Ulf Heise im Dezember 2001 über:
Wolfgang Sabath "Das Pissoir"
FUNKREZENSION
Das "Neue Deutschland" kursierte in solch rauen Mengen durch die DDR, dass viele Leute es gern zum Fenster putzen oder Einpacken benutzten. Doch bestimmte Zeitungsabonnements ließen sich auch im Staat der Unisono-Presse nur mit Gold aufwiegen. Wer Eulenspiegel, Wochenpost oder Magazin lesen wollte, konnte - so makaber das klingt - nur auf den Tod eines Dauerbeziehers hoffen, denn die SED limitierte künstlich die Auflagen. Zur heiß begehrten Bückware dieser Art gehörte auch der "Sonntag", laut Friedrich Dieckmann ein "Ventilblatt für halbfreche Ostintellektuelle". Im Team dieser Gazette arbeitete viele Jahre lang der Journalist Wolfgang Sabath. Er erlebte mit, wie die Zeitung in den Wendewirren auf Schleuderkurs geriet und schrieb eine bissige Satire über den Redaktionsalltag, in der er seine Kollegen auf die Schippe nahm. Doch die reagierten entspannt, obwohl sie sich in den Protagonisten wiedererkannten. Den Autor erstaunte das im Grunde wenig.
Doch Wolfgang Sabath teilt in seiner Groteske nicht nur Spitzen gegen andere aus, er verschont auch sich selbst nicht vor sarkastischen Attacken. Kratzbürstig stichelnd porträtiert er sich in der Figur des Reporters Hubert Kowalski, der für das Ressort Trappenkunde und Humorigkeit verantwortlich zeichnet.
Kernstück von Sabaths Roman ist eine wunderbar höhnische Episode, in der geschildert wird, wie zwei diensteifrige Kollegen das unappetitliche Pissoir im Ostberliner Redaktionshaus blitzblank scheuern, weil sich hoher Besuch aus Hamburg angemeldet hat. Man erwartet Gerd Buderius von der hansestädtischen Zeitschrift"Die Uhr" zu Gesprächen über eine Fusion mit dem angeschlagenen Wochenblatt, das im Text "Mittwoch" heißt. Doch allen Abänderungen von Namen zum Trotz errät man natürlich sofort, dass es um Gert Bucerius geht und die 1990 geplante Hochzeit des "Sonntags" mit der "Zeit". Warum die nicht zustande kam, bleibt unklar. Auch Wolfgang Sabath mag darüber nur spekulieren.
Der Tonfall, in dem Wolfgang Sabath erzählt, wirkt amüsant und spritzig. Der Autor nähert sich den Kuriositäten der realsozialistischen Presselandschaft mit einem leicht melancholischen Humor. Seinen eigenen Worten zufolge litt er zwar an der DDR, aber nicht unter ihr. Das erlaubt ihm sein keckes Amüsementa la Ringelnatz im Nachhinein. Wie alle Spötter neigt Sabath zur Übertreibung, denn sie macht anschaulich. Dennoch brauchte er nichts zu erfinden.
Obwohl dieser kleine Roman Pfiff und Charme besitzt, musste der Autor lange mit ihm hausieren gehen. Ehe er das Manuskript im MV Taschenbuch Verlag in Rostock unterbrachte, absolvierte er eine wahre Odyssee. Fast immer schickten ihm deutsche Editionshäuser Negativbescheide. Etwas genervt erinnert er sich an Dutzende von Absagebriefen, die ihm mit der Post auf den Tisch flatterten.
Doch entgegen allen Unkereien verkauft sich Sabaths bizarre Story überraschend gut. Eine Zweitauflage ist bereits angedacht. Dem Nachdruck will der Autor dann eine Reihe witziger Briefe beifugen, die er zu seinem Buch erhielt. Dieser Anhang, so meint er, werde dem ergötzlichen Panoptikum über die Krise eines ostdeutschen Minderheitenblattes noch mehr Würze verleihen.
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