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Damit Du weiterlebst
Seitenanzahl: 210
ISBN: 978-3-86785-160-2
Buchart: Paperback
Gewicht: 240 g
Größe: 12,6 x 19,0 cm
Erscheinungsdatum: März 2011

Damit Du weiterlebst

Elfriede Brüning

Roman

Das Buch, das 1949 entstand, ist kein Dokumentarbericht. Aber alle Gestalten, die in diesem Roman vorkommen, haben wirklich gelebt. Es ist seitdem in unzähligen Auflagen erschienen und hält die Erinnerungen an den Kampf aller Antifaschisten lebendig.

Preis: 13,90 € *

 

Leseprobe

Epilog
Als ich 1946 – vor fast vierzig Jahren – zum ersten Mal in das kleine Haus in Berlin-Borsigwalde zu Frau Frieda Coppi fuhr, lag es keineswegs in meiner Absicht, Stoff für ein Buch zu sammeln. Ich war damals als Redakteurin tätig. Die Zeitung, für die ich arbeitete, bereitete für den 12. September eine Ausgabe vor, in der aller derer gedacht werden sollte, die ihren Kampf gegen das Hitlerregime mit dem Leben bezahlt hatten. Vom damaligen Hauptausschuss OdF waren mir in diesem Zusammenhang Hans und Hilde Coppi genannt worden, Mitglieder der Widerstandsgruppe Schulze-Boysen, die auf ihrem Segelboot einen Geheimsender betrieben hatten. Hilde war hochschwanger, als sie verhaftet wurde, und brachte im Gefängnis ihr Kind zur Welt. Die Mutterschaft hatte sie vor der Todesstrafe nicht bewahren können. Die einzige „Gnade“, die ihr die nationalsozialistischen Henker gewährten, bestand in einem Aufschub der Urteilsvollstreckung bis zu jenem Tage, an dem die Nahrung der jungen Mutter für ihr Kind versiegt sein würde.



