Mit dem Mercedes zum Barocksaal,
Brigitte Deiters

ISBN 3-89954-147-2

Lebenserinnerungen
Die Oberstudienrätin Brigitte Deiters, von 1955 bis 1991 in Rostock als Lehrerin und Fachberaterin tätig, erinnert sich an ihr Leben. Die Zwänge in der Gesellschaft und die Freuden in der gesamtdeutschen Familie sind bestimmend in dieser typischen Ostbiographie.

Leseprobe:
Die Jugendweihe fand am 15.04.1973 in dem schönen Rostocker Barocksaal statt. Es war eine gelungene Feier. Aber meine Tochter, die zum ersten Mal mit Absatzschuhen ging, fiel der Länge lang hin, als sie aufgerufen wurde. Der Parkettfußboden war frisch gebohnert. Sie hatte sich aber nichts getan und nahm strahlend ihre Urkunde und das Buch in Empfang. Wir fanden natürlich alle, daß sie die schönste Teilnehmerin war. -
Draußen trug sie nicht den roten Mantel, der ihr gar nicht besonders gefallen hatte, sondern einen wunderhübschen Mantel aus weißem Kunstleder, den mein Bruder mitgebracht hatte. Mittags gab es eine große Panne. Wir hatten das Essen im "Kosmos" bei uns an der Ecke bestellt. Die Gaststätte hatte sich total übernommen. Oben und im Erdgeschoß saßen unzählige Jugendweiheteilnehmer mit ihren Gästen, wir befürchteten Schlimmes, als wir an unserem bestellten Tisch Platz nahmen.
Wir saßen eine halbe Stunde, wir saßen eine Stunde, wir saßen anderthalb Stunden und bekamen nichts. Da rieten unsere Westbesucher zum Aufbruch. Ich ging zum Gaststättenleiter und teilte ihm mit, daß ich das Debakel der Ostsee-Zeitung berichten würde. So hatten wir und auch zwei andere Familien umsonst auf unser Essen gewartet.
Es gab dann zuhause nur einen Imbiß und nachher natürlich wunderschönen Kuchen. Silke war reich beschenkt worden und hatte die Panne zum Glück schnell vergessen. Um die Scharte auswetzen und nicht in der Ostsee-Zeitung erscheinen zu müssen, wurde uns und unseren Gästen am darauffolgenden Wochenende ein kostenloses 3-Gänge-Menü angeboten. Wir nahmen das Angebot an und genossen es, fürstlich bewirtet und bedient zu werden.
Das "dicke Ende" kam aber zwei Tage nach der Jugendweihe, als ich wieder arbeiten mußte. Kaum in meinem Zimmer angekommen, wurde ich sofort zur Parteisekretärin zitiert. Sie war empört darüber, daß ich mich auf der Fahrt zum Barocksaal und zurück in das Westauto meines Bruders gesetzt hatte. Ich wurde regelrecht heruntergeputzt. Es wurde mir erklärt, ich hätte ein Auto vom Rat des Bezirks beantragen können (was lächerlich und gar nicht möglich war) oder mir wenigstens eine Taxe nehmen müssen.
Als ich erklärte, daß ich nicht einsehen könnte, daß in dem Westauto zwei Plätze frei bleiben und ich mir eine Taxe nehmen sollte, bekam ich zur Antwort, daß ich meinen Osthintern nicht in ein Westauto zu setzen hätte. - Wer hatte mich beobachtet, wer hatte mich verpfiffen? Ich habe es nie erfahren. -

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