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Die Rache des Kabunauri
Helena Bobinska
Niko, das Findelkind, hat schon alte Freunde. Er ist (aber das stellt sich erst mittendrin heraus und dürfte nicht verraten werden …) ein Sohn der tapferen Chewsuren, eines Bergstammes, der menschen- und darum zeitgeschichtefern im unwirtlichen und schwer zugänglichen Kaukasus lebt. Niko wird sich mit der Neuauflage seines Buches neue Freunde zu den alten erwerben, denn seine beileibe nicht alltägliche Geschichte wird Jungen wie Mädchen begeistern – besonders jene, die die Gegenwart bejahen und ihre Erlebnisse nicht “hinterm Mond” suchen. Dies Buch hat mancherlei Beziehungen zu unserer Zeit und braucht dennoch nicht auf spannende Abenteuer zu verzichten. Anfangs Zaungast der russischen Oktoberrevolution, wächst Niko hinein in die neue Gesellschaftsordnung. Auge und Ohr hat er offen, und also gibt es viel zu erleben und viel zu tun, und als er, der Schule entwachsen, in seine eigentliche Heimat zurückkehrt, in das “Aul” im Kaukasus, da vollzieht sich in ihm der Zusammenstoß zwischen alter und neuer Zeit. Den dramatischen Konflikt zu lösen, wird ihm nicht leicht (denn Niko strotzt ja nicht von Weisheit und von Edelmut, er ist ein Mensch wie du und ich), der “Adat”, das teils barbarische Brauchtum seines Volkes, und die Blutrache krallen sich in ihn – aber er überwindet es. Die neue Zeit, die er verkörpert, setzt sich durch.
Preis: 9,90 € *
Leseprobe
“… Seit einigen Tagen bin ich im Aul Ashielli, wo ich geboren wurde. Wer so einen Aul noch nicht gesehen hat, dem kann man ihn schwer beschreiben. Stell Dir lange und ungleiche Treppen vor, die an den Berghängen kleben. So ein Aul sieht aus wie eine Menge Treppen, denn jede Sakla (so heißt die Siedlung für einen Stamm) besteht aus mehreren Stockwerken, die eines über dem anderen liegen, und das Dach der unteren ist die Terrasse und der Hof der höheren. Hier gibt es gar keine Schornsteine. Das Feuer brennt auf dem Boden, und der Rauch geht durch das Dach. Die Kühe wohnen gleich neben den Menschen und die Kälber in derselben Stube, überhaupt hätte unsere Sanitätskommission genug zu tun – es ist hier sehr schmutzig, und man kann sagen, das ist das einzige, was mir hier nicht gefällt (,wirst doch noch nüchtern …’), denn sonst ist alles, was mich umgibt, so neu, so seltsam, daß es mir immer scheint, ich träume. Vor allem bin ich für die Chewsuren ein erwachsener Mann und der Kopf des Stammes. Wie gefällt Dir das, Grischka?”
“Gar nicht, aber dir gefällt es sicher sehr”, schimpfte Grischka.
“Stell Dir vor, die Alten, Ehrwürdigen, stehen auf, wenn ich in den Salakobo (so heißt der Klub) hineinkomme. Hier ist so eine seltsame Sitte, daß die Alten zur Begrüßung des Jungen aufstehen. Von den Jungen habe ich schon einige kennengelernt. Einer gefällt mir sehr gut, Kwirik Katuschauri. Er ist erst 16 Jahre alt. Aber er kann schießen und fechten! Grischka! Das sind richtige Ritter – solche wie die, von denen wir bei Walter Scott oder in den Romanen aus dem Mittelalter gelesen haben. Ein Chewsure lügt nie, weicht nie vor einem Feind zurück, schlägt niemanden vor anderen. Ich habe die Leute gleich gern bekommen …”
Grischka unterbrach das Lesen. Stirnrunzelnd betrachtete er die Hühner, die auf dem Hof scharrten.
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