Partnerinnen,
Elfriede Brüning

ISBN 3-89954-092-1

Erzählungen

"Das Buch "Partnerinnen" löste bei seinem Erscheinen in den siebziger Jahren gewaltige Diskussionen aus. Ich konnte mich vor Einladungen zu Lesungen kaum retten, und die Frauenbrigaden von mehr als 130 Betrieben, darunter so wichtige wie Leuna und Buna, schlugen das Buch vor für den Kunstpreis der Gewerkschaften. Aber die Autorin erhielt den Preis tatsächlich erst drei Jahre später. Warum zögerte der FDGB so lange? Was mißfiel den "Oberen" an dem Buch?
... Ein Buch, das noch heute hochaktuell ist - für alle, die das Glück haben, noch in Arbeit zu stehen." Elfriede Brüning, November 2006
Leseprobe:

JOHANNA

»Wie ein Rausch«,
sagte meine Mutter immer, »die schönen Augenblicke im Leben gehen wie ein Rausch vorbei.« Komisch, daß mir das gerade jetzt einfällt, in diesem erhebenden Moment, da eine der Medaillen, die heute verliehen werden, auch für mich bestimmt ist. Der Verlauf des Festaktes ist mir wohlbekannt: ich selber habe das Programm auf der Maschine getippt, habe es zum Drucker gebracht und später wieder abgeholt, ich könnte die Reihenfolge im Traum hersagen. Zuerst spielt das Quartett, mit dem ich gleichfalls alles Nötige besprochen habe. Das Honorar, das die Künstler forderten, schien mir unverschämt hoch, aber das zu bewilligen oder abzulehnen ist nicht meine Sache. Jedenfalls sieht es so aus, als würfe unser Büro das Geld nicht zum Fenster hinaus; die vier spielen wirklich gut. Als nächstes wird die Ansprache unseres Präsidenten folgen, die zum Glück nur kurz ist (ich habe den Text dreimal abgetippt, und jedesmal habe ich ihn nach allen Seiten hin kräftig gestutzt).
Nun tritt unser Generalsekretär in Aktion. Klein von Wuchs, wie er ist, reckt er seinen Hals wie eine Schildkröte aus dem Kragen heraus, damit er hinter dem Turm der rotledernen Mappen auf seinem Pult gut zu sehen ist, dann schnurrt er die Namen herunter. Zuerst verliest er die Preisträger der Gold- und Silbermedaillen (alles reputierliche, ergraute Herren, die sich um unsere Organisation verdient gemacht haben), und erst dann, in gebührendem Abstand, vergibt er die Bronze-Medaillen, die üblicherweise an Sachbearbeiter und Sekretäre verliehen werden, also an Personen weiblichen Geschlechts zumeist. »Für unermüdliche aufopferungsvolle Einsatzbereitschaft«, wird in meiner Begründung stehen, die, von einem Grafiker auf feinstes Büttenpapier gemalt, in eine Mappe geheftet ist.
Ich stolpere nach vorn, schüttle Hände, werde symbolisch umarmt, drücke einen der teuren Nelkensträuße (die ich rechtzeitig im Blumenladen vorbestellt habe) an meine Brust, spüre, wie mir jemand die Medaillennadel an die Jacke heftet - und schon ist die Zeremonie beendet, ist tatsächlich an mir vorübergerauscht, und ich gehe zurück an meinen Platz. Auf dem Podium hat sich wiederum das Quartett placiert. Sie spielen etwas von Mozart; nur schade, daß unsereins so wenig davon versteht. Manchmal höre ich im Radio Musik, wenn ich schon im Bett liege; ich schlafe jetzt oft schwer ein. Früher habe ich immer mal mit den Kindern ins Konzert gehen wollen, mit Rita und Franz, aber es ist nie etwas daraus geworden, wir haben es uns immer bloß vorgenommen …
Die Musik hat mich doch tatsächlich eingeschläfert. Alle stehen plötzlich auf - »der Präsident gibt sich die Ehre«, na bitte sehr. Im Parterre ist ein kaltes Büfett für uns aufgebaut. Ich müßte eigentlich gleich wieder ins Büro zurück, was soll ich hier, die Medaille hab ich. Während ich noch zaudere, ob ich ein Brötchen mit Kaviar oder lieber Apfelsinen in die Tasche stecke, schlängelt sich jemand an mich heran: elegante Person, überschlank, schwingender Rock, reinseidene Bluse, das Haar blau getönt. »Du erkennst mich wohl gar nicht?« Und ob ich sie erkenne! Vor fünfundzwanzig, nein dreißig Jahren saßen wir beide zusammen in einer Redaktion; die Monatsschrift war gerade erst gegründet worden. »Mach mit, Johanna!« hatten die Genossen mir zugeredet, als ich nach fünfundvierzig mit den Kindern aus dem Dorf zurückkam, in das wir während des Krieges zwangsweise evakuiert worden waren …

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