aus Blut, Schändungen und Leichen zusammengesetzt waren. Als türkische zivile und uniformierte Schlägertrupps alle Mitglieder der Familie Tehlerjan aus ihren Häusern vertrieben, um sie irgendwo in der Fremde zu ermorden. Unterwegs fanden die Armenier nur selten Beistand durch türkische Mitbürger. Das geschah 1915 und offiziell erklärtes Ziel dieser Verbannung war das Nichts ...
Jetzt erreichen die Verfolger, junge Kerle in Bomberjacken, die mit ihren Schnürstiefeln ein Stakkato auf dem Pflaster schlagen, Soghomon Melikjan und reißen ihn zu Boden. Einer brüllt:
"Du Ausländersau! Uns kein Feuer geben wollen! Wer nicht hören will, muß fühlen!"
Auch die Schläger sind atemlos vor Anstrengung, und so hört sich das darauffolgende "Ausländer raus" des einen gar nicht so markig an wie sonst. Aber mit ganzer Kraft zuschlagen, das kann er.
Melikjan versucht, mit beiden Armen seinen Kopf zu schützen. Aus den aufgeplatzten Lippen rinnt Blut. Schließlich bettelt der junge Mann aus Kalifornien, daß man ihn doch gehen lassen solle.
"Gehen?! Kriechen sollst du!" Nach einem hämischen Auflachen tritt der Zweite wie von Sinnen zu. Wieder und wieder trifft seine Stiefelspitze den am Boden Liegenden.
"Nicht schlagen!" schreit Melikjan. Sein amerikanischer Akzent ist jetzt nicht mehr zu überhören.
"Macht die Brillenschlange einen auf Amerikaner?! Willst uns wohl verarschen?!"
Alles Bitten Melikjans scheint die jungen Männer nur noch anzustacheln. Von einem Baseball-Schläger wird der Akademiker am Kopf getroffen. Scheppernd zerbricht die Brille.
"Ich zieh dir den Scheitel gerade, du Schwein!"
Die letzten Worte hört Melikjan nicht mehr. Der Bewußtlose hat Glück, daß in diesem Augenblick ein Ehepaar auf dem Weg zur Tochter die Forster Straße überqueren muß. Der Gemüsehändler Ergun Ince erkennt sofort die Situation.
"Feiges Gesindel!" schreit der Fünfzigjährige so laut er kann. Und er kommt näher.
Die Schläger lassen jetzt ab von Soghomon Melikjan. Und weil sie in der Überzahl sind, haben sie auch keine Angst vor einem stämmig gebauten Ince Ergun. Springmesser klappen metallisch.
"Zu Hilfe, ihr Leute!" schreit Frau Ince, als sie sieht, daß ihr Ergun angegriffen wird.
"Mal sehen, was rauskommt, wenn ich dich Knoblauchzehe aufschneide!" Dann sticht einer der Glatzköpfe zu.
Während Ergun Ince stöhnend zu Boden sinkt, ruft seine Frau wiederholt nach Hilfe. Aber weder hinter den erleuchteten noch hinter den dunklen Fenstern in der Straßenfront regt sich jemand ...
"Ab durch die Mitte, Männer!" ruft der Messerstecher jetzt seinen Kumpanen zu. Das Knallen ihrer Stiefelabsätze entfernt sich schnell ins nächtliche Dunkel.
"Ergun!?" Entsetzt beugt sich Frau Ince über ihren Mann. "Ergun!!" schreit sie, und der Name hallt wider in einer von Autos zugestellten nächtlichen Straße.
Antwort erhält Frau Ince nicht. Erst die Sirene eines Funkstreifenwagens, aus dem vorbeifahrenden Taxi alarmiert, durchbricht die tödliche Stille in der Forster Straße. Fortan läuft alles routinemäßig ab.
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Das Mirakel von Bernsdorf, Elke Willkomm
ISBN 3-935171-39-0

Ein Wunder ließ Gott geschehen in einer wunderarmen Zeit. Am heutigen 27. Dezember des Jahres 1807 geschah an uns allen und besonders an dem hierselbst anno 1773 geborenen Michael Jakob Mathias Marten ein Wunder Gottes.

Leseprobe:
Die Glocke. Hörst du, Jean-Pierre? Das ist sie. Etwas zu blechern, ich weiß. Aber sie ist es, meine Glocke, meine Kirche - was soll das, Jean-Pierre, Bruderherz, ich bin aufgeregt wie selten, ich rede, scheint mir, deutsch und hab doch all die Jahre nur französisch gesprochen, sogar gedacht … Nein, dies ist nicht Bernsdorf, sondern Alt-Grödern. Gehört aber zum Besitz derer von Bernsdorf. Komm schneller, Bruderherz. Dieser Hügel nur trennt Alt-Grödern von Bernsdorf. Von da oben kann ich dir zeigen, was ich dir schon oft beschrieben habe, komm!
Weißt du, was ich mir jetzt vorstelle? Michel Marten, der einst aus Bernsdorf fortlief, heimlich und bei Nacht, kommt als Offizier der Grande Armee zurück, und - da läßt der gnädige Herr von Bernsdorf die Kirchenglocken ziehen. Gut, was? Warum die Glocke läutet? Es ist doch Weihnachtsabend, Bruderherz. Jetzt kommen sie dort, hinter jenem Hügel, von der Christvesper. Sie gehen in ihre Katen. Und essen. Etwas Besonderes, lange Aufgespartes. Manchmal reicht's sogar zum Sattwerden. Und der Küster geht mit den Schulkindern umsingen, durchs Dorf, zum Schloß … Mein Gott, Jean-Pierre, wie lange ist das her, daß ich dort die Glocke läutete. Den Blasebalg trat. Umsingen ging. Die Orgel spielte …
Welcher Teufel hat mich nur geritten, heute mit dir hierherzukommen? Heimweh? Ja, da hast du wohl recht. Denn dieser Leutnant Bertrand, der dort letzte Woche ertrunken ist - ob verunglückt, ob nicht verunglückt -, ich sage dir, Jean-Pierre, das interessiert mich nicht im geringsten. Du mußt es aufklären, deine Sache - bitte schön. Und ich, davon habe ich unseren General überzeugt, ich muß dir - als Ortskundiger, nicht wahr? - unbedingt helfen … Zum Teufel, worauf habe ich mich eingelassen! Hab nicht bedacht, daß diese Glocke bimmeln wird, das ist es. Was ist schon Besonderes daran, warum erregt es mich … Aber recht kräftig wird dort am Strang gezogen, scheint mir …
So, mon ami, nun müssen wir anhalten. Da. Das ist Bernsdorf. Siehst du - um die Kirche herum das Dorf. Pfarrhaus, Schulhaus. Der Teich. Die Trauerweiden. Die Tagelöhnerkaten. Fast keine Bauernhöfe, nein, Gutsdorf eines Barons, verstehst du nicht? Leibeigene, ein paar Büdner, vier Bauern, und auch die sind arme Schlucker. Wer weiß, ob's noch vier sind. Und dort der Park, siehst du? Und das Schloß. Hofeinfahrt, hintere Seite, dem Dorf zugekehrt: preußischer Edelmannsstil. Dagegen die Vorderfront, Parkseite: Klein-Sanssouci. Mit Terrassen, Freitreppe, Orangerie, Puttenskulpturen. Dann die gestutzten Bäume, die abgezirkelten Wege. Aber der untere Teil des Parks, bis hinunter zum See - das ist ein Paradies, Jean-Pierre! So verwildert! Und der See … Natürlich ist er für das Dorf verboten. Aber denk nicht, wir hätten dort nicht gebadet, schwimmen gelernt, Fische gefangen sogar!
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Das Dekameronical, Heinz Kahlow
ISBN 3-935171-60-9

Die fünf "Dekameron"-Stücke dieses Bandes stellen eine Mischung aus Dramatischem, Lyrischem und Prosa dar, und die heiter-ironische, zuweilen auch bissig-satirische Betrachtungsweise sichert den Geschichten das Lachen der Leser.

Leseprobe:
Zum letzten Mal erscheint nun in diesem Buch das heutige Sängerpaar namens Er und Sie mit dem großen "Dekameron"-Exemplar und fängt eine neue Geschichte an.
Er und Sie
› Dies, wie man sieht, ist ein altes Buch,
das liest man am besten im Bettchen.
Wir aber gehn in dies Buch zu Besuch
und singen darin ein Duettchen.
Der Boccaccio hat's beschrieben,
mit und ohne Religion:
Jede Tochter lernt das Lieben,
jede Mutter kann es schon.
Auf dieses Stichwort betreten Tochter und Mutter die Bühne, die Tochter - ein wunderschönes Mädchen in jenem romantischen Alter, da man sich beim Blumenpflücken noch was denkt und immerzu auf das ganz große Glück wartet, die Mutter - eine Bauersfrau in den besten Jahren mit ihrem Säugling auf dem Arm.
Er und Sie
In der Renaissance, in der Renaissance …
Hätten wir 'ne Chance
in der Renaissance? ‹
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Das mecklenburgische Volksrätsel Johannes Gillhoff
ISBN 3-935171-32-3

... Dadurch ermutigt, streute ich Ende Oktober ca. 60 Karten mit der Bitte um Beihilfe ziemlich gleichmäßig übers Land. Daraufhin sind bis jetzt ca. 25 Sammlungen aus dem Volksmund eingegangen und ich hab bis jetzt ca. 800 Nummern verzeichnen können … (ich denke) den plattdeutschen Rätselschatz Mecklenburgs so ziemlich erschöpft zu haben …" (Gillhoff 1890 an Wossidlo)

Leseprobe:
Die Uhr
Ick möt holtern un poltern
un swor' Stein up min Schullern dregen;
ick möt arbeiten as en Smädknecht
un mak min Saken recht;
legg ick mi mal tau Rauh,
brummt jedwerein dortau.

Ein Gebimmel un Gebammel,
ein hölten Kammel,
ein Gebibb un Gebabb,
ein hölten Kapp.
Gadebusch.

Dat bimmelt un bammelt
in uns' Slapkamer;
ein Wipp, ein Wapp
ein hölten Kapp.

In uns' Slapkammer,
dor bimmelt wat,
dor bammelt wat,
ein hölten Kapp
wipp un wapp.

Der hett keinen Stock un kann doch slahn,
wer hett kein Fäut un kann doch gahn?

Wer geiht den ganzen Dag un kümmt nich von de Städ?

Wer geiht dat ganze Johr hendörch in de Stuw' hen un her un kümmt nich an de Dör?

Wer sleiht Dag un Nacht un hau't keinen Spohn af?

Wat is dat Best bi de Klock? Lösung: Dat sei sleiht un nich smitt, süss künn 's einen licht drapen.
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Der Adjutant, Wolfgang Schreyer
ISBN 3-935171-49-8

Die Dominikanische Tragödie - 1. Band
Kein Volk wird die Freiheit sehen,
Wenn es vor den Herrschern kniet;
Wenn es nicht aus heißem Sehnen
Mut gewinnt, fest wie Granit.

Leseprobe:
Tomás schob den Teller weg, er verstand gar nichts. Wenn der Major ihn warnen wollte, dann hätte er das auf weniger dramatische Weise tun können. - Wollte er ihn aber beim Chef zu Fall bringen, hätte er ihn nicht warnen, sondern denunzieren müssen. Zur Erpressung reichte der Tatbestand auch nicht, Tomás brauchte die belastende Verbindung nur zu lösen, um wieder makellos dazustehen. Weibergeschichten nahm Trujillo nicht krumm, da hatte er ein weites Herz. Als damals von General Román behauptet worden war, er kümmere sich nicht um das Armeeministerium, sondern nur um Mädchen mit kräftigem Hinterteil, da hatte der Chef gelacht und Román aufgefordert, ihm ein paar davon vorzustellen … Tomás beschloß, zu sondieren. "Jedes Ding hat zwei Seiten", sagte er und blickte dem Rauch seiner Zigarette nach. "Sie befürchten, Señor Fonseca könnte etwas durch mich herausbekommen. Vielleicht wird umgekehrt ein Schuh daraus - ich erfahre etwas über ihn?" Zu seiner Überraschung schüttelte Pezuela den Kopf. Er war beim Dessert angelangt, verzehrte den Rest des Piñonate, ein Gemisch aus Kokosnuß, gezukkerten Mandeln und Milch, kein passender Nachtisch für einen Stabsoffizier. Er wies also das Angebot zurück, für ihn zu spionieren, ja zum Teufel, was erwartete er dann? Das war es doch, was die Sicherheit immer wollte!
"Ich weiß Ihre Bereitschaft zu schätzen", murmelte Pezuela, den Mund voll süßem Brei. "Doch das wäre zu riskant. Auf das Adjutantenkorps darf kein Schatten fallen. Die Fonsecas sind mit allen Wassern gewaschen, mit denen sollen sich andere befassen. Ich kann nur raten, Hauptmann, Hände weg."
Der Ton, in dem er das vorbrachte, war trotz des Piñonate so gewichtig, daß Tomás ihn kaum ernstnehmen konnte. Da saß der schmächtige Major und löffelte sein Naschwerk. Die Serviette hatte er schon zusammengelegt, Messer und Gabel exakt gekreuzt. Und plötzlich begriff Tomás, wen er vor sich hatte - einen kleinen Mann, der sich aufblies, der Gewaltiges erleben, eine Rolle spielen und Macht ausüben wollte, weil er vor Geltungssucht brannte. Seine Reden bezeugten es. Die Verhandlung mit Batista. Der Hinweis auf das Roulettespiel. Und auf das Kasino, den "Treffpunkt aller Schönen von Boca Chica". Sein Lachen vorhin im Wagen, als Tomás die dumme Bemerkung über Cindy entschlüpft war. Womöglich fehlte ihm sogar Sex, sein Verweilen bei den Frauen, die man nackt ausgezogen hatte, sprach dafür. Verräterisch auch der Satz, die Bühne sei für Leute, die nichts erlebten; Liebe und Tod und Spaß, wer von der Seguridad brauche da Ersatz? Zu großspurig, als daß es stimmen konnte. Pezuela suchte ja Ausgleich - nicht im Theater, sondern im Amt, was weit bedenklicher war.
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Der Resident, Wolfgang Schreyer
ISBN 3-935171-50-1

Die Dominikanische Tragödie - 2. Band
Kein Volk wird die Freiheit sehen,
Wenn es vor den Herrschern kniet;
Wenn es nicht aus heißem Sehnen
Mut gewinnt, fest wie Granit.

Leseprobe:
Exzellenz, ein armer Kerl muß nicht links stehen. Er kann auch von rechts gekauft worden sein; diese Variante wäre nicht neu."
"Es freut mich, Oberst, daß Sie dies in Ihre Erwägungen einbeziehen."
"Wir suchen nach allen Seiten", versicherte Pezuela, während er Bruchstücke des Sprengkörpers, die Bosch überhaupt nicht beachtet hatte, wieder in den Plastikbeutel schob. "Das tun wir in jedem Fall. Nicht ganz leicht bei den drei bis vier Bombenexplosionen, die es neuerdings im Wochendurchschnitt gibt. Aber, Herr Präsident, gestatten Sie mir in diesem Fall die Frage: Wo soll ich finden?"
Boschs dichte Brauen hoben sich warnend. "Sie bieten mir Ergebnisse nach Wunsch?"
"So würde ich nicht sagen, Exzellenz. Ein Verbrechen ist geschehen, es fordert Aufklärung. Aber außer dem Kriminalfall ist es ein Politikum. Die Tätersuche wird schwere Folgen haben, sehr verschiedenartige Folgen, je nach dem Resultat."
"Ach", entfuhr es Tomás, "beweisen läßt sich alles?"
"Im Prinzip, ja. Ich gebe zu, die Polizei kann vieles tun. Angenommen nun, der Fahrer Admiral Vasallos oder Oberst Wessíns würde von uns als Täter festgestellt werden. Wir hätten mit ihm noch nicht die Hintermänner, aber jeder vermutete sie dann beim Militär. Die Linken würden das Volk auf die Straße bringen, und die Generale könnten putschen unter dem Vorwand - oder dem Zwang -, einer roten Machtergreifung zuvorzukommen."
"Meinen Sie, ich weiß das nicht?" Bosch schlug auf den Tisch. "Aber was folgt umgekehrt? Bringen Sie mir einen linken Täter an, wird man mich drängen, Estrella und Tavárez zu verhaften, andere zu deportieren und den Gendarmen Schießbefehl zu geben. Das wäre genauso katastrophal."
"Herr Pezuela", sagte Tomás, "widerstehen Sie doch einmal der Neigung zur Politik, trotz Ihres Talents auf dem Gebiet, und finden Sie schlicht die Wahrheit heraus. Ermitteln Sie denn auch gegen den ›Polyp‹? Darüber hört man wenig von Ihnen, obwohl von dort doch eine klare Drohung kam."
"Gedroht wurde für den Fall einer Verfassungsverkündung, die es bisher nicht gab." Pezuela wandte sich dem Präsidenten zu, mit gefurchter Miene, die von zähem Nachdenken zeugte, der verbissenen Suche nach einem Ausweg. "Im übrigen, dieser Hinweis bringt mich auf eine dritte Möglichkeit", sagte er langsam, als würde ihm wirklich eine Erleuchtung zuteil. "Der Täter kann durchaus ein Mann von gestern sein, ein unbelehrbarer Trujillista. Jawohl, Exzellenz! Das lenkt mit Sicherheit ab von den bestehenden, so reizbaren Gruppierungen …"
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Der Reporter, Wolfgang Schreyer
ISBN 3-935171-52-8

Die Dominikanische Tragödie - 3. Band
Kein Volk wird die Freiheit sehen,
Wenn es vor den Herrschern kniet;
Wenn es nicht aus heißem Sehnen
Mut gewinnt, fest wie Granit.

Leseprobe:
Nun, Sir, gezielte Äußerungen gehen manchmal an der Wahrheit vorbei. Wer die Wahrheit beiseite läßt, und sei es aus höchst ehrenhaften Gründen, zugunsten eines politischen Zwecks, der hört immerhin auf, Autor oder Journalist zu sein. Dafür ist er dann natürlich Staatsmann - so vielleicht erst recht."
"Lieber Freund, in erster Linie bin ich weder das eine noch das andere. Hier bin ich in erster Linie - wie sicherlich auch Sie, wie ein jeder von uns - Amerikaner."
Kurzman stand auf. "Gut, sich daran von Zeit zu Zeit zu erinnern. Ihre gezielte Äußerung, Sir, für die Sie leider noch keinen Beweis geben dürfen, ist schließlich zur Grundlage unserer Staatspolitik geworden, das scheint mir der springende Punkt. Zur Grundlage einer Politik der Einmischung; während wir weiterhin darauf bestehen, streng neutral zu sein."
Mitchell blieb wie betäubt zurück, ziemlich ausgelaugt. Ein verdammt sachlicher Dialog, emotionsarm, hartgesotten. Ganz ruhig hatten sie einander Schwerwiegendes gesagt, ausgekochte Burschen, die es verschmähten, sich überhaupt noch zu erregen. Kurzman, das war klar, spielte dabei den besseren Part. Es war ja immer noch viel leichter und galt auch als anständiger, etwas herauszufinden und es korrekt zu schildern, als etwas zu tun und es dann womöglich eine Zeitlang vor der Öffentlichkeit zu verbergen. In den Augen des Publikums jedenfalls war Unbefangenheit die glücklichere Position … Nein, er nahm da gar nichts übel, konnte sich ganz gut in Kurzman einfühlen; der spürte für die Post einer Wahrheit nach, die Mitchell für sein Land verbarg. Ja, das mochte seine Schwäche sein - wenn er erschöpft war, verstand er jeden.
Allerdings, dieses Bohren ging an den Nerv, weckte in ihm den Sinn für das Peinliche der Mission. Der alte Widerspruch von Geist und Macht, den spürte er, scharf wie noch nie, da am eigenen Leib. Gewiß verkörperte Kurzman nicht ausschließlich den Geist, und er, Mitchell, vertrat die Macht; so einfach lag die Sache nicht, das mischte sich doch sehr. Er konnte das bißchen Macht, das man ihm verliehen hatte, sinnvoll nur mit Verstand gebrauchen. Und Kurzman, scheinbar so machtlos wie tugendsam, war in Wirklichkeit ja ein Teil der Großmacht Presse, Teil jener Massenmedien, die man - nach der Gesetzgebung, der Rechtsprechung und der vollziehenden Gewalt - schon die "vierte Gewalt" im Staate zu nennen begann.
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Vom alten und neuen Mecklenburg, Hans Bernitt
ISBN 3-935171-06-4

Hans Bernitt (1899 - 1954), Lehrer und Schriftsteller, ... Lehrbeauftragter für Geschichte an der Universität Rostock.
Nach fast 50 Jahren ist seine Sicht auf Mecklenburgs Geschichte wieder bemerkenswert.

Leseprobe:
Als Brüel  Bahnstation werden sollte
Das mecklenburgische Eisenbahnnetz ist nicht nach einem einheitlichen Plane angelegt worden. Vielmehr baute man erst ein Endchen, dann wieder eins, und so ging es fort. Der Anstoß kam überhaupt von außen her. Preußen erbaute die Bahnstrecke Berlin - Hamburg und führte sie durch die Südwestecke Mecklenburgs. Die mecklenburgische Teilstrecke der Preußenbahn wurde im Jahre 1846 dem Verkehr übergeben.
Als das geschehen war, handelte es sich zunächst darum, dem Großherzog von Mecklenburg-Schwerin für seine Residenz ebenfalls die Vorteile einer Bahnverbindung zu verschaffen. Man mußte den Wünschen Seiner Königlichen Hoheit entgegenkommen, ging also daran, eine Anschlußlinie an die vorhandene Bahn von Hagenow-Land nach Schwerin zu errichten. Sie konnte am 1. Mai 1847 eröffnet werden.
Dann verband man im Jahre 1848 aus wirtschaftlichen Interessen die Stadt Schwerin mit dem Hafenort Wismar. Die neue Strecke wurde am 12. Juli des Revolutionsjahres in Betrieb genommen. Beim Bau einer jeden Linie ergaben sich erhebliche Schwierigkeiten, die nicht nur technischer Art waren. Auch das Verhalten einiger Gemeinden und mancher bodenbesitzender Einzelpersonen war nicht dazu angetan, den Bahnbau zu fördern.
Dasselbe war der Fall, als man in den Jahren 1849/50 wieder ein Stück Bahn in Angriff nahm. Man wollte von der Strecke Schwerin - Wismar in Kleinen abzweigen und eine Linie über Bützow nach Rostock bauen, zugleich mit einer Anschlußstrecke von Bützow nach Güstrow. Die geplante Bahn war ohne Zweifel wichtig, denn dadurch sollte Rostock, die größte Stadt des Landes, Verbindung mit dem übrigen Deutschland erhalten.
Als man überlegte, wie die Bahnlinie zwischen Kleinen und Bützow am günstigsten geführt werden könnte, stieß man auf das Städtchen Brüel. Es lag ganz in der Nähe der kürzesten Streckenführung. Daher erwogen die Fachleute, ob man dem Orte Bahnverbindung geben, also die Strecke an die Stadt hinanleiten solle.
Das war eine Gelegenheit für Brüel, die es auszunutzen gegolten hätte. Aber die damaligen Brüeler und besonders die tonangebenden Besitzbürger hatten Hemmungen. Eine Eisenbahn sei gefährlich, meinten sie, und könne wer weiß was anrichten. Also wollten sie so etwas um keinen Preis in Brüel haben. Man war damals in dem abgelegenen Landstädtchen so sehr in alten und längst überholten Vorurteilen befangen, daß man gar nicht merkte, wie sehr man sich damit lächerlich machte. Es war umsonst, daß Sachverständige und höhere Dienststellen den Brüeler Honoratioren klarzumachen versuchten, welchen wirtschaftlichen Nutzen die Stadt und welche persönlichen Annehmlichkeiten die Einwohner von der Eisenbahn haben würden. Die Stadtgewaltigen wollten einfach nicht. Sie blieben bei ihrem entschiedenen "Nein" und ließen sich durch keine Vernunftgründe davon abbringen. Im Gegenteil, sie waren noch stolz auf ihre Sturheit, in keiner Weise vom Althergebrachten abzuweichen.
So gab es für die Erbauer, wenn sie weitere Schwierigkeiten vermeiden wollten, nur die Möglichkeit, die Bahnstrecke anderswohin zu legen. Sie führten die Linie derart an Brüel vorbei, daß sie eine ganze Meile von der Stadt entfernt blieb. Auf solche Weise kam das kleine Dorf Blankenberg dazu, anstatt von Brüel Haltestelle zu werden und in späterer Zeit sogar zu einer wichtigen Umsteigestelle aufzurücken.
Am 13. Mai 1850 fuhr der erste Zug auf der neuen Strecke. Doch die Brüeler Bürger rührte das nicht. Sie waren froh, von der neumodischen Einrichtung verschont geblieben zu sein dank der neunmalweisen Einsicht ihrer Stadtväter. Sie wollten in der Anfangszeit auch von Blankenberg aus nicht mit der Bahn fahren. Es wird berichtet, daß Brüeler Einwohner, als sie den Zug nur von weitem sahen, ob solcher frevelhaften Neuerung voller Angst das Hasenpanier ergriffen.
37 Jahre sollten vergehen, bis die Stadt Brüel wiederum Gelegenheit bekam, Eisenbahnstation zu werden. Diesmal handelte es sich nicht um eine Hauptstrecke wie 1850, sondern nur um eine Nebenlinie. Man projektierte nämlich im Jahre 1887 den Bau der Bahnlinie Wismar - Karow. Nun hatte sich sonst im Lande schon manches in bezug auf veraltete Anschauungen geändert, denn man befand sich bereits an der Schwelle des monopolkapitalistischen Zeitalters. Jedoch in Brüel als einer der dunkelsten Ecken des Junkerstaates Mecklenburg hielt noch ein Teil der Kleinbürger wie der Stadtoberen steif an den rückständigen Gedankengängen von Anno dazumal fest. Man suchte daher auch den neuerlichen Plan zu hintertreiben. Dabei wurden die sonderbarsten Beweisgründe ersonnen. Vor allem führte man in der Kleinstadtöffentlichkeit als Gegenargument das Rindvieh an. Die Kühe, der ganze Stolz der Brüeler Viehhalter, sollten angeblich durch die Eisenbahn Schaden nehmen. Wie leicht könnten sie überfahren oder zumindest durch herankommende Züge wild gemacht werden! Und wer sollte sie dann wieder einfangen? Nein, lieber wollte man auf alle Verkehrsmöglichkeiten verzichten.
Aber es nützte diesmal nicht mehr. Der technische Fortschritt war auch von den Brüeler Kuhbesitzern nicht aufzuhalten. Ob sie wollten oder nicht, Eingaben schrieben oder grobe Reden gegen die "neue Zeit" hielten: der Bau der Eisenbahnlinie kam zustande, und Brüel wurde Bahnstation.
Inzwischen haben sich die Brüeler daran gewöhnt. Heute kann man sich in dem Städtchen kaum mehr die Bahn fortdenken. Und - was sich nicht leugnen läßt - das Rindvieh grast dort nach wie vor.
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Eine Mutter, Kurt Biesalski
Illustrationen von Britta Matthies

ISBN 3-935171-87-0

Erstveröffentlichung in Anthologie "Mein Vater - meine Mutter", 1986, bei Verlag Neues Leben, Berlin

Leseprobe:
An diesem Tage schämte Konrad sich so sehr, daß es bis weit in sein späteres Leben reichte. Tatsächlich ist er nie mehr ganz davon losgekommen. Bei allem, was er später selber tat, selbst in Augenblicken, wo ihm bei Feierlichkeiten auf der Arbeitsstelle brüchiger Applaus galt, war da immer noch ein Rest von Scham, der den Anwesenden gleichsam sagen wollte: Aber doch nicht mir! Bitte nicht mir! Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet …!
An diesem Tag zersprang ein Uhrwerk in Konrads Brust. Die Rädchen und Federn blieben lose in ihm liegen. Er hat sie nie mehr zusammenzusetzen vermocht - er hat es auch gar nicht erst versucht; denn er wußte, das ging nicht mehr. Er würde mit dem kaputten Uhrwerk leben müssen. Nur sollte es so leicht niemand merken. So heftig war die Scham, die Konrad traf. An diesem Tag hörte er auf, Kind zu sein - schlagartig wurde er zum Erwachsenen. Und er war erst elf.
Dabei begann der Tag so verheißungsvoll ...
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Unterwegs zum Orwell-River, Jean Villain
ISBN 3-935171-26-9

Diese im Verlauf eines halben Jahrhunderts auf vier Kontinenten recherchierten Stories ... die sorgfältig recherchierte soziale Wirklichkeiten in ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen spannungsvoll durchschaubar macht ...