Hilde Coppi hat ihr Kind acht Monate lang nähren können. Am 5. August 1943 ging auch sie den Weg zum Schafott, den ihr Mann im Dezember 1942 vor ihr hatte antreten müssen.
Frieda Coppi wohnte 1946 noch in ihrer Laube; in derselben Laube, die die Nazis beschlagnahmt hatten und in die sie nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches vorübergehend wieder hatte einziehen können – bevor der kalte Krieg ihr den Verbleib in dem zum Westsektor gehörenden Stadtteil unmöglich machte und sie im demokratischen Teil Berlins Zuflucht suchte und bis zu ihrem Tode auch fand. In Borsigwalde hatten ihre Kinder während ihrer kurzen Ehe gelebt; dort waren sie an jenem unheilvollen Septembertag des Jahres 1942 verhaftet worden. Jetzt wohnte nur noch der Enkelsohn bei der alten Frau, der kleine Hans, der im Frauengefängnis in der Barnimstraße geboren war. Der Vierjährige wusste bereits, dass er keine Eltern mehr hatte; die Blumen, die er auf seinem kleinen Beet im Garten begoss, hatte er im Andenken an seinen toten Vater und an seine tote Mutter gepflanzt. Doch seinen kindlichen Frohsinn hatte dieses Wissen noch nicht trüben können. Unbefangen, unbeschwert tummelte er im Garten umher.
Es war schwer, an diesem ersten Tag unseres Zusammenseins an Dinge zu rühren, die alles Schmerzliche in der alten Frau wieder aufwühlen mussten. Zu sehr drückte noch die Last der Erinnerung. Schließlich ging sie zum Schreibtisch und holte einen Packen Briefe hervor: Briefe ihres Sohnes Hans an seine Frau im Gefängnis, Briefe von Hilde an ihre Angehörigen. Hildes Abschiedsbrief, der nach ihrem Tode in Hunderten von Exemplaren illegal vertrieben worden war. Diese Briefe bewahrte Frieda Coppi wie ein Heiligtum auf. Eines Tages, so sagte sie, sollten sie in den Besitz ihres Enkelsohnes übergehen als das einzige, was ihm von seinen Eltern geblieben war.
Ich las die Briefe zu Hause. Der Eindruck, den sie mir vermittelten, war so stark, dass ich beinahe zwangsläufig daranging, mich mit dem Schicksal ihrer Verfasser näher bekannt zu machen. Was mich am stärksten bewegte, war das Geschick der unglücklichen, tapferen Hilde Coppi, die an einer Stelle ihrer Briefe – übrigens das einzige Mal, an dem sie einer trüben Stimmung Ausdruck verleiht – verzweifelt bekennt: „Ach, Mama, ich glaube, für eine Mutter kann es nichts Schlimmeres geben, als sie von ihrem Kind zu trennen …“
Ich habe diesen Brief – und auch andere – mit Genehmigung von Frau Frieda Coppi wörtlich, mit nur geringen Kürzungen, hier übernommen. Der Leser mag so die Kraft, die von ihnen ausgeht, und die menschliche Größe, die aus ihnen spricht, auf sich wirken lassen. Mag er auch aus ihnen ersehen, dass die vorbildlichen, in ihrer politischen Haltung unbeugsamen und mutigen Widerstandskämpfer eines in ihrem Leben nicht vergessen haben: einfache Menschen zu sein, die einander liebhatten.
Meine Zusammenkünfte mit Frieda Coppi wiederholten sich. Man konnte sich in ihrer „guten Stube“ bei der damals noch so seltenen Tasse Kaffee, die sie gastfreundlich bereithielt, rasch wie zu Hause fühlen. Im Laufe unserer Gespräche reifte in mir der Entschluss, über Hans und Hilde zu schreiben. Ich lernte Freunde der Coppis kennen, Zugehörige der gleichen Widerstandsgruppe, die wie durch Wunder dem Tode entronnen waren. Frau Professor Elfriede Paul, die in denselben Prozess verwickelt war, deren Todesurteil jedoch in letzter Stunde in lang währende Haft gemildert worden war, erzählte mir wesentliche Einzelheiten. Sie hatte mit Hilde im selben Gefängnis gesessen, das auch ich als politischer Häftling von innen kannte. Weitere eigene Erlebnisse aus der Zeit des „tausendjährigen Reiches“, die ich in Deutschland verbracht hatte, fügten sich bei. Allmählich setzte sich aus dem Mosaik der Schilderungen und persönlichen Erfahrungen das fertige Bild zusammen …
