|
Carl Beyer Die alte Herzogin Roman über die Zeit des Dreißigjährigen Krieges
ISBN 978-3-86785-088-9
Herzogin Sophie (1569-1634) war bereits mit 23 Jahren Witwe und Mutter von drei Kindern. Die Söhne und Erben, die ihr genommen und entfremdet wurden, gingen in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges eigene Wege. Herzogin Sophie aber blieb ihrem Glauben treu, sorgte sich bis ins Alter um ihr Land, kämpfte um die Liebe ihrer Söhne und hatte ein Herz für Alte und Kranke. Sie gab den Auftrag für den Bau der St. Johannes-Kirche in Lübz und für eine Kirche mit einem Stift für alleinstehende Witwen.
|
|
 |
|
Leseprobe:
Als Klaus Delbrügge durch den von Neustadt zurückjagenden Förster erfahren hatte, welchen Bescheid Wallenstein in Bezug auf die alte Herzogin gegeben, fand er merkwürdigerweise sofort den rechten Weg aus dem Walde und alle übrigen Straßen, sodaß er noch am Nachmittage seine Herrin nach Lübz zurückbrachte; die Trauerkunde vom Tode des Junkers Moltke bei dem Fluchtversuche, die der Förster ihm auch mitgebracht hatte, verschwieg er zunächst vorsichtig in der Annahme, daß üble Kunde immer noch zeitig genug ihren Weg fände. Kaum hatte die Herzogin Sophie ihr Zimmer aufgesucht, da schleppte sich ein Wagen langsam auf den Hof, die Pferde waren abgetrieben und sahen zum Umfallen aus, eine müde blasse Frau stieg schwerfällig ab. Kaum hatte die Herzogin sie vom Fenster aus erblickt, als sie mit dem Rufe: "Die Frau von Bülow aus Gülzow" hinauseilte. Sie sah, daß die Fremde ihr entgegen wankte, breitete die Arme aus und fing sie auf. "Großer Gott", rief sie, "was ist geschehen? Dich führt Entsetzliches von Gülzow zu mir."
Beide standen so eine Weile, die Herzogin fühlte, wie zuweilen ein Zucken durch die Glieder der Fremden lief, und führte sie vorsichtig in das Zimmer. Dort ließ sie sie auf einen Ruheplatz nieder, und ihren mütterlichen Liebkosungen gelang es endlich, die Starrheit zu lösen.
"Ich mußte jemanden suchen", sagte die Fremde langsam wie mit schwerer Zunge, "der mir fluchen helfen könnte."
"Ich will dir ja helfen, wo und wie ich kann, sage mir nur, was dir zuleide getan ist."
"Ich habe vor ihm gelegen auf den Knieen - er sah mich an mit eisig kaltem Blicke und winkte und ließ mich wegtreiben." Die Fremde richtete sich auf und hob die Hand feierlich zum Himmel und rief: "Höre mich, Gott, höre eine Mutter! Ich habe gewinselt vor seinem Fenster - er ließ mich durch seine Wächter fortstoßen, hier sind die Zeichen ihrer Roheit an meinem Leibe! Fluch ihm! Herrgott, laß sein Herz dafür verdorren. - Ich habe die Stadt Schwerin Tag und Nacht mit meinem Geschrei erfüllt - er ließ mich greifen und einsperren, und ich lag am Boden - einsam die ganzen Nächte und rief die Tage um Erbarmen, solange meine Stimme es vermochte. - Er hat mir meinen Sohn genommen, meinen einzigen Sohn - und ich bin eine Witwe, Gott im Himmel - er hat keinen Sohn - triff ihn und sein Geschlecht mit meinem Mutterfluche, laß seine Werke zerfallen, wie er mich, meinen Stolz, mein Glück hat in den Staub getreten! - Er hat Eurer Hoheit Söhne auch aus dem Lande gejagt und von der Väter Erbe vertrieben - helft mir fluchen!"
Die gebrochene Frau fiel matt zurück, ihre Glieder waren schlaff, sie war offenbar ihrer Besinnung nicht mächtig. Leise streichelte die Herzogin Sophie die magere schlaffe Hand, anfangs zuckte die unglückliche Frau bei jeder Berührung zusammen, dann wurde sie ruhiger, und als sie in die treuen guten Augen der mütterlichen Freundin sah, hob sich ihre Brust wieder in gleichmäßigen Atemzügen, und nach einer Weile begann sie zu berichten: "Man hatte uns erzählt, daß der Friedländer mit großem Gepränge über Sternberg nach Schwerin ziehen würde, und mein Sohn Otto Christoph lag mir an, die Pracht ansehen. Ich Unselige tat ihm den Willen, fuhr mit ihm aus und hielt unweit der Landstraße hinter einem niedrigen Steinhaufen und sah die Schar nahen. Als der Wagen des Friedländers vorüberfuhr, standen wir auf und verneigten uns beide, da hielt er und sah meinen Sohn scharf an, wechselte dann einige Worte mit einem heransprengenden Reiter und fuhr davon. Wir sahen noch dem letzten Mann des Zuges nach, da kamen um den Steinhaufen herum von hinten drei Männer auf uns zu, der eine verbeugte sich und sagte: ‚Der Herzog läßt der gnädigen Frau melden, daß er mit besonderem Wohlgefallen den frischen, schlanken Junker gesehen hat. Er bittet die gnädige Frau, ihm die Ausbildung und Erziehung des Junkers anzuvertrauen.' Ich faßte mich schnell und lehnte mit höflichen Worten dankend ab, weil ich beschlossen hätte, meinen Sohn Otto Christoph demnächst zur Universität zu senden. Da machten sich die drei näher an uns, und der Sprecher entgegnete, daß der Herzog nicht gewohnt wäre zu bitten, ohne erhört zu werden. Als ich fest blieb, sprach er drohender, und endlich erklärte er, er habe den Befehl, den Willen des Herzogs nötigenfalls mit Gewalt durchzusetzen. Mein Sohn sprang ohne Besinnen sofort über den Steinhaufen und wäre entkommen, wenn er nicht unglücklich gefallen wäre. Da waren sie über ihn und rissen ihn fort. Aus der Ferne hörte ich noch einige Male seine Stimme: ‚Mutter, Mutter!' Das war das Letzte, denn sie warfen ihn auf ein Pferd und eilten dem Zuge nach. Ich glaubte noch nicht, daß hier ein Befehl des Herzogs vorläge, und jagte sofort nach Schwerin auf meinem Wagen. Und da sagte man mir, daß alle die jungen Söhne des Adels, die er auf die Ritterakademie nach Güstrow gelockt hatte, dazu die beiden Söhne der früheren Landräte Moltke und Bevernest von ihm entführt wären. Die Jüngeren wären schon über die Grenze vorweg gesandt, der Rest folge zu Pferde seinem Zuge unter sicherer Bedeckung, und einer der Hofbeamten verriet mir, daß alle in das Jesuiten-Kollegium nach Gitschin gebracht würden, um dort bewacht und ausgebildet zu werden.
zurück
|
|
|
|
|