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Genosse Matrose!
Rüdiger Fuchs
Ende der 80er. Raketenschnellboote fahren über die stürmische Ostsee, nicht weniger bewegten Zeiten entgegen. Aber noch ist die militärische Führung alles andere als “klar zur Wende”.
Der Matrose Volkmar Haas erinnert sich. Er berichtet von Machtspielen, Überwachung und Gewalt; von Jugendliebe und Trennung; von Feindschaft und Freundschaft.
Seine Geschichte liefert ein authentisches Bild vom Alltag bei der Volksmarine und den Hoffnungen, Zweifeln und Sehnsüchten junger Leute in den letzten drei Jahren der DDR.
Preis: 16,40 € *
Leseprobe
Am Morgen des 31. Januar meldete ich mich bei der Stationsschwester in der ersten Etage. Für die Arbeitsaufgaben war ich bestens gerüstet. Säubern sämtlicher Fußböden, Putzen und Desinfizieren aller Toiletten, Küchenarbeiten, Essenausgabe. Dreimal am Tag den kompletten Abwasch erledigen, also Geschirr für ca. 50 Personen reinigen und abtrocknen. Zwei ältere, schwergewichtige Stationshelferinnen konnten sich über mein Auftauchen, Aufwischen und Abwaschen freuen. In der Krankenhausküche gab es kein Gerangel um das Spülbecken. Ein ehemaliger Offiziersschüler der MMS (Militär-Medizinischen Sektion der Universität), ein Dresdner, half ebenfalls aus. Zu tun gab es für alle genug. Der einstige Militärarztanwärter konnte nun ab Herbst in Greifswald ein ziviles Medizinstudium beginnen. Genau wie ich wollte er die Zeit überbrücken und gleich praktische Erfahrungen im Klinikbetrieb sammeln. Ich war froh, daß ich einen Gesprächspartner, einen gleichaltrigen Kollegen zum Fantasieren und Schwadronieren hatte. Die Schwestern und Ärzte zogen ihn aufgrund seiner Vorbildung mehr und mehr zu qualifizierteren Arbeiten heran. Er betreute operierte Patienten auf der Wachstation, nahm Blutdruck- und Pulsmessungen, assistierte bei Aufnahmen und Untersuchungen durch den Stationsarzt usw.
Wenn die Zimmer gut belegt waren und die Krankenschwestern rotierten, mußte auch ich einspringen und z. B. Patienten mit Flüssigbrei über eine Sonde füttern. Es waren die Kehlkopftumorkranken, die nach der Resektion und einem Luftröhrenschnitt nur per Schlauch durch die Nase ernährt werden konnten. Einmal übergab mir eine Schwester eilig ein Gefäß mit Puddingsuppe und die Breispritze, ich überprüfte die Temperatur der Suppe, indem ich einen kleinen Schwall über meine Handfläche goß. Dann ging ich zum wartenden Patienten und begann die Flüssigkeit durch den Schlauch zu drücken. Der Mann krümmte sich plötzlich und schüttelte heftig die Arme, ich begriff nicht gleich, sprechen oder schreien konnte er nicht. Erst als ich sein schmerzverzerrtes Gesicht und wie er seine Hände an die Magengegend preßte sah, verstand ich. Die Suppe war doch zu heiß. Ich entschuldigte mich an die tausend mal mit Worten, mit unbeholfenen Gesten, fragte ihn kindisch: “Ist es sehr schlimm?” Ich verfluchte mich, schämte mich, ich hielt ihn für vollauf berechtigt, mich anzuzeigen, das unrühmliche Ende meiner Karriere als Stationshilfe einzuleiten und mich auf ein saftiges Schmerzensgeld zu verklagen. Aber ich mußte so verstört gewirkt haben, daß er schließlich mich tröstete, indem er mir verzeihend auf die Schulter klopfte und Zeichen machte, die heißen sollten: “Beim nächsten Mal paßt du sicher besser auf!” Nach diesem Schreck rührte ich die Sondenspeisen jedesmal mehrfach um und bestimmte dann die Temperatur mit dem Thermometer, in drei verschiedenen Eintauchtiefen.
