Dr. Helga Ewert im August 2005 über:
Karl-Heinz Jahnke "Sie dürfen nicht vergessen werden"

Denkmal für 149 Widerstandshelden

"Sie dürfen nicht vergessen werden!". Unter diesem Titel ist ein Buch von Karl Heinz Jahnke erschienen, das den Leser zutiefst ergreift. Der Historiker legt damit in vielen Jahren erbrachte eigene Forschungsergebnisse zusammengefaßt vor und gibt mit unter seiner Anleitung entstandenen Studentenarbeiten Auskunft über 149 Frauen und Männer aus Mecklenburg, die zwischen 1933 und 1945 Widerstand gegen die NS-Herrschaft geleistet haben und dafür hingerichtet wurden. K. H. Jahnke schreibt im Vorwort: "Die meisten Frauen und Männer, die ihr Leben eingesetzt haben, um den Krieg zu verhindern, und die später für eine Niederlage Nazideutschlands eintraten, sind inzwischen vergessen. Die heutige Sicht beschränkt sich vorrangig auf einzelne Teilnehmer des bürgerlichen Widerstands." Doch gab es, wenn auch den meisten Menschen nicht bekannt, eine beachtliche Breite der antifaschistischen Widerstandsbewegung. Jahnke schildert in seinem Buch den Kampf von KPD-Mitgliedern gegen Hitlers Regime und den Terror in seiner Grenzenlosigkeit gegenüber Arbeitern, Landarbeitern, Kleinunternehmern, Angehörigen der Intelligenz bis hin zu Mitgliedern aus Adelsfamilien, die beim Attentat am 20. Juli 1944 beteiligt waren. Viele der KPD-Genossen wirkten eng mit Sozialdemokraten zusammen, gestalteten gemeinsame Aktionen und berieten in geheimen Gruppen geeintes Vorgehen in Zuchthäusern und Konzentrationslagern wie Boizenburg, Bützow-Dreibergen (einer faschistischen Vernichtungszentrale), Reiherhort bei Wöbbelin, Ravensbrück, Barth und weiteren. Sie schworen: "Nie wieder Trennung der Arbeiterparteien in Deutschland", was gegenwärtig von den Herrschenden und ihren Medien unter der Bezeichnung "Zwangsvereinigung in der SED" zu antikommunistischer Propaganda mißbraucht wird. Das kann man nur als geschichtliches Unwissen oder Böswilligkeit bezeichnen. Es gab auch Widerstand von einigen evangelischen und katholischen Geistlichen, Zeugen Jehovas und Vertretern anderer Konfessionen.
Besonders widmete sich der Autor dem Terror gegen Juden und deren Glauensgemeinschaft. Jahnke würdigt nicht zuletzt die Beteiligung deportierter ausländischer Arbeiter aus Polen, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion in deutschen Rüstungsbetrieben am Kampf gegen den faschistischen Krieg. Standhafte aktive Antifaschisten aus Parteien, religiösen Kreisen, studentischen Bewegungen, Einzelkämpfer, Hausfrauen, von denen mehrere Mütter mit Kindern in Konzentrationslager wie Auschwitz, Dachau und Theresienstadt verschleppt wurden, finden in diesem Buch ein ehrendes Gedenken. Lebendig geschildert, wenn auch sehr knapp wegen fehlenden Materials, sind im 2. Kapitel die kurz gefaßten Familiengeschichten.
Wertvoll erscheinen mir das alphabetische Namensverzeichnis der Hingerichteten sowie Dokumente zum Geschehen. Karl Heinz Jahnke arbeitete seit 1966 als promovierter und habilitierter Dozent für Neue und Neueste Geschichte an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, von 1968 bis 1971 zunächst als Dozent und ab 1973 als ordentlicher Professor an der Universität Rostock. Seine Hauptforschungsgebiete waren die Geschichte des Hitlerfaschismus und des Widerstandes sowie Jugendgeschichte. Das genügte, um nach dem Anschluß der DDR an die BRD vom Ehrengericht der Rostocker Universität - acht Jahre vor der Pensionierung - entlassen zu werden. Eine große Zahl von Veröffentlichungen verfaßte Jahnke zur antifaschistischen Thematik. Er setzt seine Forschungstätigkeit (gegenwärtig als parteiloser Marxist) unermüdlich fort, so daß ein zweiter Band zu erwarten ist, was er im Nachwort ankündigt.
Daß dieses Buch anläßlich des 60. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus erschien, ist ein Verdienst des Autors und des BS-Verlags Rostock. Es ist vor allem auch unserer Jugend zu empfehlen.


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