Der Krautgarten im November 2004 über:
Wendel Schäfer "Grillensang"

ZU WENDEL SCHÄFERS GRILLENGESANG

"Über dem Aphorismus schwebt immer ein Wölkchen blauer Dunst. - Das macht ihn so leicht gegenüber tiefhängenden, schweren Gedanken. Nach dem aus Polen stammenden Satiriker und Aphoristiker Gabriel Laub zeichnet sich der Aphorismus dadurch aus, dass man "mehr Worte für seine Charakterisierung braucht als für den Aphorismus selbst", es sei denn, man macht ihn selbst zum Inhalt eines Aphorismus, wie es Wendel Schäfer in Grillensang, seiner neuesten Aphorismensammlung, getan hat. Ein solcher "Meta-Aphorismus", gleichsam eine Anleitung zum Umgang mit den Texten, steht jeweils am Anfang der sieben Kapitel, die aus insgesamt weit über zweihundert "Kurznotizen für Langdenker" bestehen.
Wendel Schäfer ist in der rheinländischen Literaturszene, ja darüber hinaus, eine feste Größe: Seit 1979 veröffentlicht er neben Kinderbüchern immer wieder Satiren, Aphorismen und Epigramme, was ihm in der Vergangenheit schon zwei Satirepreise eingebracht hat; außerdem gestaltete er als Landesvorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller in Rheinland-Pfalz (1994-1998) die regionale Literaturszene entscheidend mit.
Es sind die Kleinstformen, in denen sich Schäfer als Sprachvirtuose erweist - so auch in seiner zweiundzwanzigsten Buchpublikation: Darin steht aber nicht der Moralist mit dem erhobenen Zeigefinger im Vordergrund, sondern der Beobachter, der sich über die menschlichen Unzulänglichkeiten genauso seine Gedanken macht wie über die Ohnmacht des Künstlers bei der Lösung von gesellschaftlichen Problemen, die Verfehlungen der Kirche bei der Verkündigung ihrer Botschaft oder die Existenz des Individuums angesichts des Todes. Jeder Aphorismus ist für sich ein kleines Kunstwerk, und an jedem müssen sich Autor und Leser erneut erproben. Zusammen ergeben sie eine Summe, die den Leser ruhig und nachdenklich stimmt wie einen Besucher des Mittelmeers, der an einem noch heißen Sommerabend dem Gesang der zirpenden Grillen lauscht und dem dabei weitschweifende Gedanken kommen. Wendel Schäfer ist als Verfasser von Aphorismen im heutigen von autobiographischen Romanen bestimmten Literaturbetrieb eine bemerkenswerte Ausnahme, doch möglicherweise glaubt auch er, wie Gabriel Laub, dass die Zukunft der Literatur im Aphorismus liegt, denn ihn kann man nicht verfilmen.


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