Die Ausstattung der Räume und Sanitäranlagen entsprach nicht neuesten Standards. Es fehlten behindertengerechte Toiletten. Einmal, als eine Schwesternschülerin und ich einem Patienten im Rollstuhl, er hatte beide Beine oberhalb des Kniegelenks verloren, auf das Klosettbecken helfen wollten, rutschte er uns aus den Armen. Er schlug mit seinen Stümpfen schmerzhaft auf den Fliesenboden und mit dem Kopf gegen die Zellentür. Diese Erlebnisse waren mir eine Lehre. Sie zeigten mir, wieviel Verantwortungsgefühl und Konzentration selbst mein kleiner Job als Stationshilfe erforderte. Die nächste Bewährungsprobe ließ nicht lange auf sich warten. Eine Unfallpatientin mußte mit dem Krankentransport zum CT. Die gerade Siebzehnjährige war nach dem Diskobesuch zu ihrem alkoholisierten jungen Freund ins Auto gestiegen. Auf der Fahrt nach Hause verunglückten sie. Schädelbasisbruch, Prellungen, Schürf- und Schnittwunden am ganzen Körper. Um Hirnblutungen ausschließen zu können, mußte sie in den Computertomographen. Jemand aus der Klinik sollte sie begleiten und die Papiere mitnehmen. Da nur ich gerade entbehrlich war, schob mich die Ärztin an das Bett des Mädchens. Sie sagte: “Das ist Herr Haas, er wird Sie zum CT begleiten, der Wagen kommt gleich.” Sie drückte kurz die Hand der Patientin und verschwand. Da stand ich nun, sah in das zerkratzte, aufgeschwollene Gesicht des Teenagers, sah die blutunterlaufenen Augenhöhlen, das sogenannte Brillenhämatom. Es muß ein hübsches Gesicht gewesen sein, das war auch jetzt noch erkennbar. Der Kopf war mit einer Halsmanschette stillgelegt. Die braunen Augen des Mädchens schauten mich ängstlich an. Ich versuchte, mir meine Bestürzung nicht anmerken zu lassen und lächelte verlegen. Zum Glück ging es tatsächlich schon los. Während der Fahrt saß ich an der Rolltrage, sie hatte meine Hand ergriffen und ließ sie nicht mehr los, bei jeder Erschütterung des Autos drückte sie meine Finger. Sie wimmerte leise: “Es tut so weh, es tut so weh. – Wann sind wir da, wie lange noch?”
“Wir sind gleich da”, stotterte ich. Für diesen Einsatz hätte ich eine psychologische Schulung gebrauchen können. Andererseits – womöglich hatte gerade meine totale Unsicherheit etwas beruhigend Natürliches. Als wir im Flur der Frauenklinik auf den Beginn der Untersuchung warteten, ich saß auf einem Schemel an ihrem Fahrgestell, klammerte sie sich mit solcher Verzweiflung an meine Hand, wie es noch nie ein Mensch getan hatte. Verdammt, warum waren keine Angehörigen da? Ein Fremder, ich, war der einzige Mensch, der ihr Trost spenden konnte. Sie hatte große Furcht vor der Prozedur. Ihr Klagen und Wimmern wurde heftiger. Ich streichelte ihre Handfläche und staunte über die Gelassenheit des untersuchenden Arztes, der ab und an herantrat. Er sagte dann jedesmal solche Floskeln wie: “Wir schaffen das schon, ist alles halb so schlimm!” Schließlich war es soweit. Noch während des Hineingleitens in die Röhre hielt ich ihre Hand. Dann mußte ich den Raum wegen der Strahlung verlassen, sie wollte meine Hand nicht freigeben. Wieder und wieder mußte ich versprechen, daß ich sofort wiederkäme, wenn alles vorüber ist. Die schiere Verzweiflung und Verlassensangst, die für diesen Moment aus ihrem Blick sprachen, verfolgten mich noch lange. Es war eine Prüfung. Als hielte man Gericht über mich: Kann er Menschen in Not Beistand geben, er, der bereitwillig das “Handwerk des Tötens” erlernte?
