|
Das Bett im Heckenzimmer, Ilse Behl
ISBN 978-3-86785-010-0
Sinje Miriam:
"Wasserklo, Hunger, Komfort. Was meinst du damit?", frage ich. "Ist doch einfach", sagt er, "wenn du in die Büsche musst zum Pinkeln und wenn du kein Wasserbecken zum Waschen hast, das ist kein Komfort, aber hier ist das eben vorhanden! Nur in der Steinhöhle ist es kalt nachts. Mit einem Bett kann man die nicht vergleichen. Ein Bett im Heckenzimmer eben, habe ich zuerst gedacht. Ich habe aber bloß zwei Decken. Fast jede Nacht stehe ich auf und renne die Wege rauf und runter, damit mir wieder warm wird. Obwohl es Sommer ist!
Weißt du, wie lange ich schon weg bin aus dem Heim? Seit Ende Juni, und nun ist August." …
Ein Buch für Leser ab 12 Jahre
|
|
 |
|
Leseprobe:
Ich höre meine Mutter fragen: "Wo warst du denn heute? Du hättest mit uns fahren sollen an die See. Es war etwas stürmisch, aber wunderschön! Und Erdmanns aus Lauenburg waren gekommen. Die kennst du doch noch? Der kleine Junge ist jetzt auch schon vierzehn, müsste vielleicht noch etwas wachsen, aber immerhin: ihr hättet prima zusammengepasst. Also, du willst doch sonst immer mit ans Wasser, warum heute nicht? Was hast du denn gemacht? Wo warst du?"
Und ich antworte cool: "Ich, wo ich war? Na, auf dem Friedhof, wo ich jetzt immer bin …" Von wegen kleiner Junge und kleines Mädchen mit dreizehn oder vierzehn Jahren. Was denkt sie sich bloß?" Ich biege mich vor Lachen da oben auf den Grabsteinen, bis - ja, ich höre etwas zischen, eine Schlange vielleicht? Und schieße vor Schreck in die Höhe. Die Sonne blendet mich. Vorsichtig stehe ich auf und untersuche den Haufen, auf dem ich gesessen habe. Eine hochaufgerichtete Steinplatte bewegt sich ein bisschen, dann zischt es wieder. Plötzlich fällt die Platte um. Ich sehe einen lebendigen Menschen aus dem Haufen kriechen. Er kommt auf mich zugekrochen wie einer, den sie begraben haben, obwohl er gar nicht tot war. Zuerst fühle ich mich selbst wie ein Stein. Dann spüre ich eine Bewegung aus mir herauskommen: ich mache den Mund auf, um einen furchtbaren Schrei los zu lassen, aber der Junge ist schon auf den Beinen, springt mich an wie ein Affe und hält mir den Mund zu. Dabei zischt er wieder, mein Gott, ich könnte umfallen vor Schreck. Wahnsinn. Ich werde festgehalten und auf die Platte zurückgedrückt. Hat der Kerl Kräfte. Dann lässt er mich los.
"Mach keinen Lärm!", keucht er, "sie suchen mich doch!"
Er reibt sich die Augen, blinzelt in die Sonne und schweigt.
"Was? Wie? Sie suchen dich? Deine Eltern oder wer oder sogar die Polizei? Aber du bist bestimmt nicht der Mörder, von dem sie alle reden! Hast du etwa jemanden umgebracht, wo du bestimmt erst zwölf Jahre alt bist?"
Er sagt nichts, guckt vor sich hin. Sein Kopf fällt ihm mit einem Knacks auf die Brust: "Ich hatte Hunger, wollte schlafen, weil man im Schlaf den Hunger nicht merkt. Dann kamst du und hast mich geweckt, oh, ich bin so sauer!"
Er stöhnt wie der alte Paul, der ganz langsam ist beim Spazierengehen, sich immer an den Gartenzaunlatten festhält und Leute anspricht. Hunger hat der Junge? Oh weh, mein Bauch ist zum Platzen voll. Das ist der Unterschied zwischen uns. Unwillkürlich wickel ich die Decke auseinander: der Papiermüll und die halbleere Flasche werden sichtbar. Ohne zu fragen, greift er danach und trinkt sie in einem Zug aus. Als die Flasche leer ist, rülpst er wie ein Mann und sagt: "Hier auf dem Friedhof ist auch Wasser, dahinten im Häuschen. Man kann auf's Klo gehen, sich waschen und Wasser trinken, deshalb hab ich gedacht, ich versteck mich auf dem Friedhof, erstmal kommt keiner drauf und zweitens hab ich den Komfort, nur dass mir Esssachen fehlen, die muss ich eben organisieren, auf deutsch gesagt: klauen, und das ist nicht einfach, ich muss immer ganz sauber auftreten und so tun, als würde ich normal einkaufen. Von Ferienanfang an ging alles gut, aber nun …
zurück
|
|
|
|
|