Mach keine Dummheiten, Traudi!, Waltraud Filipski
ISBN 3-89954-245-2

Erinnerungen

Waltraud Filipski wurde 1946 in Brandenburg an der Havel geboren. Hier erlebt sie Kindheit und Jugend in der Nachkriegs- und DDR-Zeit, die geprägt ist von einem sozialistischen Schulsystem, der Mitgliedschaft in der Pionierorganisation und der Freien Deutschen Jugend. Im Laufe ihres Erwachsenenwerdens ist sie ständig auf der Suche nach Liebe und Anerkennung aufgrund einer schwierigen Mutter-Tochter Beziehung, an der sie uns in ihren Erinnerungen, niedergeschrieben in ihrem Erstlingswerk "Mach keine Dummheiten Traudi", teilnehmen lässt.
Besonders die Tagebuchaufzeichnungen sind es, die den DDR-Alltag einer ganzen Generation der heute Sechzigjährigen für den Leser lebendig werden lassen.
Es war ihr wichtig, den ganz normalen Alltag ihrer Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit und in der DDR zu erzählen, bevor man diese Generation in der Medienwelt immer mehr "verschwinden" lässt.

Leseprobe:
Die Wohnung bestand aus einem Wohnzimmer, einem sehr kleinen Schlafzimmer, einer Küche und einer kleinen Kammer ohne Ofen. Man konnte entweder rechts vom Trep-penhaus aus durch die Kammer in die Wohnung oder links durch die Küche. Das "Klo" befand sich eine halbe Treppe höher im Treppenhaus und wurde von drei Familien benutzt. Wir Kinder kamen also ins Abenteuerland! Der mögliche Kreisverkehr in unserer Wohnung verführte uns Kinder sehr oft zu ausgelassenem "Zecken" spielen. Es wohnten noch vier Kinder im Haus, alle in der Altersgruppe wie mein Bru-der und ich. Wir spielten sehr oft miteinander. Mein Bruder war immer noch mein Aufpasser, und so war es völlig normal für mich, dass ich ausschließlich mit einer Horde Jungen durch die Ruinen zog, am häufigsten in der Werderstraße. Unsere Lieblingsbeschäftigung war das "Bu-denbauen". In diesen Buden gab es Zigaretten zu rauchen, die von den Vätern geklaut waren, viele kleine Schätze zu tau-schen und kleine Feuerchen anzuzünden. Als eines Tages die Sträucher am Bahndamm in der Nähe des Jacobsgrabens in Flammen aufgingen, weil die Jungen "gekokelt" hatten und daraus sehr schnell ein größerer Flächenbrand wurde, verriet ich die Jungen nicht. Bis dahin hatte man mich als Mädchen nicht akzeptiert, doch von nun an war ich ein zumindest ge-duldetes Mitglied der Gruppe. Die Ruinen in der Werderstraße verschwanden in den nächsten Jahren sehr schnell, neue Häuser entstanden. Etwas später mussten auch die Ruinen in unserer Straße Stück für Stück neuen Häusern weichen. Das Haus in der Großen-Garten-Straße, das wir 1951 bezogen hatten, sollte noch bis zu meinem 20. Lebensjahr mein zu Hause bleiben. Unvergessen ist für mich der monatliche Wechsel mei-ner Schlafstätte vom Wohnzimmer in die Kammer und zurück, da ich mir die Kammer mit meinem Bruder teilen musste. Im Winter wurde mein Deckbett zuvor am Ka-chelofen gewärmt, oder es wurden heiße Ziegelsteine aus der Röhre des Kachelofens an die Füße gelegt. Die Win-termonate waren kalt und malten Eisblumen an die Fens-terscheibe des winzigen Raumes. Am Hauptbahnhof erlebte ich auch ein unvergessliches A-benteuer: Es war so eine Art Mutprobe, möglichst dicht an die "Russen" heranzukommen, die sich überall am Haupt-bahnhof aufhielten und in einem bestimmten Raum ihre kärg-liche Mahlzeit einnahmen, die meistens aus Brot und Zwie-beln oder "Kascha" bestand. Ich war ein hübsches blondes kleines Mädchen, die Jun-gen sagten zu mir: "Hol uns mal was zu essen!" Wir waren immer auf der Suche nach etwas Essbarem, also warum nicht auch hier versuchen. Das Ganze endete damit, dass ich Angst bekam, als mich ein Soldat auf den Schoß nahm und mich streicheln wollte. Zu Hause hatte ich nichts Gutes über die Russen gehört. Ich riss mich los und rannte, so schnell es meine kleinen Füße konnten. Etwas Essbares hatte ich nicht mitgebracht, die Mutprobe aber bestanden.

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