Ich sah viel Elend und Gebrechen auf der Station. Ein älterer Herr, der offensichtlich mit dem Leben abgeschlossen hatte, nahm keine Nahrung mehr zu sich. Er warf das Essen in den Abfalleimer. Die Schwestern herrschten ihn deshalb an, fortan versteckte er die Speisen an anderen Orten im Zimmer. Ich fand den Rühreiteller unter der Wolldecke im Bett, die belegten Brote auf dem Schrank und den Nachtisch in der Schublade des Nachttisches. Auf Fragen antwortete er nur mit Knurren. Über seinen kahlen Schädel schlängelten sich starke Adern, die deutlich durch die dünne Haut sichtbar waren. Die Schwestern sprachen ziemlich taktlos von ihm … ja, sie hatten recht, es stank in seinem Zimmer, er war stur und roch unangenehm, so war es. (Aber sie wuschen ohne darüber ein Wort zu verlieren, regelmäßig seine Wäsche. Denn seine Verwandten ließen sich seit einem halben Jahr nicht blicken.)
Einmal, bei einer Unfallaufnahme mußte ich mit anpacken, den komatösen Patienten auf den OP-Tisch zu wuchten. Der Mann war betrunken gegen einen Baum gerast und hatte seitdem das Bewußtsein nicht wiedererlangt. Vor dem Transport in den OP zogen wir ihn aus und hievten ihn zum Röntgen auf eine Glasplatte. Er stank nach Fusel, Erbrochenem und Kot. Ich dachte an meine Alkoholexzesse auf Rügener und Wolgaster Landgängen zurück. Die Handlungsunfähigkeit des Vollrausches nahm dem Menschen alle Würde. Durch einen Unfall konnte ein Abend, eine Nacht in würdelosem Zustand zur Ewigkeit werden … Wenigstens war ich stets als Fußgänger unterwegs gewesen.
Einige der Tumorpatienten waren der Trunksucht verfallen. Der Alkohol zog sie in einen Teufelskreis. Einerseits hatte er das Entstehen des Kehlkopf- oder Speiseröhrenkarzinoms begünstigt, andererseits linderte er die beginnenden Schmerzen. Er griff das geschädigte Gewebe weiter an, und die Erkrankten tranken weiter, um die brennenden Reizungen zu betäuben. Nach der Operation, die auch die Alkoholiker nüchtern antreten mußten, fielen sie in ein Entzugsdelirium. Um Selbstverletzungen, das Herausreißen der Tropfkanülen und Schlimmeres zu verhüten, wurden die zitternden, um sich schlagenden Patienten im Wachsaal mit breiten Gurten fixiert. Auf Entzug entwickelten sie irrsinnige Kräfte. Der Anblick eines Alkoholkranken im Delirium tremens, der einen schweren epileptischen Anfall erlitt und den auch die Ledergurte nicht zu bändigen vermochten – ein Riemen riß an der Schnallennaht – erschütterte mich gewaltig. Für die ganz schweren Notfälle hatten die Schwestern eine Flasche Korn im Kühlschrank. Der Schnaps wurde dann portionsweise der Flüssignahrung zugesetzt. “Für unsern Alki auf Zimmer Eins”, sagte die Krankenschwester beim Abfüllen. Einige redeten sehr abfällig von den Trinkern, obwohl sie auf Brigadefeiern selbst bis zur Vergiftung zulangten. Die Schwesternschaft nahm kein Blatt vor den Mund, einige hatten lange Haare auf den Zähnen. Ich machte mir den Reim darauf, daß man die individuellen Leidensgeschichten, wenn man hier tagein tagaus, nachtein nachtaus arbeitete, nicht an sich heranlassen konnte. Andernfalls wüchse sich der Beruf zum eigenen Leidensweg aus. Der beste Schutz davor waren markige Sprüche und flottes, aber korrektes Abfertigen. Mir gelang das nicht so gut. Mir gingen die Schicksale, besonders der Krebspatienten sehr nahe. Anderthalb Wochen lang wischte ich jeden Tag ein Wachstationszimmer, in dessen Mitte ein Todgeweihter gebettet war. Das Fenster stand ununterbrochen offen, dennoch wich der Übelgeruch nicht. Die Metastasen hatten sich im ganzen Körper ausgebreitet.
