Navigation:
Ein Lesebuch
Herausgegeben von Hans Erichson
Hans Erichson, Ernst Garduhn
Ernst Garduhn, 1890-1983,
Chronist, Heimatforscher, Denkmalpfleger, Museumsleiter, Naturfreund, Naturschützer, Ornithologe, Pilzsachverständiger, Pilzberater
Preis: 14,80 € *
Leseprobe
Ehm Welk an den Schriftstellerverband am 5. Juni 1957
Liebe Freunde!
Wäre es nicht der Schriftstellerverband, der diese seltsame Korrespondenz mit mir führte, ich würde still für mich lachen; so aber fühle ich mich doch veranlaßt, Sie daran teilnehmen zu lassen, vielleicht auch noch ein paar Andere. Um was handelt es sich:
Auf der Delegiertentagung Anfang Februar wurden die Namen der im letzten Jahre verstorbenen Mitglieder verlesen, und wir erhoben uns, wie sich das gehört, von den Plätzen. Unter den Namen befand sich auch der des ehemaligen Buchhändlers und Verlegers, späteren Fachschriftsteller für Botanik und Zoologie, Ernst Garduhn. Dieser Mann ist ein alter Freund von mir, und diese Freundschaft ist um so inniger, weil wir uns nur alle halbe Jahr einmal sehen, ich aber an seiner Familie besonders Anteil nehme. Dieser Mann also war nun gestorben, und ich hatte nichts davon erfahren. Das mußte ebenso seltsam wie beunruhigend sein. Bei der Familie konnte ich nicht gut anfragen, und der Name dürfte schwerlich ein zweites Mal vorkommen. Ich wandte mich also an den Schriftstellerverband und bat um Mitteilung, ob es sich bei dem Verstorbenen um Ernst Garduhn aus Damgarten handele. Eine Antwort erhielt ich nicht, und ich nahm an, hier liege wohl doch eine Verwechslung vor. Ein Vierteljahr später, also im Mai, kamen mir erneut Zweifel, und ich schrieb Ihnen am 28. Mai einen Brief, in dem ich meine Verwunderung aussprach darüber, daß Sie meinen ersten Brief in dieser Angelegenheit unbeantwortet gelassen hatten. Darauf kam ganz prompt schon am 31. Mai folgendes Schreiben:
“Sehr geehrter Herr Welk!
Wir bestätigen, daß es sich bei Ernst Garduhn um den in Ihrem Schreiben vom 28. Mai 1957 verstorbenen ehemaligen Buchhändler und Verleger Ernst Garduhn, Damgarten, Grüner Winkel 21, handelt. Unverständlich ist uns, daß unser Brief, den wir Ihnen sofort im März zusandten, nicht in Ihre Hände gelangt ist.”
Nun bin ich ein zu alter Schriftsteller, um bei allem Wehmut, der mich erfaßte, nicht zu stolpern über den Ausdruck “den in Ihrem Schreiben vom 28. Mai 1957 verstorbenen ehemaligen Buchhändler und Verleger Ernst Garduhn, Damgarten, Grüner Winkel 21”.
Dann überrankte aber alle Empfindung das Nachdenken: Wie ist es möglich, daß man von dem Tode eines Menschen, der im Kulturleben des Bezirkes Rostock immerhin eine ziemliche Rolle spielte, auch offiziell nichts erfahren hat? Was konnte da geschehen sein? Warum hatten nicht Frau und Kinder mich benachrichtigt? Sollte auch diese Nachricht durch eine seltsame Verkettung von Zufällen verloren gegangen sein? Meine Frau und ich verbrachten einen sehr schmerzlichen halben Tag, und dann schickte ich an Frau Garduhn ein behutsames Telegramm. Es lautete: “Liebe Frau Elli, was ist mit Ernst? Wir erhielten soeben vom Schriftstellerverband eine uns beunruhigende Nachricht. Antwortet sofort.” Nun ja, und dann rasselte einige Stunden später bei uns das Telefon; wir waren nicht zu Hause, und unser Mädchen, von allem unterrichtet, stellte mit dem Sprecher eine stotternde Unterhaltung her, die sich hauptsächlich um die Frage und ihre Beantwortung drehte: “Aber Herr Garduhn, sind Sie es wirklich?” Die Fortsetzung erfolgte dann eine später, als wir aus Rostock zurückgekommen waren.
Herr Garduhn wußte nichts von seinem Tode. Und er bediente sich auch sofort des Dementis von Mark Twain: “Ich finde die Nachricht von meinem Tode stark übertrieben.” Er war nicht einmal krank gewesen und hatte sogar vor, in den nächsten Tagen mal wieder unangemeldet bei uns einzufallen.
Haben Sie nicht einen jungen Schriftsteller, der daraus eine Humoreske schreiben kann? Er soll aber nicht die Bürokratie eines Schriftstellerverbandes oder sagen wir, die vorbildliche Arbeit eines solchen Büros unbeachtet lassen. Wie ist es möglich, daß mein erstes Schreiben unbeantwortet blieb? Oder aber, wenn Sie es beantwortet haben, daß ich ein solches doch in einem Umschlag mit Aufschrift befindliches Schreiben nicht bekommen habe und es auch nicht an Sie zurückging? Wie ist es aber zunächst erstmal möglich, daß Sie diesen Mann versterben lassen, wir ihm einen Nachruf widmen und er auch heute noch als verstorben geführt wird? Denn er ist ja nicht nur, wie Sie sagen, “in meinem Schreiben vom 28. Mai 1957” verstorben, sondern sicher doch auch in irgend welchen Listen, die Sie führen. Nun, ich habe erstmal aus Freude, daß der Schriftstellerverband oder doch sein Büro sich wieder einmal irrte, eine Flasche getrunken und dann Ernst Garduhn zu zwei weiteren Flaschen eingeladen. Die Kosten werde ich mit Ihriger gütigen Genehmigung bei Ihnen liquidieren. Dafür verspreche ich Ihnen auch für den Fall Ihres Heimganges einen schönen Nachruf.
Mit besten Grüßen!
Ehm Welk
zum vorherigen Produkt Übersicht zum nächsten Produkt
* Die angegebenen Preise sind inklusive gesetzlicher MwSt. und zuzüglich Versandkosten.





