Leben zwischen Orient und Okzident,
Ein Iraker erzählt,
Hikmat Al-Sabty
ISBN 978-3-86785-032-2

Anschaulich und einfühlsam wird das Leben der Menschen im Irak über einen langen Zeitraum geschildert.
So erlebt Hikmat Al-Sabty eine relativ unbeschwerte Kindheit. Durch die Baath-Partei und später Saddam Hussein wird das Leben jedoch dramatischer. Es herrschen kriegsähnliche Zustände im kurdischen Sulaimanije, dem Nordirak, wo Al-Sabty studierte.
Die Armeezeit wird für ihn gar zur dunklen Seite seines Lebens. Während eines Urlaubs in Europa bricht der erste Golfkrieg aus, den Saddam Hussein und Ajatollah Chomeini führen. Da er diesen Krieg verabscheut, kann er nicht nach Hause zurückkehren. So sucht er einen Ausweg in Europa.
Der Neubeginn bedeutet für ihn eine neue Kultur, eine andere Sprache und viele Widrigkeiten. Trotzdem schildert er mit Witz und Humor diese Phase seines Lebens.

Leseprobe:

Ich war sehr froh, dass ich durch Suhail den Weg zu dieser Studentengruppe gefunden habe und sie mir in meiner Lage sehr geholfen hat. Ich fand ihre Hilfsbereitschaft, mich und Kheder bei sich wohnen zu lassen, großartig.
Dann fing ich an, von Suhail deutsche Begriffe zu lernen, zum Beispiel, dass Germany in der Landessprache Deutschland heißt. Diesen Namen hatte ich vorher nie gehört.
Nach dem Frühstück nahm uns Suhail mit in die Mensa, um zu organisieren, wer uns von den irakischen Studenten bei der Erledigung aller Formalitäten helfen und wer bei wem untergebracht werden könnte. Suhails Wohnung war sehr klein und er hatte mit dem Studium viel zu tun.
In der Mensa der Technischen Universität lernte ich eine Menge irakischer Studenten und auch andere, zum Beispiel Baker, Salam, Alaa und Abu Zaineb kennen. Baker und Salam erklärten sich bereit, uns aufzunehmen, bei den Behörden anzumelden und uns zum Rechtsanwalt zu begleiten.
Uns wurde geraten, einen Asylantrag zu stellen, ansonsten gäbe es keine Möglichkeit, einen Aufenthaltstitel zu erlangen. Am gleichen Tag sind wir von Suhail zu Bakers Wohnung umgezogen. Salam begleitete uns zum Einwohnermeldeamt in Berlin und anschließend zur Anwaltskanzlei, in der ich einen Antrag auf Asyl stellte. Kheder ging diesen Schritt nicht und entschloss sich, in den Irak zurückzukehren. Ich hatte ein komisches Gefühl bei ihm, denn er redete nie schlecht über das Saddam-Regime.
Alles sah zu dieser Zeit weihnachtlich in Berlin aus, überall waren Verkaufsstände, die Menschen liefen hektisch hin und her, um Geschenke zu kaufen. Hier sind Ordnung und Effektivität als soziale Werte wichtig. Alles war für mich neu. Hektik bestimmte den Berliner Alltag, vor allem das Gedränge in den großen Geschäfthäusern. Über die Rolltreppen in den Geschäften, die den ganzen Tag mit Menschenmassen ständig in Bewegung waren, wunderte ich mich. Ein einziges Mal habe ich im Irak eine Rolltreppe gesehen, die aber defekt war und deren Reparatur dann Jahre dauerte.
Das Wetter war sehr kalt, regnerisch und auch noch windig. Auf diese Wetterbedingungen war ich mit meiner irakischen Kleidung und meinen Schuhen nicht vorbereitet. Hier war Sonne eine Rarität. Ich beobachtete die Bewegung der Menschenmenge beim Einkaufen und wunderte mich über den Konsum in der vorweihnachtlichen Zeit. Ich beobachtete auch die Wohlstandsgesellschaft, in der die sozialen Beziehungen durch ein hohes Maß an Rationalität geprägt sind.
Ich blieb bis Anfang Januar 1981 in Berlin und wurde dann mit vielen Asylbewerbern umverteilt. Zuerst kam ich in ein Zwischenlager in Unna Massen bei Dortmund, in dem ich rund zehn Tage blieb. Anschließend wurde ich mit einer kleinen Gruppe in die Eifel in die kleine idyllische Stadt Monschau gebracht.
Ich musste mit vier Männern ein etwa 30 Quadratmeter großes Zimmer teilen. … Moses, der afrikanische Zimmermitbewohner, mochte laute Musik hören. Der Libanese Ali schnarchte sehr laut, Stereo auf zwei Kanälen. Der gewichtige jordanische Lkw-Fahrer Kassim war tyrannisch und suchte Streit mit anderen Heimbewohnern, um eine Wohnung zu bekommen, aber vergeblich.

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