Leseprobe:
Betriebsames Gehämmer, das Kreischen von Sägen und rhythmischer Wechselsingsang signalisieren schon von weitem, dass ich jetzt auf dem richtigen Wege bin. Die Sänger: acht Balkenträger, die mittels Schulterjochen ein zentnerschweres Kielholz zum Bauplatz schleppen. Sie kommen von der Zuschneiderei, einer geräumigen Palmwedelhütte, in der sich herkulische Kerle jeweils zu zweit an meterdicken Teakholzriesen zu schaffen machen. Der eine steht oben, der andere kauert unten, von Kopf bis Fuß mit Sägemehl eingestäubt. Zwischen ihnen das stählerne Schneideblatt. Keiner kann den anderen sehen, sie verständigen sich mit knappen, ewig gleichen Zurufen: »He« »Ho!«, sind exakt aufeinander eingespielt und werden mindestens noch eine Woche zu tun haben, ehe sie am Ende des Stammes, den sie gerade zerteilen, angelangt sind. Er misst gute zehn Meter und ist so hart, dass sie pro Stunde nur wenige Zentimeter schaffen
Vorn am Wasser auf Stapel die Neubauten. Drei nebeneinander. Der erste noch ein Embryo, bestehend nur aus einem wuchtigen Kiel, in den gerade die Kerben für die Spanten gestemmt werden. Von Hand, mit Axt und Beitel. Der zweite ist schon etwas weiter. An sein weit ausladendes Gerippe werden just die doppelten Plankenwände geschlagen.
Auf der letzten Helling schließlich, ungeheuer beleibt und dennoch elegant, mit Planken so glatt wie Säuglingshaut und den Wohlgeruch frisch verarbeiteten Holzes verströmend, ein Boot, das kurz vor der Jungfernfahrt steht. Oben an Deck bereits der Rais, der künftige Eigner, ein hagerer Burnusmann aus Abu Dhabi. Er beaufsichtigt einige Arbeiter, die dem Kapitänslogis den letzten Schliff geben. In einem kehligen Gemisch aus Arabisch und Malayalam treibt er sie alle paar Minuten zur Eile an, als ob hier, ausgerechnet hier, wo es keine Werkzeugmaschinen gibt und auch kein Telefon, wo jeweils fünfzehn bis zwanzig Schiffsbauer einen 250-Tonner in vier bis sechs Monaten per Handarbeit zusammenbasteln, Zeit plötzlich doch Geld wäre!
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Mit Kleo unterwegs, Heinz Kahlow
ISBN 3-935171-33-1

Da fahren vor ein paar Jahrzehnten zwei durch Städte ihres Landes und scherzen, lachen, staunen, und wie selbstverständlich nehmen sie teil, am, wie wir heute wissen, gescheiterten Versuch, eine Welt ohne Gewalt und soziale Ängste zu schaffen.
Viele der kleinen und großen Wünsche gingen nicht in Erfüllung, manche Prophezeiung trat nicht ein: Im Jahr 2006 wird die Zigarettensorte "Jubilar" beim Stadtjubiläum in Dresden fehlen.
Wenn Ihnen, liebe Leser, Rheinsberg und Gripsholm wegen eines anderen Pärchens in guter Erinnerung sind, haben Sie nun Gelegenheit ...

Leseprobe:
Die reine Natur
Nachmittags ist der Darß dran. Der Darß ist ein Urwald und reicht von Prerow bis Ahrenshoop. Jetzt könnte ich natürlich die Unterschiede zwischen beiden Orten aufzählen, aber das ist vielleicht mehr ein Aufsatzthema für die einheimische Schuljugend: "Ahrenshoop ist schmal, Prerow aber rund. Das Auffallende an Ahrenshoop sind die vielen Künstler, Prerow hat auch welche, aber die sind nicht so auffallend."
Übrigens wird jetzt eine neue Chaussee gebaut, so daß man bald von Ahrenshoop nach Prerow fahren kann, und die Chaussee ist sehr klug und mitfühlend und will keine Seeadler vertreiben und geht deshalb in großem Bogen um den Urwald herum. Wir wollten hinein.
"Alsdann und heißa!" sprach das kluge Kind. "Laßt uns die Reinheit der Natur genießen!" Und verstaute den Wein, den wir gekauft, und die Gläser, die wir geliehen, in die Kutsche, die wir gemietet hatten. Herr K., der Prerower Kutschenbesitzer, rief seinen Pferden was Plattdeutsches zu, und wir trabten davon.
Die Sonne lachte, die Ringelnattern huschten, der Mäusebussard schrie, ein paar Fichten, die nicht aufgepaßt hatten, waren vom Efeu eingewickelt worden bis zum Wipfel, und Herr K. machte nicht nur den Kutscher, sondern auch den Erklärer so gut, als ob er drauf studiert hätte.
Wir fuhren - mitten im Darß - auf dem ehemaligen Meeresufer entlang. Es ist eine Steilküste gewesen, das Land nördlich davon - jetzt auch schon mit jahrhundertealten Bäumen bestanden - ist viel niedriger. Wasser und Wind haben einstmals Sandbänke aufgebaut, und die vom Meer abgeschnittenen Lagunen sind langsam durch Pflanzenwuchs verlandet.
Kleopatra aß gekochte Eier und streute die Schalen behutsam in ein paar Sümpfe, weil Eierschalenwasser so gut für die Pflanzen ist. Plötzlich waren wir an der See, am Weststrand des Darßes. Da lagerten wir uns in den Dünen, packten die Gläser und die Flaschen aus, und die gute Sonne lächelte mild. Der Wein lächelte auch, und Herr K. erzählte, wie hier früher manch ein Schiff auf eine Sandbank geraten und einmal tonnenweise Margarine an den Strand geschwommen sei. Das war in dem miesen Jahr zweiunddreißig, und die Prerower Bäcker mochten dann keine Kuchen mehr abbacken, weil der Teig immer zu fett war und auseinanderlief. Und auch Weinfässer wurden an Land getrieben …
"Sühstuwoll", sagte das kluge Kind, und die Gläser wurden wieder voll, und die Sonne funkelte im Wein, solang er in den Gläsern war, und das war immer nicht lange.
"Einmal, von einem andern Schiff", erzählte Herr K. noch, "fand meine Großmutter eine Kiste VIM, das Putzmittel, wissen Sie, die hat zwanzig Jahre lang gereicht."
Dann brachte er die Gläser und die leeren Flaschen in den Wagen zurück, und wir gingen aus den windgeschützten Dünen an den Strand hinunter. Der Wind wehte uns feinen Sand ins Gesicht. Kleopatra wischte sich ein Sandkorn aus dem Auge, hielt es mir hin und sagte ernst und feierlich: "Hier kann man spüren, Heinrich, wie die Jahrhunderte arbeiten. Ganz langsam. Körnchen für Körnchen. - Und dann vergleich das mal mit der Rostocker Hafenmole!"
Ich ging ein Stück weg und sah mir die seltsam verwachsenen Bäume an, die ,,Windflüchter" - und einen Augenblick lang war jeder von uns ganz allein auf der Welt.
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Ein Mädchen und zwei Romane, Elfriede Brüning
ISBN 3-89954-002-6

Filmerzählung. Mit einem Vorwort von Elfriede Brüning

Leseprobe:
Zu diesem Buch (Auszug aus dem Vorwort Elfriede Brünings vom Sommer 2002)
Die in diesem Band veröffentliche Filmerzählung, die zur Grundlage des späteren Drehbuches wurde, das von der Defa zur Verfilmung angenommen, nach der sogenannten Wende aber nicht mehr realisiert werden konnte, beruht auf Tatsachen. Ich berichte darin von einer Gruppe junger Menschen, die dem "Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller" angehörten, der im Jahre 1928 von Johannes R. Becher, Erich Weinert, Karl Grünberg, Berta Lask und anderen gegründet worden war und zu dem inzwischen auch so bekannte Autoren wie Anna Seghers, Ludwig Renn, Friedrich Wolf und andere zählten, die in der literarischen Welt schon einen Namen hatten. Unter den annähernd hundert "Bund"-Mitgliedern in Berlin gab es indes auch viele, die wie ich erst am Anfang ihrer literarischen Entwicklung standen. Ich war 1932 zum "Bund" gekommen und war damals mit meinen 21 Jahren das jüngste Mitglied. Außer mir befanden sich in der Gruppe Nord des Bundes, dem ich angehörte, ein Poet, der sich durch Fensterputzen etwas Geld verdiente; Walter Scholle, der Inhaber eines kleinen Buchladens in Schöneberg sowie ein weiterer Büchernarr, Werner (das war Werner Ilberg), der von einem Bücherkarren herab seine Schmöker verkaufte. Die Bibliothekarin Herta Block gehörte zu uns, die Satirikerin Hilde (Berta Waterstradt) und Trude Richter, die Studienrätin, die später in die Sowjetunion emigrierte, in dem schlimmen Jahr 1937 verhaftet wurde und zwanzig Jahre in einem Straflager in Sibirien verbringen mußte.
Wir alle diskutierten in unseren Zusammenkünften über die Rolle des klassischen Erbes oder über Wert und Unwert der literarischen Tagesarbeit.
Wir hofften, eines Tages das "große proletarische Kunstwerk" zu schaffen, während wir inzwischen noch heftig darüber stritten, ob nur der proletarisch geborene Schriftsteller eine proletarische Literatur werde schaffen können, wie Andor Gabòr, gleichfalls ein "Bund"-Mitglied, erst kürzlich in der "Linkskurve" behauptet hatte.
Nach Hitlers Machtantritt, im Januar '33, wurde der "Bund" verboten, und wir mußten zunächst untertauchen. Merkwürdigerweise hat uns aber gerade der 10. Mai '33, der Tag der Bücherverbrennung auf dem Opernplatz, wieder zusammengeführt, denn viele von uns waren dort, um Zeuge der Untat zu sein. Und nun beschlossen wir, weiterhin zusammenzukommen - jetzt allerdings illegal und nur in kleinen Gruppen. Wir nahmen uns vor, über das Dasein im Dritten Reich wahrheitsgetreu zu berichten, sei es in Form von Erzählungen, Kurzstorys, Glossen oder Satiren; unsere Arbeiten sollten dann, durch einen Kurier ins Ausland geschleust, in den "Neuen Deutschen Blättern" veröffentlicht werden, einer Zeitschrift, die Wieland Herzfelde in seinem Malik-Verlag in Prag herausgab und in der es eine Rubrik gab, die "Die Stimme aus Deutschland" hieß.
Leiter unserer illegalen Gruppen war Hans Schwalm, der sich erst in der Emigration Jan Petersen nannte. Er hielt die Verbindungen zu den einzelnen Dreiergruppen aufrecht, und er nahm, als illegaler Redakteur der Zeitschrift, unsere Beiträge entgegen. Außerdem schrieb er damals, was wir anderen nicht ahnten, unter den schwierigen Bedingungen der Illegalität, immer von Entdeckung bedroht, an seiner Chronik einer Straße in Berlin-Charlottenburg. Das Manuskript seiner Arbeit konnte er später unter abenteuerlichen Bedingungen ins Ausland schaffen, wo es zunächst in England, später aber auch in anderen Ländern, unter dem Titel "Unsere Straße" erschien und große Beachtung fand.
Petersen - oder damals noch Hans Schwalm - verließ uns im Sommer 1935, ohne uns allerdings zu verraten, daß er in Paris an dem Kongreß "Zur Verteidigung der deutschen Kultur" teilnehmen sollte. Er trat dort mit einer schwarzen Maske vorm Gesicht als Vertreter der noch in Deutschland verbliebenen revolutionären Schriftsteller auf und überbrachte den Kongreßteilnehmern unsere Grüße. Er konnte dann nicht mehr nach Deutschland zurückkehren, weil die Gestapo inzwischen - im Oktober 1935 - alle Berliner "Bund"-Mitglieder verhaftet hatte. Ein Spitzel namens Felix hatte sich bei uns eingeschlichen und an die Gestapo verraten. Wir wurden angeklagt wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" und erhielten Gefängnisstrafen, die, mit ein bis zwei Jahren, noch relativ milde waren. Nur Kurt Steffen, der nach Schwalms Abreise die Gruppen geleitet hatte, wurde zu fünf Jahren verurteilt, da das Gericht das eine Jahr Untersuchungshaft, das er bereits abgebüßt hatte, nicht anrechnen wollte.
Ich selbst kam ins Frauengefängnis Barnimstraße und saß in Einzelhaft. Als "Schutzhäftling der Gestapo" hatte ich Schreiberlaubnis und so entstand, gewissermaßen als Tarnung, in kurzer Zeit ein kleiner Liebesroman, den, wie ich wußte, die Gestapo mitlas, denn ich mußte jeden Tag das Geschriebene bei der Gefängnisbeamtin abliefern und bekam es erst nach Tagen wieder zurück.
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Die Frau des Trinkers, Kurt Biesalski
ISBN 3-935171-41-2

"Die Frau des Trinkers" ist ein Roman, der vor allem durch die nachvollziehbaren Psychogramme der Hauptfiguren und die Genauigkeit der Situationsschilderungen besticht, der alle Fragen aufwirft, doch gleichzeitig rücksichtsvoll genug ist, auf keine Frage eine schlüssige Antwort zu geben. Mögliche Antworten, so glaubt der Autor, können allein aus der seelischen Erschütterung des Lesers erfolgen.

Leseprobe:
Zu fliehen ist ihr nicht gelungen, Hilfe von woandersher ist ihr versagt. Woher sollte sie auch noch Hilfe erwarten? Seit Anton Boschs Fortgang gab es niemanden mehr in diesem Dorf, auf den man sich wie auf einen Pfahl stützen könnte. Die Leute in diesem merkwürdigen Dorf zogen sich von ihr zurück, wenn sie mit immer neuen Blutergüssen durch den Ort ging - als wäre sie eine Aussätzige. Nein, sie ist ganz allein. Sie muß also selbst etwas unternehmen, sich selbst helfen, ihr einfaches Leben retten. Denn länger häkt sie es nicht mehr aus. Sie muß etwas tun, damit sie diese bestialischen Mißhandlungen los wird, gleichgültig was. Nur loswerden muß sie sie! ...
... So sehr Maren jetzt auch grübelte, ihr fiel nicht das geringste ein, was noch einen Ausweg aus dieser Lage versprach. Sie selbst konnte nichts mehr machen. Und ihre eigene Zukunft sah sie in den schwärzesten Farben. Nichts. Nur bestürzende Düsternis lag vor ihr. An diesem Manne kam sie einfach nicht vorbei. Nein, nie und nimmer. Wie ein riesiger Keil saß er mitten in ihrem Leben und blockte vor ihr alles ab, was lebenswert war. Kein Lichtstrahl drang zu ihr durch, kein Zeichen einer Hoffnung, nichts, worauf sie sich auch nur im geringsten freuen könnte. Mit instinktiver Sicherheit hatte er alle Lücken gefunden und mit seiner hämischen Schadenfreude erbarmungslos verstopft. Auch ihre geheimen Pläne, die ihr in aller Stille einen leisen, aber doch beträchtlichen Rückhalt gegeben hatten, hatten sich mittlerweile allesamt als nichtig erwiesen.
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Mein Kampf ums Überleben, Theo Kaufmann
ISBN 3-935171-96-X

Erinnerungen. Mit einem Prolog von Theo Kaufmann

Leseprobe:
(Aus dem Prolog von Theo Kaufmann)
Das Manuskript beginnt am 15. Juli 1943 auf dem Schulhof einer Neuköllner Oberschule und endet zwei Jahre später zwischen den Ruinen im gleichen Berliner Bezirk.
Dazwischen liegen, nach einer kurzen Rückblende auf die Kinderjahre, Schilderungen der Erlebnisse, Abenteuer, der Gefahren und Schikanen bei der Flak in Berlin und Peenemünde, beim Arbeitsdienst in Polen und an der Ostfront.
Es wird über die Verwundung, den Ausbruch aus einem Kessel mit seinen unbeschreiblichen Qualen und den Weg zurück nach Berlin berichtet.
Während der folgenden Lazarettwochen in Marienbad erlebt der Genesende erste Berührungen mit der Liebe, die einen Sturm der Gefühle auslösen und ihm die Erfüllung ersehnter menschlicher Wärme und Geborgenheit bringt.
Wenige Tage vor Kriegsende wird er wieder an der Westfront eingesetzt, um erneut Schrecken und Sinnlosigkeit des Krieges zu erleben, ...
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Friedenstaube, Dagmar Pittack
ISBN 3-89954-012-3

Gedichte gegen Krieg, Terror und Mord

Leseprobe:
Wiegenlied

Wir haben kein Zuhause,
wir wandern ohne Ziel.
Schlaf ein, mein Kind, bleib ruhig,
träum von dem Puppenspiel.

Im Dunkeln flimmert Silber,
schlaf ein, mein kleines Kind.
Die Todesvögel kreischen.
Es gar zu viele sind.

Der Weg ins Ungewisse!
Mein Marschgepäck du bist.
Schlaf ein auf meinem Rücken,
den Hunger schnell vergiss.

Glutrot erblüht die Rose,
ihr Schein uns ständig jagt,
schlaf ein, mein Kind, sei tapfer,
die Hoffnung selbst verzagt.

Die Trauer um die Heimat
begleitet unsere Not.
Schlaf ein, mein Kind, wir wandern
ganz sicher in den Tod.
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Deutschreden, Rolf Richter
ISBN 3-89954-009-3

Impressionen aus dem politischen Alltag dieses Landes

Leseprobe:
"Schaut auf dieses Land!
Es ist das Herz unseres Kontinents, ein neues Reich der Mitte, ja, der Nabel der Welt.
Zwei große politische Gruppierungen haben hier abwechselnd das Sagen; nehmen wir einmal die Zwischentöne weg und nennen sie in völlig unzulässiger Vereinfachung Rot und Schwarz, wie das Glücksspiel. Daß sie ab und an ihre Plätze in der Regierung und auf den Oppositionsbänken tauschen, macht nicht allzuviel, so gravierend sind die Unterschiede nicht, es steuert doch bald alles in das vorgeschriebene Fahrwasser und unterwirft sich den höheren Zwecken, was kümmert einen da noch sein Geschwätz von gestern.
Das Staatsoberhaupt, der Präsident, ist das Alibi, das moralische Gewissen der Nation. Macht hat er kaum, und wir lassen ihn ruhig seine wohlgesetzten Reden halten. Unser eigentlicher Herr ist der Kanzler, die Symbolfigur schlechthin; Namen sind dabei Schall und Rauch.
Und mit den folgenden Impressionen aus dem politischen Alltag soll der Welt eine Ahnung von der Größe und von dem Glanz dieses Landes vermittelt werden."
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Leuchttürme in Meck-Pomm oder
Die Liebe des Fischers und seiner Frau
,
Günther Kröger
Fotos von Hans Krenitz

ISBN 3-89954-040-9

Geschichten zu den Leuchttürmen an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern, frei erzählt nach eigenen Erlebnissen, Erzählungen und Geschichten von Fischern

Leseprobe:
Von einem blonden Jungen wollte er wissen, wozu denn so ein Leuchtturm da ist. Der Junge überlegte nicht lange und antwortete: "Wenn es dunkel wird, fangen die Leuchttürme an zu blitzen und blinkern. Da ganz oben, wo die Glaskuppel ist. Das geht die ganze Nacht durch. Dann wissen die Seefahrer, wo sie sind und finden in den Hafen. Und am Tage können sie ihn sehen, er ist mächtig hoch."
"Richtig, mein Junge", meinte Johann. "Und was macht so 'n Lüchtturm noch?", fragte er weiter. Ein anderer Junge schaute den Kutscher an und meinte, indem er mit dem Arm nach vorne zeigte: "Dort in Warnemünde sind wir in Urlaub und unser Wirt hat uns erzählt, wenn es neblig ist und dichter Schnee fällt und man nichts mehr sieht, dann brüllt es aus dem Turm auf der Mole und die Seeleute bekommen Angst und fahren zurück und nicht auf den Strand."
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Das Mädchen aus Dresden, Ernst Parsche
Illustrationen: Nationalpreisträger Prof. Armin Münch

ISBN 3-935171-68-4

Der Erzählung Inhalt beruht teilweise auf Schilderungen anderer und eigenen Erlebnissen. Ähnlichkeiten mit Personen sind zufällig.

Leseprobe:
Plötzlich ertönten Sirenen, dem Geheul hungriger Wölfe gleich panischen Schrecken verbreitend. Die dunkel in dunkel liegenden Gassen, Straßen und Plätze schienen aus sich herauszutreten. Ein nicht abreißen wollender, immer dichter werdender Menschenstrom hastete zu den Bunkern und in die durch phosphoreszierende Zeichen markierten Luftschutzkeller. Leben! Wir wollen am Leben bleiben …! Das war das Bestimmende, zu schreckensvoller Eile Treibende. Jedermann klammerte sich an die winzige Hoffnung, vom Schlimmsten verschont zu werden.
Dumpf prallte der Fliehenden Schritte Echo von den Häuserwänden. Schon hingen unter den Wolken der Kriegsfurie den Weg weisende Leuchtschirme. Da unten, wo die Hunderttausende um ihr nacktes Leben rennen, da unten liegt das zu treffende Lohnenswerte! Daß die zum Schutz der Stadt vorgesehene Fliegerabwehr kaum in Aktion trat, war den vom Sirenengeheul Aufgeschreckten unbegreiflich. Sie wandten ihre fahlen Gesichter zum Himmel, als müßte dieser dem Geschehen zürnen und die Dinge nicht geschehen lassen.
Doch es blieb dabei, sich in das Unabänderliche fügen, Zuflucht suchen zu müssen in feuchtkalten Bunkern, muffigen Kellern oder eisstarrenden Gräben.
Die Luft vibrieren machend, avisierten amerikanische und britische Flugzeuggeschwader Ihr Kommen. Mit entsetzenerregendem Gebrumm fraßen sie sich in der Menschen Sinnen, zerschlugen Hoffnungen, vernichteten in tiefster Not gewonnene Erkenntnisse wie Flammen Papier zu Asche werden lassen. Wenige Minuten später zogen sie hoch in den Lüften in dichter Folge über ihr Ziel, ein grauenhaftes Inferno auszulösen, keinen Raum zu lassen für das Besinnen auf eine würdige Lösung vieler Fragen. Tonnen von Stahl, Dynamit und Phosphor sausten nieder, mit gewaltigen Schlägen und Feuersbrünsten nun auch den Liebreiz Dresdens auslöschend, von dem bislang gesagt wurde, das Florenz an der Elbe zu sein.
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Damals in Böhmen, Ernst Parsche
ISBN 3-935171-86-2

Kindheitserinnerungen

Leseprobe:
Es war am dreißigsten Januar 1933. Im Radio kam die Nachricht, daß Adolf Hitler Reichskanzler geworden ist. Mit meinen Eltern saß ich am Frühstückstisch. Die Nachricht drückte wie eine schwere Last auf unsere Gemüter. "Das deutet auf ein größeres Unheil hin als es während der Inflationsjahre herrschte", bemerkte Vater. Einer Warnung gleich klang der Küchenuhr Ticken. Und Mutter äußerte sich dahingehend, daß es nicht so bleiben wird. "Der Kaiser mußte gehen. Warum sollte es jetzt anders sein." So sprechend packte sie unsere Pausenbrote ein. Dann verließen wir die Wohnung, rechtzeitig in der Fabrik zu sein. Mir war, als versanken meine Vorstellungen vom Leben, meine Träume, als ginge eine unsichtbare Macht daran, mich zu mißbrauchen.
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Das Meer, Armin Münch
ISBN 3-935171-97-8

Prof. Armin Münch, 1930 in Sachsen geboren, Nationalpreisträger der DDR, studierte von 1950 bis 1955 an der Hochschule für bildende Kunst in Dresden, lebt seit 1955 in Rostock.

Der Band "Das Meer" umfasst Grafiken und Texte aus Tagebüchern 1954-2001, u.a.
  • Rotes Linnenbandbuch
  • Schnellhefter "Notizen, Aufsätze"
  • Erinnerungen an verbrannte Kriegstagebücher
  • Atombombentagebücher (verschiedene Schnellhefter)
  • kleine graue Blockhefte
  • theoretische Diplomarbeit 1955 (Kap Arkona)
  • kunstpädagogische Notizen (Lehrtätigkeit)
  • Reisetagebücher
  • Tagebücher "Kernkraftwerk"

Leseprobe:
Kap Arkona, August 1954

Skizziere Wogen -
schwer zu schaffen -

Die Wogen rollen herauf,
weiße Kämme schäumen.
Das Brechen, Überschlagen,
schwarze Sichelschnitte,
flaschengrüne Wölbung,
Zischen, Donnern,
Steine rascheln,
das Züngeln an meine Zehen.

