Matthias Burkhardt
Malerin, Partisanin, Mystikerin
Thea Schreiber-Gammelin 1906-1988

ISBN 978-3-86785-106-0

Die 1906 in Brunshaupten (heute Kühlungsborn) geborene Pastorentochter und spätere Malerin Thea Schreiber lebte seit 1931 mit der damals berühmten Schriftstellerin Alma M. Karlin im jugoslawischen Celje. Die beiden Künstlerinnen entwickelten sich sehr bald zu konsequenten Nazigegnerinnen und arbeiteten schließlich bei den Partisanen im Untergrund mit.



Leseprobe:

… In dieser Zeit hörte sie zufällig im Radio eine Sendung über neue Bücher. Ausführlich wurde das Buch einer Weltreisenden vorgestellt. Gespannt hörte Thea zu und schrieb sich den Buchtitel auf: "Einsame Weltreise" von Alma M. Karlin. Sofort stürmte sie zu ihrem Vater in sein Studierzimmer und hielt ihm den Zettel hin mit der dringenden Bitte, ihr dieses Buch zu besorgen. Nach einigen Tagen war das Buch eingetroffen.
Inzwischen hatte Thea die ganze Familie für das Buch der heldenhaften, kleinen Weltreisenden begeistert. Jeder wollte es zuerst lesen. So übernahm es der Vater, das Buch laut vorzulesen, und die anderen hörten ihm zu. Immer länger wurden die Vorlesestündchen. Es ist überliefert, dass darüber der Pastor eine Amtshandlung vergessen haben soll. Aufgeregt kam der Küster angelaufen, um den Pastor in die Kirche zu holen. Das war dem sehr ordentlichen Mann noch nie passiert. Natürlich las Thea das Buch noch einmal allein durch. Sie ließ sich noch weitere Bücher der gleichen Autorin besorgen. Was begeisterte sie so sehr an ihr?
Es war wohl die Tatsache, dass Alma M. Karlin, obwohl sie fast unscheinbar klein war und darüber hinaus mittellos, in der schweren Zeit nach dem Ersten Weltkrieg den Mut hatte, eine Weltreise anzutreten, die sie von ihrer Heimatstadt Celje in Jugoslawien über Triest, Gibraltar, Teneriffa, Barbados, Trinidad, durch den Panamakanal nach Peru, Nicaragua, Honduras, Mexiko, Kalifornien, Hawaii, Japan, China, Formosa und schließlich auf einsame Südseeinseln und von dort über Indien zurück führte. Achteinhalb Jahre dauerte diese Weltreise. Sie musste sich mühevoll mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen, als Schreiberin von Artikeln für europäische Zeitungen, als Übersetzerin und Sprachlehrerin. Entscheidend hatte der Weltreisenden ihre außerordentliche Sprachbegabung geholfen. Sie beherrschte nicht weniger als 12 Sprachen.
Oft genug musste sie auf der Reise um Leib und Leben bangen. In manchen Ländern, die sie besuchte, galten damals alleinstehende Frauen noch als "Freiwild" für die dominierende Männerwelt.
Aber Alma M. Karlin ließ sich auch in den bedrohlichsten Situationen nicht unterkriegen, obwohl sie mehrfach schwer von Tropenkrankheiten heimgesucht wurde und nur unter Mühe ihr Leben rettete. Diese "Odyssee" einer außerordentlich selbstbewussten Frau, die sich auch in den schwierigsten Situationen behaupten konnte, erschien Thea geradezu "heldenhaft". Zu dieser Frau musste sie unbedingt Kontakt bekommen. Sie fand ihre Adresse heraus.

Wo aber liegt Celje? Im Norden Jugoslawiens. Bis 1918 hieß diese Stadt Cilli und gehörte zur südlichen Steiermark, also zu Österreich. Sofort holte der Vater einen Atlas hervor und zeichnete in der gewohnten Art mit Buntstiften Karten dieser Gegend.
Umgehend schrieb Thea an die damals durch ihre Bücher im deutschsprachigen Raum sehr bekannte Schriftstellerin. Wahrscheinlich kam es kurz darauf zu einer persönlichen Begegnung in Stockholm, wo Alma M. Karlin Lesungen hielt.
Die beiden Frauen verband sofort eine große Zuneigung. Die 17 Jahre ältere Schriftstellerin lud die junge Malerin spontan in ihre Heimatstadt Celje ein. …

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