Armin Münch
Heiligendamm 2007

ISBN 978-3-86785-080-3

Die Texte für dieses Buch entstanden auf der Basis umfangreicher Recherchen im Auftrag des damaligen Gewerkschaftsverlages "Tribüne" in der Zeit vor 1989 und sollten den Urlaubern das Land an der damals schon sehr beliebten Ostseeküste ein wenig näherbringen. Die Ereignisse der Wendezeit und der nachfolgenden Jahre verhinderten die Vollendung dieser Pläne.
Inzwischen hat sich nicht nur das Profil der Feriengäste verändert. Dennoch haben wir die vor zwei Jahrzehnten entstandenen Texte nicht verändert und auch nicht aktualisiert. Sie bieten also nicht nur Informationen zur Geschichte und Einblicke in den Alltag der hier beheimateten Menschen; sie wecken bestimmt auch eigene Erinnerungen. So haben wir uns entschlossen, das Buch so herauszubringen, wie es damals beabsichtigt war.



Leseprobe:

Der Salzwasser-Kneipp
Dr. Vogels immer noch aktuelle Baderegeln
Der schwäbische Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) wurde als Begründer verschiedener Wasserheil- und Abhärtungsmethoden bekannt, dagegen weiß man nur wenig über die Leistungen des Rostocker Medizinprofessors Dr. Samuel Gottlieb Vogel (1750-1837), der bereits ein Jahrhundert vor Kneipp Grundsätze der Wasserheilkunde gesammelt und veröffentlicht hatte.
Vogel konnte zwar auf die Vorstellungen der alten Griechen über die Heilkräfte des Meeres und auf einige Erfahrungen britischer Ärzte zurückgreifen, dennoch beschritt er wissenschaftliches Neuland und gelangte zu Erkenntnissen, die bis heute gültig und - durchaus lehrreich sind.
1794, also schon ein Jahr nach Gründung des Feudalbades Heiligendamm, des ersten deutschen Seebades, wozu Vogel wesentlich beigetragen hatte, stellte er seine Schrift "Über den Nutzen und Gebrauch der Seebäder" vor, 1788 folgte "Zur Nachricht und Belehrung für die Badegäste …" und 1817 stellte er schließlich seine "Allgemeinen Baderegeln" zusammen, Schriften, die heute nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden sind.
Dabei ging es ihm nicht nur um den Aufenthalt im Wasser, sondern auch um die Gestaltung der Tage, die der Gast an der See zubrachte. Er empfahl insgesamt viel Bewegung in der frischen, salzhaltigen Luft, in Sonne und Waldeskühle.
Trägheit und Untätigkeit lehnte er ab. Als Doberaner Badearzt setzte er sich dafür ein, daß die entsprechenden Möglichkeiten für verschiedenartige Spiele, Spaziergänge und -ritte, Kutschfahrten, Konzerte und Theaterbesuche geschaffen wurden. Alles sollte allerdings in Maßen betrieben werden, Übertreibungen wirkten "mörderisch wie Gift und Dolch". Einige der Vogelschen Hinweise aus seinen "Allgemeinen Baderegeln" sollen hier - nicht nur zur Würdigung der Arbeit dieses Mannes - wiedergegeben werden:
"Eine gelinde Bewegung, wovon das Blut nicht zur Wallung gebracht worden, ist vor dem Bade nützlich.
Man muß nie bald nach Tische und mit vollem Magen baden.
Sich durch irgendeine Ursache erhitzt oder vollends im Schweiße baden, kann die gefährlichsten Folgen haben.
Unmittelbar nach einer heftigen Gemüthsbewegung muß man sich niemals baden.
Je froher und furchtfreyer man ins Bad steigt, desto besser.
Man muß nicht mit zu langsamen Schritten ins Wasser steigen, doch auch nicht zu plötzlich.
Wer etwas vollblütig ist, muß sich den Kopf vorher mit Wasser übergießen.
Im Bade erhält man sich immer in einiger Bewegung durch Untertauchen, Rührung der Arme usw.
Beym Baden zum ersten Mahle ist zu rathen, sich nur einmal oder ein paarmal unterzutauchen.
Nach dem Bade setzt man sich abermals in Bewegung. In gänzlicher Ruhe muß man sich nie gleich begeben.
Daß das Bad wohlbekommt, ist, wenn man nach dem Bade bald wieder warm wird, den Kopf und die Brust ganz frey und sich überhaupt leichter, munter und erquickt fühlt.
Dagegen muß man nicht wieder baden, wenn man noch eine geraume Zeit nach dem Bade frostig und kalt bleibt.
Wenn man den rechten Nutzen haben will, muß man es täglich, auch wohl zweimahl wiederholen."

Die Ratschläge Dr. Vogels halten der modernen Betrachtungsweise durchaus stand. Erstaunlich bleibt, wie der Doberaner Badearzt schon nach kurzer Zeit und wenigen Erfahrungen im Badebetrieb zu inzwischen bewiesenen Erkenntnissen kam.
Ganz aktuell und für nicht wenige unserer Zeitgenossen bedenkenswert wirkt folgender Hinweis Vogels:
"Badehemden, Beinkleider im Bade sind nicht zu rathen und mildern den Nutzen desselben. Es geht dadurch nicht allein zum Theil der Impuls und der stärkende schnelle Reiz des Wassers auf die Haut verlohren, sondern gerade die bedeckten Theile sind auch am ersten Erkältungen ausgesetzt."

Inwieweit Dr. Vogels Regeln von seinen größtenteils adligen Badegästen beachtet wurden, ist nicht überliefert. Berichtet wird allerdings, daß der kleine Mann, ständig Zuckerstückchen kauend, während der Vormittagsstunden, wenn am Heiligen Damm gebadet wurde, pausenlos auf den Beinen war.
Manchmal hatte er es allerdings auch damit zu tun, seine Herrschaften überhaupt ins Wasser zu locken. So berichtet er von einem Badegast, der zwar täglich am Ufer erschien, aber nie Mut aufbrachte, ins Wasser zu steigen. Vogel bestieg mit ihm die Badeschaluppe, um ihn zu bewegen, seine grundlose Angst zu überwinden, doch der Mann plätscherte lediglich mit den Zehen an der Wasseroberfläche. Als Dr. Vogel ihm eines Tages ein nasses Handtuch überlegen wollte, um ihm wenigstens das Gefühl des erfrischenden Wassers zu vermitteln, ergriff der Badegast die Flucht und wurde am Heiligen Damm nie wieder gesehen …

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