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Carl Beyer Anastasia Historischer Roman über eine Fürstenfamilie im Mecklenburg des 13. Jahrhundert
ISBN 978-3-86785-041-4
Anastasia, Gemahlin von Fürst Heinrich I. dem Pilger - Herr zu Mecklenburg, regiert das Land von 1275 bis 1299 während der Pilgerreise des Fürsten und dessen Gefangenschaft in Kairo. Das wird ihr nicht leicht gemacht.
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Leseprobe:
Trübe Jahre
Noch war das Maß der Leiden der so mutig kämpfenden Herrin in Wismar nicht erschöpft. Mit Bangen sah Heinrich das schon einst der Katharina bei der Begegnung auf der Landstraße dargelegte Verhängnis unabwendbar über das Haupt der geliebten Mutter sich zusammenziehen. Im Morgenlande war der Kampf wilder geworden, Kalavun hatte sich angeschickt, seine Macht zu einem letzten Streiche zu sammeln. Der Deutschorden verlor deswegen die Zuversicht auf einen Erfolg seiner Anstrengungen für die Lösung des gefangenen Pilgers und wies den Rat der Stadt Lübeck an, der Fürstin die Summe von 2.000 Mark Silbers zurückzuzahlen, "weil einstweilen leider - so schrieb er deutlich genug - keine Hoffnung sei, daß der edle Herr Heinrich von Mecklenburg aus den Fesseln der Sarazenen freigekauft werde, bis es Gott in seiner Barmherzigkeit gefallen, andere Mittel und Wege zu seiner Befreiung zu eröffnen."
Noch schien der treuen Gattin das Gemeldete unglaublich, es mußte ihrer Meinung nach bei ernstlichem Willen doch möglich sein, mit dem Sultan in Verbindung zu treten trotz des Kampfes, Gefangene waren ja allzeit sonst durch ein angemessenes Lösegeld zu befreien. Vielleicht kam es nur darauf an, den Deutschorden noch einmal recht für die Angelegenheit zu erwärmen, darum verlangte sie sehnlichst nach einer Unterredung mit dem Hochmeister. Burchard von Schwanden verhehlte ihr nicht seine Teilnahme und er bot sich zu einer Zusammenkunst mit ihr bei Gelegenheit seines Besuches in Erfurt, wo er gegen Ende des Jahres am Hofe des Landgrafen Albrecht von Thüringen mit de König Rudolf von Habsburg zusammentreffen wollte, um mit ihm und Männern vom königlichen Hofe Unterhandlungen wegen Unterstützung der fast schon verzweifelten Sache des Deutschordens im Morgenlande zu führen.
Anastasia konnte selbst die schwere Fahrt nicht machen, zumal auch eine ernste Stunde für Helena nahte, in der eine mütterliche Beraterin dieser zur Seite stehen mußte. So entsandte sie denn ihren Sohn nach Erfurt mit dem dringenden Auftrage, auf das genaueste die Lage der Dinge im Morgenlande zu erforschen und alles aufzubieten, den Hochmeister zu einem letzten Versuche zur Befreiung zu bewegen.
Heinrich wollte diese Gelegenheit benutzen, um für sich von dem Landgrafen den Ritterschlag zu erwerben, und nahm seinen Freund Hans Gube und einige Junker mit auf die Fahrt. Wie ganz anders kam nun doch alles, als er es sich in seinen Jugendträumen zurechtgelegt hatte. Sein Ehrentag schuf ihm durch die Erinnerung an seinen Bruder bitteres Weh.