Woge auf Woge,
Skizze auf Skizze; alles schnell.
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Warum ist sie so ein Drachen? oder
Geht denn heute alles schief?
,
Fritz-Dieter Kupfernagel

ISBN 3-89954-000-X

Kinderbuch mit Illustrationen von Bernd Anders

Leseprobe:
Felix hat manchmal so seine Probleme.
Vieles muss die Mutti ihm zwei-, dreimal sagen.
Seine Phantasie scheint grenzenlos. Immer schwirrt ihm etwas im Kopf herum. Jedes Wedeln der Äste eines Baumes führt ihm geheimnisvolle Kräfte vor, die es zu entdecken gilt.
Mit seinen elf Jahren ist er schon ganz schön selbständig. Er wirkt manches Mal größer als er ist. Dazu tragen sicher auch seine Haare bei, die er oft nicht bändigen kann, so dass sie ihm immer vom Kopfe wegstehen und man meinen könnte, ein Wirbelsturm hätte ihn gerade erwischt.
Genau so wirr wie seine Haare sind auch seine Ideen.
Für ihn gibt es keine ruhige Minute. Was er auch gerade macht, immer spukt noch etwas Anderes in seinem Kopf herum.
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Das gestohlene Schiff, Helmut Drescher
ISBN 3-935171-80-3

Erzählungen

Leseprobe:
Nach einer Fahrstunde sagte er mir dann freundlich bedauernd:
"Das Fahren lernen Sie nie."
Nun wußte ich, was er wollte. Ich trug mich aber nicht mit der Absicht, ihm zwanzig oder gar fünfzig Mark in die Hand zu drücken. Du kriegst keinen Pfennig von mir, dachte ich und hielt mich auch daran.
Da Zörbig mit der Nörgelei bei mir also nicht weiterkam, verlegte er sich nun aufs Schimpfen. Einmal sogar schien er redlich veranlaßt dazu, in dem Augenblick nämlich, als ich den Motor ausgerechnet auf einem Bahngleis abwürgte. Es geschah aus Versehen. Ich schwöre es. Es war keine Absicht. Nun standen wir also auf dem Geleis, das den Weg überquerte. Von fern, aber schon nicht ganz so fern her, ertönte der Warnpfiff einer Lokomotive.
"Sie bringen mich und sich selbst in Lebensgefahr!" schrie Zörbig und fügte, leiser werdend, hinzu:
"Ich steige jetzt aus."
Er tat es.
Durch die noch halb geöffnete Tür sagte ich:
"Dann steige ich auch aus."
Ich tat es.
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Liebesbriefe an die Ohnmacht, stefan schultz
ISBN 3-935171-54-4

worte und bilder 1984-2001

Leseprobe:
EIN BISSCHEN

EIN BISSCHEN DIE TREUE GESCHWOREN
EIN BISSCHEN POLITISCH NACHGEDACHT
EIN BISSCHEN ZU VIEL FÜR DIE OHREN
EIN BISSCHEN LUXUS EIN BISSCHEN MACHT

EIN BISSCHEN ZU SPÄT AUFGESTANDEN
EIN BISSCHEN ZU WENIG NACHGEDACHT
EIN BISSCHEN ZU VIEL WAS SIE FANDEN
EIN BISSCHEN LIEBE VORIGE NACHT

EIN BISSCHEN NUR ZU VIEL GETRUNKEN
EIN BISSCHEN GROSSE WORTE GEMACHT
EIN BISSCHEN SPAß EIN BISSCHEN UNKEN
EIN BISSCHEN VIEL IN SICH REINGELACHT

EIN BISSCHEN GETRÄUMT VOM GROSSEN ZIEL
EIN BISSCHEN NUR ZU VIEL GEFRESSEN
EIN BISSCHEN GEGLAUBT AN'S GROSSE SPIEL
EIN BISSCHEN VON ALLEM VERGESSEN

EIN BISSCHEN ZU VIEL ÄUSSERER GLANZ
EIN BISSCHEN ZU WENIG GEGEBEN
ALLES NUR HALB DOCH DAS HALBE GANZ
DAS WAR ES DANN: DEIN BISSCHEN LEBEN
2000
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The end - press OK, Berthold Schmidt
ISBN 3-935171-36-6

Erich Šelk ist das, was man heute einen Hacker nennt. Daneben ist er ein ehemaliger Ostdeutscher und lebt in Prag, von wo aus er in bundesdeutsche Datenbanken einbricht. Dort findet er unerklärliche Lücken, Tausende von plötzlich abgerissenen Lebensfäden. Einer der Lebensfäden beginnt in seinem sorbischen Heimatdorf, und er macht sich auf die Suche.

Leseprobe:
Er lehnte sich zurück und schloß die Augen. Sein Herz schlug hinauf in den Hals, ins Gehirn. Es pochte unangenehm unter seiner schmerzenden Schädeldecke.
Es schien ihm zwecklos, auch nur einem einzigen der Namen einen genaueren Blick zu widmen. Jede Zeile war ein Verschwundener. Jede Zeile ein Erschrecken. Einundzwanzigtausend Schocks.
Das habe ich nicht gewollt, dachte es in ihm. Nicht das. Ein paar vielleicht, ein paar Abtrünnige, die die Chance des chaotischen Übergangs genutzt haben. Ein paar Trickser. Aber nicht einundzwanzigtausend! Diese Zahl ist um drei Dimensionen zu groß, ist zu groß, zu groß … Hm, wenigstens um zwei.
Und die Gegenprobe? schrak er auf und erinnerte sich der zweiten Datei, die eigentlich hätte leer sein sollen.
Sie war nicht leer. Aber auch nicht größer als befürchtet. 129 synthetische Personen, die es vorher nicht gegeben hatte, die nie irgendwo geboren worden waren. 129 Fälschungen.
Also konnte er mit einiger Wahrscheinlichkeit mindestens 100 von den 21.000 abziehen. Was für ein Witz, dachte er. Bleiben immer noch 21.000 und ein paar weniger Zerquetschte. Ha, wenn das nicht sogar stimmt. Zerquetscht, vernichtet, verschwunden. Wie Fliegen auf einer Fensterscheibe zerdrückt. Bloß, daß da plötzlich keine Fensterscheibe mehr war. Mauer weg, 21.000 DDR-Bürger weniger. Nicht ausgewandert, nicht zu Wessis mutiert, sondern verschwunden.
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Splitter und Kerne, Siegfried Ebert
ISBN 3-935171-74-9

Nachdenkliches, Ironisches, Satirisches

Splitter und Kerne sind Texte und Gedichte, die hintergründig und tiefsinnig den Sinn des Lebens sowie Situationen, menschliche Schwächen, Liebe, Glück, Leid und das Verhalten der heutigen Gesellschaft beleuchten. Es ist eine bunte Mischung aus philosophischer Betrachtung, Poesie, Humor, Satire und manchmal auch ätzender Kritik. Der Autor versucht dabei, immer den Kern der Dinge zu treffen. Ein Buch, das manchmal nachdenklich und manchmal froh stimmt.

Leseprobe:
Gedankensplitter

Wer mit gezinkten Karten spielt,
braucht nicht auf das Glück hoffen.

Wer einer Biene gleich den Nektar von
den Blumen sammelt, wird ewig hungern.

Eine Blume, die nicht fähig ist das Licht
der Sonne aufzunehmen, kann man mit
größter Sorgfalt pflegen, sie wird nicht erblühen.

Der Geist und seine Gedanken sind vergleichbar
mit dem Wasser - ist es einmal vergiftet, so ist
jeder Tropfen schädlich.

Ein Wort ist wie ein Pfeil. Einmal losgelassen,
kann man ihn nicht mehr zurückholen oder
seine Richtung verändern.
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Schwedischer Sommer, Geschichten, Helga Ewert (Hg.)
ISBN 3-935171-23-4

Geschichten, zumeist aus dem heutigen Leben, besonnen, aufregend. Sie schildern Probleme älterer wie jüngerer Menschen unserer Zeit, wie sie diese oft über Umwege lösen und sich in ihrem Handeln von moralischen, warmen zwischenmenschlichen Beziehungen leiten lassen. Die Erzählungen sind von Ernst und ebenso Humor geprägt.

Leseprobe:
(aus der Titelgeschichte von Margit Glasow)
Plötzlich jedoch durchfuhr es sie wie ein Blitz. Diese Stimme kannte sie doch. Sie drehte sich um und sah einen jungen Mann im Schneidersitz auf der Bank sitzen, zwischen den Zehen hatte er eine Zigarette geklemmt. Seine schwarzen Locken, die bis auf die Schultern fielen, waren keinen Zentimeter kürzer als damals, die Ärmel seiner Jeansjacke hingen leer herunter.
Laura glaubte ihren Augen nicht zu trauen, aber es bestand kein Zweifel, es war ausgeschlossen, dass er einen Doppelgänger hatte, es war Martin.
Zwei Jahre war sie mit ihm zusammen zur Schule gegangen, auf eine körperbehinderten Schule in der Nähe von Berlin, er kam aus der Magdeburger Ecke, sie aus dem Norden. Sie waren gute Freunde gewesen.
Sie erhob sich von ihrem Stuhl und näherte sich der Gruppe. Und nun bemerkte auch Martin sie und schien sie zu erkennen. Er sprang auf, kam auf sie zugestürzt und rief: "Laura, bist du es wirklich!"
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Nachsicht mit Brecht, Andreas Pirk
ISBN 3-935171-62-5

Gedichte

Leseprobe:
UNVERSTÄNDNIS

Die Welt kenne ich nicht nur
Aus Büchern, denn ich vergaß
Nie die Menschen. An denen hatte
Ich viel mehr Spaß.

Meine Kinder begreife ich
Und lese in ihren Augen.
Um so herauszufinden
Wozu sie im Leben taugen.

Platon las ich und Marx
Und fast alles von Brecht.
Auf die Zubereitung von Tee
Verstehe ich mich recht.

Aber eins auf dieser Welt
Das würde ich nie verstehen:
Morgens wenn ich aufwache
Nicht mehr dein Lachen zu sehen.
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Die letzte Mission, Robert Garratt
ISBN 3-935171-82-X

Tom Shawcroft, ein 20jähriger englischer Student aus Nottingham, begibt sich zusammen mit seiner Großmutter auf eine Reise nach Süddeutschland, um mehr über das Schicksal seines Großvaters zu erfahren, der vor mehr als einem halben Jahrhundert in deutscher Kriegsgefangenschaft starb und auf einem Kriegsgefallenenfriedhof in Tegernsee beigesetzt wurde.
Da ist dieses rätselhaft zusammengesetzte Foto, das zur Hälfte seinen Großvater und zur Hälfte einen Deutschen zeigt. Dazu kommen einige alte Briefe und Schriftstücke.
Tim will soviel wie möglich über die Hintergründe erfahren. eine erste Spur führt in die Niederlande ...

Leseprobe:
Am Sonntag spannte Jan sein Pony vor den Wagen und wir fuhren nach Arnhem. Wir besuchten den Militärfliegerfriedhof in Oosterbeck, wo so viele Briten begraben liegen. Ich war überrascht, so viele junge Holländer zu sehen, die die Gräber pflegten und mit Blumen schmückten. Beatrix erklärte, dass es an jedem Sonntag so war. Die Einheimischen würden die Opfer nicht so leicht vergessen, die in diesem mutigen, aber ergebnislosen Versuch, ihr Land zu befreien, gebracht worden waren.
Am wichtigsten war für mich, die unmittelbare Absturzstelle von Timothys Flugzeug aufzusuchen. Selbst damals, sechs Jahre später, konnte man noch die Spuren davon erkennen. An den großen Bäumen, die die Halifax schließlich zum Stehen gebracht hatten, waren Schäden zu sehen, die wahrscheinlich für immer sichtbar bleiben.
Nach dem Abendbrot an diesem Tag erzählten sie mir alles, was sie von Timothys Flucht wussten. Sie hatten den Schuldirektor des Ortes als Dolmetscher zum Abendessen eingeladen. Sein Englisch war fast perfekt. Langsam entwickelte sich die ganze Geschichte.
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"Ich grenz noch an ein Wort ..."
Zum Verhältnis von Literatur und Frieden
,
Ilse Behl

ISBN 3-935171-31-5

Essay

Leseprobe:
VORWORT von Ilse Behl
Die vorliegende Arbeit ist eine Reaktion auf die Preisfrage der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt aus dem Jahr 1999 "Kann Literatur dem Frieden dienen?"
Der Preis wurde letztendlich nicht vergeben. Mir als Autorin stellte sich damit die Frage, wem nun und auf welche Weise mein Essay dienlich sein konnte, der mit einer aktuellen Beweisführung aufwartete: Während der Ausstellung "Vernichtungskrieg, Verbrechen der Wehrmacht von 1941 bis 44" in Kiel (Jan. 1999) fiel mir vor allem die Rede Jan Philipp Reemtsmas dadurch auf, daß er den Dichter Wolfgang Borchert als Kronzeugen einerseits für die Schrecken des Krieges, zum anderen als den Erfinder des "Phantasmas von der großen grauen Zahl" durchgängig zitierte.
Als weiteres Phänomen sah ich die Haltung des Landtagspräsidenten und Literatur-Liebhabers Heinz-Werner ArensFehler! Textmarke nicht definiert. an, der mutig die Präsentation der Ausstellung im Landeshaus durchsetzte. Dort konnte eine einzigartige Atmosphäre entstehen, die nie gesehene Menschenmassen ins Haus zog. Als weiteres Beispiel der Verquickung von Literatur und Frieden erschienen die ausliegenden Gästebücher, die auf phantasievolle Weise beschrieben wurden. Aphoristischen Bemerkungen in Bezug auf Krieg und Frieden, Gedichte und ganze Hymnen enthalten die Bücher, anrührende Schicksalsbeschreibungen und Bemerkungen in anderen Kategorien. Dazu fiel mir das Wort von der "unzerstörbaren menschlichen Würde" ein, das ich dann auch als roten Faden in verschiedenen Ausfärbungen in die Arbeit einwebte.
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Schattenmensch oder Ein Haus im Widerstand, Ilse Behl
ISBN 3-935171-89-7

Roman

Leseprobe:
"Sieh her, du Schattenmensch, ich tanze am Zaun zu eurer Seite hin, für dich! Wenn du willst, kannst du mich sehen. Ich weiß, dass du da drin bist. Du hast sicher Langeweile. Oh, wenn ich dich doch endlich sehen könnte!", singe ich unhörbar vor mich hin. Mir ist, als wäre der junge Mann, der sich versteckt halten muss, die ganze Zeit über irgendwie für mich da. Ich habe doch niemanden ... Da fällt mir die Krankenschwester ein, die Onkel Heinz' wegen gekommen war. Ich gehe einfach an die Tür und klopfe an, nehme ich mir vor. Dann stelle ich eine Frage, mir wird bestimmt eine einfallen! Ich muss ihn sehen. Es geht mit mir durch!
Unwillkürlich raffe ich beim Loslaufen meinen Rock über den Knien zusammen, umrunde die lange Hecke und biege in den Weg ein, der zur zweiten Haustür führt. Zum allerersten Mal drücke ich die Klinke. Ohne weiteres öffnet sich die klobige Tür. Kein Mensch ist zu sehen. Wie es im Eingang riecht: sauer und süß zugleich und modrig wie in einem Keller. Auch innen ist das Haus niedrig und gedrückt. Der Fußboden ist aus Zement gegossen und einfach glatt gestrichen. Kein Teppich, nicht einmal ein Lappen. Im hinteren Raum läuft ein Radio. Sonst nichts. Noch ein Stück voran. Dies Haus ist bestimmt fast leer. Ob es wenigstens ein Bett gibt? Gruselig kühl und fremd weht mich ein Luftzug an. Oh Gott!
Im nächsten Moment kann ich mich nicht mehr darauf besinnen, was ich hier eigentlich zu suchen habe. Schnell zurück durch den Türspalt und weg!
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Eben waren wir noch Kinder, Liselotte Jacobi
ISBN 3-935171-71-4

Kindheitserinnerungen

Leseprobe:
Nun feierte ich selber meine Konfirmation, noch dazu in der Fremde, wo kein Mensch aus unserer Verwandtschaft eintreffen konnte. Ich trug mein dunkelblaues Schulkleid. In der Kirche saß ich zwischen meinen neuen Freundinnen und Freunden und erlebte mit ihnen zusammen eine Friedensfeier.
Auf meinem kleinen Tisch neben dem schmalen Spind blühten 50 rote Rosen in einer Vase von Ernst Gerdes. Darunter lagen wohl 50 Briefe und Karten, die mir sagten, welch ein Reichtum an Freundschaften mir hier schon geschenkt worden war. Meine Freundin Brigitte Protz legte mir ein kleines handliches Neues Testament dazu. Einige Bücher stapelten sich daneben auf: Alte Bildbände, Kunstkarten, Noten und Biographien, ein zwei Meter langes Stück Stoff aus Zellwolle, das es in Kiel auf Bezugschein zu kaufen gegeben hatte (... das später noch dreimal innerhalb unserer Familie seinen Besitzer wechselte, bis wir einsehen mußten, daß es wirklich zu nichts anderem taugte, bloß als Unterlage beim Bügeln ...).
Vom Bäcker gab es ein Brot - extra! - vom Lehrer fünf Pfund Kartoffeln und ein Buch über J. S. Bach, von Freunden zehn Eier und ein Glas mit Kirschen. Abends lag ich dankbar in meiner Koje, sah in den Sternenhimmel, der nach Jahren nicht mehr mittels eines Rollos abgedunkelt werden mußte. Ich horchte froh in die Stille.
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Schritt für Schritt, Liselotte Jacobi
ISBN 3-89954-019-0

"Bereits sehr jung an MS erkrankt, erzählt Lieselotte Jacobi in Wort und Bild von ihrer Jugend und allen folgenden Stationen in ihrem Leben. Bezeichnend ist, daß sie niemals den Mut verlor, immer nach vorne sah, ihren Humor behielt und nicht verbitterte. Der Leser spürt, daß sie das Leben liebt."
(aus: Zeitschrift DMSG Februar 2003)

Leseprobe:
Genau 48 Jahre liegen nun dazwischen, als seine Klasse ihr fünfzigjähriges Abitur-Jubiläum feiert.
Ich erhalte bald einen Brief mit 14 Unterschriften, auch Jochens. Ich hatte ihn für verschollen gehalten. Tatsächlich hat er Jahre im Ausland gelebt. Wir telefonieren miteinander. Ich bin im Spöktal. Wie immer um diese Jahreszeit, so auch am 15. Mai 1998. An diesem Donnerstag steht er nun plötzlich neben meinem kleinen Gartenzaun. Inga bepflanzt gerade einen Blumenkasten. Ich sehe ihr zu. "Guck dich mal um", sagt sie zu mir: "Jochen ist schon da!" "Ja!", lacht er, steht da wie eh und je - im Sonnenschein am Weg. Wir wissen, wir sind noch Freunde. Unsere Freude ist groß und bewegend. Am nächsten Tag sagen wir uns wieder Lebewohl. Es muss sein. "Dass du mir bloß nicht weinst ...", sagt einer zum andern. Drei Nächte hintereinander erwache ich um ein Uhr - weinend. Dann ist alles gut.
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Neben St. Petri, Ilse Maria Richter
ISBN 3-935171-77-3

Kindheitserinnerungen

Leseprobe:
Die Eismänner brachten regelmäßig das Packeis für die Kühlschränke der drei Gastwirtschaften auf dem Alten Markt. Es war das übereinandergeschobene Scholleneis von der Warnow, das jährlich im Winter eingelagert wurde. Wenn die Männer die Eisbarren mit einem großen Haken vom Wagen zogen, waren wir Kinder darauf aus, ein möglichst faustgroßes oder noch größeres Abfallstück zu erwischen. Das legten wir im Sommer sofort auf den ziemlich heißen Gully, bis sich das Muster des Deckels auf möglichst allen Seiten des Eisstückes abdrückte. Es waren oft kleine Kunstwerke. Und dann? Ja, dann aßen wir diese Eisstücke ganz einfach auf …, mit all dem Dreck, der sich vom Gullydeckel mit eingedrückt hatte.
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Der Leichenzug, Paul Schikora
ISBN 3-935171-61-7

Erzählungen

Leseprobe:
Ich hatte nahezu die Hälfte meines Weges zur Stadt zurückgelegt, da sah ich zu meinem Schrecken, zwar zuerst undeutlich und eher schattenhaft, aber durchaus wahrnehmbar, wie etwas ungeheuer großes Schwarzes mit einem gewaltigen Satz auf den Weg sprang, als wollte es mir den Radweg versperren, um dann ruhig vor mir herzulaufen und mich zu begleiten. Was da so im gleichen Tempo vor mir herlief, in einer Entfernung von etwa zwanzig Metern, sah einer Riesendogge - fast so groß wie ein vierwöchiges Kalb - nicht unähnlich. Auffallend war ihr großer, über alle Maßen groß erscheinender Kopf, der nichts Normales an sich hatte, mehr einem Pferdekopf entsprach. Der längliche Schädel mit den übernatürlichen großen Ohren wiesen zumindest darauf hin. Sie hielt mit dem beachtlichen Tempo meines Rades mühelos Schritt, obwohl ich meine Fahrt beim Anblick der Dogge willkürlich beschleunigt hatte. Ich konnte mein Tempo variieren wie ich wollte, stets hielt das rätselhafte Tier den gleichen Abstand zu meinem Fahrrad ein. Es drehte sich nicht ein einziges Mal um oder machte Anstalten, schneller zu laufen oder auch zu verschwinden. Das war merkwürdig, so unnatürlich und eigenartig, dass ich auch beim längeren Nachdenken keine Erklärung für das plötzliche Auftauchen des Hundes fand. Mehr noch, es war für mich geradezu unheimlich, mit solch einem Wesen Bekanntschaft gemacht zu haben. Der Hohlweg endet, wie sie wissen, zwei Kilometer vor der Stadt an einer Straßenkreuzung. Hier, am ganzen Körper wie in Schweiß gebadet, mit meinem Fahrrad angekommen, verschwand das schwarze Ungeheuer, so glaube ich das Wesen definieren zu müssen, im Gebüsch, als wäre es nicht von meinen Sinnen wahrgenommen oder jemals auch nur gesehen worden. Wie ein Spuk oder ein Nebel, der sich in Sekundenschnelle in ein Nichts auflöst. Auch in den darauffolgenden Tagen überquerte der Hund niemals die Kreuzung ...
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Mit einem Luxusliner über die Weltmeere, Paul Schikora
ISBN 3-935171-56-0

Zwei junge Deutsche gehen in die Fremde. Zu verschiedenen Zeiten, beide auf Befehl. Der eine auf eigenen - und doch nicht freiwillig.
Zwei deutsche Schicksale im vergangenen Jahrhundert.

Leseprobe:
Der lange Güterzug mit seinen vielen unterschiedlichen Waggons, vollgepfropft mit Kriegsgefangenen bis unter seine heißen Dächer, setzte sich langsam, eher zögernd in Bewegung, als ob es ihm besonders schwerfalle, seine menschliche Fracht zu befördern.
Die englischen Armee-Einheiten mit ihren zahlreichen Verbündeten hatten die Soldaten in der Libyschen Wüste hier und dort wie herrenloses Gut an einigen Frontabschnitten aufgelesen. Der Zug bewegte sich von der kleinen Wüstenstadt Marsa Matruh, am Mittelmeer gelegen, nach Alexandria - der großen weltbekannten Hafenstadt Ägyptens -. Die Entfernung zwischen den beiden so unterschiedlichen Städten, auch von der Bedeutung her, beträgt etwa 300 Kilometer. Von Obersallum aus, einem zerbombten, nahezu umgepflügten Ort an der libysch-ägyptischen Grenze, der tatsächlich nur noch aus Ruinen bestand, waren wir mit Lastwagen amerikanischer Produktion nach Marsa Matruh transportiert worden. Die Fahrer dieser Lkws waren farbige amerikanische Soldaten. Also schon im Januar 1942 waren amerikanische Soldaten an der Nordafrikanischen Front! Diese Fahrer, junge und energiegeladene Burschen mit einem Schuss Verwegenheit im Blut, zeigten den Gefangenen, was sie konnten, was sie drauf hatten und wozu sie fähig waren.
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Die Entführung, Wolfgang Schreyer
ISBN 3-89954-015-8

Erzählung
Mittelamerika, 1966: Eine Handvoll linker Studentinnen und Studenten trotzt todesmutig dem Militärregime. Das tarnt sich plötzlich liberal, durch freie Wahlen legitimiert. Die FAR, den bewaffneten Arm der Linkskräfte, stürzt das in Zweifel; was tun?
Zehn Jahre später kann Wolfgang Schreyer vier der Akteure in Habana befragen. Er kommt an ein Dokument von 150 Seiten. Dem folgt seine Erzählung, die nur verkürzt in der DDR erscheinen kann; hat Guatemalas FAR mit der deutschen RAF doch mehr als die Initialen gemeinsam.
Jetzt legt Schreyer seine Quellen offen, in ähnlich zugespitzter Lage. Nach dem 11. September 2001 erstickt der weltweite, US-dominierte Kampf gegen Terrorismus meist auch Fragen nach den Ursachen der Gewalt von unten.

