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Christus kam nur bis Falkenberg
Seitenanzahl: 174
ISBN: 978-3-89954-038-3
Buchart: Paperback
Gewicht: 190 g
Größe: 19x12,6 cm

Christus kam nur bis Falkenberg

Die Fälle des Richters W

Dorothea Kleine

Gerichtsberichte

Dorothea Kleine schreibt über Gerichtsfälle, die sich Anfang der 90er Jahre ereignet haben und am Cottbuser Gericht durch den Richter Gottfried Werneburg verhandelt wurden.
Als aufmerksame und genaue Prozeßbeobachterin spürt sie der inneren Wahrheit der Ereignisse nach und macht mit knappen Strichen und genauen Dialogen in ihren Geschichten das Geflecht menschlichen Handelns deutlich.
So wurde aus jedem “Fall” ein Stück Zeitgeschichte, das nachdenklich stimmt.

Preis: 11,40 € *

 

Leseprobe

Der Mann und das Kind hatten sich nicht von der Stelle gerührt.
Ihre stumme Ergebenheit war es, die den Eisenbahner provozierte. Wenn sie sich doch wenigstens amtswidrig verhalten hätten.
Entschlossen ging er auf die beiden zu, sagte: “Ihren Fahrausweis, bitte.”
Der Mann gab ihm seine Fahrkarte. Der Eisenbahner suchte auf ihr nach der Rechtfertigung für sein Mißtrauen. “Ungültig”, stellte er triumphierend fest. “Ihre Fahrkarte ist ungültig, Mann! Sie galt von Finsterwalde nach Falkenberg. Und hier ist Falkenberg.”
Er sagte es, als sei der Bahnhof sein Eigentum. Der Mann schwieg.
Das Kind drückte sich an den Vater, verbarg das Gesicht in seiner Jacke, als könne es den Anblick des unfreundlichen Menschen nicht mehr ertragen.
Der Eisenbahner fühlte sich unbehaglich. “Wo wollen Sie denn eigentlich hin?”
Der Mann hob die Schulter, als wisse er es nicht oder wolle nicht darüber sprechen. Schließlich sagte er: “Ich warte auf jemanden, der mir Arbeit versprochen hat.”
“Arbeit? Etwa hier auf dem Bahnhof?”
“Egal, ich mache alles.”
“Ist der Mann, auf den Sie warten, aus Falkenberg?”
“Nein, aus Frankfurt.”
“Frankfurt/Oder?”
“Nein, Frankfurt/Main.”
“Ich lach mich tot”, sagte der Eisenbahner streng. “Einer aus Frankfurt am Main kommt hierher, um einem wie dir Arbeit zu geben. Wo lebst du denn, Mann? Arbeit ist sowas wie ein Lottogewinn. Erzähl mir gefälligst keine Märchen. Hast du überhaupt einen Beruf? “
“Ich war Handformer in der Eisengießerei, habe auch eine Qualifizierung als Kranführer.”
“Sowas braucht man heutzutage nicht mehr. Das war einmal. Ich sage dir, du spinnst, mein Lieber.”
Der Spott konnte den Mann nicht treffen. Er hatte diese kleine, unscheinbare Stadt zwischen Doberlug-Kirchhain und Torgau gewählt, weil das die weiteste Entfernung war, die er sich leisten konnte.
Und weil er glaubte, hier leichter tun zu können, was er tun mußte.
“Ist das dein Kind?” fragte der Eisenbahner. Der Mann nickte.
Der Junge sah den Uniformierten an.
Das sind keine Kinderaugen, dachte der Eisenbahner, das sind die Augen eines Erwachsenen. Er wandte sich schnell ab.

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