Rudolf Scholz am 18. Juli 2005 über:
Theodor Fischer "Pellkartoffeln mit Leinöl"
In der Lausitz gehen die Uhren immer anders
Es hat triftige Gründe, dass heute immer mehr ältere Menschen zur Feder greifen. Die einen drängt es, all jene Geschichten zu erzählen, in denen das Licht der Kindheit funkelt und das unverlierbar Bleibende, für das es sich zu leben gelohnt hat, Gestalt gewinnt. Die anderen wollen den Kindern und Kindeskindern überliefern, welche Erfahrungen ihnen zuwuchsen. Welche Erinnerungsschätze da oft verborgen liegen und zu Tage treten, beweist Theodor Fischer mit seinem Buch "Pellkartoffeln mit Leinöl".
Der Autor war bereits 60 Jahre alt, als er mit dem Schreiben begann. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in der niederschlesischen Lausitz unweit von Rothenburg, wo seine Eltern gemeinsam mit der Großmutter einen kleinbäuerlichen Hof bewirtschafteten. Dann trieb es ihn fort aus der Heimat. Er fuhr zur See, studierte Jura und war, weitab vom vertrauten Herkunftsort, als Staatsanwalt und Justitiar tätig. Doch immer wieder zog es ihn in die heimatlichen Gefilde. Nun, im reifen Alter, ist er schreibend hierher zurückgekehrt.
Konkrete Erinnerungen
Es ist eine direkte, schnörkellose Sprache, derer er sich bedient. Und es sind besonders die kleinen Dinge des Alltäglichen, die er ausbreitet. Sicher, er behält die großen zeitgeschichtlichen Zusammenhänge, die jene Jahre prägten, im Auge, und er verschweigt auch seinen politischen Standpunkt und seine kritischen Gedanken nicht. Aber das Fesselnde, seine Schreiblust beredsam Anregende ist immer das konkret Erinnerte, beispielsweise, wie am 16. April 1945 die Kriegsfront sein Heimatdorf erreichte und all das Schlimme seinen Anfang nahm, das sich mit der Flucht und Gewaltakten verbindet.
So richtig in seinem erzählerischen Element ist Fischer, wenn er seine schnurrigen Episoden zum Besten gibt sowie Schulfreunde und allerlei hässliche Streiche und Sünden Revue passieren lässt oder aus seiner politischen Kinderstube plaudert. Wenn er Ergötzliches über den Kreidediebstahl zu erzählen weiß und wie Lehrer Lösel ihn ahndet, die Wildschweinstory und das Nachdenken darüber, dass "bei mir zu Hause in der Lausitz die Uhren immer anders gingen".
Allgegenwärtig sind die heimatlichen Orte: Rietschen, Großhennersdorf, Kodersdorf und Görlitz, "die unvergleichbar schöne Stadt, in die man sich einfach verlieben musste".
Ein Buch als Glücksfall
Oft sehen wir den Erzähler mit dem Fahrrad unterwegs, wenn er in jugendlicher Lust den Mädchen nachstellt. Daneben all das scheinbar Geringe, für das er einen Blick beweist: das Vieh in den Ställen, die Wespen und Bienen, die ihn mit ihren Stichen traktieren; die Geheimnisse des Waldes. Aber auch Bedenkliches und Bedrohliches entgeht ihm nicht.
Fischer ist nicht darauf aus, als Schriftsteller mit seiner Wortkunst zu glänzen. Aber wie er sich erinnernd über sein Stück Herkunft beugt und uns in heiteren und ernsten Geschichten zum Pellkartoffelschmaus mit Leinöl einlädt, hat fern jeder falschen Idylle seinen heimatlich anrührenden Klang.
Erwachsen aus der Kraft der Erinnerung ist es ein Schatz, der, wie der gleichfalls aus der Lausitz kommende Leipziger Schriftsteller Joachim Nowotny in seinem Begleitwort anmerkt, dieses Buch zu einem Glücksfall macht.
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