Viel erlebt - viel verpasst, Rudi Czerwenka
ISBN 3-89954-118-9
Als mein 75. Geburtstag heranrückte, meldete sich bei mir ein junger Journalist, um eine Würdigung für mich zu fabrizieren. Sein Chefredakteur hatte sich meiner erinnert, weil ihm, wie er mir später erzählte, bei seinem Berufsstart vor etlichen Jahrzehnten sein damaliger Vorgesetzter einen meiner Artikel vor die Nase gehalten und empfohlen hatte: "So mußt du schreiben …"
So beginnt Rudi Czerwenka die Erinnerungen an sein Leben als Pennäler, Polizist, Lehrer, Familienvater, Buchautor, Dramatiker und eben als Journalist. - Ehm Welk ist nicht sein Mentor oder Lehrer, sondern sein "Patenonkel". Es wird klar, der mußte sich nicht verbiegen, als er für Herbert Köfer und andere die Texte schrieb - der ist so. Es bleibt offen, ob alles, was er nicht beschrieb, wirklich verpaßt wurde.
Leseprobe:
Die Festspiele im damals schon geteilten, aber in allen Sektoren der Stadt frei begeh- und erlebbaren Berlin waren vorüber, auch unsere Auftritte im alten Friedrichstadt-Palast. Wir rechneten mit der Rückkehr in unsere Heimat- und Dienstorte. Plötzlich hieß es: Das Kulturensemble bleibt und geht auf Tournee. Nur die Theatergruppe wird aufgelöst. Das paßte weder mir noch dem Uckermärker Günter H. Wir wechselten die Fronten und traten zum Chor über. Die Texte und die Melodien der deutschen und russischen Lieder kannten wir, letztere zumindest vom Zuhören. So reisten wir von Stadt zu Stadt durch die junge DDR, sangen "Unsere Heimat", "Kalinka", "Rodina Moija" und andere Ohrwürmer, wurden überall begeistert empfangen, bewirtet, mal kaserniert, mal aber auch in Privatquartieren untergebracht. Auch Rostock stand auf dem Tourneeplan. So bot sich die Chance für einen Abstecher nach Thulendorf, zu Mutti - und zu Mausi. Trotz des abwechslungsreichen Zigeunerlebens vergaß ich meine in Weimar über irgendwelchen Vorgängen brütende Kollegen nicht und schrieb ihnen fröhliche Ansichtkarten, was allerdings bald zu einem vernichtenden Konterschlag führen sollte.
Zur Krönung unserer DDR-Rundreise wurden wir mit einem vierwöchigen Ostseeurlaub belohnt, in der damals vorübergehend ungenutzten Kasernenanlage westlich von Kühlungsborn. Günter und ich bezogen ein gemeinsames Zimmer, vorerst zu zweit, dann zu viert. In der "Sturmklause" hatten wir zwei unserer Kolleginnen näher beschnüffelt, mit denen wir schließlich unsere Herberge teilten. Die Paddel meines aus Jena mitgebrachten Faltbootes und ein Bettlaken dienten als Raumteiler. Eines der Doppelpaddel wurde auseinandergenommen und zwischen die Betten geklemmt. Das andere kam oben drauf und sorgte mit dem darüber gehängten Laken für eine optische, wenn auch nicht für die akustische Raumteilung. Unsere beiden Damen besaßen allerhand Erfahrungen auf dem Gebiet zwischenmenschlicher Beziehungen. Dieser Urlaub setzte den Schlußpunkt hinter mein Junggesellendasein.
Nach nur wenigen Dienstwochen in Weimar nahte das dicke Ende: "Landesbehörde der Volkspolizei. Weimar, den 14. 12. 1950. Wir bescheinigen dem Kollegen Czerwenka Rudi, daß er vom 1. 7. 1949 bis 31. 12. 1950 Angehöriger der Landesbehörde der Volkspolizei Thüringen war und ordnungsgemäß aus seinem Dienstverhältnis ausscheidet." Der Grund wurde verschwiegen. Der ominöse "Befehl 2" legte fest, daß ein Polizeioffizier keine Westverwandtschaft haben durfte. Und ich hatte eine solche: Tante Edith in Buenos Aires mit ihrem jüdischen Mann und der halbjüdischen Tochter, eigentlich Naziopfer.
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