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Die Psychoburg
Prof. Wolfgang Fischer
In einer abgewickelten psychiatrischen Klinik, der “Psychoburg”, leben und handeln noch zahlreiche Menschen. Der Psychiater Holle und die Psychologin Balinta leiten ein Seminar für Ärzte, die über ihre Probleme als Helfer berichten, auch über ihre eigene Hilflosigkeit. Im Park der Psychoburg haben sich Psychotherapeuten zur Selbsterfahrung niedergelassen. Zum Schluß kommt es zu dramatischen Ereignissen und zu einem ungelösten Kriminalfall.
Preis: 13,90 € *
Leseprobe
Holle fuhr vor die Klinik. Der rote Ziegelbau. Die Psychoburg. Das Zirren der Mauersegler. Die Nordmauer zeigte ein mattes Rot mit Schatten und Altersflecken. Holle lehnte sich zurück. Er drehte den Innenspiegel, bis er sein Gesicht sah. “Hast du dich verändert?” Über die graugrünen Augen huschten kleine schwarze Punkte. Die knollige Nase mit den roten Äderchen. Die borstigen Brauenhaare. Die Wangengruben waren betonter, die Nasenlippenfurchen tiefer geworden. “Lach mal, Holle! Wisch den Ernst weg. Gönn dir ein wenig Lustigkeit. Deine Fahrt war doch in Ordnung. Die Automatik im Kopf hat funktioniert.” Und er lachte hinein in sein blasses Gesicht. Was hatte Oberarzt Gill gesagt? “Noch kein Auto fahren, hörst du, Holle?”
“Ja, ja.” Er hatte wohl recht. Die Fahrt von der Unfallklinik hierher war ohne Bilder. Ein Lob dem unbewußten Steuermann. “Du bist ein Marschfahrkörper, Holle. Dein innerer Navigator hat dich hergeführt. Er kennt doch den Weg.”
Unter dem Dach des Ostflügels waren Fensterscheiben zersplittert. Ach ja, die Hausbesetzer. Diese Stille. Diese Leere. Soll das alles sein? Hat die Österreicherin recht: The rest is silence? Ein totes Haus? Nur die Windfahne jammert. Unter einem Fenster hing ein zerfetztes rotes Tuch. Restworte waren da … “nun erst recht.”
Holle setzte sich auf die Bank unter dem knorrigen alten Apfelbaum. Er spielte mit den kleinen grünen Äpfeln, die vorzeitig heruntergefallen waren. Die Sonne malte helle und rote Strähnen auf das Bauwerk. Da war wieder dieser Wirrwarr im Kopf. Er krampfte die rechte Hand schmerzhaft in das Holz der Bank. “Schmerz, mein Ordnungshüter.”
Er dachte an Rauschebart, der mit einem Querschnitt noch in der Unfallklinik lag.
“Ich werde entlassen”, hatte er zu Rauschebart gesagt und seine linke Hand gefaßt. “Du hast noch einiges vor dir, die Reha …”
Er hatte den Satz abgebrochen. Die Worte erschienen ihm unnütz.
“Weißt du, Holle”, Rauschebart war ganz gelöst, “ich habe in mir die Ruhe gefunden. Die bösen Schatten in meinem Kopf sind verschwunden. Es war auch für mich gut, was ich getan habe.”
Holle sah in die großen braunen Augen, betrachtete den schwarzen Vollbart, die betonten Wangenknochen. Das gleiche Gesicht, aber entspannter, als ob eine Hand alles Bittere und Wütende weggewischt hätte.
“Siehst du”, Rauschebart zeigte mit dem Kopf zur Infusionsflasche mit dem Schlauch.
Holle war erstaunt. “Es ist vorbei?”
“Ja, es ist vorbei. Die böse Schlinge macht mir keine Angst mehr. Ich habe noch, bevor ich Korre auffing, vor der Tür von Profos eine Schlinge gelegt. Es sollte eine Drohung sein. Jetzt, wo er tot ist, bereue ich es.”
Holle erinnerte sich. Vor Jahren lag Rauschebart wegen einer Hepatitis auf der Inneren. Als man ihm einen Tropf anlegte, schrie und tobte er. Da war diese Angst vor schlingenähnlichen Gebilden, sei es eine Schnur, ein Stück Draht. Lag so etwas auf dem Weg, wurde er unruhig, mußte den Gegenstand beiseite räumen, konnte sonst nicht weitergehen. So eine Mischung aus Angst und Zwang. Bei der Infusion mußte ein Haken angebracht werden, so daß der Schlauch fast rechtwinklig herunterhing.
Rauschebart lächelte. “Ich weiß, du denkst zu viel an meine Geschichte. Es war einmal. Kennst du das Gefühl des inneren Friedens, wie neugeboren zu sein? Ich hatte etwas gutzumachen.”
Holle umarmte Rauschebart. Er verließ rasch das Zimmer, wischte die Tränen aus den Augen.
Gill meinte auf dem Flur: “Rauschebart wird mit dem Querschnitt nicht mehr gehen können. Er besinnt sich auf ein Leben als Rollstuhlfahrer. Hast du den Brief bekommen?” Holle nickte. Es war eine Nachricht von Korre und Balinta. Er hatte schon die e-mail gelesen. Jetzt der Brief.
“Hallo, Lieber! Werde bald gesund. Wie geht es Rauschebart? Wir waren einige Zeit in London. Wir besuchten die alte Tavistock Clinic, wo Balintas Oma Kursantin bei Michael Balint war. Jetzt sind wir in Paris. Wir suchen den französischen revolutionären Weltgeist, bisher vergeblich. Korre hat morgen ein Chopin-Konzert. Sie hat viel geübt. Es ging immer besser mit der rechten Hand und ohne Botulinum. Grüß Botufil von uns. Mach’s gut, Holle, wir lieben Dich! Wir sehen uns bald. Wir haben eine Ladung vom Gericht, es geht um Profos.”
Holle hatte den Brief für sich zitiert. Er tippte mehrmals auf seinen Scheitel. “Gut, Freund Hippocampus, das Gedächtnis funktioniert.”
Bodo und der Hausmeister trugen eine große Agave mit umgeknickten fleckigen Blättern vorbei. Sie setzten den Kübel ab und kamen zu Holle. “Hallo! Hallo!”
“Bevor ihr mich fragt, mir geht es gut”, rief Holle. Bodo zeigte zum Sperrmüll. Da lagen Matratzen, Regalbretter, Stuhlteile, alte Sessel, Transparente, ein Che-Guevara-Bild. Der Hausmeister lachte. “Der Rest von der Schlacht.
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