R. Voß am 7. Mai 2004 über:
Helga Ewert "Isabella - drei Leben in Deutschland"

Drei Leben in Deutschland - Einen Frauen-Autobiografie

Es ist Ostersonntag Vormittag, die Sonne hat den Morgennebel überlistet und scheint nun ungetrübt in mein Fenster. Eigentlich wollte ich längst im Garten sein, aber vor mir liegt ein aufgeschlagenes Buch, nicht sehr dick, mit Paperback-Einband. Ich ertappe mich dabei, dass ich, obwohl ich das Buch längst durchgelesen habe, es irgendwo in der Mitte aufschlage und mich von neuem festlese, mehrmals.
"Isabella" heißt es und mit dem Untertitel: "Drei Leben in Deutschland".
Eine Frau, die sich Isabella nennt, berichtet aus ihrem Leben. Völlig unspektakulär, ohne billige Effekthascherei, mit der überzeugenden Kraft eines über siebzigjährigen aktiv und zielbewusst gelebten Lebens.
Isabella berichtet über ihre Kindheit in einer Stadt, die heute in Polen liegt, über die Flucht 1945, die in Schwerin/Mecklenburg endet, wo die Familie eine neue Heimat findet.
Als aufgeweckte Jugendliche erlebt sie, wie in dem Teil Deutschlands, der später DDR heißen wird, mit sehr viel Mühe und ohne Marshallplan die Trümmer des Krieges in den Städten und Dörfern, aber mit besonderer Sorgfalt auch aus den Köpfen der Menschen beseitigt werden.
Isabella will mithelfen, dass nie wieder Krieg die Völker aufeinander hetzt, dass die Ursachen dafür, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, für immer beseitigt werden.
Sie wird Lehrerin, engagiert sich in der FDJ, später in der SED, setzt sich mit all ihrer Kraft, so wie Millionen DDR-Bürger auch, für den Aufbau des Sozialismus ein.
Ohne jegliches Pathos berichtet sie über "die Mühen der Ebenen", findet kritische Worte, spart nicht mit Lob und Begeisterung, doch nicht ein einziges Mal hatte ich als aufmerksame Leserin das Gefühl, hier würde nostalgische Verklärung betrieben.
In ihrem "dritten Leben", im nunmehr wiedervereinigten Deutschland, versucht Isabella, nach einer Zeit der Sprachlosigkeit, sich Klarheit darüber zu schaffen, warum die DDR unterging, ob der Sozialismus für immer und ewig diskreditiert sei oder jemals eine neue Chance haben wird. Auf der Suche danach findet Isabella neue Freunde, Mitstreiter, eine neue politische Heimat.
Der Schreibstil ist manchmal ein bisschen gewöhnungsbedürftig und einem aufmerksamen Lektor wären sicher einige Druckfehler aufgefallen, dennoch ist es ein äußerst empfehlenswertes Büchlein, ganz gleich, ob jemand im Osten oder im Westen Deutschlands groß geworden ist.


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