Karina Albrecht
Die den Wind säen


ISBN 978-3-86785-085-8

Erfrischend ursprünglich und bildhaft-stimmungsvoll beschreibt die Autorin skurril-poetisches Leben auf dem Lande in den 50er und 60er Jahren der DDR. Mit treffender Ironie sowie einem sicheren Gespür für derben Humor und überraschende Pointen erschafft sie eine Welt liebevoll beschriebener Figuren. Eine Synthese aus literarischer Tradition und Moderne, aus Ehm Welk, Erwin Strittmatter und Emile Zola, was die detailverliebten, naturalistischen Szenen anlangt.
(Hans-Jürgen Schumacher, Vors. des Schriftstellerverbandes Mecklenburg-Vorpommern)



Leseprobe:

Mit ihrer Lebensklugheit und dem Wissen über Vorgänge in der Natur hätte sie jeden Sesselfurzer in die Tasche stecken können. Und wenn Betty die Brust juckte und sie sagte, "mi juckt de Bost, ick gloef, wie kriegn Frost", konnte man sich getrost warm anziehen. Legendär waren auch ihr Ordnungssinn und ihr Reinlichkeitsfimmel. Wehe dem, der beim Durchqueren des Flurs nicht die eigens dafür ausgelegten Ko-kosläufer benutzte und Tapsen auf den blitzenden Steinfliesen hinterließ! Sie erkannte jede Spur. Wie ein Fährtensucher verstand sie, die Abdrücke zu lesen und scheute sich nicht davor, auch mal daran zu schnuppern.

Rose steht ratlos im großen Flur. Hinter welcher der vielen Türen mochte sich wohl die Küche befinden? Um nichts auf der Welt möchte sie in ein verkehrtes Zimmer hineinplatzen. Könnte ja noch jemand annehmen, dass sie hier mitten in der Nacht herumspionierte. Außerdem ist Rose viel zu beeindruckt von all dem Wohlstand, mit dem das Haus im Übermaß angefüllt zu sein scheint.
Aber der Durst und ein immer stärker werdendes Gefühl von Unwohlsein lassen einen Rückzug auf die schwankende Couch nicht mehr zu.
Rose versucht, in die Eingeweide des schlafenden Hauses hineinzulauschen, erhascht ein undeutliches Gemurmel. Sie ortet die dazugehörige Tür und erkennt Karolines Stimme. Bei näherem Herangehen wird das Gemurmel deutlicher. Der Sinn allerdings bleibt Rose verschlossen. Als wären es magische Worte, wie eine Zauberformel wiederholt Karoline mehrmals hintereinander die selben Sätze: "Es war die Nachtigall und nicht die Lerche." Rose bemerkt, dass Karoline bei dem Wort Nachtigall ihre Stimme in unnatürliche Höhen treibt, so dass die Nachtigall fast in einem schrillen Gekreisch verendet.
Ob hier meine Hilfe benötigt wird?, denkt Rose und versucht ein aufkommendes Zittern ihrer Knie zu unterdrücken.
Es hat schon was Gruseliges, dieses nächtliche Gemurmel. Und vor allem, es ist November, weder Nachtigall noch Lerche haben um diese Zeit hier herumzuflattern. Wie konnte Rose auch ahnen, dass Karoline tagsüber "Romeo und Julia" studierte und in ihren Träumen selber zum Romeo wurde. Man durfte von Karoline nicht erwarten, dass sie dies lautlos tat. Aber erstmal scheint Shakespeare seinem Helden etwas Ruhe zu gönnen.
Karolines Gemurmel wird leiser, hört schließlich ganz auf. Rose ist erleichtert und geht zur nächsten Tür.
Die absolute Stille, die sich dahinter befindet, ist auch irgendwie unheimlich. Sogar als Rose ihr Ohr an das Holz presst und angestrengt hindurchzulauschen versucht, ist nichts zu erhören. Was Rose nicht weiß, ist, dass sich Bettys Zimmer dahinter befindet. Und Betty entgeht in diesem Hause nichts. Von Natur aus sehr misstrauisch, hat sie die ganze Zeit jedes kleinste Geräusch verfolgt und zu deuten ver-sucht. Gleich einer Königskobra umschlingt sie ihren Bettpfosten, den Kopf in Türrichtung weit ausge-streckt und bereit, sofort aus dem Lager zu schießen, wenn es notwendig erscheint. Irgendwie scheint Rose die Gefahr zu wittern. Nein, diese Tür vermittelte nicht den Eindruck, Vorsteherin einer Küche zu sein. Mit äußerster Vorsicht schleicht Rose zur nächsten Tür.
Endlich mal ein offenes Geheimnis. Sie gibt den Blick auf eine Treppe frei, die zum Dachboden führt. Rose weiß, dass sich da oben das Zimmer von Hannes befindet. Wenn es dort nicht gar so ungemütlich wäre, würde sie trotz ihres Unwohlseins hinaufklettern.
Aber bis auf ein paar schmale Gänge ist der Dachboden vollständig mit Weizen vollgestopft. Auch in Hannes Zimmer häuft sich der Weizen, sein Bett steht quasi im Kornfeld und alles, was in einem Korn-feld so kriecht, krabbelt und huscht, befindet sich auch dort. Um dieses Zimmer schien der Wohlstand einen Bogen gemacht zu haben. Auch wenn der Weizen wertvoll war, er vermochte nicht, anheimelnde Gemütlichkeit in Hannes Zimmer zu verbreiten.
Endlich taucht aus der Stille ein bekanntes Geräusch auf. Nie hätte Rose es für möglich gehalten, ein-mal so viel Freude über einen tropfenden Wasserhahn zu empfinden. Das Geräusch als Kompass nut-zend, findet sie die Küche. Die neue Umgebung, in der Rose sich noch wie eine Fremde fühlt, macht ihr ein bisschen Angst. Makellose Ordnung und Sauberkeit der Küche beeinträchtigen ihre Handlungsfähig-keit. Wäre es nicht ungehörig, sich an fremden Schränken zu schaffen zu machen?
Diese Unentschlossenheit ist nicht gesund, aber Rose ist unfähig, irgendetwas anzufassen oder gar ei-ne Schranktür zu öffnen, um ein geeignetes Trinkgefäß zu suchen.

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