Das Buch, das auf diese Weise entstand, ist kein Dokumentarbericht. Aber ist es ein Roman – nur im Kopf der Verfasserin entstanden? In einem unterscheidet es sich wesentlich von anderen dieses Genres: alle Gestalten, die in dem Buch vorkommen, haben wirklich gelebt. Nicht nur Hans und Hilde und die energische Frieda Coppi sind dem Leben entnommen, sondern auch die Figur der Lotte Burkhardt mit ihrer Tochter Eva. Lotte, die der jüdischen Widerstandsgruppe Herbert Baum angehörte, wurde durch einen Luftangriff aus der Todeszelle errettet. Sie hat mir später ihr Leben und die abenteuerliche Geschichte ihrer Flucht erzählt: Auch in ihrem Falle war es der verzweifelte Kampf, den eine Mutter um ihr Kind führte, der mich am tiefsten bewegte. In meinem Buch habe ich die beiden Widerstandsgruppen – die von Herbert Baum und die Schulze-Boysen-Harnack-Organisation – handlungsmäßig, wie es die Romankonzeption erheischte, miteinander verknüpft. In der Realität konnten Verbindungen zwischen den beiden Gruppen unter den verschärften Bedingungen der Illegalität und der doppelten Verfolgungen, denen die jüdischen Widerstandskämpfer ausgesetzt waren, naturgemäß nur locker sein. Eins aber hatten beide Gruppen gemeinsam: sie vereinigten in ihren Reihen junge, begeisterungsfähige Patrioten, die ihren Kampf gegen den Hitlerfaschismus mit ihrem Leben bezahlten. Heute liest man die Liste der Toten aus beiden Widerstandsgruppen nicht ohne tiefe Erschütterung: waren es doch die besten Deutschen, die in der Blüte ihrer Jahre dahingerafft wurden. „Keines der Opfer aus der Gruppe Baum erreichte das dreißigste Lebensjahr. Die Jüngsten waren noch nicht achtzehn Jahre alt“, heißt es in einem authentischen Bericht von früheren Mitgliedern dieser Widerstandsgruppe. In der Schulze-Boysen-Harnack-Gruppe sah es nicht anders aus.
Die Gestapo hat der Schulze-Boysen-Harnack-Organisation, in der nahezu alle Schichten der Bevölkerung vertreten waren, den Namen „Rote Kapelle“ gegeben. Nachdem die Mitglieder dieser Organisation in den ersten Jahren des Hitlerfaschismus alles daransetzten, um den faschistischen Imperialismus zu stürzen und den drohenden Weltkrieg zu verhindern, bemühten sie sich nach seiner Entfesselung, so schnell wie möglich sein Ende herbeizuführen. Dabei arbeiteten sie auch mit ausländischen Antifaschisten zusammen. Hans Coppi, der innerhalb der Organisation die verantwortungsvolle und gefährliche Arbeit des Funkers übernommen hatte, fühlte sich mit den Kommunisten aller Länder eng verbunden, während die deutschen Faschisten, die das Volk ins Verderben führten, seine Todfeinde waren.
Heute fragt man sich, wie es möglich war, dass die Widerstandskämpfer trotz des mächtigen Polizei- und Spitzelapparates, über den die Nazis verfügten, jahrelang, noch dazu in Kriegszeiten, so erfolgreich operieren konnten. Die Gestapo fahndete vierzehn Monate lang nach den Urhebern der geheimen Funksprüche, die durch den Äther gingen. Endlich fiel ihr durch Zufall der Code-Schlüssel in die Hand. Damit zog über der gesamten Widerstandsgruppe eine tödliche Gefahr herauf: die Gestapo wusste jetzt, dass „Coro“, der Absender der Funksprüche, mit Harro Schulze-Boysen, Offizier im faschistischen Luftfahrt-Ministerium, identisch war. Sie zapfte sein Telefon an und ließ jeden seiner Schritte überwachen. Ab Ende August 1942 bis zum Beginn des Jahres 1943 konnten die Sicherheitsbeamten so zahllose Antifaschisten verhaften. Diese wurden grausam gefoltert. Man zerbrach ihnen die Finger mit Zangen und trieb ihnen Nadeln unter die Nägel. Einige der Häftlinge begingen Selbstmord, da sie fürchteten, unter den Folterungen schwach zu werden und auszusagen.
