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Zur Sprache und Geschichte des kleinen Katechismus
Herausgeber: Hartmut Brun
Johannes Gillhoff
Die Untersuchung “Zur Sprache und Geschichte des Kleinen Katechismus” ist Gillhoffs letzte große Arbeit vor der Veröffentlichung des “Amerikafahrers”. Vorangegangen waren viele Rezensionen, belletristische, volkskundliche und sprachgeschichtliche Abhandlungen, die er in überregionalen Blättern und Periodika abdrucken ließ.
Preis: 11,20 € *
Leseprobe
Das Kapitel von der Wortfügung möchte ich schließen mit dem außerordentlich fesselnden Ausblick, den die Präposition “an” eröffnet. Entgegen dem heutigen Sprachgebrauch steht es bei Luther auch zur Deckung der Beziehungen, die wir durch “in” auszudrücken pflegen: Matthäi am Letzten; Marci am Letz-ten; St. Paulus saget zu Tito am dritten Kapitel; St. Paulus zu den Römern am Sechsten spricht. Daneben aus der Bibel 1.Mose 40, 13: Über drei Tage wird Pharao dich wieder an dein Amt stellen; ebenda Kap. 41, 13: Ich bin wieder an mein Amt gesetzt.
In seinem Büchlein über die Sprache in Luthers Bibelüber-setzung bemerkt Wetzel zur Erklärung der Mosisstellen: “Es liegt diesem Gebrauch des ,an’ die Anschauung des Amtes oder Dienstes als eines objektiv Gegebenen, zu dem die Person hin-ankommt, zugrunde” Das genügt zur Rechtfertigung der beiden Mosisstellen, versagt aber bei den Katechismusstellen, deren Beziehungen ein “in” fordern. Einfacher verweisen wir wohl auf die Sprachgeschichte. Die alte Zeit hatte weniger Präpositionen und deckte mit dem einzelnen Wort ganze Gruppen von Bezie-hungen. Das ist durchgängig im Gotischen, Altnordischen, Alt-sächsischen und Angelsächsischen der Fall. Ein Beispiel. Im Hêliand steht die Präposition “an” räumlich, zeitlich und kausal und deckt entsprechend die Beziehungen der “an, in, auf, unter, gemäß, hin, zu, gegen … hin”. Darum heißt es in der Engelbot-schaft an die Hirten: Christus ist geboren an thesero selbun naht, an thera Dâvides burg. Ihr werdet ihn finden an Bethlêmaburg, er liegt an ênera kribbiun. Im Dänischen ist es noch heute nicht anders. Es deckt mit einem halben Dutzend Wörter – ich erinne-re namentlich an til und ved – den größten Teil seines präposi-tionalen Bedarfs; ein Wort trägt ganze Beziehungsgruppen. So steht til örtlich, zeitlich, kausal = zu, nach, an, bis, für, auf, in, um, bei, natürlich auch bei übertragenem Sinn: um Rat fragen; auf jemand hoffen; zum König wählen; die Reihe ist an dir. Ent-sprechend umfaßt ved die Beziehungen von: bei, durch, unter, vor, um, mit, gegen. – Noch in den spätmittelalterlichen Fast-nachtsspielen lag das Kind am Bett, am Arm der Mutter. In an-dern Dichtungen derselben Zeit liegt es wieder im Mutterarm. Die Verhältniswörter hatten die Provinzen ihrer Funktion noch nicht reinlich abgegrenzt. Das wird auch Luthers Sprachge-brauch genügend erklären.
Erst verhältnismäßig spät haben wir es auf rund ein halbes-hundert Verhältniswörter gebracht, und wenn auch einige sicht-lich aus dem Gebrauch schwinden – ich erinnere an die steifen Formen: behufs, vermöge u. a. -, so dauert anderseits der Zeu-gungsprozeß auch heute noch fort. Was sind alle die Fügungen: infolge, inmitten, aufgrund, zugunsten usw. anders als erweiterte Präpositionen? Die Anregung mag z.T. in der einfachen Tatsa-che liegen, daß alte Kasusformen aufgegeben und durch Präposi-tion mit Kasus umschrieben werden. Vgl. das Englische; vgl. auch das Mecklenburger Platt, das den Genitiv durch präpositio-nale Fügungen umschreibt und außer einigen formelhaft erstarr-ten Dativen eigentlich nur noch den reinen Objektskasus kennt, mit dem der Dativ formell zusammengelaufen ist, sogar in der pronominalen Deklination. Daß trotz – oder wegen? – der über-feinen Differenzierung Übergriffe und Vertauschungen vor-kommen, zeigt die in Mitteldeutschland übliche Verwechslung von Grund und Mittel, “wegen” und “durch”: Das Haus ist durch die Feuchtigkeit seiner Wände unbewohnbar. Zu erinnern ist auch an den örtlich beschränkten Gebrauch in der böhmi-schen Ecke: Er hat sich mit seiner Frau geschieden. Die Ent-wicklung der Präpositionen ist eins der reizvollsten Gebiete in der Sprachgeschichte, denn wir stehen noch immer im Fluß die-ser Entwicklung, und Luthers Katechismus bezeichnet eine an-lockende Episode in diesem Bildungsprozeß. Zugleich zeigen die übrigen Beispiele, daß auch vierhundert Jahre später die Gebiete noch nicht reinlich geschieden sind. Und das ist gut so. Denn es ist Leben unter engemusertem Gesetzeswerk, freies Leben inmitten kanalisierter Regelmäßigkeit. –
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