Leseprobe:
Jetzt will ich alles, was passiert ist, aufschreiben, und zwar ohne es zu glätten oder Wesentliches wegzulassen; sonst würde es wertlos. Ich schreibe in meiner Stenografie, die außer mir niemand lesen kann. Der Bursche, den mein Vater mir ans Bett gesetzt hat, damit er mich vor Mördern schützt, nimmt den Text immer mit, wenn er abgelöst wird. Er ist dem Oberst ganz ergeben, ich riskiere also den Verlust der Blätter nicht.
Bisher habe ich über die Erfahrungen unseres Kampfes, über meine Haltung zur Partei - in den Meinungsverschiedenheiten der Leitung - Vertrauliches nie zu Papier gebracht. Dazu war keine Zeit, auch schien mir, es könnte schaden. (Aus Furcht, unserer Sache zu schaden, schaden wir unserer Sache.) Aber nun, bis zur Brust in Gips, bleibt mir nichts anderes übrig. Na ja, ihr werdet sehen, wie schön es ist, Theoretiker zu sein! Denken ist Leben, für mich jetzt Medizin; und die Analyse von Niederlagen kann genauso befriedigen wie die von Siegen.
Freude am kritischen Denken, die weckte vor allem Professor Córdova in mir, unser Lehrer für Finanz- und Arbeitsrecht an der Universität San Carlos - obschon ein Liberaler, der sich manchmal abwegig äußerte. So sagte er etwa, skurril vom Stoff abschweifend, keine einzige Ideologie sei fähig, die Bewegungsgesetze der Welt ganz zu erklären, stets bliebe da ein bedauerlicher Rest. Selbst wenn man, wie es ihm vorschwebe, fünf Prozent aller gesellschaftlichen Dinge mit Hilfe einer Rassentheorie, 30 Prozent mit der Lehre von Freud und 60 Prozent marxistisch deute, so seien noch immer unbekannte Faktoren am Werk, unerforschte und auch unberechenbare, wie irrationale Leidenschaften oder der historische Zufall! Dies verkündete er uns mit Emphase.
Gern hätte Córdova, das gab er schon zu, sich ganz zum Marxismus bekannt. Doch es gelang uns beispielsweise nicht, ihn davon zu überzeugen, daß in unserem Land dereinst die Arbeiterklasse die führende Kraft sein werde. Vorhanden war sie ja, nur viel zu schwach, zu wenig klassenbewußt - das räumten wir ihm ein. Wir sollten, stieß er dann gleich nach, uns doch mal selbst ansehen, wieviel Proletarier seien wir denn? Einer auf zehn bestenfalls!
Blanca, unser As in Theorie (wir nannten sie La Importante, die Wichtige) konterte im besten Jargon: »Der Kampf für den Sieg der Arbeiterklasse schließt nicht aus, daß zeitweilig auch andere revolutionär-demokratische Kräfte an der Spitze der Volksbewegung stehen, wie das auf Cuba gewesen ist, und daß es unter den Bedingungen der terroristischen Militärdiktatur eben bewaffneter Kampf sein muß!« Dann grinste der kleine Hector Córdova sie an, sein Gesicht überzog sich mit hundert Querfältchen, und er fragte: »Wo ist sie denn, eure Volksbewegung? Warum gebt ihr nicht einfach zu, daß ihr an die Macht wollt, und zwar gewaltsam, ohne demokratische Legitimation?«
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Die fünf Leben des Dr. Gundlach, Wolfgang Schreyer
ISBN 3-935171-94-3

Roman

Leseprobe:
Tegucigalpa, tausend Meter hoch gelegen, empfing sie heiter mit blauweiß wehenden Fahnen. Ein Luftkurort, mild und sonnensatt, durch Kerosindunst nahmen empfindliche Nasen Blütendüfte und den Harzgeruch der Kiefern wahr, der ringsum von den Hängen kam; grüne Berge bildeten den Horizont. "Meine Dame", bat der Beamte am Durchlaß, "würden Sie wohl die Sonnenbrille abnehmen?"
Gladys tat es aufreizend langsam, ein zweiter Beamter griff derweil nach Gundlachs Paß.
"Wie lange wünschen Sie zu bleiben?"
"Drei, vier Tage, wenn das reicht für Copán", hörte er sie freundlich sagen mit ihrer sonoren Stimme. "Höchstens eine Woche."
"Sie reisen zu zweit?"
"Ich bin die Dolmetscherin von Herrn Rocquemont."
Sie spricht zuvieI, ihre Nonchalance ist nicht echt, wer Gespür hat, merkt doch: gespielt … Die Pässe verschwinden, in Gundlach versperrt sich etwas, wann wird er das mal los? Es muß die zwanzigste Einreise sein, der fünfzehnte Stempel seit Zürich, nie ging etwas schief, auch hier wird gar nichts passieren. Aber der Vorgang stockt, die Schlange staut sich an ihnen, man bittet sie heraus, winkt sie höflich durch eine Schwingtür aus blasigem Glas. Dahinter ein Offizier, adrett, geschult im Umgang mit Touristen; Grenzpolizei oder Zoll. Vor ihm Papiere auf dem Schreibtisch, links über ihm ein Farbbild des Präsidenten, eines Generals. Gundlach fragt auf englisch: "Ist etwas nicht in Ordnung?"
"Ihr Ziel, Mr. Rocquemont, sind die Ruinen von Copán?"
Er räuspert sich die Kehle frei. "Wenn Sie es gestatten."
"Oh, ich hab nichts dagegen." Der Offizier blättert in Gundlachs Paß, mein Gott, der ist sauber, zumal die Kubaner so aufmerksam waren, ihn nicht zu stempeln. Jetzt wird ihr Gepäck hereingebracht.
"Haben wir irgendeine Zollvorschrift verletzt?"
"Ach was, das soll uns nicht beschäftigen … Mir liegt aus San Salvador ein Antrag vor, die Bitte um Auslieferung, der ich entsprechen muß. Man sucht Sie beide dort mit Haftbefehl, tut mir leid."
"Aus welchem Grund …" Gundlach versagt die Stimme.
"Was man Ihnen vorwirft, ist Entführung und Mord, bei dieser Art Verdacht können wir unsere Hilfe nicht verweigern."
Sein Magen ist ein fester, saurer Knoten. "Ich möchte mit meiner Botschaft sprechen."
"Mit welcher, der französischen oder der deutschen?"
Er schweigt, seine Knie sind wie aus Wachs. In der Schwingtür drängen sich Uniformen, man reißt ihm überraschend die Hände zurück, verknüpft auf dem Rücken seine Daumen, jemand sagt: "Seien Sie nicht schwierig, wir tun nur unsere Pflicht." Er nimmt kaum noch etwas wahr. Die Welle, die ihn getragen hat, schlägt tosend über ihn weg.
Ganz von fern, wie eine Ertrinkende, hört er Gladys rufen: "Das ist absurd, ich gehöre zur Politisch-Diplomatischen Kommission …, in deren Auftrag …, ersuche Sie um Asyl nach der Asylkonvention …" Es klingt, als poche sie auf etwas wie diplomatische Immunität oder irgendein Gewohnheitsrecht, er begreift das nicht, es geht mit ihm unter. Er kann sich nicht mehr rühren und weiß, dies ist das Ende.
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Einmal ein Wolf sein, Kati Kroß
ISBN 3-89954-032-8

Träume und Wünsche

Leseprobe:
Einführung In diesem Buch finden Sie über 70 Fotos von Menschen, die mich in ihre Sehnsüchte, Wünsche, Hoffnungen und Träume einweihten. Sie haben mir von ihnen erzählt, sie mit mir geteilt und auch für sich selbst wiederbelebt.
Nach einer Vorstellung meines Vorhabens bat ich alle Beteiligten, mir ihre Wünsche und Träume handschriftlich mitzuteilen. Außerdem fotografierte ich sie, wenn sie mir mit geschlossenen Augen von ihren Wünschen erzählten oder an ihren großen Traum dachten. Das "Wann" und "Wo" dieses Spiels oblag ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten, war also eher zufällig als geplant. So entstanden die Fotos an sehr unterschiedlichen Orten - vom Wohnzimmer bis zum U-Bahnhof - und Zeiten - beim gemütlichen Mittagessen oder morgens um 4 Uhr nach der Disko -.
Bei diesem Projekt galt es nicht, politisch korrekte Wünsche oder den legitimen Traum vom "Glücklichsein" zu äußern
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Aufstand der Sterblichen, Klaus Frühauf
ISBN 3-89954-031-X

Science Fiction

Leseprobe:
Sie wollte eben beschleunigen, als der Mann, nein, das Wesen (denn nach seinem Äußeren zu schließen, war es fraglich, ob es sich wirklich noch um einen Mann handelte) förmlich auf die Kühlerhaube flog und dort liegen blieb. Er musste aus einem der dunklen Hauseingänge rechts von ihr gekommen sein, gesprungen oder geschleudert, das ließ sich nicht feststellen, jedenfalls war seine Haltung waagerecht wie die eines Schwimmers beim Startsprung, und wie ein Schwimmer beim Startsprung, hielt er zumindest einen Arm flach ausgestreckt nach vorn. Den anderen Arm konnte sie nicht erkennen, und angesichts des übrigen Zustandes der Gestalt tippte sie darauf, dass er nicht vorhanden war. Das Nächste, was ihr auffiel, war, dass das fliegende Geschöpf sehr kurz war, viel kürzer als ein normaler liegender oder wie in diesem Fall, fliegender Mensch. Den Grund erkannte sie später, als sie sich von dem Schock über den Anblick des nahezu unmenschlichen Gesichtes erholt hatte. Das Ding hatte keine Beine. Ebenso wenig, wie es Ohren und Nase hatte. Sie sah einen Wald verfilzten graubraunen Haares, hinter dem sie ein Gesicht vermutete, mitten darin ein kreisrunde rote Narbe, etwas seitlich versetzt darüber ein einzelnes schwarzes Auge voll brennenden Feuers und darunter ein dunkles Loch, das sie nur mit Mühe als Mund zu identifizieren vermochte.
Einen Moment lang lag das Wesen auf der Motorhaube, das entsetzliche Gesicht von außen gegen die Windschutzscheibe gepresst und schrie. Es schrie mit weit offenem Mund, und offenbar waren es seine Wut und sein Frust, was es hinaus schrie, und dabei verzog es seine ohnehin schon abstrus hässliche Fratze so, dass sie befürchtete, es werde jeden Moment auf die irrsinnige Idee kommen, mit seinem zahnlosen Maul in die Scheibenwischer zu beißen.
Sie bremste abrupt, nicht bewusst und nicht absichtlich, sondern einfach nur vor Schreck, und der Krüppel rollte von der Kühlerhaube, ebenso passiv und ungelenk steif, wie ein gekeultes Schwein in der Abdeckerei aus der Mulde des Transportkippers purzelt.
Danach setzte sie ein Stück zurück, nicht viel, nur vielleicht zwei oder drei Meter, bis sie diese Überbleibsel eines Ersatzteilspenders, der ehemals ein Mensch gewesen waren, auf der Straße liegen sehen konnte. Da lag das Ding, ein dunkler unförmiger Gegenstand, den niemand, der die Szene auf der Kühlerhaube nicht selbst miterlebt hatte, für einen Menschen und das, was sich davon abspreizte, für einen Arm gehalten hätte.
Sie hatte die Hand bereits an der Türverriegelung, als sie ein Geräusch hörte, das ihr das Blut nicht nur in dieser Hand gefrieren ließ. Und sie begriff, dass sie sich soeben fast dazu hätte hinreißen lassen, einer Prägung zu folgen, die wohl entstanden sein musste, als die Menschen noch in Horden zusammengelebt hatten, notgedrungen, weil sie sich anders einander nicht gegen die wilden Tiere hätten beistehen können. Sie hatte tatsächlich Hilfe leisten wollen oder sich wenigstens doch überzeugen wollen, ob Hilfe noch möglich war, eine Handlungsweise, die heutzutage selbst in ihren Kreisen bestenfalls ein süffisantes Lächeln hervorgerufen hätte, hier in diesem abgelegenen Stadtteil aber durchaus ein wesentlich fataleres Ergebnis gehabt hätte. Wie ihr sofort bewiesen wurde.
Das Geräusch, das ihre Hand unterhalb der Türverriegelung hatte verharren lassen, schien plötzlich von allen Seiten zu kommen, wurde lauter und aggressiver, und dann sah sie die Quelle dieses Geräusches. Und diese Quelle kam tatsächlich von allen Seiten. Eine Bande von Streunern, die den Krüppel offenbar als Falle, als Bremse, Waffe oder wie das auch immer zu bezeichnen war, benutzt hatte, und wie die Tatsache, dass der Jeep plötzlich vollkommen eingekreist war, bewies, mit durchschlagendem Erfolg.
Halb rechts von ihr, unmittelbar neben dem rechten Kotflügel, stand ein Hüne, den man, wäre er einem unter anderen Vorzeichen begegnet, für einen Bettelmönch hätte halten können. Der Mann war sehr groß, mindestens einsneunzig, trug eine abgewetzte braune Kutte mit einem schmutziggrünen geflochtenen Strick um die Körpermitte. Sein fast schwarzer Haarschopf war wahrscheinlich noch nie mit einer Schere oder Wasser und schon gar nicht mit Shampoo in Berührung gekommen. Seine Augen waren wie Pistolenkugeln, klein, dunkel und stechend, ihre Umgebung eingefallen und blau unterlaufen wie Metall, das sich durch den Einfluss von Feuer verwandelt hat und dabei blasig und brüchig geworden ist. Sie sah, wie er schrie und dabei eine unterbrochene Reihe schadhafter brauner und grauer Zähne entblößte, und sie war, obwohl sie das, was er schrie, nicht verstehen konnte, ziemlich sicher, dass es unflätige Schimpfworte waren. Immer noch schreiend warf er sich seitlich auf die Motorhaube, was ihm augenblicklich andere nachtaten, Sekunden später war das ganze vordere Drittel des Jeeps unter Angreifern verborgen; von denen der Hüne zweifellos der aggressivste war. Sie sah, wie er fordernd eine Hand nach hinten ausstreckte und wie ihm jemand, der um keinen Deut leutseliger aussah als er, einen keulenförmigen Metallgegenstand in diese Hand drückte. Mit der anderen Hand fuchtelte er heftig herum, offenbar in der Absicht, seine Leute von der Motorhaube zu scheuchen, damit er mit seiner Waffe ausholen konnte, ohne dabei behindert zu werden. Eine der Gestalten kroch auf die anderen hinauf, verharrte einen Moment lang und drehte sich, ihren Abstieg von der Motorhaube vorbereitend, langsam herum. Sabine sah einen Moment lang eine Fratze, die fast auf den Punkt genau dem Gesicht der hundert Jahre alten Märchenhexe aus einem japanischen Horrorcartoon entsprach und gleich darauf den rosig nackten Hintern einer jungen Frau. Und zweifellos gehörte beides ein und derselben Besitzerin.
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Kleine Leute, Elfriede Brüning
ISBN 3-89954-008-5

Roman

Leseprobe:
Bücher haben ihr Schicksal. Manuskripte auch. Als ich 1932/33 meinen «Erstling» schrieb, tat ich es zwar bereits in dem Bewußtsein, daß er in Deutschland nicht mehr erscheinen werde. Aber ich ahnte nicht, daß bis zu seiner Drucklegung fast vierzig Jahre vergehen würden. Vierzig Jahre - sie umfassen zuweilen ein Menschenleben. Angehörige meiner Generation haben in diesen vier Jahrzehnten an historischen Ereignissen fast zuviel erlebt …
Was bewegt mich, das Buch nach so vielen Jahren nochmals den Lesern in die Hand zu geben? Ist der langsame, aber unaufhaltsame Untergang des kleinen Handwerksmeisters Hermann Wegener nicht eine Story, die längst der Vergangenheit angehört? Ich fürchte, es ist nicht so. Ja, mir scheint sogar, das Buch ist durch die wirtschaftliche Entwicklung in den letzten Jahren hochaktuell geworden …
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Buernwies mit ein Ogenplinkern, Rudolf Hartmann
ISBN 3-89954-010-7

Heft 2

Leseprobe:
Ja, dei Nawers
Wenn Du mal mit so'n Minschen tausamen geraden deest, ut denn absluts kein Starbenswurt ruttaukriegen is, denn brukst Du blot bitaukamen un Di flüchtig na sien Nawerschaft tau erkunigen. Du, denn hest oewer up denn richtigen Knop drückt! Denn sasst Du oewer mal bedaun un beläben, wo wied un wo willlig dei Brauder sien Lästermul apen sparn deet, un wat dor denn all tau'n Vörschien kümmt!

Wenn't nich will
Dirni stickelt, Brüdi nuckelt,
Mama prickelt, Papa puckelt,
so geht ein'n un alle Dag,
jeder hett sien eigen Plag,
un doch will dei Schietkram nich,
is't nich einfach fürchterlich?!

Dei Lüten oewer dei Bäuker
Uns Jung, dei stamert sick wat trech,
sien Läsen geht erbärmlich slech.
Dei Diern, dei kann dat all wat flotter,
dor hürt ein nich so'n ul Gestotter.
Un hölt sei ok ehr Bauk up'n Kopp,
sei läst je ok man vör ehr Popp!
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Wismar - Licht und Schatten unter Segeln, Rainer Däbritz
ISBN 3-89954-112-X

Dieses Buch soll einen kleinen Einblick in die wechselvolle Geschichte der Seestadt Wismar, aber besonders seines Segelschiffbaues und seiner Schiffahrt geben. Zu diesem Thema bestehen viele zeitliche Lücken in den Archivalien. Die einigen Kapiteln beigefügten Schiffslisten sind vorläufig die umfassendste Sammlung Wismarscher Seeschiffe in den angegebenen Zeiträumen. Sie wurden an Hand vieler Einzeldokumente zusammengestellt.

Leseprobe:
Bei der Auswahl der Lehrlinge herrschten seit frühester Zeit strenge Sitten. Der angehende Lehrknecht mußte gemäß der Amtsrolle der Schiffszimmerleutecompagnie durch zwei glaubwürdige Zeugen bestätigen können, daß er von rechtschaffenen Eltern stamme und daß gegen ihn keine ratsherrlichen Verfügungen vorlagen. Schon diese Bezeichnung Lehrknecht charakterisierte die Stellung der Jungen im Hause des Meisters. Die Lehrzeit begann in der Regel nach Pfingsten und betrug drei volle Jahre. Diese Lehrzeit mußte unter allen Umständen durchgehalten werden, auch wenn es für den Einzelnen nicht immer leicht gewesen sein mag. Auch hier gab es in der Amtsrolle eine Festlegung. Wenn ein Lehrknecht seinem Meister fortlief, aus welchen Gründen auch immer, dann bekam er die bereits absolvierte Zeit später bei einem anderen Meister nicht angerechnet. Er mußte dann also noch einmal drei volle Jahre lernen. Da die Lehrjungen im Hause des Meisters wohnten, war es normal, daß sie nach der langen, körperlich schweren Arbeit auf der Werft, der Frau Meisterin in ihrer freien Zeit im Hause zur Hand gingen und alle anfallenden Arbeiten erledigten.
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Wismar 1803 - 2003, Christel Kindler; Hans Witte
ISBN 3-89954-086-7

Eine Chronik. Sonderausgabe zum 775jährigen Stadtjubliläum

Leseprobe:
Im Malmöer Vertrag ist festgelegt, daß der Wismarer Hafen nicht befestigt und nicht als Kriegshafen genutzt werden darf. Außerdem dürfen hier keine Kriegsschiffe stationiert werden. Alle Privilegien Wismars bleiben unangetastet, auch die laufenden Verträge bleiben bestehen. In Titel und Wappen der Mecklenburger Herzöge darf die Herrschaft nicht geführt werden. Die Fortifikationsländereien sind rechtlich noch schwedischer Besitz, stehen jedoch unter landesherrlicher Verwaltung.
Wismar nimmt also jetzt eine staatsrechtliche Zwischenstellung ein; es wird von Mecklenburg regiert, gehört aber juristisch zu Schweden.
Am 19. Juli 1803 wird der Malmöer Vertrag von Schweden und am 26. Juli von Mecklenburg ratifiziert.
In Anwesenheit hochgestellter Persönlichkeiten erfolgt am 19. August im Fürstenhof die feierliche Übergabe Wismars an Mecklenburg, vollzogen von dem schwedischen Kanzler von Thun an den herzoglichen Kammerdirektor Brüning.
Voller Zuversicht feiern die Wismarer ihren mecklenburgischen Landesherrn Friedrich Franz I., der am 29. August in "seiner" Stadt Einzug hält.
Noch ist der größte Teil der nächsten Umgebung Wismars ein verwüstetes und verfallenes Terrain und es wird mindestens zwei Jahrzehnte andauern, bis sich die Stadt erholt hat und eine Aufwärtsentwicklung zu verzeichnen ist, zumal sie unter den Auswirkungen der Napoleonischen Fremdherrschaft zu leiden hat.
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Wenn wir 1918 ..., Walter Müller
ISBN 3-89954-021-2

Eine realpolitische Utopie

Leseprobe:
2. Januar 1919

Produzieren!
Die Arbeit für den Sozialismus beginnt

Der Sozialismus tritt seine Herrschaft an. Er wird die Menschheit aus dem Elend herausführen. Aber er übernimmt eine böse Erbschaft: Große Gebiete Europas sind zerstört, es fehlt an Lebensmitteln und Rohstoffen, alle Industrien sind auf Kriegsbedarf eingestellt.
Wir müssen unverzüglich mit der Arbeit am friedlichen Aufbau beginnen. Wir müssen produzieren, produzieren und nochmals produzieren. Wir müssen produzieren, auch wenn wir hungern. Es darf nicht gewartet werden, bis genügend Lebensmittel herankommen. Jeder muß ab heute seine Pflicht an dem Platz tun, auf den er gestellt wird. Es muß sofort mit der Arbeit angefangen werden, auch wenn der Magen knurrt. Wenn jeder seine Pflicht tut, an der Drehbank, am Hochofen, in der Grube, in der Eisenbahnwerkstatt, hinter dem Pflug, beim Landstraßenbau, beim Waggonbau, in der Schiffswerft, am Schreibtisch und an der Nähmaschine, dann, aber nur dann, werden wir bald wieder alle satt zu essen haben.
Jede produktive Arbeit ist gleich wichtig. Alle unproduktiven Arbeiten müssen wir ausschalten. Millionen von Menschen waren im Kapitalismus mit Arbeiten beschäftigt, die gesellschaftlich nicht notwendig waren. Alle diese Arbeiten müssen eingestellt werden. Alle Menschen müssen einer produktiven Beschäftigung zugeführt werden. Wir müssen rücksichtslos rationalisieren, müssen den schärfsten Kampf gegen den Bürokratismus sofort und auf der ganzen Linie aufnehmen.
Jeder, der eine Arbeit verrichtet, die durch Umstellung oder Rationalisierung überflüssig gemacht werden kann, und der nicht selbst dafür sorgt, daß dies geschieht, ist ein Feind der werktätigen Klasse und muß als solcher behandelt werden, genau so wie der frühere Kapitalist oder der Akademiker, der nicht seine ganze Kraft für den sozialistischen Aufbau einsetzt.
Wer Sabotage übt oder sich am Eigentum des Volkes vergreift, wird erschossen. Wir machen keinen Unterschied mehr zwischen dem Verbrecher, der sich mit Stemmeisen und Schweißapparat die Mittel zu einem arbeitslosen Leben besorgt, und dem Verbrecher, der dasselbe mit der Kuponschere tun will und sich weigert, produktive Arbeit zu verrichten.
Wir brauchen alle Kopfarbeiter, brauchen sie dringend. Wir müssen nicht nur Europas Wirtschaft auf ganz neuer Basis wieder aufbauen, wir müssen auch Sibirien, den Balkan, China, Indien, Mesopotamien und Afrika erschließen. Millionen russischer Bauern kennen noch keinen Pflug, keine Egge. Wir werden sie mit den modernsten landwirtschaftlichen Maschinen ausrüsten, dem persischen Weber, dem indischen Bauer, dem chinesischen Kuli und Handwerker die besten, modernsten Maschinen liefern. Wir sind aufs stärkste daran interessiert, daß die Arbeitsproduktivität überall auf ein Höchstmaß gehoben wird. Die Lebenshaltung der ganzen Bevölkerung des B.d.S.R.S. wird herabgedrückt, wenn irgendwo ein Bauer mit unvollkommenen Mitteln arbeitet, wenn irgendwo drei Arbeiter eine Arbeit verrichten, die auch von zwei Arbeitern geleistet werden könnte, wenn irgendwo ein Waggon mit Waren rollt, deren Transport bei besserer Organisation nicht notwendig gewesen wäre, wenn irgendwo ein Mensch Formulare ausfüllt, die abgeschafft werden können, wenn irgendwo eine Fabrik errichtet wird, während Fabriken der gleichen Art nur in ein oder zwei Schichten ausgenützt werden.
Wir haben die politische Macht erobert und beginnen jetzt mit der wirtschaftlichen Revolution.
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Die Rache des Kabunauri, Helena Bobinska
ISBN 3-89954-023-9

Niko, das Findelkind, hat schon alte Freunde. Er ist (aber das stellt sich erst mittendrin heraus und dürfte nicht verraten werden …) ein Sohn der tapferen Chewsuren, eines Bergstammes, der menschen- und darum zeitgeschichtefern im unwirtlichen und schwer zugänglichen Kaukasus lebt. Niko wird sich mit der Neuauflage seines Buches neue Freunde zu den alten erwerben, denn seine beileibe nicht alltägliche Geschichte wird Jungen wie Mädchen begeistern - besonders jene, die die Gegenwart bejahen und ihre Erlebnisse nicht "hinterm Mond" suchen. Dies Buch hat mancherlei Beziehungen zu unserer Zeit und braucht dennoch nicht auf spannende Abenteuer zu verzichten. Anfangs Zaungast der russischen Oktoberrevolution, wächst Niko hinein in die neue Gesellschaftsordnung. Auge und Ohr hat er offen, und also gibt es viel zu erleben und viel zu tun, und als er, der Schule entwachsen, in seine eigentliche Heimat zurückkehrt, in das "Aul" im Kaukasus, da vollzieht sich in ihm der Zusammenstoß zwischen alter und neuer Zeit. Den dramatischen Konflikt zu lösen, wird ihm nicht leicht (denn Niko strotzt ja nicht von Weisheit und von Edelmut, er ist ein Mensch wie du und ich), der "Adat", das teils barbarische Brauchtum seines Volkes, und die Blutrache krallen sich in ihn - aber er überwindet es. Die neue Zeit, die er verkörpert, setzt sich durch.