Die Untersuchung wurde von dem Chef der Abteilung IV A im Reichssicherheits-Hauptamt, Obersturmbannführer der SS Panzinger und von dem „Spezialisten“ im Kampf gegen den Kommunismus, Gestapomann Kopkow, geleitet. Himmler wurde über den Gang der Untersuchungen ständig auf dem Laufenden gehalten. Auch Hitler ließ sich die Materialien vorlegen, die dreißig dicke Bände umfassten. „Der Führer war durch den Bericht dermaßen niedergeschlagen“, heißt es in einem Bericht von Walter Schellenberg, „dass er an diesem Tag mit niemandem sprechen wollte und Canaris …“ (Chef der faschistischen Abwehr) „… und mich fortschickte, ohne sich unseren Bericht auch nur anzuhören.“ Hans Coppi gehörte zur ersten Gruppe der Angeklagten, die aus dreizehn Personen bestand. Über elf von ihnen wurde die Todesstrafe verhängt, während zwei Frauen „nur“ zu einer Zuchthausstrafe verurteilt wurden. Doch Hitler forderte nachträglich die Todesstrafe auch für die beiden Frauen. – Das Urteil wurde sofort vollstreckt. Schon vor Beginn des Prozesses waren in Plötzensee umfangreiche Vorbereitungen getroffen worden. Die Hinrichtung sollte nicht durch die Guillotine erfolgen, sondern die Widerstandskämpfer sollten einen schmerzhaften und entehrenden Tod am Galgen erleiden. Man ließ an der Decke des Raumes einen Eisenträger mit Haken befestigen. Am 22. Dezember 1942 fanden die aktivsten und mutigsten Mitglieder der Schulze-Boysen-Harnack-Organisation, unter ihnen Hans Coppi, auf diese Weise den Tod. Harros letzte Worte waren: „Ich sterbe als ein überzeugter Kommunist.“ Einige Monate später wurden die übrigen Mitglieder der Organisation hingerichtet, insgesamt einundachtzig Personen. Hilde Coppi ging allein den schweren Weg zum Schafott, den gemeinsam mit ihrem Hans zu gehen sie sich so sehnlichst gewünscht hatte.
Bleibt mir noch nachzutragen, was aus Hans Coppi, dem Sohn, geworden ist. Hans, Jahrgang 1942, gehört einer Generation an, die heute entscheidend die Geschicke unseres Staates mitbestimmt Er ist kein Handwerker geworden. Hilde, die in einem ihrer Briefe aus dem Gefängnis ihre Angehörigen bat: „Lasst Hans was Ordentliches lernen; am liebsten wäre mir ein zünftiges Handwerk“, konnte damals noch nicht wissen, dass ihrem Sohn alle Bildungsstätten weit geöffnet sein würden. Frieda Coppi, die den Enkel großzog, hat die Möglichkeiten, die unser Arbeiter-und-Bauern-Staat der Jugend bietet, klug erkannt und darauf hingewirkt, dass Hans die Chancen auch nutzte. Er hat Außenhandel studiert. Seine Mutter würde heute stolz auf ihn sein. Und Eva Burkhardt, das Kind der Jüdin, das durch einen verbrecherischen Rassenwahn in seiner harmonischen Entwicklung gestört und an den Rand der Verwahrlosung getrieben wurde? Eva fand zu ihrer Mutter zurück. Lotte Burkhardt lebt nicht mehr. Auch Frieda Coppi ist vor einigen Jahren gestorben. Also ist alles schon Vergangenheit – bewältigte Vergangenheit?
In der DDR hat das vorliegende Buch 16 Nachauflagen erlebt, weil wir der Meinung waren, dass alle die neu heranwachsenden jungen Leute erfahren sollten, dass es auch im Faschismus Menschen gab, die mutigen Widerstand leisteten, den sie mit ihrem Leben bezahlten.
In den alten Bundesländern wusste man bisher wenig über die Mitglieder der Roten Kapelle. Umso mehr freue ich mich über die neuerliche Auflage meines Buches, das nun hoffentlich in ganz Deutschland seine Leser findet. Denn wenn wir verhindern wollen, dass Ähnliches, was Eva und ihre Mutter erdulden mussten, je wieder geschieht, muss man die Erinnerung an alle die Antifaschisten, die wie Hans und Hilde Coppi gegen das Unrecht kämpften, stets lebendig halten.
Bleibt mir noch nachzutragen, was aus Hans Coppi, dem Sohn, nach dem Ende der DDR, geworden ist. Sein Posten im Außenhandel wurde abgewickelt. Er arbeitet ehrenamtlich als Vorsitzender eines Antifa-Komitees. Außerdem forscht er weiter dem Leben – und dem Tode – seiner Eltern nach, indem er in Moskau in den inzwischen geöffneten Archiven nach Unterlagen sucht, die ihm Aufklärung auf manche noch offene Fragen zu geben vermögen. Eine ABM-Stelle in der Gedenkstätte Sachsenhausen wurde ihm kürzlich in Aussicht gestellt.

Elfriede Brüning

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