Allgemeine Aufmerksamkeit erregte in Erfurt das Austreten des jungen Helden, in den Turnierschranken erntete er an der Seite seiner Mecklenburger hohes Lob, und mancher Ritter aus dem Gefolge des Hochmeisters und von dem landgräflichen Hofe, der in früheren Jahren Kraft und Geschicklichkeit bewährt hatte, wurde von dem Freundespaare in den Sand gestreckt, auch versagten dem jungen Heinrich die Fürsten die Anerkennung seines staatsmännischen Blickes nicht und zogen ihn gern zu ihren Beratungen zu. Bei diesen gewann er viele wertvolle Erfahrungen Aber als der Hochmeister ihm in dem Minoriten-Kloster, wo er Herberge gefunden hatte, in Gegenwart von Zeugen die Kleinodien zurückgab, die sein Vater einst bei seinem verhängnisvollen Aufbruche von Akkon nach Jerusalem bei den Brüdern vom Deutschen Hause im St. Marien-Hospital daselbst zurückgelassen hatte, nämlich eine goldene Spange und den Rittergurt, dazu einen Becher und zwei silberne Kannen, und Heinrich nach genauerem Befragen die Überzeugung gewonnen hatte, daß keine Hoffnung auf Befreiung seines Vaters mehr sei, da war ihm doch, als habe er in seinem Leben keine schlimmere Fahrt getan.
Er hörte, daß Kalavun, der grimmige Christenfeind, allerdings während der eifrig betriebenen Zurüstungen gestorben war, aber der wilde Aschraf brannte vor Begierde, das Werk des Vaters zu vollenden. Der Hochmeister verhehlte nicht seine Sorge, daß die Tage von Akkon gezählt sein, und wollte tunlichst bald auf den gefährdeten Platz zurückeilen. Heinrich drückte beim Abschiede dem Helden bewegt die Hand, denn er erkannte dessen festen Entschluß, nicht lebend vor den Ungläubigen zu weichen, er sah, wie ein Mann gefaßt sich anschickte, für seine Sache zu sterben.
Die Nachricht über den Stand der Dinge, die der Fürst bei seiner Rückkehr der Mutter nicht verhehlen konnte, wirkte so niederdrückend auf die ohnehin schon Gebeugte, daß ihre Kraft zum ersten Male ganz versagte. Sie übergab ihrem Sohne die Regierung, und bald, nachdem Helena ihr eine Enkelin, die den Namen Luitgard erhielt, geschenkt hatte, zog sie sich mit Katharina in das Kloster nach Rehna zurück, nicht etwa, um den Schleier zu nehmen und dort ihre letzte Lebenszeit zu verbringen, sondern um in unbedingter Stille neue Kraft zu gewinnen.
Die von Haus Gube, der auch in Erfurt zum Ritter geschlagen war, so lang ersehnte Zeit, seine in hingebender Liebe an ihm hangende Mechthild heimzuführen, war gekommen, als Fürst Heinrich ihn zur Belohnung für seine treuen Dienste nicht nur, wie er es sich gewünscht hatte, mit der Oberaufsicht über große Forsten in der Sternberger Gegend betraute, sondern auch ein reiches Lehngut daselbst hinzufügte, damit, wie er sagte, Mechthild nicht unter den großen, finsteren Bäumen zu hausen habe, ihm aber auf seinem häufigen Wege nach Sternberg eine freundliche Herberge offenstehe. Die junge Frau war wie umgewandelt Vor dem Meere, das sie früher so gern sah, graute ihr, das freundliche, milde Rauschen der Blätter war ihr im Gegensatze zu dem wüsten Brausen der Wogen ein lieber Klang, ihr Herz war ihr aufgegangen gegen den geliebten Mann und hatte Verständnis für seine Neigungen gewonnen.
Das Leben am wismarschen Hofe gestaltete sich sehr eintönig, und die Fürstin Helena war nicht dazu angetan in der Stille geduldig auszuharren. Ihr lebhafter Sinn verlangte nach Zerstreuung, sie begehrte, durch ihre anmutige Erscheinung zu gefallen und Bewunderung zu er wecken, reiste mit ihrem Töchterlein zum Vater zurück und fand bald einen andern Gemahl. Aus diesem Grund fühlte Anastasia bei ihrer Rückkehr zum Hofe in Wismar, da Katharina im Kloster blieb, ihre Verlassenheit besonders schwer und konnte es nicht fassen, daß das Andenken ihr Sohnes so rasch von der, die ihm die nächste hätte sein sollen, vergessen war …
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