Ingeborg Arlt
Das kleine Leben
Erzählung

ISBN 978-3-86785-104-6


Die Autorin erzählt von einer leidenschaftlich liebenden und hassenden Frau, deren Sinnlichkeit und deren Anspruch auf Glück sie rückhaltlos bejaht. Ein Buch, "… das nun zwar jede wünschenswerte Menge von Emotionen: Zorn, Liebe, Verletztheit, Mitleid, das Widerborstigkeit und Zartheit enthält, aber kein Gran Selbstmitleid oder Sentimentalität", schrieb Christa Wolf 1987 zu diesem Debüt.



Leseprobe:



Barbara, alt genug, über dreißig, mußte der Mutter versichern, daß Burkhard solide ist. Nichtraucher, Nichttrinker. Wo denkst du hin, Mutti. Er ist Sportler, da darf er nicht trinken. Geschieden ist er? Das stimmte die Mutter bedenklich. Geschieden wird man nicht ohne Grund.
Verwundert hörte Barbara, daß an einer Trennung von Mann und Frau immer beide schuld seien. Und du und Vater, wollte sie fragen, ließ es dann aber, führte lieber das Weinglas zum Mund. Burkhard, erklärte sie wortreich der Mutter, nachdem sie das Glas abgesetzt hatte, trage von der Schuld nur die kleinere Hälfte.
Er hat so gute Eigenschaften. Doch, Mutti. Wirklich.
Daß Burkhard ein leidenschaftlicher Angler ist, verschwieg sie, um die Mutter nicht unnötig an den Vater zu erinnern. Auch eine andere Leidenschaft Burkhards behielt sie lieber für sich. Die Mutter und sie dachten in verschiedenen Worten. Wo Barbara "Lust" sagte, sprach die Mutter von "Wollust", was bei ihr immer klang wie Messerstechen, Schmugglerbande, Syphilis und Bordell. Wenn die Mutter die Katzen im Hof fütterte, sorgte sie dafür, daß die Kater nichts bekamen - zur Strafe für ihr schamloses Treiben. Lieber ließ Barbara nicht erkennen, was sie so gern trieb mit Burkhard. Sonst gäbe die Mutter ihr womöglich nichts mehr zu essen.
Hannelore aber -
"Wenn ich" und "hätte ich" und "wär ich doch" denkt Barbara immer wieder. Wenn ich doch nicht mit Burkhard nach Pritzwalk gefahren wäre! Hätte ich ihn doch allein fahren lassen! Wäre ich doch zu Hause geblieben!
Hannelore, die damals Eva-Marita als Geliebte verlor, Hannelore, deren letzter Liebes- und erster Freundschaftsdienst für Eva-Marita in einem tapferen Schweigen bestand, Hannelore hatte Bedenken. Am Anfang sieht man nur die Konturen des anderen, sagte sie. Und die füllt man entsprechend den eigenen Sehnsüchten aus. Aber wenn man sich dann genauer sieht …
Ach, sagte Barbara, Hauptsache, man ist sich im Wichtigsten einig.

Worin aber das Wichtigste bestand, darüber konnte sie mit Burkhard nicht sprechen.
Oft hatte er keine Zeit.
Wenn sie ihm die Jeans, in die sie ihm einen neue Reißverschluß eingenäht hatte, zurückbrachte oder die Schuhe, die sie für ihn von der Reparatur geholt hat und seine Wohnung leer fand, ihm erst begegnete, als sie schon im Begriff war, das Haus zu verlassen, er aus dem Keller kam, während sie aus der Aufzugtür trat, dann ahnte sie schon, was sie gleich sehen würde.
Vor dem Haus stand sein Auto mit aufgeklapptem Kofferraum, und an der Bordsteinkante stand irgendein schweres Ding, das er einladen und irgendwohin fahren wollte - nein, nein, es war also kein Ding! Sie nahm?s schon zurück. Ein Schweißtrafo war es, den sie stehen lassen sollte. Ob sie nicht wisse, was so ein Ding kostet.
Sie wußte es nicht.
Sie wußte nur, daß sie Burkhard an diesem Wochenende wieder nicht sehen würde, weil irgendeinem Willi, Manni, Kalle oder Keule ein Rahmen, eine Achse, ein Schlüssel, Schlüsselbein oder sonstwas gebrochen war, etwas, das geschweißt werden mußte. Oder daß ein Dach zu decken, ein Zaun aufzustellen, ein Aquarium, Hühnerstall, Eigenheim zu bauen war. Burkhard ist immer so hilfsbereit. Er kann nicht nein sagen, wenn jemand was braucht.

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