Christine Gundlach im April 2004
über die Reihe "Das verbrannte Buch"
Gerettete Bücher
Verlagsleiterin Angelika Bruhn gibt Auskunft
"Das verbrannte Buch" heißt eine Reihe aus dem BS-Verlag-Rostock. Es handelt sich dabei um Bücher, die teilweise schon 1933 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden und während der NS-Zeit in der "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" standen. Man findet nicht die berühmten Namen, sondern Autoren, für die sich nach 1945 kein Verlag mehr interessiert hat. Woher kommt jetzt nach 70 Jahren dieses Engagement des Rostocker Zwei-Personen-Unternehmens?
Es ergab sich eher zufällig. Mein Kollege suchte ein Buch aus seiner Jugendzeit, das er gern noch einmal gelesen hätte: "Die Rache des Kabunauri". Es war nirgends zu bekommen, und wir fanden heraus, daß es sich um ein Buch von Helena Bobinska handelte, das auf dieser Liste der verbotenen Bücher stand. So hat es angefangen. Wir haben festgestellt, daß viele Bücher völlig vergessen sind. Das hat uns gereizt. 6 "Verbrannte Bücher" haben wir bisher herausgebracht, unter den Autoren ist auch der jüdischdeutsche Professor für Philosophie Emil Utitz, der an der Rostocker Universität lehrte. Am 10. Mai vorigen Jahres haben wir die Bücher auf dem Universitätsplatz vorgestellt, an den Schandpfahl erinnert, an den dort 1933 die "unerwünschten" Bücher genagelt worden waren. Studenten haben aus den Büchern gelesen, es gab ein Kolloquium mit Prof. Jügelt. Wir fanden Interesse - aber keineswegs einen Massenandrang ...
Wie sind solche Bücher, die Ihnen sicher nicht unbedingt aus der Hand gerissen werden, rentabel zu verkaufen angesichts des kommerziellen Buch-Handels mit Bestsellern, Trendautoren und Merchandising?
Das betrifft nicht nur diese Reihe, nicht nur unsere Buchproduktion, sondern alle kleinen Verlage, die nicht die Mittel für Promotion-Touren und Fernsehwerbung haben. Jeden Tag erscheinen in Deutschland 250 neue Titel! Wir drucken in jeweils kleinen Serien im Print on Demand. Es gibt jährlich einen Katalog, Flyer zur Information, wir sind im Internet präsent (www.bs-verlag-rostock.de) und auf Buchmessen oder -basaren. Thalia und Weiland verkaufen unsere Rostock-Bücher. Inzwischen haben wir schon einen bundesweiten Freundeskreis. Unser Geld verdienen wir mit Büro-Service. Der Name BS-Verlag-Rostock kommt von unserer Büro + Service-GmbH. Als das Geschäft ein paar Jahre nach der Wende nicht mehr so gut lief wie zu Anfang, haben wir unser Angebot erweitert: Manuskripte von Autoren abzuschreiben, Bücher für Verlage zu digitalisieren u. a. Damit war der erste Schritt getan. Im Jahr 2000 erschien dann - auf Anregung der Gillhoff-Gesellschaft - unser erstes Buch: Johannes Gillhoffs "Bilder aus dem Dorfleben", erschienen 1905, seither nie wieder aufgelegt. Dieses Büchlein wurde uns tatsächlich aus der Hand gerissen! Damit war unser Profil gefunden: Wir verlegen Werke, die nicht mehr lieferbar sind. In dieser Reihe, die wir "MV-Taschenbuch" genannt haben, erschien gerade die Novelle "Auf der Düne" von Friedrich Spielhagen, der in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts einer der meistgelesenen Schriftsteller war und heute fast vergessen ist.
In dieser Reihe findet man vor allem Werke bekannter Autoren aus jüngster Vergangenheit, unter ihnen solche Namen wie Klaus Frühauf oder Wolfgang Schreyer aus unserer Region, aber auch Rosemarie Schuder oder Walter Kaufmann. Wie sind Sie mit den Autoren in Kontakt gekommen?
Unser Anliegen sprach sich schnell herum bei den Autoren aus der DDR-Literatur, die nun bei den Verlagen nicht mehr gefragt sind. Die meisten waren nach der Wende in ein tiefes Loch gefallen. Es gab sehr ergreifende Begegnungen, Anrufe, Briefe. Kurt Biesalski sagte mir, er hatte fast schon aufgegeben. Heinz Kahlow meinte, er sei jetzt richtig aufgelebt. Das ist das Schöne am Verleger-Sein: Man trifft eine Menge kluger und mutiger Menschen. Diese Begegnungen sind für mich ein wunderschöner Dank für alle Arbeit. Inzwischen haben wir es auf 141 Taschenbücher gebracht - Romane, Reportagen, Science Fiction, Reiseliteratur, Biografien, Vertellers un Riemels, Lyrik ...
Unter Ihren Autoren finden sich auch Namen, die selbst der kundige Leser nie gehört hat ...
... ja, in unserer dritten Reihe "Schreibwerkstatt" verlegen wir jetzt auch neue unbekannte Autoren, die kaum eine Chance bei großen Verlagen haben.
Und die "Verbrannten Bücher" - setzen Sie die Reihe fort?
Selbstverständlich - 6 Bücher sind ja noch keine Reihe! Zum 10. Mai dieses Jahres erscheint der Titel "Neue Weltpolitik. Gerechtigkeit, Menschenliebe und Duldsamkeit als Richtlinie der Staaten" aus dem Jahre 1919 von Felix Halle. Übrigens bringen wir demnächst auch einen Nachdruck der 1988 erschienenen, längst vergriffenen Broschüre von Frank Schröder und Ingrid Ehlers über die Juden in Rostock heraus.
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