Leseprobe:
"… Seit einigen Tagen bin ich im Aul Ashielli, wo ich geboren wurde. Wer so einen Aul noch nicht gesehen hat, dem kann man ihn schwer beschreiben. Stell Dir lange und ungleiche Treppen vor, die an den Berghängen kleben. So ein Aul sieht aus wie eine Menge Treppen, denn jede Sakla (so heißt die Siedlung für einen Stamm) besteht aus mehreren Stockwerken, die eines über dem anderen liegen, und das Dach der unteren ist die Terrasse und der Hof der höheren. Hier gibt es gar keine Schornsteine. Das Feuer brennt auf dem Boden, und der Rauch geht durch das Dach. Die Kühe wohnen gleich neben den Menschen und die Kälber in derselben Stube, überhaupt hätte unsere Sanitätskommission genug zu tun - es ist hier sehr schmutzig, und man kann sagen, das ist das einzige, was mir hier nicht gefällt (,wirst doch noch nüchtern …'), denn sonst ist alles, was mich umgibt, so neu, so seltsam, daß es mir immer scheint, ich träume. Vor allem bin ich für die Chewsuren ein erwachsener Mann und der Kopf des Stammes. Wie gefällt Dir das, Grischka?"
"Gar nicht, aber dir gefällt es sicher sehr", schimpfte Grischka.
"Stell Dir vor, die Alten, Ehrwürdigen, stehen auf, wenn ich in den Salakobo (so heißt der Klub) hineinkomme. Hier ist so eine seltsame Sitte, daß die Alten zur Begrüßung des Jungen aufstehen. Von den Jungen habe ich schon einige kennengelernt. Einer gefällt mir sehr gut, Kwirik Katuschauri. Er ist erst 16 Jahre alt. Aber er kann schießen und fechten! Grischka! Das sind richtige Ritter - solche wie die, von denen wir bei Walter Scott oder in den Romanen aus dem Mittelalter gelesen haben. Ein Chewsure lügt nie, weicht nie vor einem Feind zurück, schlägt niemanden vor anderen. Ich habe die Leute gleich gern bekommen …"
Grischka unterbrach das Lesen. Stirnrunzelnd betrachtete er die Hühner, die auf dem Hof scharrten.
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Nachrichten von den Pelew-Inseln in der Westgegend des Stillen Ozeans, Georges Keate
Übersetzung aus dem Englischen von George Forster
Neu herausgegeben, bearbeitet und mit einem Nachwort versehen von Jean Villain

ISBN 3-89954-024-7

Aus der Vorrede
Sollte die kleine Inselgruppe, die ich hier der Welt zum ersten Mal genauer darstellen werde, nach so manchen Entdeckungen, welche unsere Kenntnisse erweitert haben, dem Publikum nicht gleichgültig sein, so hat Kapitän Wilson nicht vergebens Schiffbruch erlitten, und die Zeit ist nicht verloren, die ich an die Ausarbeitung seiner Nachrichten gewendet habe.
George Keate

Leseprobe:
Mittwoch, den 11. August 1783. Seitdem wir hier Schiffbruch erlitten, hatte es noch nicht so wild gestürmt und in solchen Fluten geregnet wie diese Nacht. Die Morgenröte brachte indes etwas gelindere Witterung, und der Bootsmann rief mit seiner Pfeife die Mannschaft an die Arbeit. Der Ton dieses Instruments war den Ohren der Eingeborenen zwar fremd, machte ihnen aber großes Vergnügen. Raa-Kuk besprach sich mit Kapitän Wilson, um ihm anzudeuten, daß dessen Bruder Matthias wegen des stürmischen Wetters nicht würde zurückkehren können. Gegen zehn Uhr fertigte man die Schaluppe nach dem Wrack ab; die am Strande zurückgebliebene Mannschaft fuhr unterdessen fort, den Platz zu ebnen und die Lebensmittel wieder zu trocknen. Es ward finster, ehe die Schaluppe wieder kam, und man war ihretwegen schon sehr besorgt gewesen. Die darin befindlichen Leute berichteten, daß die Insulaner das Schiff mit etlichen Kanus besucht, auch etwas Eisen und einige andere Sachen mitgenommen hätten.
Unter anderem hatte man auch das Kanu mit den drei Mann, welche zur Bedienung des Bruders des Königs zurückgeblieben waren, sehr stark in Verdacht, indem diese gleich nach der Schaluppe in See stachen, wiewohl man am Strande geglaubt hatte, sie wären auf Fischfang ausgegangen. Als unsere Leute beim Schiff ankamen, war gerade Ebbe. Sie konnten daher mit ihrem Fahrzeug nicht bis an das Schiff kommen, sondern mußten über einen Teil des Riffs waten, bei welcher Gelegenheit sie eines großen, durch den Boden des Schiffs gedrungenen Felsenstücks gewahr wurden, welches innerhalb desselben an zwei oder drei Stellen aus dem Wasser ragte; das Schiff war also eigentlich vom Felsen aufgespießt. Spuren des Besuchs der Eingeborenen waren vorzüglich im Aufenthalt des Wundarztes sichtbar, wo sie den Arzneikasten durchwühlt und verschiedene Medikamente gekostet, vermutlich aber nicht nach ihrem Geschmack befunden und daher ausgeschüttet, die Flaschen aber behalten und mitgenommen hatten. Im ganzen Kasten war nicht das mindeste zurückgeblieben, wovon man noch einigen Gebrauch hätte machen können.
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Fliegerschicksale, Bruno Strauss
ISBN 3-89954-026-3

Bruno Strauss war Eisenbahner und meldete sich 1917 als Freiwilliger zum 1. Weltkrieg. Zu einer Ausbildung als Flieger kam es nicht mehr, da der Krieg währenddessen beendet wurde. Aus der Liebe zur Fliegerei entstanden eine Reihe von Texten, deren Veröffentlichung am 28. August 1939 verboten wurde, da "das Buch nur Schilderungen von Abstürzen enthält und in seiner ganzen Tendenz den Propagandamaßnahmen für die Luftfahrt widerspricht". (aus einer Mitteilung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda der Reichschrifttumskammer)

Leseprobe:
Flieger Billick!

Wieder steht der Flugplatz Tempelhof im Banne eines Ereignisses - das tragische Ende eines bewährten Kriegsfliegers mußte man erleben. Deutschlandflug 1930. Billick fliegt - fliegt wie eben ein alter erfahrener Pilot das Luftmeer befährt …
Eines Tages. Wieder startet er, fährt gen Himmel, fliegt seine Runde um den Flugplatz und landet … Neugierig schauen die Starter auf das Flugfeld. Was ist's? Da sehen sie, wie der Flieger sich bemüht, die Schnallen, die ihn an den Sitz in der Maschine binden, zu lösen. In demselben Augenblick schießt eine Stichflamme aus dem Motor. Glühend schlägt die heiße Lohe dem Piloten ins Gesicht, raubt ihm die Besinnung. Eilig stürzen die Monteure herbei, doch sie können nicht helfen. Die Hitze hält sie fern von dem brennenden Apparat. Sie müssen zusehen, wie ein alter bewährter Flieger, der ihnen auch als Freund und Kamerad nahe stand, dort zu einer schwarzen Puppe verkohlt.
"Grausiges Erleben schaffst du - o furchtbarer Fortschritt! Immer stärker wird dein fressender Brand und wir Menschen? Wir bringen dir die edelsten und besten vom Geschlecht der Menschen.
Fortschritt und Ringen um Vollkommenheit häufen immer größere Opferberge empor, solange, bis die Erde einmal reif ist von zu großer Qual und zuviel Leid der Menschheit."
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Der Künstler, Emil Utitz
ISBN 3-89954-025-5

Vier Vorträge

Das Problem einer allgemeinen Kunstwissenschaft
Zum Schaffen des Künstlers
Kunst und Geisteskrankheit
Der Charakter des Künstlers

Die in diesem Büchlein vereinigten Vorträge führen Probleme weiter, die bereits 1920 im Band "Grundlegung der allgemeinen Kunstwissenschaft" (lieferbar, ISBN 3-7705-0705-3) behandelt wurden. Manche leitenden Gedanken treten jetzt schärfer und klarer hervor und sind durch neue Erwägungen bereichert und vertieft. Vor allem wird der Zusammenhang mit charakterologischen Untersuchungen deutlich. Diese vier Vorträge bilden eine geschlossene, in sich verständliche Einheit.

Leseprobe:
Der Charakter des Künstlers

Jugend schwärmt für den Heldendarsteller. Erwachende Kritik fragt, ob heldische Tat und künstlerische Gestaltung des Heldischen zusammenfallen müssen. Ist einmal diese Frage aufgetaucht, kann ihre Verneinung nicht angezweifelt werden. Und mit ihrer Verneinung scheidet sich schon der artistische Charakter vom bürgerlichen. Aber nur wenige. Begriffe sind so undurchdacht und unanalysiert, wie gerade der des artistischen Charakters in seiner Beziehung zum bürgerlichen. Die handlichen Worte überdecken Schwierigkeiten, die seltsamerweise fast unbeachtet bleiben. Hiermit wird der Zugang zu entscheidend wichtigen Problemen verschüttet. Dabei will ich gar nicht von der Ungeheuerlichkeit sprechen - die gleichwohl vielen nicht einleuchtet -, eine Persönlichkeit gleichsam in zwei Teile aufzuspalten, ohne sich um den Zusammenhang dieser Teile zu kümmern. Methodologisch darf es doch nur heißen: was bedeutet der artistische Charakter im Gefüge der Persönlichkeit; oder umgekehrt diese für den artistischen Charakter? So gewinnen wir eine scharfe und klare Frage. Aber von einer scharfen und klaren Antwort sind wir leider sehr weit entfernt. Ich will mich daher mit einigen einleitenden Bemerkungen begnügen. Meine Arbeiten über das künstlerische Schaffen werden durch sie in gleicher Richtung fortgesetzt. Um Wiederholungen auszuweichen und die vorgeschriebene Zeit innezuhalten, können wir nicht langsam das Gebiet aufschließen, sondern nur wie mit Scheinwerfern abstreichen.
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SOS - Jugend am Kreuz, Bruno Theek
ISBN 3-89954-022-0

Notrufe aus der Großstadtunterwelt und der Erlebnisbericht KZ Dachau

Leseprobe:
Da wohnt auch Familie W.; der Vater starb plötzlich und ließ die Mutter mit drei unmündigen Kindern zurück. Sie heiratete wieder, und zu den drei Kindern kamen in zwei Jahren noch zwei weitere hinzu. Der Stiefvater trinkt, kümmert sich wenig um die Familie, die drei Kinder aus der ersten Ehe seiner Frau sind ihm verhaßt. Jetzt ist er auch noch arbeitslos, Zank und Streit sind an der Tagesordnung, die Kinder hören täglich die häßlichsten, gemeinsten Ausdrücke, und zu ihrer Not an Sachen und Nahrung kommt die ständige Angst vor dem Stiefvater. Kehrt er abends betrunken heim, dann spielen sich Szenen zwischen ihm und der Frau ab, die jedes Schamgefühl in den Kindern längst ertötet haben. Und zum Schluß schlägt er nicht bloß die Mutter, sondern auch die Kinder, die er aus den Betten reißt. Ihr junges Leben bedeutet ihnen unter solchen Verhältnissen eine unsägliche Last und eine Hölle.
Ist es ein Wunder, daß der älteste, zwölfjährige, nächtelang nicht nach Hause kommt, lieber auf Böden und Hausfluren nächtigt, als in dieses Grauen zurückkehrt?
Das Familienleben braucht aber äußerlich durchaus nicht immer ganz so schlimm zu erscheinen und kann dennoch den Kindern nichts als Not und Qual mitgeben.

Ich habe anderthalb Jahre lang in einer der zentralen Verwaltungsstellen der SS an einer Stelle gearbeitet, wo ich einen genauen Einblick in die Zusammensetzung der SS und in die Vorgänge in den verschiedenen Lagern bekam; nach meiner vorsichtigen Schätzung sind durch die deutschen Konzentrationslager mindestens 30 Millionen Menschen gegangen, wovon allein mindestens 20 Millionen ermordet worden sind - ermordet unter Umständen, wie ich sie schon oben geschildert habe. Allein in dem einen Lager Auschwitz, das hauptsächlich der Beseitigung von Juden und Polen diente, sind von 1940 bis zur Befreiung durch die Russen rund 4 Millionen vergast worden; ganze Eisenbahnzüge voll Frauen und Kindern sind einfach an die Laderampe, die zu den Gaskammern führte, herangefahren worden, und dann wurden die wehrlosen Menschen wie Vieh auf einem Schlachthof in die Gaskammern getrieben, so daß viele Jahre lang ununterbrochen Tag und Nacht die acht Krematorien dort in Betrieb waren, um die Leichen zu verbrennen. Als bei uns in Dachau einmal solcher Kinderzug angekommen war - mit aufgepflanztem Bajonett trieben die SS-Leute die Kinder, von denen viele überhaupt noch nicht schulpflichtig waren, durch die Stadt ins Lager - schrien die Kinder andauernd voller Angst, als sie in das "Bad" geführt wurden, weil sie wußten, was ihnen bevorstand, denn auch in Dachau gab es solche Gaskammern. Und immer noch höre ich dieses angsterfüllte Kinderschreien in meinen Ohren!
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Nach Nordkorea und zurück, Heinz Gundlach
ISBN 3-89954-045-X

Mit Reiseskizzen von Heinz Wodzicka

Leseprobe:
Was er nun sah, hatte er noch nie gesehen, nie gedacht, nie für möglich gehalten. Zu seiner Linken saß etwa fünf Meter hoch der Große Führer. ER und der Stuhl, auf dem er saß, waren aus purem Gold oder wenigstens goldglänzender Bronze. Sein Blick wandte sich, als er ein sanftes Schieben des ihn führenden Armes spürte, in die andere Seite des Saales. Dort saß in gleicher Haltung, die Hände gleichermaßen auf den Knien, auf gleichem Stuhl ebenfalls der Große Führer. Beide Große Führer schauten einander Auge in Auge. Nichts mehr störte die beiden Giganten (oder muß man richtiger Götzen sagen?) bei ihrer Selbstbetrachtung.
Der Direktor nahm nun eine Hand des zutiefst erschrockenen Gastes (oder schien es ihm hinterher nur so?), alle anderen blieben andachtsvoll zurück, ging mit ihm zum Marmorblock, der den rechts Sitzenden und dessen Stuhl trug, legte seine und die Hand des Gastes wie huldigend auf den geschliffenen Stein (tönerne Füße hätten den Koloß nicht getragen), sprach leise, so daß nur der Gast ihn verstehen konnte (oder hatte es der Gast sich nur später zu dieser Szene hinzugewünscht?), sagte in russischer Sprache zwei Worte: Choroschij mramor, Schöner Marmor. Das schuf auf überraschend einfache Weise Distanz zu dem gottähnlichen, eiskalten Abbild über ihnen und Wärme und Nähe zwischen ihnen.
Später würde er sich immer wieder dieses Moments erinnern, in dem er klein gegenüber den Kolossen gestanden hatte, die nur noch sich selbst sahen, und dankbar würde er jenes unbekannten Mannes gedenken, und die Szene würde sich in seiner Erinnerung verändern, verklären. Sonst müßte er sich vielleicht eingestehen, diesem goldenen Götzen gehuldigt zu haben oder wenigstens einer Huldigung nicht widerstanden zu sein. So aber begann mit den wahrscheinlich geflüsterten Worten, mit jener schier unendlichen Sekunde zu Füßen der absoluten Macht unwiderruflich ein schwieriger, wechselvoller Weg, eine langsame, schrittweise Entfernung von den Kalten Kolossen.
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Mein liebster Platz, Karl-Heinz Steinmann
ISBN 3-89954-028-X

Erinnerungen, Geschichten, Gedichte

Leseprobe:
Wer war der Dieb?
(Kinderkrimi)
Wir hatten unsere Enkeltochter Julia zu Besuch. Sie ist gern in Gransee bei Oma Anne und bei Opa Heinzi. Heut war sie angekommen.
"Fahre nach Berlin, Mutti Sybille. Erst in zehn Tagen hole mich ab." Sie stand mit uns mittags an der Straße, winkte und faßte nach meiner Hand. "Gehen wir in den Garten zu den Zwerghühnern, Opa?"
Ich nickte. Auf dem Hof öffnete sie zum 1. Auslauf die Tür. Wir gingen zur Kiste, die mit Dachpappe abgedeckt war, dort steht ein Karton mit Stroh. "Opa Heinzi, darf ich die Eier einsammeln?" Ich blickte in den Zwerghuhnstall, der daneben auf Pfählen steht "Kein Ei im Nest, Julia! Hast du Eier gefunden?" "Opa Heinzi, sieh nur! Zwei Eierschalen, aber keine Zwerghuhneier sind im Nest!"
Ich ging zu Julia. Ich bückte mich, ich wollte es nicht glauben. Aber sie hatte recht. Von zwei Zwerghuhneiern lagen die leeren Schalen im Nest. "Wer mag das gewesen sein, Julia?" "Ob das der rote Kater Rexi war, Opa?" Rexi jagt gern einmal eine Zwerghenne. Gestern ließ er die kleine blaue Henne nicht in den Stall. Ich mußte Rexi erst einsperren, damit das Hennchen wieder Zutrauen fand. Sie stieg recht unsicher die Leiter hinauf. Aber ein so kleines Loch beißt Rexi nicht in die Schale.
"Wer war es, Opa, eine blaue oder gelbe Zwerghuhnhenne?" Sie blickt sich das Ei an. "Opa, es ist ein kleines Loch hineingepickt worden." "So einen spitzen Schnabel, Julia, haben die Zwerghennchen nicht. Die können es nicht gewesen sein."
Julia blickte mich von unten herauf ganz aufmerksam an. "Aber wer dann, Opa?" Kein Eigelb färbte das Stroh. Plötzlich flogen zwei Vögel über das Stalldach. "Julia, sieh, die Elstern! Ob die es waren?" "Opa Heinzi, haben die Elstern einen spitzen Schnabel?" "Ja!" "Elster, du schöner Vogel, du bist der Dieb!"
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Strohkaten, Johannes Gillhoff
ISBN 3-89954-033-6

Beiträge in den Mecklenburgischen Monatsheften 1925 - 1928

Leseprobe:
Der verlorene Sohn (Auszug)
... Meine Geliebten! Höret zum Beschluß noch ein Wort ohne Gleichnis und ohne Handschuhe. Auch in euch stecken allerlei unsaubere Geister, und heut hat der Geist des Aufruhrs und der Empörung wider eure Obrigkeit und Herren euch hergetrieben. Das Amt hat euch kein zweites Tanzvergnügen im Jahr freigegeben. Der Krüger sagt auch, daß es genug ist, wenn ihr euch einmal im Jahr die Köpfe blutig schlagt, und der Krüger ist ein verständiger Mann. Ihr aber seid allzumal unverständig. Ihr wollt nach Hamburg. Ihr wollt dort freie Herren sein. Vormittags schlafen, nachmittags ausruhen, und abends und nachts tanzen: so denkt ihr euch das Leben in Hamburg. Und wenn Pastor oder Bürgermeister euch dort begegnen, dann wollt ihr die Hände in die Taschen stecken und ausspucken. Meine geliebten Kinder! Ihr seid allzumal dreigedoppelte Hornochsen. Ihr habt wie die Ochsen kräftige Knochen, aber in eurem Verstand seid ihr gleich wie die nüchternen Kälber. Eure kräftigen Knochen gehören ins Dorf, aber nicht nach Hamburg. Wir lassen unsere junge Mannschaft nicht aus dem Dorf. Wenn ihr geht, dann lassen wir euch durch den Landreiter zurückholen, und wenn es nötig ist, komme ich selbst, und mein Stock kommt über euch und eure Narreteien. Solches aber wird geschehen zu eurem Besten und die unsaubern Geister von euch austreiben. Darum sage ich: Dämpfet die Geister, bleibt im Dorf und lasset ab von euren Dummheiten. Es ist genug an der einen Geschichte vom verlorenen Sohn. Und nu macht, daß ihr nach Hause kommt und in's Bett. Guten Abend! - ... Der Aufruhr war gedämpft, und das Jungvolk von Warkenthin begnügte sich fortan wieder mit einem Tanzvergnügen und mit einer soliden Massenprügelei aufs Jahr.
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Botticelli, Rosemarie Schuder
ISBN 3-89954-037-9

Die irdische und die himmlische Lust. Roman

Leseprobe:
(aus der Einführung Rosemarie Schuders)
"In diesem Frühling von Florenz sah ich nun in den Uffizien die herzzerreißend anmutige Frau, die meine ganze Zuneigung gewann. Ein Lächeln der Unschuld lag über ihrem Gesicht. Und Wehmut. Ein Wissen um Versuchung und Gewähren. Eine fast einfältige Kindlichkeit. Eine mütterliche Zärtlichkeit. Erwartungsvoll und stolz. Sandro Botticelli (geb. um 1450, gest. am 17. Mai 1510) malte immer nur sie: Semiramide. Botticellis Venus aus der Muschel aufsteigend."

Venus aus der Muschel aufsteigend

Ihr widmete die Autorin ihre Gedanken über »Die irdische und die himmlische Lust«.

Ich sah, wie er zum Scheiterhaufen ging. Er hielt seinen Kopf gesenkt. Ich wagte nicht, mich bemerkbar zu machen. Es war, als sei nur er allein auf dieser Welt. Und der Scheiterhaufen. Doch Neugierige standen da. Und es kamen noch immer viele Leute, die ihre kleinen Eitelkeiten herantrugen. Manche schoben Spielkarten unter die abgeworfenen buntseidenen Schleier, andere legten ihre Sachen, die Spiegel, die Brettspiele, die Würfel, die Schmuckstücke mit Nachdruck auf die vordersten Plätze des großen Gestells. Ich beobachtete, wie einige herausfordernd auftraten, sie zeigten ein geflissentliches Lächeln, das auf Beifall wartet. Diejenigen, die sich und ihre Opfergaben absichtsvoll zur Schau stellten, blieben noch eine Weile, um zu verfolgen, wer kam und was gebracht wurde. Sie quittierten jedes Stück mit einem Zuruf.
Sandro blieb unschlüssig stehen. Er hielt mit beiden Händen ein Pergament. Viele Leute grüßten ihn, sie traten zur Seite, es bildete sich eine Gasse.
So ging er denn hindurch. Es wurde still um ihn her. Ich konnte seinen Gesichtsausdruck erkennen. Abweisend, finster, stolz, gefaßt und gleichzeitig voll Trauer. Er wirkte auf mich in diesen Augenblicken, da er nur noch wenige Schritte bis zum Scheiterhaufen zu gehen hatte, ungeheuer fremd, wie eine Gestalt aus sehr fernen Zeiten. Unberührbar.
So muß Abraham ausgesehen haben. In sich ruhend im Glauben an Gott. Verzweifelt. Aber bereit, jede Prüfung ohne Murren zu bestehen. Gott sprach zu ihm: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich!
Da sprach Gott zu Abraham: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebhast, den Isaak, und gehe in das Land Morija und bringe ihn dort auf einem der Berge, den ich dir sagen werde, als Brandopfer dar!
Ich fühlte mich sehr elend mitten in der Menschenmenge. Ich war sicher, er, Sandro, hat unter all seinen Werken, seinen Zeichnungen, das Blatt zum Vergehen im Feuer ausgesucht, das er am meisten liebte, das geheimnisvollste: Seinen Entwurf, wie die Göttin der Liebe, aus dem Meer geboren, von einer Muschel getragen, ans Land kommt. Mit ihrer Botschaft von der Schönheit der Frau.
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Wismar 1803 - 2003, Christel Kindler; Hans Witte
ISBN 3-89954-051-4

Eine Chronik

Leseprobe:
Im Malmöer Vertrag ist festgelegt, daß der Wismarer Hafen nicht befestigt und nicht als Kriegshafen genutzt werden darf. Außerdem dürfen hier keine Kriegsschiffe stationiert werden. Alle Privilegien Wismars bleiben unangetastet, auch die laufenden Verträge bleiben bestehen. In Titel und Wappen der Mecklenburger Herzöge darf die Herrschaft nicht geführt werden. Die Fortifikationsländereien sind rechtlich noch schwedischer Besitz, stehen jedoch unter landesherrlicher Verwaltung.
Wismar nimmt also jetzt eine staatsrechtliche Zwischenstellung ein; es wird von Mecklenburg regiert, gehört aber juristisch zu Schweden.
Am 19. Juli 1803 wird der Malmöer Vertrag von Schweden und am 26. Juli von Mecklenburg ratifiziert.
In Anwesenheit hochgestellter Persönlichkeiten erfolgt am 19. August im Fürstenhof die feierliche Übergabe Wismars an Mecklenburg, vollzogen von dem schwedischen Kanzler von Thun an den herzoglichen Kammerdirektor Brüning.
Voller Zuversicht feiern die Wismarer ihren mecklenburgischen Landesherrn Friedrich Franz I., der am 29. August in "seiner" Stadt Einzug hält.
Noch ist der größte Teil der nächsten Umgebung Wismars ein verwüstetes und verfallenes Terrain und es wird mindestens zwei Jahrzehnte andauern, bis sich die Stadt erholt hat und eine Aufwärtsentwicklung zu verzeichnen ist, zumal sie unter den Auswirkungen der Napoleonischen Fremdherrschaft zu leiden hat.
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Schmidt's Wismarsche Zettelkiste, Detlef Schmidt
ISBN 3-89954-136-7

775 Jahre Wismar

Leseprobe:
Alte Überdachung des Rostocker Bahnhofs war für Wismar noch ganz passabel

Als im Jahre 1848 Wismar an das deutsche Eisenbahnnetz angeschlossen wurde, bekam die Stadt auch einen Bahnhof, der dicht am Lindengarten lag, er wurde 1858 erbaut. Der Bahnhof, der in seinen Grundzügen jetzt noch steht, begeht nun sein 125jähriges Jubiläum …
Doch 50 Jahre später genügte diese Anlage nicht mehr. So wurde der "neue" Bahnhof mit seiner Unterführung 1908 gebaut …
"Schön ist er nicht geworden", mäkelten damals schon einige Zeitgenossen an diesem Bauwerk herum. Die Überdachung für die neue Bahnhofshalle wurde aus Rostock geliefert. Dort hatte man die alte Überdachung des Friedrich-Franz-Bahnhofes abgerissen und man fand sie für Wismar noch ganz "passabel" …

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Amerika, Walter Kaufmann
ISBN 3-89954-044-1

Zwischen Präsidentenmord und 11. September
Reportagen aus vier Jahrzehnten

Leseprobe:
Ein Maulwurf: "… oh Mann, verglichen damit war meine Zeit unterm Südturm die reinste Wonne. The time of my life, man!"
Er lobte die Sicherheitsleute vom World Trade Center, die sie im Schacht hatten schlafen lassen und sich mit den Gummiknüppeln zurückhielten, und dass man dort immer mal von den Angestellten ein paar Münzen in den Hut geworfen kriegte.
"Zogen ja Tausende morgens in die Türme rein und abends wieder raus."
"Und am elften September - was war da?"
Er sah mich an. "Oh Mann, wenn ich an dem Morgen da unten gesteckt hätte, wäre ich nicht hier. Die da noch steckten, sind tot. Hab von denen keinen mehr gesehen. Viele, es waren viele. An die fünfzig, glaub ich. Und kein Hahn kräht nach denen. Hat keiner ihre Fotos an Bäume geklebt, keiner Geld für sie gesammelt oder eine Silbe über die in die Zeitung gebracht …"

