Das Opernglas, Heft 11/2008
Peter M. Schneider
Heldentenor Spas Wenkoff - "Alles war Zufall"

"Alles war Zufall" betitelt der Opernsänger, Intendant, Agent und Autor Peter M. Schneider seine druckfrischen Erinnerungen an die Karriere des bulgarischen Tenors Spas Wenkoff, der, heute in Bad Ischl lebend, in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiern konnte. Sehr persönlich spricht die Verehrung der Lebensleistung des Spätentwicklers aus mehr als 230 Seiten. Auch hier kommt der mit dem Band geehrte Sänger selbst in Briefen und Zitaten zu Wort, darf noch einmal Andeutungen über Claqueure in Wien, Frustrationen über persönlich empfundene Zurücksetzungen im Opernbusiness der Siebziger-und Achtzigerjahre zum Besten geben. Dabei liest sich die Faktensammlung Schneiders für sich genommen außerordentlich imposant. Debüt als Tristan im Alter von 47 Jahren und dann weitere beeindruckende 225 Mal (3 Aufführungen mehr als der legendäre Lauritz Melchior) in dieser Rolle nahezu auf der ganzen Welt. Die Partie lag Wenkoff eigenen Angaben zufolge zusammen mit dem Tannhäuser (164 Vorstellungen) am besten. 500 Wagner-Aufführungen insgesamt sind die Bilanz dieses Sängerlebens und berechtigten mehr als manch andere Publikation zu dem Titel "Heldentenor".
Daneben gerät die etwas unorthodoxe Strukturierung in der Abwechslung von persönlicher Erinnerung, Briefzitaten einer langjährigen Freundschaft zwischen Autor und Künstler, Zeitungsausschnitten und immer wieder auch "Originalton Wenkoff" nach bald 20 Jahren Überwindung der Ost/West-Teilung zu einem historischen Dokument. Denn zu einer Zeit, in der noch keine Russen, Bulgaren, Koreaner, Chinesen oder Rumänen wie heute selbstverständlich das internationale Operngeschehen mitbestimmten, wird eine Sängerkarriere über Jahrzehnte von der kleinsten zur größten Bühne der damaligen DDR nachvollzogen, die dann endlich 1976 mit dem Bay-reuther"Tristan" (16 Vorstellungen bis 1983) und dem "Tannhäuser", der jüngst auf DVD erschienen ist, den internationalen Durchbruch erlebte. Das stimmliche Rüstzeug und die Kondition dafür, noch mit 63 Jahren drei Mal in einer Woche den "Tristan" an der Wiener Staatsoper singen zu können, waren in den ersten langen Jahren der festen Engagements erarbeitet worden: "Csárdásfürstin", "Zar und Zimmermann", "Vogelhändler", "Verkaufte Braut", aber auch "La Traviata", "Otello", "Pagliacci", "Rigoletto", "Maskenball", "Troubadour", "Hoffmanns Erzählungen", "Zauberflöte", "La Boheme", "Tosca" - alle Auftritte sind dokumentiert in den seit dem Jahr 1964 eigenhändig geführten Aufzeichnungen des Künstlers am Ende des Bandes, das als kleine Einschränkung einen nochmaligen Redigiervorgang durchaus vertragen hätte, um fehlerhafte Namensschreibweisen wie die des unvergessenen Regisseurs Jean-Pierre Ponnelle zu korrigieren oder den (umgangs)sprachlichen Schreibstil hier und da abzumildern oder auf eine (literarischere) Reihe zu bringen.


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