Carl Beyer
Die Nonnen von Dobbertin
Roman aus der Zeit der Reformation
ISBN 978-3-86785-069-8

Historischer Roman aus der Zeit der Reformation in Mecklenburg

Leseprobe:

"Abermals lügst du, Schwester Ingeborg, denn man geißelte mich zum ersten Male, weil ich den Namen Luthers hier im Kapitel genannt hatte und mich zu seiner Lehre bekannt, und zum andern Male, weil ich seine frommen Lieder sang, um mich in meinem Glauben zu stärken, und zum dritten Male, weil ich nicht an die Verwandlung des Leibes des Herrn glauben wollte und das heilige Mahl auf Grund von Schriften Luthers in beiderlei Gestalt verlangte."
"Halt", rief der Landrat Christof von Linstow, "bedenkt, was Ihr sagt, Schwester, so Ungeheuerliches kann in diesen Mauern nicht geschehen sein."
"Ist hier eine Schwester, die es anders weiß, die mag gegen mich Zeugnis ablegen", sagte Margarete und sah sich um, aber alle schwiegen, und es ward totenstill in dem Raum. Da hub eine leise Stimme an zu reden, die alte blinde Schwester Karin war es, die seit dem plötzlichen Tode ihrer lieben Gefährtin fast immer gewesen, als lebte sie schon in einer andern Welt. Und sie sagte ganz leise, als spräche sie zu Geistern: "O, wenn hier in diesem Hause alle Zellen reden könnten! Wenn alle Träume und Phantasien Gestalt gewönnen, welche entsetzlichen Bilder tauchten dann auf. Wenn alle Klagen und aller Jammer plötzlich laut würde, das Geschrei müßte uns betäuben. O wehe, wenn sich auch nur die stillen Seufzer sammelten, es wäre ein gräßlicher Laut, der das Herz zerbräche."
Sie hielt inne, und erst nach einer Weile hub sie wieder an: "Ihr sagt von Heiligen? Ich rufe sie auf, daß sie von sich selbst bezeugen, daß sie vor Gott bis zum letzten Atemzuge armselige Sünder geblieben sind. Die Welt geht weiter, und der Herr erschließt immer tiefere Blicke in sein heiliges Gesetz. Weh uns, daß wir mit unserm Gewissen zurückblieben und seine tiefsten Forderungen nicht verstanden haben. Nun bricht die neue Zeit herein, wir tasten umher und bedürfen Handleiter, und wo sie sind, da gehen wir vorüber. Mein Kind, mein liebes Kind, komme zu deiner alten Karin und lehre sie, wie man Gott suchen soll, ich kann ja nicht zu dir kommen."
Sie wollte sich von ihrem Stuhl erheben, aber sie fiel zitternd in sich zusammen. Margaretens schwache Hände reichten nicht aus, sie zu halten, da sprang Elisabeth Hagenow herzu.
"Nimm mich auch in die Schule, Margarete", sagte sie, "ich weiß nicht viel von Luther, aber zu dem, was ich weiß, bekenne ich mich von ganzem Herzen."

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