Der Rosinenbaum, Karina Albrecht
ISBN 3-89954-124-3

Die Geschichte handelt in Vorpommern der fünfziger und sechziger Jahre und reflektiert die Kindheit der Autorin, die sich im Bannkreis der Entwicklung der sozialistischen Produktionsweise und althergebrachten bäuerlichen Traditionen abspielte. Eine ziemlich brisante Mischung, in der sich zurechtzufinden nicht immer ganz einfach war.
Geblieben sind der Autorin aus jener Zeit Erinnerungen an Menschen und Begebenheiten, die sie in ihrer Geschichte auf parodistische Weise verarbeitet.

Leseprobe:
Die Glocke scheint gar nicht mehr aufhören zu wollen. Das Gebimmel wird langsam lästig. Alwine muss wissen, was los ist. Sie bindet ihre Schürze ab und macht sich auf den Weg zur Kirche. Auf der Dorfstraße sieht sie, dass auch andere auf dem Weg dorthin sind. Nach den Aufregungen der letzten Woche sind die Leute ziemlich aufgebracht und ängstlich. Alwine erreicht den Friedhof, der mit seinem wüsten, ungepflegten Aussehen an einen Sportplatz erinnert. Die sonst kunstvoll mit Mustern umharkten Ruhestätten sind von Trampelpfaden umrandet, an etlichen Grabsteinen erinnern deutliche Pinkelspuren an die Schnüffelarbeit der Polizeihunde. Zerlatschte Blumen, umgekippte Vasen und das weggeworfene Butterbrotpapier von Kommissar Plumps vervollständigen das Bild.
Es ist Ostersonntag. Aber nichts erinnert daran, außer einem roten, mit grünen Streifen verzierten Ei, das der Osterhase mitten auf dem kiesbestreuten Weg verloren hat, als er in panischem Schrecken den Friedhof überquerte.
Alwine öffnet die Kirchentür. Der kleine Vorraum ist voller Menschen. Mühsam drängelt sie sich hinein, wird gar nicht bemerkt. Alwine ist überwältigt von dem ungeheuren Lärm. Das Brausen der Glocke, die spektakelnden, wild gestikulierenden Frauen schnüren ihr die Luft ab. Sie will raus, aber schon drängen sie nachschiebende Neuankömmlinge tiefer hinein.
Was ist los?! Da bemerkt sie, dass die meisten ihre Köpfe in den Nacken gelegt haben und nach oben starren. Sie macht es ihnen nach, schaut nach oben und kann nicht fassen, was sie sieht. Ihr hochschwangerer Zustand ist für einen derartigen Anblick nicht geschaffen. Die verbrauchte Luft und Kielschweins intensive Knoblauchfahne geben ihr den Rest. Frühstücksei und Butterstulle lassen sich nicht länger zurückhalten und landen halbverdaut in Erna Gurkes Schürzentasche, die vom vielen Flaschentragen schön ausgebeult ist und weit vorsteht. Erna hat schon wieder voll geladen und merkt nichts. Außerdem ist sie viel zu beschäftigt mit dem Ereignis dort oben und krächzt mit ihrer Säuferstimme lautstark immerzu dieselben Befehle in den Raum: "Feuerwehr, Notarzt, Polizei!"

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