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Heidemarie Bradhering Sprechende Steine Ein kleiner Rundgang durch die Innenstadt von Rostock
ISBN 978-3-86785-123-7 5,00
Eine kleine Figur wird lebendig und begibt sich auf den Weg durch die Geschichte der Hansestadt Rostock. Wer hat Lust, sie auf diesem Weg zu begleiten?
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Leseprobe:
"Hi, Leute, ich bin die ,Trinkende' oder auch ,Muscheltrinkerin', wie einige mich nennen. Schon seit 1922 stehe ich hier in den Wallanlagen der Stadt und habe schon so viel erlebt, bin sogar schon gekidnappt worden. Wahrscheinlich fanden mich einige so schön, dass sie mich für sich allein haben wollten, für ihren Garten oder so. Aber ich will mich ja nicht rühmen, will auch gar nicht so sehr von mir erzählen.
Ich stehe also hier schon ganz schön lange so über meine Trinkschale gebeugt, was mir aber eigentlich gar nichts ausmacht, denn ich bin ja eine Plastik.
Nun müsst ihr aber nicht denken, dass ich deshalb nichts mitbekomme von dem, was um mich herum vorgeht.
Tagein tagaus schaue ich auf den Rosengarten und auf das Steintor im Hintergrund.
Da macht man sich ja so seine Gedanken. Und ich höre auch, was die Leute sich so erzählen.
Neulich erst kamen zwei ganz vornehm gekleidete Männer vorbei. Die haben sich aber gestritten, wie die Schuljungs.
Sagt der eine: "Schau mal, wie schön unser Rosengarten wieder aussieht. Ist doch toll, dass unsere Vorfahren hier mal Rosen pflanzten und später sieben Linden. Das war noch konsequent, denn in Rostock hat ja alles irgendwie mit der Zahl 7 zu tun.
Sieben Türme auf der Marienkirche, sieben Landtore, sieben Kaufmannsbrücken, sieben Türme auf dem Rathaus, sieben Glocken …"
"Ach was, hör doch auf", sagte der andere. Hier war doch früher bloß ein Pferdemarkt, ein Rossegarten. Erst heute stehen hier Linden und auch diese herrlichen Rosen." Und schon waren sie an mir vorbei, aber da fing der Streit erst richtig an, aber ich konnte mich ja leider nicht umdrehen, ich stehe ja fest auf meinem Sockel. Und das ist auch mein größter Kummer. Ich weiß nun immer noch nicht, warum der Rosengarten Rosengarten heißt und - was noch schlimmer ist - ich weiß nicht, was hinter meinem Rücken passiert und ich hätte doch so gern mal gewusst, wohin die vielen Kinder aus der Großen Stadtschule immer laufen und warum sie dabei meistens so fröhlich sind.
Manchmal setzt mir das so zu, dass ich ganz nasse Augen bekomme, aber das kann ja auch vom Regen kommen.
Aber wisst ihr, was mir eines Tages passierte? Nein, das könnt ihr ja gar nicht wissen, also werde ich es euch erzählen, denn da ging mein ganz großer Traum in Erfüllung.
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