Aus seiner offenen Brust wucherte befallenes Gewebe. Ich wurde zufällig Zeuge, als die Mullabdeckung gewechselt wurde. Das gekräuselte Krebsgeschwür sah aus wie Blumenkohl oder wie ein Schwamm. Dieser Schwamm sog die letzte Lebenskraft aus dem Organismus. Dem fünfzigjährigen Mann war nicht mehr zu helfen. Alle Therapien waren fehlgeschlagen, hatten den Verfall bestenfalls verzögert. Der Patient verstarb nachts, am nächsten Morgen hatte ich die leere Metallwanne auf Rollen, die zum Transport der Leiche in die Kühlzelle gedient hatte, zu reinigen und zurück in die Abstellkammer zu schieben. Die Schwestern aßen wie gewöhnlich ihr zweites Frühstück im Aufenthaltsraum, Käsebrötchen mit Marmelade und dazu starken Kaffee.
Diese Frühstücksrunden waren es auch, die zu Diskussionen über die jüngsten politischen Veränderungen genutzt wurden. Das Wahlkampfgetöse vor der ersten freien Volkskammerwahl erreichte den Siedepunkt. Für den DDR-Bürger eine völlig neue Erfahrung. Plakatgeschmückte, beflaggte Straßenzüge kannten wir zwar von den Maifeiern, aber nur im Einheitsparteirot. Jetzt wurde es bunt und schrill, frank und frech. In Rundfunk und Fernsehen liefen die Parteien-Spots, das gab es vorher nicht. Der Ausgang der Wahlen enttäuschte mich, vor allem, weil das Bündnis 90 der Bürgerbewegungen so wenig Stimmen bekam. Ich hatte es gewählt, aus Dankbarkeit und Bewunderung des Mutes seiner Anhänger. Ohne die Demonstranten und Protestierer der ersten Stunde stünde ich noch immer in voller Montur mit aufmunitionierten Magazinen auf der Pier. Spätestens mit dem Sieg der “Allianz für Deutschland” wurde klar, wohin die Reise ging. Der Westen würde sich bald ein bißchen weiter nach Osten begeben. Als der Kanzlerkoloß Kohl den schmächtigen de Maizière umarmte und sie Seite an Seite vor den Kameras posierten, gaben sie ein Bild wie die Landkarte. Die zweieinhalbfach größere Amöbe Bundesrepublik um das Wechseltierchen DDR geschmiegt.
Für mich war auffällig, daß die älteren Kolleginnen der Entwicklung in Richtung Währungsunion und Einheitsstaat einhellig skeptisch gegenüberstanden, während die Krankenschwestern zwischen Anfang dreißig und Mitte vierzig sie fast durchweg begrüßten. Die Jüngeren wußten nicht so recht, worauf sie hoffen sollten. Der Oberarzt, Ex-Genosse, begann sich schon Gedanken über seine berufliche Perspektive zu machen. Er ahnte wohl, daß künftig Unbelastete größere Chancen auf die Chefposten hätten. Mit seinen Fertigkeiten in der plastischen Gesichtschirurgie, käme er bestimmt in einer privaten Schönheitsklinik im Westen unter. Den Ärzten, die vorher einen schweren Stand hatten, weil sie nicht der Partei angehörten, wurde endlich gerechte Behandlung zuteil. Allerdings hatte damit die Ära der wendigen und windigen Gerüchte, des Stasi-Generalverdachts, der privaten Auf- und Abrechnungen begonnen, die schon die Arbeitsatmosphäre trübten.