"Gewalttaten", sagte er, "tatsächlich, mir scheint, daß unser Land allmählich ein Monopol in Gewalttaten besitzt - nein, oft das Monopol in Gewalttaten gehabt hat. Denn haben wir uns nicht dies Land mit Gewalt angeeignet, damals als es noch Kolonie war? Jawohl, das haben wir. Mit Musketen und Schnaps haben wir den Indianern das Land entrissen oder abgegaunert. Wir haben uns den Weg nach Westen freigeschossen: Wir schossen die Tiere ab, wir schossen die Indianerstämme ab, dann erschossen wir uns gegenseitig. Im Mexikanischen Krieg annektierten wir Kalifornien; das war so rechtswidrig, daß sogar Lincoln gegen die Brutalität unseres Vorgehens protestierte. Wir verhinderten den Abfall der Südstaaten, obwohl sie nicht nur ein moralisches, sondern auch ein juristisches Recht dazu hatten, und damit stürzten wir die Nation in einen vierjährigen blutigen Bruderkrieg, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Wir brachen den Spanisch-Amerikanischen Krieg vom Zaune, gewannen ihn durch die bloße Übermacht an Waffen und gründeten eine Art von Empire. Wir warfen ohne jede militärische Rechtfertigung Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki; der Krieg gegen Japan wäre auch ohne diese gräßliche Gewalttat gewonnen worden. Wir waren in über hundert Kriege, Aggressionen und militärische Aktionen verwickelt, nachdem wir uns im Jahre 1776 den Weg zur Unabhängigkeit erzwungen hatten. Und jetzt stehen wir in Vietnam."
Harrison machte eine Pause, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Er zündete sich am Stummel der alten eine neue Zigarette an, zog den Rauch so heftig in die Lunge, daß seine Wangen hohl wurden, und fuhr dann mit noch größerer Eindringlichkeit fort:
"Wir haben viele Tausende unserer Bürger erhängt, verbrannt, in die Gaskammer oder auf den elektrischen Stuhl gebracht, wenn sie das Gesetz gebrochen hatten. Und was ist die Todesstrafe anderes als eine vorsätzliche Gewalttat durch den Staat? Im zwanzigsten Jahrhundert haben wir mit allen Arten des Tötens in der Welt schrittgehalten, vom Totschlag bis zum Mord. Und heute gibt es in den Vereinigten Staaten mehr Schußwaffen in Privatbesitz als in allen anderen Ländern der Erde zusammen. Wir sind seit langem die größte Nation von Gesetzesbrechern, in fast jeder Kategorie von Verbrechen, besonders Gewaltverbrechen gegen Leib und Leben von Menschen. - Zum Beispiel: Hier in Louisville haben die Zeitungen schon tagelang gegen diesen Marsch der Armen gehetzt, haben düstere Prognosen gestellt, vor Verbrechen auf offener Straße gewarnt, als ob das in Amerika etwas Besonderes wäre. Aber selbst wenn es heute abend Verbrechen auf den Straßen gibt - wir wollen hoffen, daß das nicht geschieht - und wenn Teilnehmer dieses Marsches, Neger, darin verwickelt sein sollten, dann wäre das einzig Neue dabei für Louisville, daß Neger dem Beispiel der Weißen folgen und gewalttätig werden."
Wieder hielt er inne, als ob er schon zu weit gegangen wäre, als ob er die Aktion, an der er teilnahm und an die er glaubte, herabgesetzt hätte.
"Vergessen Sie das letzte", sagte er. "Ich bin überzeugt, daß es drinnen in Louisville heute abend keine Unruhen geben wird, keine Messerstechereien, keine blutigen Köpfe, keine eingeschlagenen Fenster. Der Marsch hat nicht so begonnen und wird nicht so enden. Lassen Sie mich noch einmal vom Besonderen auf das Allgemeine zurückkommen. Ich hatte gesagt, daß wir Amerikaner unseren Besitz stets mit roher Gewalt genommen und festgehalten haben. Die Geschichte hat gezeigt, daß wir friedliebend waren, wenn es sich auszahlte, und gewalttätig, wenn das nicht der Fall war. Dies haben wir vor aller Welt bewiesen, während wir uns selbst scheinheilige Lügengeschichten über unsere Sanftheit, unsere Güte und unsere Anständigkeit erzählen.
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Infarkt der Seele, Petra Otto
ISBN 3-89954-039-5

Mit einer Einführung vom Herausgeber Dr. Volker Schumann

Leseprobe:
Das vorliegende Buch ist in erster Linie eine Geschichte. Sie skizziert mein Leben, das bis zum Ende meines dritten Lebensjahrzehntes relativ unauffällig verlief, dann aber eine dramatische Wende nahm. Gerade als es möglich schien, neben dem privaten Glück einer tragfähigen Partnerschaft auch berufliche Erfüllung zu finden, stürzte ich in den Abgrund einer Depression. Neun Monate war ich gefangen in einem Zustand von Angst, Hoffnungslosigkeit, quälenden Schuldgefühlen und der Unfähigkeit, etwas zu tun. Damals wusste ich nicht, dass ich eine Depression durchmachte, und ich ahnte nicht, nachdem ich mich wieder erholt hatte, dass es eine Krankheit ist, die meist irgendwann wieder kommt. In meinem Fall dauerte es nur gut ein Jahr, bis die gleichen Symptome wieder auftraten. Diesmal führte mich mein Weg nach einem Suizidversuch in die Psychiatrie und es war mehr diese Tatsache an sich als die Krankheit selbst, die fortan mein Leben schwer belastete. Das ist einer der Gründe, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Die Psychiatrie, psychische Krankheiten, sind etwas, was allgemein Angst macht und vermutlich deshalb häufig im sozialen Umfeld Ablehnung hervorruft.
Da ich "am eigenen Leib" schmerzlich erfahren musste, wie ich rasant an Wert verlor und zum Außenseiter wurde, nur weil ich in der Psychiatrie war, wünsche ich mir, dass diese Geschichte vielleicht ein wenig dazu beiträgt, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen. Es ist aber nicht nur eine Geschichte über die Manisch-Depressive Krankheit, die für den Leser die zum Teil sehr leidvollen Symptome spürbar werden lassen soll, es ist auch die Lebensgeschichte eines Menschen, der sich bis zum heutigen Tag bemüht hat, sein Leben aktiv zu gestalten.

Der Versuch, mich selbst zu töten, war kläglich gescheitert, und der Arzt in der Chirurgie behandelte mich wie einen Penner. Deutlich spürte ich trotz meiner furchtbaren Seelenqual, deren Grund ich nicht kannte, die Ablehnung des medizinischen Personals. Mein Handgelenk wurde verbunden und man schickte mich kommentarlos nach Hause. Ich wusste nicht, was mit mir ist, und den Arzt schien es nicht zu interessieren. Zitat einer Äußerung der Krankenschwester gegenüber meinem Ehemann Dieter: "Ich weiß nicht, was Ihre Frau für Probleme hat, ich will es auch nicht wissen."
Den nächsten Tag ging ich noch mehr verängstigt in die Firma. Ich hatte das erste Mal in meinem Berufsleben blau gemacht. Aber dies nicht, um mir einen schönen Tag zu machen, sondern um mein Leben zu beenden. Ich wusste nicht genug Bescheid, um es richtig zu machen. Das rettete mich damals vor dem Tod. Zweieinhalb Jahre später war es wohl nur dem Können der Ärzte und meiner Bärennatur zu verdanken, dass ich nicht vorzeitig durch Suizid aus dem Leben schied.
Als Abteilungsleiter hatte ich ein eigenes Büro und konnte mich so vor den Blicken der Kollegen etwas schützen. Einige kamen jedoch, um zu fragen, was mit mir sei. Ich hatte mich in den letzten Wochen erheblich verändert. Stundenlang saß ich zusammengesunken am Schreibtisch, ohne etwas zu tun. Da ich kaum etwas essen konnte, hatte ich stark an Gewicht verloren. Die vielen schlaflosen Nächte voller Angst hatten im Gesicht deutlich ihre Spuren hinterlassen. Zuweilen erschrak ich selbst, wenn ich mich im Spiegel sah. Tiefe Augenringe und eine fahle Gesichtsfarbe beherrschten mein Gesicht. Am Vortag hatte ich ohne Angabe von Gründen an meinem Arbeitsplatz gefehlt. Einige Kollegen konnten sich vermutlich denken, was passiert war, als sie den Verband an meinem Handgelenk sahen. Irgend jemand fragte mich ziemlich direkt, und ich leugnete es nicht, dass ich versucht hatte, mir die Pulsadern aufzuschneiden. Es schien mir eine verschwommene Chance zu sein, auf meine tiefe Verzweiflung aufmerksam zu machen. Artikulieren konnte ich es nicht. Meine Tat sollte jedoch keine Appellwirkung haben. Ich wollte wirklich sterben, um diese Höllenqualen, die mir die Angst und das bohrende Schuldgefühl bereiteten, zu beenden.
Mein Mann hatte mir geraten, für den unentschuldigten Fehltag Urlaub zu beantragen. Da ich ein relativ gewissenhafter Mensch bin, war mir die Angelegenheit trotz aller Verzweiflung unangenehm. Gleich früh bemühte ich mich um einen Termin bei meinem Chef. Ich musste nicht lange warten. Er zeigte sich sehr einfühlsam und verständnisvoll während unseres Gespräches. So kannte ich ihn gar nicht. Der Fehltag sei vergessen, meinte er und ließ sich abschließend die Telefonnummer der Arbeitsstelle meines Mannes geben. Mein Chef machte, ohne das mit mir abzustimmen, einen Termin für mich und Dieter bei der Betriebsärztin. Als ich nachmittags gemeinsam mit meinem Mann vor ihr saß, empfand ich lähmende Angst. Es gelang mir kaum, etwas zu sagen. Alle meine Sinne waren jedoch hellwach. Das ganze "Gespräch" dauerte vielleicht zehn Minuten. Sie empfahl mir, ohne irgend eine Erklärung dafür zu geben, in eine Nervenklinik zu gehen. In meiner Hilflosigkeit hatte ich nichts entgegen zu setzen. Arbeiten konnte ich seit Wochen nicht mehr, was sollte aus mir werden? Ich wusste es nicht. Die Ärztin verabredete telefonisch einen Termin zur Aufnahme in einer psychiatrischen Abteilung, gab mir die Einweisung und forderte mich auf, ohne zu zögern, in die Klinik zu fahren.
Ich ahnte nicht, was diese Empfehlung für weitreichende Folgen haben sollte. Erst vier Jahre später erfuhr ich, dass man mir aufgrund mangelnder fachlicher Kompetenz und Gleichgültigkeit eine eklatante Fehldiagnose gestellt hatte. Fortan galt ich als geisteskrank. Meine gerade begonnene berufliche Karriere war nach der Entlassung aus dem Krankenhaus schlagartig beendet. Ich wurde in der Firma nur noch geduldet, von einem Platz zum anderen versetzt. Wirklich haben wollte mich niemand mehr. Das tat sehr weh. Ich war gerade 30 Jahre alt und recht ehrgeizig. Jetzt stand ich beruflich vor dem Nichts. Es sollten noch acht Jahre vergehen, bis ich mir einen unbefristeten Arbeitsvertrag in der freien Wirtschaft erkämpft hatte. Es war ein harter, mühevoller Weg, ohne jegliche Unterstützung Dritter.
Die wohl schwerwiegendste Folge war: Wir durften kein Kind adoptieren.
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Weggefährtinnen
oder
Auf der Suche nach den Beginen
, Elke Maria Laddey

ISBN 3-89954-056-5

Wen interessieren schon die Beginen? So lautete die Frage, liebe Freundin, die Du in Deinem letzten Brief formuliertest, nachdem ich Dir mein Vorhaben offenbart hatte, mich auf die Suche nach den Beginen begeben zu wollen. Und in der einen Frage klangen andere gleich mit, etwa diese: Lohnt es überhaupt, sich darauf einzulassen? Was bringt es denn? Wem nützt es?
Ich versichere Dir, auch Du wirst letzten Endes einen Gewinn aus der Geschichte ziehen und in unerwarteter Weise Bereicherung erfahren, auch Dir werden die Beginen Grenzen öffnen und Ausblicke ermöglichen, von denen Du bisher nicht einmal geträumt hast.
Die ersten zaghaften Schritte auf dem Weg zu ihnen habe ich bereits getan, und mit jedem neuen Schritt verstärkt sich eine Ahnung in mir, die aus Urtiefen zu stammen scheint. Alles Wissen ist bekanntlich lange vorher in Ahnungen vorhanden, mir hat es sich inzwischen zur Gewißheit verdichtet: Ich mußte auf die Beginen treffen, ich mußte sie finden - ich bin eine der Ihren.
Meine Gute und Großherzige, meine liebe Schwester im Geist und in der Seele, laß Dich von der so fremd anmutenden Anrede bitte nicht irritieren, wer weiß, welche Bezeichnungen ich noch für Dich finden werde auf meiner Suche nach den Beginen. Was uns heute abwegig vorkommt, war für sie üblich und alltäglich. Sie lebten im tiefen Mittelalter.
Ich lade Dich ein, Dich mit mir zusammen einfach darauf einzulassen, daß uns auf den Wegen und Umwegen zu den Beginen nicht nur Unübliches und Nicht-Alltägliches begegnen wird, sondern auch Unerhörtes und Unglaubliches …

Leseprobe:
Der "Zufall" begegnete mir in dem kleinen, aber feinen Laden des Klosters, in das mich meine Wege zu den Beginen nun nach einem Jahr geführt hatten. Ich war auf der Suche nach frommen Frauen, die in Glaubensgemeinschaften zusammenleben und sich mit ihrer Hände Arbeit den Lebensunterhalt verdienen, um auf diese Art und Weise eine weitgehende Selbstbestimmung ihrer Existenz zu gewährleisten. Wie es eben die Beginen auch taten, nur mit dem Unterschied, daß sie sich nicht wie die Nonnen in die strenge Klausur eines Klosterordens begaben.
Der Zufall hatte die Gestalt eines Buches angenommen, eines Buches über die Beginen, natürlich, das hast Du Dir denken können, was sonst. Ich muß einschränkend sagen, daß es in dem Buch um die Mystikerinnen unter den Beginen geht, also um Frauen, die sich intensiv und mit der ganzen Kraft ihrer Seele auf den christlichen Glauben einließen, sich mit ihm auseinandersetzten und dabei nicht nur im Bereich der Vernunft blieben, sondern ihre Gefühlswelt einbezogen. Auf diese Weise kamen sie zu Visionen, die alle Grenzen der gebotenen Ordnung sprengten. Ihre Eingebungen und Erleuchtungen ließen niemanden im Zweifel darüber, daß sie vom göttlichen Funken getroffen worden waren. Ihre starke Intuition speiste sich aus Wurzeln, die weit hinab reichen bis in die Wasser führenden Erdschichten, aus denen die Quellen emporsprudeln, die Quellen mit dem Wasser des Lebens, das sich das Gedächtnis an die Schöpfung bewahrt hat.
Wo es an die Erdoberfläche trat, saßen die dreifaltigen Muttergöttinnen der Urreligionen aus vorchristlicher Zeit, und im grünen Dom der Heiligen Haine feierten ihre Priesterinnen die kultischen Mysterien zu Ehren der Göttin. Vielleicht wurden deshalb die beginischen Visionen mystisch genannt. Und es konnte den Beginen passieren, daß sie aufgrund dieser Visionen als Ketzerinnen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, weil sie der Amtskirche zu gefährlich, ja, als Bedrohung erschienen.
Aber sie haben sich in ihrer ganz weiblichen Sicht auf die Dinge der Erde und des Himmels überhaupt nicht beirren lassen. Sie haben ihre Bilder und Erscheinungen in Worte gefaßt und aufgeschrieben, und so haben wir Nachricht von ihnen, obwohl ihr Leben als solches auch wieder so gut wie unbekannt bleibt.
Ich bin voller Dankbarkeit für dieses Buch, das mir die Beginen trotz fehlender ausführlicher Informationen über ihr Leben mit Leben gefüllt, sie mir als kluge und leidenschaftliche Frauen gezeigt hat, stark und voller Selbstvertrauen, die sich gegen jede Fremdbestimmung abzugrenzen wußten. Sie nahmen sich einfach die Autorität, den christlichen Glauben auf ihre Art und nach ihren Vorstellungen zu interpretieren, auch wenn sie damit aus dem Rahmen fielen, in dem eine Frau ihrer Zeit üblicherweise zu verbleiben hatte. Sie schwammen gegen den Strom, sprich, gegen die ihnen auferlegten gesellschaftlichen Normen an und führten ein authentisches Leben. Sie hielten an ihren Erfahrungen, ihren Wahrnehmungen und Erkenntnissen fest und schätzten sie als wertvolles Gut, das bedeutend genug war, um aufgeschrieben und mitgeteilt zu werden. Es werden ihnen Anfeindungen, ja Drohungen und Demütigungen entgegen gebracht worden sein. Wie viele Ängste müssen sie durchgestanden, wie viele Kränkungen bis hin zur Krankheit erlitten haben. Sie blieben standhaft und sich selbst treu, sie forderten für sich Menschenwürde ein und ließen sich ihre Selbstachtung nicht nehmen.
Weggefährtinnen.
Auch wenn meine Wege heute andere sind als die ihren im Mittelalter - es sind Weggefährtinnen, mit denen mich unermeßlich viel verbindet, deren Stolz mich tragen und aufrichten kann, die mir eine Hilfe sein, die mich auffangen können. Es sind starke, selbstbewußte Frauen, "Wildnaturen", wobei Du diesen Begriff bitte als Metapher verstehen möchtest, als Sinnbild für eine natürliche Lebensweise, in der ein Geschöpf sich die ihm innewohnende Integrität und eine sehr gesunde Fähigkeit zur Abgrenzung bewahrt hat, ein Sinnbild auch für die Kraft, aus der alle weiblichen Geschöpfe die intuitive Nahrung beziehen, ohne die sie nicht unbeschadet existieren können.
In diesem Sinne möchte ich mich als Begine bezeichnen.
Ich bin eine Begine, eine Begine des 21. Jahrhunderts.
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Oh toll, ... und noch ein Buch zum Abnehmen!,
Ute Schmidt

ISBN 3-89954-049-2

Für alle, die eigentlich gar nicht abnehmen wollen, und wenn, dann nur ohne zu hungern.
Für alle, die unbedingt abnehmen müssen, aber noch die Pille suchen, die ihnen erlaubt, weiter so zu essen wie bisher und trotzdem die Pfunde loszuwerden.
Für alle, die es inzwischen aufgegeben haben und denken, dass sie es nie schaffen.
Für alle, die glauben, dass es zu teuer ist, eine Diät zu machen.
Für alle, die doch endlich anfangen wollen.

Leseprobe:
Ich hatte ganz schön was auf den Rippen, immerhin 103 kg. Es machte mir nichts aus, denn ich fand meine Figur gut, Hinten und Vorn waren zu erkennen. Unförmig fand ich mich nicht. Es gelang mir auch immer, gut sitzende Kleidung zu bekommen, denn die Modeanbieter haben inzwischen auch die Dicken entdeckt.
Von jeher habe ich gern gegessen. Abgesehen davon, war ich so erzogen, dass man als gutes und braves Kind immer viel aß, und vor allem wurde der Teller leer gegessen, auf Biegen oder "Brechen". Mein Vater war bei uns der Koch. Er kochte wunderbar. Mir schmeckte es. Ja, das Essen spielte in unserer Familie eine große Rolle. Auch später in meiner Familie war das Essen immer wichtig. Die Kinder kamen von der Schule. Beim Mittagessen wurden die wichtigen Dinge besprochen. Die Mahlzeiten waren zentrale Ereignisse.
Nun war ich der Ansicht, dass ich bereits als Kind etwas dick oder - sagen wir eher - stabil war. Nachdem ich mich mit meinem Übergewicht beschäftigt habe und einige Fotos aus meiner Kindheit, später als Jugendliche und junges Mädchen betrachtete, stellte ich fest, dass ich keineswegs dick gewesen war. Im Nachhinein erinnerte ich mich, dass mein Vater, als ich ca. 5 bis 6 Jahre alt war, häufig zu mir sagte: "Ute, du musst aber mehr essen, dir stecken ja die Rippen aus dem Rücken."
Was allerdings gesagt werden muss, dass meine beiden Großmütter dick waren, und auch mein Vater.
Etwas Übergewicht hatte ich ungefähr ab meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Schuld gab ich der Pille. Bevor ich meinen ersten Sohn mit 30 Jahren bekam, wog ich mit 1,64 m in der zehnten Schwangerschaftswoche rund 69 kg. Also noch einigermaßen normal. Während dieser sehr problematischen Schwangerschaft stieg das Gewicht allerdings rapide an. Ich wog zuletzt 92 kg.
Nach der Entbindung war es nicht so einfach, das Gewicht wieder herunterzubekommen.
Um ehrlich zu sein, habe ich es auch nicht sehr intensiv versucht. Immerhin startete ich die zweite Schwangerschaft mit 77 kg. Die Gewichtszunahme war nicht ganz so stark. Aber auch nach dieser Schwangerschaft wog ich noch um die 80 kg, mal etwas weniger, mal etwas mehr, bis ich wohl auch im Zuge der Wechseljahre auf dem aufsteigenden Ast war.
Gründe, um abzunehmen, gab es für mich zunächst keine, sondern es gab eher eine ganze Menge, die dagegen sprachen, wie zum Beispiel: "Es geht nicht. Ich will nicht. Ich kann nicht." Das sind schon mal drei. Sicher kennen Sie die auch.
Dann startete ich einen beruflichen Neuanfang, was mir nicht sehr gelang. Private und geschäftliche Schwierigkeiten - vielleicht auch das inzwischen starke Gewicht, ich weiß es nicht - führten dann zu gesundheitlichen Problemen. Die Galle spielte nicht mehr mit. Ich konnte nichts mehr essen. Man staune. Dadurch verlor ich ungefähr 6 kg.
Ein Arztbesuch wurde nötig. Er erklärte mir nach einer Ultraschalluntersuchung, dass meine Leber und Galle nicht besonders gut aussähen. Die Galle wies "Geröll" auf und die Leber hätte Fett eingelagert. Die Blutwerte wären zwar für Mecklenburger Verhältnisse noch ganz annehmbar - was immer das heißen sollte - aber wenn ich weiter Schmerzen hätte, müsse die Galle wohl raus. Na ja, das Gewicht sollte ich wohl - so meinte der Arzt - wenn ich könne, reduzieren. Auf meine Frage hin, ob dann das Fett in der Leber auch weniger würde, sagte er: "Wissen Sie, dann müssen Sie schon asketisch leben und das schaffen Sie gar nicht." Peng!
Was bildete dieser Mensch sich eigentlich ein, was ich schaffen könnte oder nicht. Auf eine Weise hatte er Recht. Hungern wollte ich auf gar keinen Fall, aber er hatte mich an meiner empfindlichsten Seite gepackt: Mir etwas nicht zuzutrauen, das entfachte meinen Ehrgeiz.
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Anker auf, Rudi Czerwenka
ISBN 3-89954-060-3

Vom Bau des Rostocker Überseehafens
Für 10jährige ein Stück Geschichte in Geschichten.
Für 60jährige Erinnerungen an die Kindheit.

Leseprobe:
Sie machten sich auf den Weg. Wie Katzen schlichen sie zwischen den Zelten hindurch. Der Professor fühlte ein Kribbeln in der Nase. Er wollte es unterdrücken. Doch er mußte niesen, einmal, zweimal. "Bist du verrückt geworden?" zischte Ali. "Du wirst uns verraten."
Der Professor preßte sein Taschentuch vor Mund und Nase und nieste weiter, jetzt aber leise und dumpf. An der Baracke fanden sie nach kurzem Suchen Horsts Namen.
"Aha, Zelt 15! Fast neben uns. Mit zehn Mann ist das Zelt belegt. Die sind stärker als wir. Was machen wir bloß?"
Zuerst schickten sie den Professor zurück, der mit seinem Prusten dem Spähtrupp gefährlich werden konnte. Dann schlichen sie zu dem Zelt, in dem die vermeintlichen Schuhräuber schlummerten. Drinnen war Stille. Der Zelteingang war spaltbreit geöffnet. Man konnte hinein. Aber die Kerle schliefen bestimmt noch nicht fest. Ali und Kurt tasteten behutsam die Zeltwand dicht über dem Boden ab. Doch sie fanden keine Öffnung, durch die man vielleicht hätte eindringen können. Ein kleiner Erdwall schloß das Zelt ringsum ab. Es blieb nur der Eingang an der Vorderseite.
Günter tippte seine Bundesgenossen an und winkte ihnen, daß sie sich erst einmal zu erneuter Beratung zurückziehen sollten.
"Was war los?" empfing sie im Zelt der Professor. "Haben sie unsere Schuhe?"
"Ich weiß nicht", sagte Kurt.
"Na klar", antwortete Ali voller Überzeugung. "Aber wir kommen nicht heran. Das Zelt hat nur einen Eingang mit Schnürverschluß und im Dach so eine Art Fliegenfenster, das außen noch eine Klappe besitzt. Sonst ist alles dicht."
"Dann müssen wir den Eingang zubinden und ihnen durch das Fensterchen Wasser auf die Bäuche kippen."
Das war ein guter Gedanke. Das Zelt war von außen zu schließen, so daß die Bewohner in der Falle saßen. Aber beim ersten Wasserguß würden sie alle munter werden und sich in die Ecken verkriechen.
"Nehmt doch lieber Niespulver, ich habe welches mit", schlug der Professor vor. "Wenn ihr das durchs Fenster schüttet, kriegt jeder etwas ab."
Dieser Vorschlag war brauchbar. Er war großartig. Die Jungen waren begeistert und unterhielten sich laut, daß Günter zur Ruhe mahnen mußte.
Bis Mitternacht wollten sie warten. Die Zeit war entsetzlich lang. Kurt und Karli schliefen sogar ein und mußten von Günter geweckt werden.
"Hallo, steht auf! Es geht los." Er rüttelte sie wach. Dann begann der Feldzug. Draußen war dunkle Nacht. Der Mond sah milchig durch die Wolken.
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Meine verschiedenen Leben, Armin Müller
ISBN 3-89954-035-2

Erzählung
Mit Illustrationen von Christa Jahr

Leseprobe:
Später sah ich ihn seltener, meist nur noch an den Wochenenden. Die Mutter war heilfroh, daß er sich ins Erzgebirge gemeldet hatte, in die Bergwerke, die zur Hälfte den Russen gehörten. Dort verdiente er ein Heidengeld, was schon daran zu sehen war, daß er sich nicht mehr mit Bier oder Korn betrank, sondern mit Champagner. Wenn er wollte, zauberte er Dinge aus seiner Tasche, die gab es in keinem Geschäft. So schenkte er mir zu meinem elften Geburtstag einen Fotoapparat, den er in seinem Magazin gekauft hatte, zusammen mit einem Haufen Filme. Auf diese Weise trägt er gewissermaßen die Schuld an meinem Beruf. Das Fotografieren machte mir Spaß. Und als er eines Sonntags vor Wut über die ständig verheulten Augen der Mutter den schönen Apparat zertrümmerte, sparte die auf einen neuen. Den kriegte ich dann das Jahr darauf, zu Weihnachten. Aber da war Vater schon über alle Berge. Im Westen, wie es hieß. Unter den Sachen, die er zurückgelassen hatte, fand ich ein Englischbuch. Irgendwann mußte er sich also mit der Absicht getragen haben, Englisch zu lernen. Vielleicht zog es ihn tatsächlich nach Kanada. Die Wälder, die unendlichen Wälder. Schnee, meterhoch. Flöße. Motorsägen. Und Äxte.
Bevor er in den Krieg hatte ziehen müssen, war er Holzfäller gewesen. Holzfäller in gutsherrlichen Wäldern. Manchmal denke ich, es wäre nicht so weit mit ihm gekommen, hätte Mutter ihm die kleinen Freuden gegönnt. Ich höre sie noch: Drachensteigen, außer Saufen und Huren, das einzige, was er fertigbringt. Und wenn sie alles stehen und liegen gelassen hätte, wenn sie einfach mitgegangen wäre, sich zu ihm an den Feldrain gesetzt und ihn bestaunt hätte, was, so denke ich manchmal, wäre dann aus uns geworden. Doch wie sollte sie, eine Wäscherin mit krummem Buckel, auf die Idee kommen, Dächer sich von oben zu besehen. Vor allem: Was sollte dabei herauskommen? Der Mensch darf nie nich danach trachten, es dem lieben Herrgotte gleichzutun. Das hatte sie in Bolkenhain gelernt. Gott im Himmel kann sich die Dächer von oben besehn, der kann sogar durch die Dächer hindurchgucken. Der Mensch aber soll sich bescheiden und nicht nach Sachen greifen, die ihm nicht zustehen. Ach, Mutter. Vielleicht ist es das gewesen: Sie ergab sich dem Schicksal, auch das Unglück ertrug sie, er aber widersetzte sich, ohne Verstand zwar, doch er widersetzte sich, dumpf wie ein Tier, das immer und immer wieder geschlagen wird.
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Auf der Düne, Friedrich Spielhagen
ISBN 3-89954-048-4

Novelle
Mit einem Vorwort des Herausgebers Dr. Wolfgang Gabler

Was Storm für die Nordsee und Fontane für die Mark Brandenburg - das war Friedrich Spielhagen für die Ostsee: ihr poetischer Entdecker.
Der große Realist und Psychologe begeisterte ein riesiges Publikum. Er war Vorbild vieler Schriftsteller und unumstritten bei der Literaturkritik seiner Zeit.
"Auf der Düne" (1858) spielt auf der Ostseeinsel Ruden. Dort begegnen sich in der Tradition von Goethes "Wahlverwandtschaften" junge Leute, die nach der misslungenen Revolution von 1848 den Sinn ihres Lebens suchen.

