Klaus-Dieter Schönewerk am 08. November 2002 über:
Elfriede Brüning "Ein Mädchen und zwei Romane"
Leben, Liebe, Literatur
Wenn die Zeiten des Vergessens anbrechen, ist Erinnerung gefordert. Manchmal und glücklicherweise ist da noch jemand, der auf sein eigenes Gedächtnis zurückgreifen kann. Dereinst gab es einen »Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller«. (Heute redet man nur noch von der Gruppe 47.) In diesem Bund gab es Dichter wie Weinert und Becher, Koplowitz und Petersen und auch eine Jung-Autorin namens Elfriede Brüning. Letztere hat zu DDR-Zeiten jede Menge Bestseller geschrieben. Die DDR hat uns verlassen, Elfriede Brüning, die heute 92 Jahre alt wird, ist nach wie vor auf dem Buchmarkt präsent. Ihr neuer Band: »Ein Mädchen und zwei Romane«, geschrieben für einen DEFA-Film, der nicht mehr gedreht wurde. Keine Ahnung, was das für ein Film geworden wäre. Zu lesen ist eine Geschichte, in der Zeit-Geschichte lebendig wird. Freilich, das Genre rückt die Szene in den Mittelpunkt, das Psychologische muss man sich meist hinzudenken. Trotzdem vermag auch der Leser sich in die Situation hineinzuversetzen. Der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller begegnet uns nach der Machtergreifung Hitlers, in der Schwierigkeit, sich illegal zu organisieren. Die Jung-Autorin, an der Pforte des Erfolgs, muss sich im Knast literarisch eines gängigen Klischees bedienen, als Alibi, und entzieht sich dann durch Schweigen dem Druck der Nazi-Ideologie. Erzählt wird aber auch eine Liebesgeschichte, die von den »Gesetzen« der Illegalität bestimmt wird und schließlich Nähe in Entfernung rückt.
Elfriede Brünings Buch ist ein Stück Erinnerung, Suche nach Motiven, wie Ideale ein ganzes Leben bestimmen können. Alltag des Jahres 1933 tritt dem Leser bildhaft entgegen, die geschilderten Szenen werfen ein Schlaglicht auf die Veränderungen, die selbst bei vertrauten Menschen unter dem Druck der Verhältnisse auftreten können. Die Anmerkungen der Autorin über die historischen Personen des Bundes helfen ein wenig dem Zeitverständnis nach, jedoch erhellen sie kaum das Wirken der proletarischen Literaturbewegung. Diese Filmerzählung bewegt vor allem deshalb, weil sie ein Einzelschicksal im historischen Kontext nacherleben lässt, weil Mut und Konsequenz sich heutigem Rechtfertigungsdruck entziehen. Schade, dass wir den Film nun nicht mehr sehen können.
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