Septemberreise, Elfriede Brüning
ISBN 3-89954-108-1
Eine Frau überdenkt ihr Leben zwischen Familie und Geliebtem; das erzählt Elfriede Brüning in einer nicht alltäglichen Geschichte.
"Aber gerade das war mein Fehler und auch, daß ich Dich merken ließ, wie sehr ich Dich liebte; Du hast immer meine Schwäche ausgenützt und suchtest Zuflucht bei mir, ob es mir paßte oder nicht. Wenn Du Ärger hattest, bist Du nicht etwa nach Hause und zu ihr gelaufen (Marietta hatte das wenig interessiert), sondern bist den weiten Weg bis zu mir gekommen, um Dein Herz auszuschütten. Damals wohnte ich schon wieder am Stadtrand, weil man mir für Berlin keinen Zuzug gab, und Du hattest mich vor die Tür gesetzt, als Marietta schrieb, daß sie zurückkommen wolle - ich war dumm genug gewesen, auch noch das zu schlucken …", überlegt die Ich-Erzählerin.
Leseprobe:
Ich dachte, daß jetzt alles zu Ende sei, und war ungeheuer erleichtert, aber ich irrte mich; denn am nächsten Morgen eröffnete mir Olafs Mutter, daß sie und Olafs Vater beschlossen hätten, in Anbetracht der besonderen Lage ein übriges zu tun und die Gesamtkosten der Hochzeitsfeier zu tragen. Schließlich könne man alles auch etwas sparsamer arrangieren, überlegte sie laut: Standesamt und anschließend ein Gabelfrühstück, dies natürlich mit Sekt - aber damit genug; sie werde sowieso von ihrem Nadelgeld beisteuern müssen. Na, sie verdankte es wiederum der Gestapo, daß sie ihr Nadelgeld sparen konnte, denn die Gestapo entließ meinen Vater, und der tat, was er immer tut, wenn er einen Groschen zuviel in der Tasche fühlt: Er beeilte sich, den gesamten Gefängnislohn, abzüglich der Kosten für "Verpflegung" und "Unterkunft", unverzüglich auf den Rennplatz zu tragen, und denk Dir, er hatte Glück, diesmal brachte er ein paar hundert Mark nach Hause, die er unbedingt für meine Hochzeit auf den Kopf hauen wollte. Mein Vater ließ sich nicht lumpen, das war so seine Art.
Ich will nicht viel von der Hochzeit reden. Wir feierten im "Historischen Weinkeller", aber es wurde trotz allem ein Mißerfolg, vielleicht meiner Mutter wegen, die erst im letzten Moment, als die Orgel schon dröhnte, erschienen war, weil sie sich nicht eher von ihrem Budiker hatte loseisen können, dem sie noch immer die Wirtschaft führte. Olafs Vater führte sie später zu Tisch, und ich sah, wie er qualvoll das Gesicht verzog, während sie ihm mit ihren Geschichten in den Ohren lag. Und als ihr Redestrom allmählich versiegte und das Schweigen im engsten Familienkreis immer bedrückender wurde, fiel meinem Vater ein, eine zweite Hochzeitsgesellschaft, die gerade durch alle Räume Polonaise tanzte, zu uns herüberzulotsen, und da wurde es noch ganz gemütlich.
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