Leseprobe:
Der Leutnant war eigentlich der erste Mann, welcher der jungen Frau außer ihrem Gatten näher getreten war. Die Einsamkeit des Insellebens, deren treibhausartigen Einfluss auf das schnelle Wachstum aller Gefühle auch Paul und Hedda an sich erfahren hatten, würde allein schon ein intimeres Verhältnis erklärt haben, wenn Herr von Elze auch nicht, wie er es wirklich tat, alles aufgeboten hätte, ein solches herbeizuführen. Was ihn zu der jungen Frau hinzog, war zuerst wohl ihre Schönheit, sodann die Langeweile, die ihm nachgerade unerträglich fiel, endlich die Entdeckung, die er gemacht zu haben glaubte, dass Clementine sich in ihrem Verhältnisse zu dem um so viel älteren Gatten nicht glücklich fühle. Das alles war für einen im Grunde genommen herzlosen, an dergleichen Intrigen seit langen Jahren gewöhnten Mann, dessen Hauptleidenschaft eine prickelnde Eitelkeit war, die ihn geradezu lächerlich gemacht haben würde, wenn er nicht noch eben klug genug gewesen wäre, sie hinter dem Anschein von einfachem, ja derbem Wesen zu verstecken - mehr als genug, eine Eroberung zu versuchen, die ihm so leicht schien und bei der ihm eine allzu bedenkliche Moral sicherlich keine Hindernisse in den Weg legte.
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Operation Zeitensprung, Anna Roth
ISBN 3-89954-059-X

Science Fiction

Leseprobe:
Endlich standen wir in dem mit Fackeln beleuchteten Burgsaal. An den Seiten waren Ritterbilder im flackernden Licht zu erkennen, sicher die Ahnengalerie, am oberen Ende aber stand ein lebendiger Ritter mit gezücktem, allerdings gesenktem Schwert, als wollte er sich mit seinen Ahnen malen lassen.
"Wer wagt es, gegen seinen Herrn die Hand zu erheben? Allen, die jetzt ruhig wieder nach Hause gehen, sichere ich zu, sie nicht für diesen Frevel zu bestrafen. Wer aber noch einen Schritt weiter tut, der verliert sein Leben und seine Seele."
Unschlüssig hatten sich die Bauern hinter uns versammelt. Eine gespenstische Stille trat ein. Ernst richtete seinen Strahler auf das Schwert. Ein kurzes Zischen, und die Klinge polterte auf den Boden.
"Ausziehen!"
Er versuchte seiner Kinderstimme würdevolle Festigkeit zu verschaffen. Das gelang ihm allerdings nur höchst ansatzweise. Immerhin verstärkte ein leichter Widerhall die Töne.
"Was fällt dir ein, …"
"Wartet, ich helfe euch!"
Der nächste Strahl schnitt den glühenden Brustpanzer von den Schultern. Das nächste Poltern. Schon wieder ein Strahl. Diesmal auf den Gürtel und über den Beckenknochen.
"Hört auf!"
"Ich sagte ausziehen! Und zwar ganz!"
"Aber …"
"Wird's bald?"
Ernsts Kreuz suchte nach dem nächsten Ziel. Diesmal war klar, dass es den Körper treffen musste. So fein, dass ein Strahl die Unterwäsche eines Ritters abschweißen könnte, war keine Einstellung. Da begann dieser aber, sich tatsächlich selbst zu entkleiden. Das ging langsam. Noch mehrmals versuchte dieser Herr, das Ende zu verhindern. Aber ich verstand Ernst. Wie lächerlich menschlich wirkte der Ritter, als er endlich splitternackt war.
"Und jetzt lauft! Kann ja sein, dass Euch einer der Bauern den Tod wünscht."
"Aber …"
Dann hüpfte der überhaupt nicht mehr ritterliche Mann zum Ausgang. Und plötzlich löste sich die Verwunderung der Bauern über das Bild in Gelächter auf.
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Splitter und Kerne, Band 2, Siegfried Ebert
ISBN 3-89954-053-0

Mit einem Vorwort von Johanna Michallik

Leseprobe:
Gönne Dir des Glückes Freude

Die Früchte der späteren Jahre
ist meist der Lohn für Fleiß und Geschick,
doch vergesse nie, daß das wirklich Wahre,
des Schicksals Gunst, des Momentes Glück -
oft gereift in dunklen Stunden
des Kampfes um ein bess'res Leben -
manchmal aussichtslos empfunden,
doch niemals hast Du aufgegeben.

Gönne Dir des Glückes Freude,
nicht erst morgen, sondern heute.

Glaube

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Vier Reisen nach Osteuropa, Gerd Hornawsky
ISBN 3-89954-063-8

Impressionen

Leseprobe:
Reise nach Estland, St. Petersburg, Litauen, in die Westukraine in den Jahren 1999-2002

Zuerst also Vilnius, die alte und neue Hauptstadt Litauens, die ab 1918 zum unabhängigen Staat Litauen gehörte, 1920 durch einen militärischen Akt zu Polen kam, 1939 durch die einmarschierende Sowjetarmee wieder an Litauen fiel, 1941 beim Vorrücken der deutschen Truppen erneut polnisch wurde, bis es 1945 durch die siegreichen Russen wieder an Litauen und damit an die Sowjetunion kam. Infolge der damals üblichen Art, bei Politikwechsel Menschenmassen zu ermorden oder zu deportieren, ist von der ursprünglichen Bevölkerung nur wenig im alten Milieu geblieben. 1917 lebten in Vilnius zum überwiegenden Teil Polen, Russen und Juden, heute sind es 50 % Litauer und je 20 % Polen und Russen ...

Es ist hier wie in anderen großen baltischen Städten auch, wie in Riga und Tallinn: vom Bahnhof aus ist der Eindruck am schlechtesten, da prallen die Gegensätze aufeinander. Je mehr man ins Zentrum kommt, um so mehr gerät man ins Staunen. Ich wusste, dass man Vilnius wegen seiner vielen Glaubensgemeinschaften das Jerusalem des Nordens genannt hatte, aber ich wusste nicht, dass es architektonisch so schön ist. Ich hatte keine Vorstellungen.
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Herz ohne Heimat, H. Halla; R. Höhne; G. Wettstädt
ISBN 3-89954-052-2

Aus der Reihe GROSSE PATRIOTEN des Verlages Rütten & Loening
Historisch-biographische Erzählungen über Ernst Moritz Arndt, Jürgen Wullenwever und Fritz Reuter

Leseprobe:
Hans Halla - Herz ohne Heimat

Eine historisch-biographische Erzählung über Ernst Moritz Arndt

Arndt hatte den Strand verlassen und eilte jetzt der Stadt Stralsund zu. Er wollte pünktlich wie immer zum Morgenunterricht erscheinen. Der Sturm und die feuchte Seeluft hatten sein heißes Blut abgekühlt.
Nur noch von ferne rauschte das Meer. Die Insel Rügen, seine Heimat, verdämmerte im Bleigrau des Herbstmorgens. Der Wind trieb braunes und rotes Laub vor ihm her. Er hatte Heimweh. Eine unnennbare Sehnsucht nach etwas unaussprechlich Erhabenem und Reinem durchströmte ihn.
Schrieb nicht Rousseau im "Emile", seiner augenblicklichen Lieblingslektüre: "Die Eitelkeit verzehrt ihn, die Glut zügelloser Begierde entflammt sein junges Herz. Mit ihm erwachen Eifersucht und Haß; alle verzehrenden Leidenschaften lodern auf einmal in ihm empor. Mitten im Geräusch der Welt verläßt ihn die Aufregung nicht, und jeden Abend bringt er sie wieder heim …" Arndt liebte und verehrte Rousseau, den Weisen vom Genfer See, und hatte viele Seiten seines "Emile" auswendig gelernt.
Er war kein Mucker, nein - niemals! Aber die zügellosen Ausschweifungen der leichtfertigen und liederlichen Gesellen unter seinen älteren Klassenkameraden schreckten ihn ab. Warum konnte er nicht so leichtlebig sein wie Fritz, sein jüngerer Bruder, der seit einiger Zeit mit ihm die Prima des Stralsunder Gymnasiums absolvierte und jetzt gewiß noch in den Federn lag, um sich von der letzten durchzechten Nacht nüchtern zu schlafen? Tausend selbstquälerische Fragen folterten den schwärmerischen Jüngling, der auf der Greifswalder Straße der Stadt Stralsund entgegenhastete.

Reinhard Höhne - Kurs auf den Sund

Eine historisch-biographische Erzählung über Jürgen Wullenwever

Im Frühjahr 1521 kam Christian II., König von Schweden und Dänemark, nach Gent zum deutschen Kaiser Karl V. und fragte ihn, ob er ihm nicht das Ostseestädtlein Lübeck schenken möchte ...
Der frühere Hamburger Kaufmann Jürgen Wullenwever mißtraute den feierlichen Versicherungen der Fürsten ebenso wie den schönen Reden der patrizischen Herren eines ehrsamen Rats. In den nun beginnenden Kämpfen wurde er zum mutigen Streiter für die städtische Demokratie und zu einem hellsichtigen Feind aller patrizischen Privilegien.
Jürgen Wullenwevers Schicksal gibt uns ein über die Jahrhunderte leuchtendes Vorbild selbstlosen Ringens im Dienste der Sache des "gemeinen Mannes". Er kämpfte um die Verwirklichung eines von der Willkür weltlicher und geistlicher Fürsten freien Gemeinwesens zu einer Zeit, als Kaiser, Adel und Klerus eifersüchtig über ihre ureigensten, einander zuwiderlaufenden Interessen wachten.

Günter Wettstädt - Weg durch die Nacht

Eine historisch-biographische Erzählung über Fritz Reuter

So kam der 15. September 1834, der Tag der Schlußverhandlung vor dem Kammergericht in Berlin. Fritz Reuter wurde des versuchten Hochverrats angeklagt. Die preußischen Justizbeamten fällten ein hartes, verbrecherisches Urteil, aber dem Verurteilten, dem jungen Studenten, dessen Gesundheit die fast einjährige Haft hart angegriffen hatte, brachten sie es nicht zur Kenntnis!
Es wurde Herbst, der Winter kündigte sich an. Da mußte Fritz Reuter am 12. November seine Festungshaft antreten. Eine Polizeieskorte brachte ihn nach der Festung Silberberg im Eulengebirge in der Nähe der Stadt Frankenstein.
In seiner kahlen Kasematte standen ein Tisch und ein Stuhl, an der Wand lag ein Strohsack. Durch zwei dichtvergitterte Fenster fiel das spärliche Licht des Novembertages. Der Gefangene ging in der steinernen Falle langsam auf und ab, bis er sich endlich an den rohgezimmerten Tisch niederhockte und einen Brief an den Vater im fernen Stavenhagen zu schreiben begann: ...
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Ein Kind für mich allein, Elfriede Brüning
ISBN 3-89954-068-9

Roman

Leseprobe:
Zu diesem Buch
"Ein Kind für mich allein" wurde mit der Erstausgabe 1950 zu einem Bestseller. Das Buch war genau zur rechten Zeit erschienen. Wir hatten nach dem Krieg den enormen Frauen-Überschuß. Die Ehemänner der Frauen oder ihre Verlobten waren im Krieg gefallen, die Frauen standen nun allein da, hatten ein langes und einsames Leben vor sich, das allenfalls aus Arbeit bestand, denn sie mußten sich nun auch selber ernähren. Zwar standen ihnen neuerdings alle Berufe offen; sie konnten Neulehrerin werden, Ärztin, Richterin oder Aktivistin in einem Betrieb. Aber füllt Arbeit allein ein ganzes Leben aus? Spürten die Frauen nicht gerade an den Mußetagen, an den Wochenenden, im Urlaub ihre Einsamkeit, da sie für niemanden zu sorgen hatten?
Mein Buch handelt davon, wie Johanna, eine Krankenschwester, sich bewußt ein Kind anschafft, um ihrem Leben einen Sinn zu geben. Den Vater ihres Kindes lehnt sie als Partner ab; sie ist entschlossen, ihr Kind allein großzuziehen. Weiß sie, worauf sie sich einläßt? Weiß sie um die Schwierigkeiten der Doppelbelastung, in der sie versuchen muß, ihre Berufspflichten als leitende Schwester einer großen Klinik mit ihren Mutterpflichten in Einklang zu bringen? Sicher ahnt Sie, daß ihr Leben als alleinerziehende Mutter nicht leicht sein wird. Aber sie ist jung und stark, und sie ist entschlossen, allen Schwierigkeiten mutig paroli zu bieten.
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Beziehungsweise schreiben, Dr. Wolfgang Gabler (Hg.)
ISBN 3-89954-065-4

Geschichten aus dem Rostocker Kuhtor

Autorinnen und Autoren dreier Generationen schreiben in fantasievollen, komischen oder tragischen Geschichten und Gedichten von ihrer Erfahrung mit sich und der Wirklichkeit. Regelmäßig, oft seit Jahren, treffen sie sich im Seminar für Kreatives Schreiben am Rostocker Literaturhaus Kuhtor. Das Gespräch über die Generationsgrenzen hinweg war möglich, weil Toleranz, Vertrauen und Vergnügen die Arbeit an den Texten bestimmten. So wurde das Schreiben zur wichtigen Beziehungsweise: zum eigenen Ich, zum Lebensumfeld, zur Welt.

Leseprobe:
Aus dem Vorwort des Herausgebers Dr. Wolfgang Gabler:
Die meisten AutorInnen der folgenden Geschichten treffen sich seit Jahren aller zwei Wochen für gut zwei Stunden im Rostocker Literaturhaus Kuhtor. Wie andere Skat spielen oder Kegeln gehen, tauschen während der Kuhtor-Seminare Frauen und Männer unterschiedlicher Generationen und Berufe sich übers Leben aus, lesen und besprechen ihre Geschichten beziehungsweise schreiben.
Das Schreiben ist für viele TeilnehmerInnen inzwischen wichtig geworden, um über sich und ihre Welt Genaueres zu erfahren. Seit sie schreiben, setzen sie sich anders ins Verhältnis - Schreiben wurde zur Beziehungsweise.
Schreibende sehen und hören genauer hin. Nichts ist so, wie es scheint, und vielleicht steckt da ja eine Geschichte, die die Gruppe interessiert. Inzwischen weiß man ungefähr, was die anderen mögen und was nicht. Das eigene Schreiben selbst veränderte sich durch die Gespräche mit den anderen und ist auch in diesem Sinne beziehungsweises Schreiben.
Die Texte entstanden nach Vereinbarungen in der Gruppe über ein Thema, ein Stichwort, ein Gestaltungsmuster, wie etwa die drei Beiträge zu einer Kettengeschichte am Ende des Kapitels "Beziehungsweise" zeigen.
Nicht zu vergessen: das Vergnügen. Immer mal wieder wurde in Schreibspielen ausprobiert, ob man selbst auch Haufen- oder Leberreime, Limericks oder Schüttelverse hinbekommt.
Aber das versteht sich für die Schreibenden mittlerweile von selbst: Vergnügen und Vertrauen sind die Voraussetzungen jeder produktiven Beziehung, auch der des Schreibens.
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Der große Schweiger, Ralph Wiener
ISBN 3-89954-061-1

Kleiner Roman

Leseprobe:
Wer nichts sagt, bietet allem die Stirn. Victor Hugo

Wie Herr Biberti seine Stimme verlor

Er hatte diesen Ausdruck wohl schon öfter als hundertmal gehört - ja, man könnte sagen: unzählige Male. Seit seiner frühesten Kindheit war er ihm vertraut. Vater, Mutter, Großeltern, Nachbarn, Lehrer, Mitschüler, überhaupt alle Menschen, die er kannte, jeder einzelne von ihnen stieß bei bestimmten aufregenden Ereignissen den Seufzer aus: "Mir bleibt die Spucke weg!"
So nachhaltig waren diese Worte in sein Bewußtsein übergegangen, daß er sie sehr bald in zunehmender Weise selbst anwandte. "Mir bleibt die Spucke weg", murmelte er vor sich hin, als er auf dem Gymnasium in Geographie eine 4 bekommen hatte. Dasselbe sagte er beim Bewundern einer Trapeznummer im Zirkus, beim Lesen der Zeitungsnachricht von der Wahl seiner Kindergespielin von einst zur Miß Germany, beim Hören der Rundfunkmeldung vom Einsturz des Hochhauses im benachbarten Heppendorf, bei Bekanntgabe der neuen Benzinpreise, bei der Vorstellung des Bürgermeisters seiner Heimatstadt Lungwitz, bei Eröffnung der Rosenfestspiele und bei unzähligen anderen Gelegenheiten.
Aber immer sagte er es nur. Nie blieb ihm die Spucke tatsächlich weg ...

... weil es dann aber plötzlich doch passierte, entstanden eine Reihe von komischen Verwicklungen, die der Autor in seinem "Kleinen Roman" beschreibt.
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Ortssuche, Rolf Richter
ISBN 3-89954-071-9

Eine Spurensuche

Leseprobe:
Ortssuche - das meint den Leser, Betrachter, Hörer unterwegs auf den Spuren von Autor und Werk.
Das ist das Streben des Künstlers nach dem Platz, wo sein Schaffen am besten gedeihen kann.
Das ist das Mühen seiner Helden, ihren Weg im Leben zu finden.
Es ist schließlich Symbolwort für künstlerische Arbeit schlechthin, für diese Reise in immer neue unerschlossene Welten.

Auf den Spuren von

Miguel de Servantes' "Don Quichote"
Heinrich von Kleist
Caspar David Friedrich
Heinrich Heine
Carlo Collodis "Pinocchio"
Vincent van Gogh
Heinrich Manns "Untertan"
Lyonel Feininger
Maxim Gorki
Martin Andersen Nexös "Ditte Menschenkind"
Jaroslav Hašeks "Schwejk"
Wladimir Majakowski
Ernst Barlach
Pablo Picasso
Christa Wolfs "Kassandra" und "Medea"
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Flucht, Walter Kaufmann
ISBN 3-89954-072-7

Roman

Leseprobe:
"Ist ja gut", unterbrach sie mich, "schon gut". Und weil ich, mehr unbewußt als bewußt, immer wieder zu dem Porträt von Elena sah, das auf der Staffelei stand, sagte sie: "Wenn du das Bild haben willst, mach' ich dir einen Freundschaftspreis."
Ich senkte den Kopf. Wie konnte ich ihr sagen, just jetzt, da ich mich mit ihr aussöhnen wollte, daß mir das Bild zu glatt schien, ein zu vordergründig ähnliches Porträt, das Elenas Wesen eher verdeckte als enthüllte. Ihre ungebundene Wildheit schien mir zu fehlen, nichts war erkennbar von ihrer Leidenschaftlichkeit, die immer auch gepaart war mit Sanftheit, ihre Kindlichkeit offenbarte sich nicht, keine ihrer Schwächen - wo waren die Spuren jener Traurigkeit, die in ihr war wie ein erstickter Schrei, oder dieser grellen Fröhlichkeit, die sie so unerwartet an den Tag legen konnte, in krampfhaftem Versuch, ihre Schwermut zu verbergen? Die Frau, die mir da in Öl erstarrt entgegenlächelte, war mir fremd.
"Lieb von dir, Natascha", sagte ich und flüchtete mich in die Erklärung, daß ich kein wie immer auch geartetes Abbild von Elena in meiner Wohnung wollte. "Es würde mich einengen und wohl auch zu sehr ablenken."
Es war die halbe Wahrheit, und Natascha spürte das. "Wegen Bettina, nicht wahr", sagte sie, "von der du ja immer noch ein Foto bei dir stehen hast."
"Auch ihretwegen", antwortete ich - es war einfacher so.
"Heuchler!"
"Hör mal zu", entgegnete ich, doch sie schnitt mir das Wort ab, ehe ich meine eigentlichen Vorbehalte gegen das Bild auch nur andeuten konnte.
"Du Heuchler - glaubst du etwa, deine Eifersucht vor dem Lindencorso überzeugte mich? Als ob Elena sich so einfach mit Bernt Rath oder sonstwem einließe. Wie ernst ist es dir eigentlich mit ihr?"
"Laß dir sagen, was mir über das Bild durch den Kopf geht."
"Das interessiert mich jetzt nicht. Ich will wissen, wie es um euch steht."
"Und wie steht es um uns deiner Meinung nach?"
"Das kannst du ruhig hören", sagte sie, aufgebrachter plötzlich, als ich sie je gekannt hatte. "Ich werd's dir sagen."
"Nur zu!"
Sie sah mich an, tief atmend, als müsse sie sich überwinden. "Eine Zeitlang, nicht wahr, ist's ja so schön, so kleinbürgerlich schön im exotischen Paradies - aber um Himmels willen nicht auf ewig! Geh doch zurück zu deiner Frau und deinen ach so lieben Töchtern, du Wanderer zwischen den Welten, du erlebnishungriger Schreiber. So geh doch!"
Ich ließ sie nicht erkennen, wie mich das traf. Betont sah ich noch einmal zu dem Bild hin.
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Bitte nicht stürzen!, Jean Villain
ISBN 3-89954-066-2

erscheint zur Leipziger Buchmesse im März 2004

Leseprobe:
(aus einem Gespräch zwischen Jean Villain und Norbert Podewin)

Jean Villain: 1963 bekam Hans Otten, erfolgreicher Chefredakteur der "Neuen Berliner Illustrierten", und darüber hinaus einer der begabtesten DDR-Journalisten jener Jahre, von der Parteiführung den Auftrag, die Nullnummer eines Nachrichtenmagazins sozialistischer Prägung zu entwerfen und zu realisieren. Man räumte ihm dazu Möglichkeiten ein, von denen die übrigen Chefredakteure der DDR-Presse nicht einmal zu träumen wagten. Das Magazin sollte dem Hamburger "Spiegel" formal nachempfunden werden. Seine expliziten Zielsetzungen waren: Bessere und vor allem ausführlichere Berichterstattung sowohl über DDR-spezifische gesellschaftliche Probleme und Aktualitäten, als auch über weltpolitische Ereignisse sowie ein deutlich höherer Unterhaltungswert des Dargebotenen, - lauter Vorgaben also, die sich nahtlos in die soeben vom VI. Parteitag der SED beschlossene Politik des "Neuen ökonomischen Systems der Planung und Leitung" Walter Ulbrichts einfügten.

Norbert Podewin: An erster Stelle sicherlich der von Breschnew hofierte und als Gegner Ulbrichts aufgebaute Erich Honecker. Außer seiner Abhängigkeit von Breschnew hatte er allerdings noch ein weiteres, sehr persönliches Motiv, Vorhaben wie "Profil" mit höchstem Misstrauen zu begegnen. Ein Motiv, das ich - so seltsam dies klingen mag - als Entlastungsgrund für ihn verstanden wissen möchte.
Schon die erste Phase der Umsetzung von Ulbrichts "Neuem ökonomischem System der Planung und der Leitung" hatte unvermeidlich dazu geführt, dass immer weitere Bereiche der Gesellschaft in das Reformvorhaben einbezogen werden mussten. Nicht zuletzt die Medien- und die Kulturpolitik. Im Rahmen dieses um sich greifenden Öffnungsprozesses gab Ulbricht der Jugend u. a. grünes Licht für das völlig neue kulturpolitische Betätigungsfeld der "Singebewegung". Parallel zu ihr, die dankbar angenommen wurde, unter der sich die Nachgeborenen jedoch kaum mehr viel vorstellen können, entstanden Jazz- und Rock-Gruppen, die bald weit über die Landesgrenzen hinaus Anklang fanden und ursprünglich keineswegs antisozialistisch motiviert waren. Doch unglücklicherweise unterschied sich, was da an Neuem so üppig zu erblühen begann, im Ton, im Stil, in Form und Inhalt, kurz, in seinem gesamten Erscheinungsbild derart massiv von den Ritualien und Verhaltensnormen der bis dahin kulturell aktiv gewesenen Jugendgruppen, dass der ewige FDJ-Funktionär Honecker und mit ihm all jene, die so dachten und fühlten wie er, in Panik gerieten. Wurde ihnen da dann nicht "ihre" Jugend, die sie so gerne vor den Tribünen hatten paradieren lassen, abspenstig gemacht? Durfte Honecker, der seinen Wiebelskirchener "Schießschartenblick" nie ganz losgeworden ist, das zulassen? Er, der Konzerte des Gewandhausorchesters vorab aus Staatsräson besuchte, und so richtig erst beim Klang von Schalmaienkapellen und dem Anblick Fahnen schwingender FDJ-Kolonnen auflebte und bei solchen Gelegenheiten am liebsten mitmarschiert wäre?
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Achterbahn
Höhenflug und freier Fall. Roman
, Rudi Czerwenka

ISBN 3-89954-067-0

Die Leute, die herausstolpern, sehen ein bißchen anders aus als zuvor beim Start. Sie haben etwas erlebt und gelernt und, wie sie glauben, Erfahrungen gesammelt, wenn sie auch nur genau dort angekommen sind, wo sie abgefahren waren.
Sie heißen Karsten und Britta, Volker und Melanie und Günti und sind Menschen wie du und ich. Sie leben mitten unter uns, in den Nobelhotels und in den Obdachlosenasylen. Sie glänzen auf Promitreffen und Siegerpodesten oder verbergen sich in Abrißbauten und stillen Parkwinkeln. Sie tragen Kronen und Medaillen oder Plastebeutel und Lumpen. Sie sind ganz oben oder ganz unten oder auf dem Wege nach da oder nach dort auf der Achterbahn des Lebens.

