Dagmar Amm in der Ostsee-Zeitung am 18. Januar 2005 über: Johanna Michallik (Hg.) "Rostocker Auslese"
Schöne Texte aus der Schublade befreit
Es war ein Experiment und es gab viele Zweifel. Als am 16. Januar vergangenen Jahres in der Künstlerkneipe "Szenario" die "erste Rostocker Lesebühne" zum Mitmachen und Zuhören einlud, gab es viele offene Fragen.
Johanna Michallik war die Initiatorin des Lese-Abends. Gedacht war das Podium für Menschen in und um Rostock, die schreiben und ihre Texte dann in der Schublade verschwinden lassen. Johanna Michallik wollte diese Texte ans Licht befördern. Sie gab den Autorinnen und Autoren ein Podium, die Möglichkeit, vor einem Publikum ihre Texte zu lesen und die Reaktionen kennen zu lernen. Waren Pointen als solche zu verstehen? Lauschte das Publikum zehn Minuten lang gebannt oder begannen die ersten nach zwei Minuten zu gähnen?
Etwa 60 Hobby-Schreiber nutzten im ersten Jahr die "Lesebühne", jetzt wurde der erste kleine Sammelband mit ihren Texten herausgegeben. "Rostocker Auslese" ist der Titel, erschienen ist das Büchlein im BS-Verlag.
"Es hat unheimlichen Spaß gemacht, die Texte zusammenzufügen und das Buch in seiner Entstehung zu begleiten. Natürlich war am Ende die Zeit knapp, aber ich freue mich, dass jetzt der erste Band der Lesebühnen-Geschichten vorliegt", resümiert Johanna Michallik. 43 Autoren haben schließlich ihre Texte zur Verfügung gestellt, vom Gedicht bis zur nachdenklichen Kurzgeschichte ist in dem Band vieles zu finden. Wem die jeweils zehn Minuten, die die Lesebühne den einzelnen Autoren bot, zu kurz erschienen - in der "Rostocker Auslese" werden die Geschichten zu Ende erzählt.
Die "Lesebühne" wird es auch nach dem ersten Jahr weiter geben, einmal im Monat werden Autoren auf ein Publikum treffen, das neugierig ist auf Stücke, die im stillen Kämmerlein, nach Feierabend, spontan oder ganz gezielt wurden. Vielleicht, so überlegt Johanna Michallik, wird künftig hin und wieder ein Autor mehr Zeit als zehn Minuten bekommen, um eine Geschichte zu Ende zu erzählen. Kurzweilig aber soll die "Lesebühne" im Szenario bleiben.
Davon konnten sich die Gäste schon bei der ersten Lesebühne 2005 überzeugen. Philipp Bobrowski las aus Anlass der Buchpräsentation einen Kurzkrimi, in dem die Lesebühne bereits als Institution eine Rolle spielt. Franziska Rülke wagte sich mit kurzen, amüsanten Gedichten aufs Podium. Für sie ist es noch etwas ungewohnt, vor Publikum zu lesen. "Ich habe bisher meist im Bekanntenkreis gelesen, da sind die Leute natürlich sehr freundlich und nicht sonderlich kritisch", gestand sie. Ihr erstes großes Podium hatte sie allerdings bereits beim Rostocker "Poetry slam" auf Bühne 602. Das Lesebühnen-Publikum genoss ihre Poesie und die 24-Jährige die Reaktionen der Gäste.
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