Leseprobe:
Sie langte über den Tisch und nahm ihm das Bild aus der Hand. Es war ein Farbfoto. Karsten saß splitternackt auf einer Couch, hielt ein Blättchen mit seinem Rattengift vor das Kinn und freute sich sichtlich auf den bevorstehenden Genuß der Droge. Neben ihm lag bäuchlings eine ebenfalls unbekleidete Frau, ihre Brustspitzen berührten die Wolldecke, und sie lächelte in die Kamera, von deren Existenz sie also gewußt haben mußte. Britta drehte das Bild um. "ZUR ERINNERUNG" stand dort, zusammengeklebt aus Zeitungsbuchstaben.
Karsten riß ihr das Foto aus der Hand und entdeckte erst jetzt die Widmung auf der Rückseite.
"Der Kerl kann was erleben!" polterte er los.
"Wer ist das?"
"Na, wer schon: Ich."
"Ich meine diese Frau."
"Eine Hure. Oder hast du was dagegen?"
"Mach doch, was dir beliebt", antworte sie betont gleichgültig. "Aber du nimmst Drogen. Ich habe es gewußt."
"Das ist schließlich meine Sache." Er drehte das Foto hin und her, schob es beiseite, nahm es wieder zurück und schimpfte: "Das soll er mir büßen, der Lump."
Er mußte sich noch etliche Stunden gedulden. Das Bordell in der Gartenkolonie öffnete erst am Abend.
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Die Erleuchteten
Vom armen Lazarus zu Münster in Westfalen. Roman
, Rosemarie Schuder

ISBN 3-89954-054-9

Sechszehn Monate währte der Kampf um die bischöfliche Residenzstadt Münster in Westfalen, die auserwählt war, das "neue Jerusalem" zu werden, bis sie am 24. Juni 1535 in die Hände der bischöflichen Landsknechte fiel, die grausames Strafrecht über alle hielten, die das "Reich der Gerechtigkeit" errichten wollten.

Die Ereignisse von Münster sind in zwei Augenzeugenberichten überliefert, von Greesbeck und von Kerssenbroick, allerdings erst etwa zwanzig bis dreißig Jahre nach der Einnahme der Stadt geschrieben. Zu den Quellen gehören Abrechnungen über die Belagerungskosten, auch Briefe von widerwillig in der Stadt Gebliebenen nach draußen, Streitschriften vom Prediger Rothmann und Protokolle von Verhören gefangener Täufer; die Antworten auf ständig gleiche Fragen vor allem nach dem Verbleib des sagenhaften Täuferschatzes sind, wie es üblich war, indirekt angegeben.
Bei Nachkommenden, die sich mit dem Thema beschäftigten, läßt sich ablesen, wie sie eines vergaßen oder vergessen wollten: Der Sieger schrieb auch diese Geschichte.
Da die Täufer von Münster das Fundament des alten heiligen römischen Reiches deutscher Nation angetastet hatten, war schon bei der Entstehung der ersten Berichte moralische Verurteilung zwingend geboten. Hätten die Täufer nur die Vorrechte des katholischen Klerus angetastet, dann wären sie unterstützt worden von den protestantischen Fürsten. Hätten sie nur die Privilegien der feudalen Grundherren beseitigt, dann wäre ihnen sogar die Unterstützung der Hanse sicher gewesen. Hätten sie nur die Heiligkeit der Einehe in Frage gestellt, sie hätten Unterstützung bekommen vom Landgrafen von Hessen, vom König von England; aber sie blieben dabei nicht stehen, sie versuchten eine neue Verteilung der Güter. Ihr Geschichtsbild war ja bestimmt von den Lehren des Alten und Neuen Testaments, und ihr Ideal war die urchristliche Gemeinde im alten Jerusalem.

Leseprobe:
Auch ich kann die Luft von Münster nicht ertragen. Es ist soweit gekommen, daß ich mich vor meiner eigenen Haushälterin fürchte. Ich bin nicht sicher, ob das Gift des Leuteverderbers Rothmann nicht schon in ihr wirkt, und ich weiß im Ernst nicht, was ich ihr antworten soll, wenn sie heute von der Fragestunde der Bürgermeister nach Hause kommt, vielleicht völlig verdorben von den anderen, und mir erklärt, was mein ist, ist auch dein. Und wenn sie plötzlich auch in dem besonderen Speisesaal, wo nur die guten Choristen sitzen, mitessen will, wenn sie sagt, dann bedient sie mich nicht mehr. Woher soll ich dann eine neue Dienerin finden? Ja, ich kam her, um Ihnen zu erklären: Die Stadt hat zehn Tore, und ich wäre glücklich, wenn ich durch eines dieser zehn Tore noch unbehelligt an Hab und Gut und an Rechten hinauskomme.« Er setzte hinzu. »Ich will ja nicht weglaufen wie gewisse Leute aus dem Kloster, ich will meinem Bischof weiter dienen.«
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Ein Nordlicht in Athen
Geht der Sirtaki links herum?
, Dinah Kassiumis

ISBN 3-89954-077-8

In lustigen Geschichten packt die Autorin die vielen kleinen Alltagsprobleme an, die ihr in der neuen Heimat Athen begegnen. Alles ist neu und ungewohnt - lesen Sie selbst, wie sie damit zurechtkommt.

Leseprobe:
... Durch Beziehungen meiner griechischen Freundin zur Frau ihres Schwagers in zweiter Ehe, die in Vertretung ein Optikergeschäft führt, bekomme ich Kontaktlinsen geschenkt, die ich einen Monat tragen kann und dann wegschmeißen muss.
Sie fragt mich freundlich, ob sie mir irgendetwas erklären soll, oder ob ich bereits Erfahrung habe? Klar doch, ich habe Erfahrung!
Zu Hause setze ich mich erst einmal hin und suche nach einer Gebrauchsanleitung. Dummerweise ist alles auf Griechisch, mit lauter Wörtern, die ich gar nicht kenne. Aber das ist bestimmt kein Problem, es wird auch so gehen!
Zuerst einmal wische ich mir die ganze Schminke von den Augen. Dann nehme ich eine dieser magischen kleinen wabbeligen Dinger aus ihrer Schachtel heraus und drücke sie mir aufs Auge.
Leider geht mein Auge vorher zu, die Linse bleibt draußen kleben und plumpst (Gott sei Dank) auf den Tisch. In mühseliger Kleinarbeit putze ich sie mit der Reinigungsflüssigkeit wieder sauber und starte sofort den zweiten Versuch.
Dieses Mal halte ich das Oberlid ganz fest.
Aber die Linse lässt sich vom Unterlid einfach wegdrücken. Mist!
Beim dritten Versuch saugt sie sich tatsächlich an der richtigen Stelle fest.
Aber es brennt wie die Hölle! Ich weine so stark wie damals, bei meinem allerersten Liebeskummer.
Als der Schmerz aber überhaupt nicht nachlässt, bohre ich sie noch einmal aus meinem Auge heraus und finde bei näherer Überprüfung mit der Lupe ein großes Haar quer darüber.
Also, noch einmal geputzt und wieder rein ins Auge. Blutunterlaufen lächelt mich aus meinem kleinen Handspiegel ein glückliches linkes Auge an.
Bei dem rechten Auge dauert es ungefähr noch einmal doppelt so lange, bis die Linse sitzt. Dann taste ich mich blind vor Tränen ins Badezimmer, um mich anzusehen. Ich kann mich zwar nicht richtig sehen, aber die ungefähren Umrisse machen mich schon jetzt sehr glücklich!
Das Gefühl, betrunken auf See zu sein, will den ganzen Tag nicht weichen. Ich bewege mich sehr vorsichtig und doch greife ich neben die Kaffeetasse. Auch das kochende Wasser läuft genau am Kaffeefilter vorbei und mir gerade auf mein Bein.
Irgendwie überstehe ich den Tag. Am Abend beginnt Teil zwei der Prozedur. Wie nehme ich jetzt die Linsen aus den Augen wieder heraus? ...
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Ruhestörung, stefan schultz
ISBN 3-89954-055-7

worte und bilder. Mit einem Vorwort von Hans-Eckardt Wenzel

Leseprobe:
Über mich

Leider bin ich ein Jahr zu früh geboren. Sonst wäre ich auch ein 68er … Aber wenigstens bin ich ein Maikäfer. Aufgewachsen zwischen der Marschmusik des Zeitungsschreibenden Vaters und der ausgleichenden, unendlichen Liebe der Mutter. Ich habe nicht für das Leben gelernt, sondern überhaupt nicht. So wurde ich Binnenschiffer und Schreiberling, oft gestört durch Sätze wie: "Der Klügere kippt nach." Hopfen und Malz waren für mich auch beim uniformierten Gleichschritt verloren, als die hohen Herrn meinen Singsang "ich habe Angst vor dem Krieg" bemängelten (ich hatte eine Liedermacherauftrittserlaubnis in der DDR, Stufe1 -"sehr gut"), oder mich als Arbeiter- und Bauernstaat nicht in ihre Partei ließen, obwohl sie sonst jeden beknieten. Dann hatten die Menschen genug von den Losungen ohne Lösungen. 1989. Doch sah ich schnell die Widersprüche der Werbesprüche. Das Kulturwissenschaftsstudium (in Sachsen) war gleichzeitig also ein Studium der praktischen "Vernunft" der unvernünftigen Pragmatiker. So blieb mir nur noch die Ironie in Wort und Bild (Karikaturist- und Pressezeichnerdiplom der Studiengemeinschaft Darmstadt "sehr gut") und versuchte zu retten, was zu retten schien (Kulturarbeiter in Jugendclubs, Sozialarbeiter beim Arbeitslosenverband). Und so schmetterte ich auch 2000/2001 meine hoffnungsverliebten Worte in die "Junge Welt" (Praktikum), indem ich mein erstes Buch "Liebesbriefe an die Ohnmacht" (ISBN 3-935171-54-4) veröffentlichte.
Ich heiratete meine kleine chinesische Wolke (Yun) und lebe mit ihr in der "Haupt"stadt des deutschen Landes.
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Isabella. Drei Leben in Deutschland, Helga Ewert
ISBN 3-89954-080-8

Isabella vollendet die Siebzig. Reich war ihr Leben in wechselnden Zeiten. Sie erzählt über ihre Kindheit in der alten Heimat, die eindrucksvolle Erlebnisse brachte, geprägt von Liebe in der Familie, Kampf ums Überleben im 2. Weltkrieg und in den bitteren Nachkriegsjahren. Sie zieht ihre persönliche Erkenntnis und Konsequenz aus der Hitlerzeit für ihr Handeln, wird mit Hingabe Lehrerin, später Lehrerbildnerin im östlichen Teil Deutschlands, der DDR. Ihr Einsatz in der Gesellschaft und der eigenen Familie mit drei Kindern bringt Erfolge und Niederlagen. Sie gewinnt Freunde in Ländern des sogenannten Sozialismus. Glaubt an ihn und muss sein Ende hinnehmen. An der Schwelle zum 60. Lebensjahr erlebt sie die deutsche Vereinigung, die sie immer ersehnte.
Aber was nun? - War alles bisherige Tun umsonst?
Wieder ein anderes Deutschland, in dem Isabella ihren Optimismus nicht verliert.

Leseprobe:
Damit waren wir zwei Invaliden, kurz vor unserem eigentlichen Rentenalter. Wir gestalteten die Tage nach eigenem Ermessen, schluckten unsere Medikamente, nahmen Arzttermine wahr und lebten jeder nach seinen Möglichkeiten recht unterschiedlich. Er vorwiegend im Sessel mit Büchern und Fernsehen zu Hause. Ich mit Malen, im Garten und im Haushalt.
1989 beging die DDR ihr vierzigjähriges Bestehen. Ein Fest sollte das werden. Sogar M. Gorbatschow, Präsident der SU, nahm als Gast teil. Doch es brodelte bereits seit dem Sommer im Innern des Landes. Die politische Lage spitzte sich zu.
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Tatort Wismar.
(Kriminal)geschichten aus der Hansestadt
, Volker Stein (Hg.)

ISBN 3-89954-070-0

Diese (Kriminal)geschichten aus der Hansestadt wurden von Lesern für Leser geschrieben - eine Initiative der Buchhandlung Weiland und der OSTSEE-ZEITUNG in Wismar.

Leseprobe:
Wagner legte beleidigt auf, zog das Telefon aus und stellte die Wohnungsklingel ab. Ging zurück ins Wohnzimmer, ließ sich auf die Couch fallen und nahm einen großen Schluck aus der Flasche. Innerhalb der nächsten zwanzig Minuten leerte er sie fast bis zur Hälfte, schlief dann ein und träumte sich ins spätmittelalterliche Wismar.

An einem Herbstmorgen zu Beginn des 15. Jahrhunderts verließ der sechsundzwanzigjährige Zimmermann Hans Kästner das Haus des angesehenen Kaufmannes und Ratsherren Wilhelm Bassow nahe der Nikolaikirche. Die häufige handelsbedingte Abwesenheit des Kaufmanns nutzten dessen Frau und Hans Kästner immer öfter für ihre nächtlichen Liebestreffen. Es war etwa drei Stunden nach Mitternacht, als Kästner den künstlich angelegten Wasserlauf, die Grube, in Richtung Hafen entlang ging. Etwa hundert Meter vor dem Gewölbe, unter dem das Wasser der Grube ins Hafenbecken fließt, hörte er plötzlich ein leises Wimmern und Stöhnen. Fast im selben Moment konnte er die Umrisse eines menschlichen Körpers wahrnehmen. Kästner rannte zu der am Boden liegenden Gestalt, kniete nieder und erblickte einen etwas dicklichen, mit dem Tode ringenden Mann, in dessen Bauch ein Messer steckte. Auf einmal spürte er einen kräftigen Schlag auf seinem Hinterkopf und verlor die Besinnung.
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Unterlassene Hilfeleistung
Zwei Kriminalfälle
, Gerhard Bengsch

ISBN 3-89954-082-4

Gibt es den perfekten Mord? Diese Frage ist uralt. Bengsch bejaht sie und tritt den Beweis mit der Schilderung von zwei Kapitalverbrechen an …

Leseprobe:
Als wieder Ruhe herrschte, sagte Woyko, und er bleckte uns dabei mit seinen schneeweißen Porzellankronen an: "Wir waren in Karmütz auf dem Gemeindeamt. Ihr Pachtvertrag endet nächstes Jahr. Dann müssen Sie raus, es sei denn, daß Sie von Ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen. Das würde jedoch nach Paragraph 510 BGB bedeuten, daß Sie den Kaufpreis, den ein anderer Käufer bietet, binnen zwei Monaten auf den Tisch legen müßten. Sonst wäre der Zug weg."
Mir versagte fast die Stimme. "Haben Sie denn schon einen Käufer? Woher so schnell?"
"Uns ist auf dem Gemeindeamt ein Makler empfohlen worden, der uns auf Anhieb gleich mehrere Interessenten offerieren konnte."
"Handelt es sich zufällig um den Bruder des Bürgermeisters?" warf Annabella ein.
"Das ist in diesem Zusammenhang doch völlig uninteressant!" schrie Frau Hiltrud plötzlich in einer Stimmlage, die einen unmittelbar bevorstehenden hysterischen Anfall befürchten ließ.
Woyko verbat sich mit bestimmter Geste ihre weitere Einmischung. Er habe einen ernsthaften Käufer schon so gut wie sicher, wiederholte er, und der Preis sei bereits klar. "Neunhundertfünfundachtzigtausend!"
"Lire oder Zloty?" fragte Annabella mit der eindeutigen Absicht, bei Frau Hiltrud einen Gehirnschlag auszulösen.
"Es ist bedauerlich, daß man mit Ihnen nicht sachlich reden kann", sagte Herr Woyko.
Er rief den Kellner und zahlte.
Während seine Frau im Foyer die Damentoilette suchte und in Ihrer Aufregung in die Herrentoilette geriet, begleitete er uns an die Tür. Er werde sich morgen oder übermorgen wieder bei uns melden.
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Familienfoto, Wolfgang Eckert
ISBN 3-89954-081-6

Fünfundzwanzig Jahre verheiratet und nur mich erschaffen! Was habt ihr denn die übrige Zeit gemacht?" So fragt Matthias Weidauer seine Eltern, die ihre Silberhochzeit vorbereiten. Die übrige Zeit - das ist ein Stück DDR Ende der siebziger Jahre. Die DDR gibt es nicht mehr. Aus dem einstigen Gegenwartsroman ist ein historischer Roman geworden.

Leseprobe:
Wenn Herta nach Hause ging, eine Begleitung lehnte sie ab, der Schwiegersohn war ganz froh darüber, so konnte sie nicht sagen, der Abend sei ungemütlich gewesen. Es hatte ja alles gegeben. Wein, Pralinen, ein Kissen hinter dem Kopf, violettes Licht und die Erinnerung an eine blonde englische Schönheit namens Amanda, die in Großaufnahme mit der Zungenspitze über ihre Lippen und mit den Händen abwärts über ihre Hüften fuhr; eine moderne Lilli Marleen. Auch nach dem Zapfenstreich des Fernsehens spukte sie noch in den Köpfen eingeschläferter Ehemänner, die neben ihren Frauen lagen. Nein, es hatte alles gegeben. Und doch blieb in Herta ein Gefühl von Trostlosigkeit. Sie verstand ihre Kinder nicht mehr. Sie konnte die Begeisterung über das billige Tamtam auf dem Bildschirm nicht mit ihnen teilen, und sie war unruhig deswegen. Begann so das Alter? In den Häuserblöcken des Neubaugebietes schimmerten die Wohnzimmerfenster im Dunkeln wie die Bullaugen riesiger dahintreibender Vergnügungsschiffe. Wohin trieben sie? Würde ein gewaltiger Brecher die Breitseite aufreißen, könnte man vielleicht überall ein paar karierte Männerpantoffeln und eine dazugehörige, Pralinen knabbernde Frau erkennen. Herta schalt sich ungerecht, und sie schob es darauf, daß sie mit ihrem Unglück haderte. Jetzt, mit Siebenundfünfzig, und drei Jahre vor der Rente, schien ihr nichts wichtiger, als mit ihren Kindern zu leben.
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Helle Nächte, Karl Mundstock
ISBN 3-89954-036-0

Der Aufbau eines neuen Industriebetriebes führt viele Menschen zusammen, die später in der dazu gebauten Stadt, erst Stalinstadt dann Eisenhüttenstadt, miteinander leben werden. Das Lieben, Leben und Arbeiten dieser Leute, kurz nach dem (bisher) letzten großen Krieg in Europa, steht im Mittelpunkt dieser packenden, realistischen Geschichte.

Leseprobe:
Zu Ende war die Zeit, da Schureck in den Mittag hineinträumte und die Mitternacht mit erhobenem Glase erwartete.
Noch hier hatte er sein altes Leben fortzusetzen versucht, und es war ihm gelungen, Mädchen zum Fruchtwein in den "Goldnen Anker" einzuladen. Jeden Abend hatte er dasselbe erlebt. Erst hatten sie vorsichtig gekostet, dann in großen Schlücken genossen, und ihre Zungen lösten sich, so daß sein Bleistift mit ihnen nicht mehr mitkam. Nur Gerda blieb kühl. Ihre Augen blickten klar und spöttisch auf ihn. Er kam sich vor wie in einer Gefängniszelle, wo, wie er gehört hatte, der Blick des gläsernen Spions den Gefangenen umlauere und ihm in die Seele dringe. Er wollte nicht zu ihr hinschaun, wandte den Kopf von ihr ab, doch wußte und spürte er die klaren spöttischen Augen auf sich gerichtet.
Heimlich und rasch spähte er von der Seite oder von oben her zu ihr hin, fand sein Gefühl bestätigt, blickte sofort wieder weg, und es wurde ihm noch unbehaglicher. Er sah sich durchschaut, entblößt, wurde unruhig, unsicher, fragte sich: Was hat sie gesehn? Die Nacht, in der er sie betrunken von der "Lindenquelle" heimbegleitet, hatte er vergessen. Der Schnaps löschte sein Gedächtnis aus. Erzählte man ihm, was er im Rausch anrichtete, so war er stets erschüttert. Unter den Augen Gerdas grübelte er: Was habe ich neulich angestellt? Er kam ihr gegenüber nie von seiner Verlegenheit frei. So hielt er sich möglichst fern von ihr. Um so fleißiger bemühte er sich um die anderen Mädchen. Es gab keinen größeren Kontrast als die rotwangigen, lachlustigen, frechschnäuzigen jungen Arbeiterinnen und seine Wirtin, die Majorswitwe Sonnenschein. Kam er vom "Goldnen Anker" in sein Mietzimmer, so zeigte sich ihm der tiefe Schnitt in das alte behäbige stumpfe Leben der Kleinstadt. Er selbst, dünkte ihm, führe diesen Schnitt aus, mit dem Messer, mit dem er den Bleistift anspitzte. Er wohnte in einer Prachtstube mit Plüschsofa, ausgeblichenem Teppich, von Vasen und Muscheln und Porzellantierchen überhäuftem Vertiko, zwei Schlachtengemälden im Goldrahmen und einem Spiegel außen am Fenster, dem Spion, der den Inhaber der Stube von allem unterrichtet, was auf der Straße vorgeht.
Schureck stieg ab von der Diesellok. Fremd stand er im Regen. Nicht einmal Gerda, die stets alles sah, beachtete ihn jetzt.
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Grillensang, Wendel Schäfer
ISBN 3-89954-058-1

Wenn Worte abheben und davonfliegen, haben wir es ohne Zweifel mit geflügelten Worten zu tun. Mit Aphorismen.
Aphorismen existieren als sehr verschiedenartige Flügelwesen: Sie sind knapp, bündig, prägnant, rhetorisch, antithetisch, inversiv, paradox, charakterisierend, unverbindlich, mehrdeutig, dunkel, flüchtig, geistreich, erklärend, belehrend, essayistisch, philosophisch, ironisch, satirisch, ketzerisch, komisch, humoristisch, originell, metaphorisch …
Es nimmt Wunder, dass sie bei dieser Überladung überhaupt noch flugfähig sind.

Leseprobe:
Es ist oftmals leichter
durchgehende Pferde zu halten als den Mund.

Friedhöfe
sind Endlagerstätte ausgebrannter Elemente.

Das größte Kreuz der Parteien
ist das kleine Kreuz der Wähler.

Kunst ist eine besonders unregelmäßig gebeugte Form von können.

Dichte

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Ein oft verrückter Lebensweg, Gerhard Elvert
ISBN 3-89954-073-5

Ein Bauer und Wissenschaftler erinnert sich - Gerhard Elvert aus seinem Leben, das in Schlesien begann und ihn über verschiedene Stationen in die Uckermark führte.

Leseprobe:
Im Dezember 1957 hatte Ulbricht - wie zum Jahresende üblich - die 1. Kreis- und Bezirkssekretäre der SED nach Berlin beordert. Diese Tagungen waren in den Ministerien gefürchtet, da sie oft mit bösen Überraschungen verbunden waren. Diesmal erhielt ich plötzlich Order, mich kurzfristig an bestimmter Stelle im großen Komplex des damaligen "Hauses der Ministerien" einzufinden. Pünktlich erschien Ulbricht und fragte: "So, Sie sind der Genosse Elvert?" Ich bejahte und Ulbricht kam gleich zur Sache: Er hätte gehört, dass im Kreis Strasburg die Bildung eines großen Volksgutes von mehreren 1.000 ha vorbereitet würde. Er wollte wissen, ob das stimmt und auf welchem Beschluss das beruht? Ich sagte, dass es im Ministerium solche Überlegungen für die Kreise Strasburg und Wanzleben gäbe. Eine entsprechende Beschlussvorlage für das Sekretariat der Partei wird erarbeitet. Ich hatte die ökonomischen Begründungen dafür im Kopf und trug sie vor. Danach erhielt ich die Belehrung: Sie lief im Kern darauf hinaus, bei der Bündnispolitik der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft alle ökonomischen Erwägungen hintenan zu stellen. Kein Bauer dürfe veranlasst werden, wegen eines Volksgutes seine Wirtschaft aufzugeben. Das wären linke Abweichungen, von denen er - Ulbricht - nichts mehr hören möge. Nach dieser Standpauke, die nicht im Befehlston, sondern eher vom Standpunkt des Erfahrenen gegenüber dem jüngeren Genossen erfolgte, wurde ich verabschiedet.
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Trikolore und Stierwappen, Andre Jortzik
ISBN 3-89954-079-4

Roman aus Wismars Franzosenzeit
Wismar in den Jahren 1807 - 1813. Wenige Jahre nach dem Ende der Schwedenherrschaft ziehen napoleonische Truppen durch Europa und besetzen auch die alte Hansestadt an der Ostseeküste.
Um die französische Kontinentalsperre zu umgehen, lassen sich die beiden jungen Wismarer Burschen Malte und Hannes immer wieder auf gefährliche Schmugglerabenteuer ein. Eines Tages jedoch werden die beiden verraten. Hannes flieht aus der Stadt, aber Malte möchte seine Verlobte Josephine, die hübsche Schwester des später berühmten Bürgermeisters Anton Haupt, nicht verlassen. Malte bleibt in der Stadt, aber der französische Geheimcommissarius Wenz ist ihm dicht auf den Fersen …

Leseprobe:
Die Turmuhr schlug sieben, als vom Hafengebiet her die Signaltrompeten ertönten. Von dort wurde dumpfer Lärm hörbar. Trampeln vieler Füße, dazwischen Pferdegetrappel, drangen bis zum Markt hinauf. Dann und wann donnerten Schüsse. Entlang der Faulen Grube ging das Militär systematisch vor. Vor der Kirche von Sankt Nikolai, der alten Gildekirche der Schiffer, wurden die Asylsuchenden vorerst zusammen getrieben. Einige retteten sich ins Innere des Gotteshauses. Die Häscher folgten unbarmherzig. Selbst im Angesicht Gottes gab es keine Nachsicht, sich Verbergende wurden mit roher Gewalt aus den Winkeln der Kirche gejagt. Dann ging die Hatz über die Schweinsbrücke weiter. Mit aufgepflanztem Bajonett durchsuchten Soldaten Häuser und Speicher. Kommandos hallten, Schreie gellten. Die verängstigten Einwohner vermuteten einen Überfall der Engländer von See her, gleich dem auf Kopenhagen fünf Sommer zuvor. Bald aber ertönten auch in den Gassen um den Markt herum Schreien und abgehackte Befehle. Die Türen barsten vom Kolbenschlag, Soldaten stürmten in die guten Stuben der Bürger, jeden mit sich nehmend, der irgendwie nach Fahrensmann aussah. Auf dem Markt wurden die Unglücklichen endgültig zusammen getrieben. Der herzogliche Oberst hielt hier mit seinen Offizieren nebst französischen Amtsträgern und blickte zufrieden auf die anwachsende Schar von Aufgegriffenen. Ein Postenkordon umrahmte die zum Teil halbnackten und frierenden Männer.
"Du Fine, dass ist keine Razzia nach Konterbande! Die Herzoglichen ergreifen die Seeleute!", stellte Malte fest, als er vom Giebelfenster auf die Straße linste. "Möge Gott mit den Armen sein!", sagte das Mädchen, die Hände faltend.
In dieser furchtbaren Nacht wurde Malte Gugel wieder versucht, vom Pfad der Tugend abzuweichen.
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