Fragen nach meiner Militärzeit wich ich aus, antwortete kurz angebunden. Damals wollte ich nicht viel darüber reden. Ich schämte mich für die sinnlos vertane Zeit. Erst recht, da ich nun sah, wie viel sinnvolle Arbeit ich hier in der gleichen Frist hätte verrichten können. Die Einführung eines Zivildienstes, den auch die streikenden Soldaten von Beelitz gefordert hatten, unterstützte ich aus ganzem Herzen. Es lief in der Klinik wahrhaftig ein Kontrastprogramm ab. Mein Militärdienst war auf Beseitigung, auf das Vernichten menschlichen Lebens ausgerichtet. Korvettenkapitän Pfotenhauer, mein Kompaniechef an der Flottenschule hatte es selbst so deutlich ausgedrückt. Natürlich galt das Mordsspektakel nach offizieller Propaganda-Verlautbarung lediglich dem Schutz und der Verteidigung der sozialistischen Heimat. Aber wir schossen mit Maschinengewehren auf Schießscheiben in Menschenform, unser Radar erfaßte richtige Seeziele, und die Granaten der Doppellafette AK 230 waren nicht für unersättliche Möwen gedacht. Hier, im Krankenhaus, richtete sich alles auf Lebenserhaltung und Verbesserung der Lebensqualität aus. Hier wurden Gelder und Mittel eingesetzt, Menschen zu helfen, Leiden zu mindern. Bei der Armee hingegen verschleuderten wir volkswirtschaftliche Werte. Ich dachte z. B. an das teure Maschinenöl (im Bordjargon: “Shell” genannt), das aussah wie Milch. Nachdem es aus Tankbehältern, die tagelang auf der Pier standen, übernommen wurde, blieben riesige Pfützen mit der weißlichen Flüssigkeit zurück. Die Maschinenstunden der Schnellboote waren nicht umsonst limitiert. Ich dachte an die immensen Kosten, die größtenteils überalterten Kampfschiffe einsatzfähig zu halten. Wenn ich die Bedürftigen auf der Station sah, hatte ich keine Lust in welthistorischen Zusammenhängen zu denken und an ein imaginäres Gleichgewicht zwischen hochgerüsteten Systemblöcken zu glauben. Sowieso war es mir unvorstellbar, daß ausgerechnet unsere Marine zu dieser Kräftebalance wirksam beigetragen haben sollte.
Im Volksmarinemund hieß es stets: “Wir müssen den Gegner nur aufhalten bis reguläre Truppen eintreffen!” Damit waren natürlich die Russen, in diesem Falle die Baltische Flotte, gemeint.
Selbstverständlich hielt ich mit Briefen die in Dranske zurückgebliebenen Freunde auf dem Laufenden. Wobei ich vornehmlich von meinen erotischen Verwirrungen durch meine “Lieblingsschwestern” berichtete. Ein paar Mittdreißigerinnen benahmen sich nicht wie Kinder von Traurigkeiten und wickelten mich mit links um ihre Finger. Eines Tages traf eine Geschenksendung schnittiger, modischer Kittel in verschiedenen Farbtönen aus der Partnerstadt Osnabrück ein. Sogleich probierten die Schwestern im Aufenthaltsraum an. Mir gingen bei der Med-Modenschau die Augen über. Besonders eine dunkelhaarige Fachschwester namens Gerda hatte es mir angetan. Immer wieder studierte ich den Dienstplan und forschte nach gemeinsamen Schichten. Sehnsüchtig erwartete ich die Tage, wo wir zusammen im weniger trubeligen Spätdienst arbeiteten. Ihre bloße Anwesenheit, ihr Können, ihre Sicherheit bezauberten mich, ich war verliebt. In meinen Briefen an Sternchen machte ich mir Luft und schwärmte zügellos. Stern mußte seine zwei Jahre noch “voll machen”. Er und Broschi berichteten ihrerseits per Post von den Veränderungen nach der Wahl vom 18. März. Sensationellste Neuheit war wohl, daß die Matrosen nun im Bordweiß in der Klubkneipe Bier trinken gehen und in der MHO kästenweise Bier kaufen konnten. Nach der Abschaffung des Frühsports, die ich noch miterlebt hatte, trieben plötzlich alle Freizeitsport. Beliebt war das Joggen vom Hafen bis zum KDL und retour, die Läufer hatten die Strecke “Run of Freedom” getauft. Weniger Ausbildungsstreß und viel Wartungsarbeit bestimmten den Alltag. Etliche Matrosen rückten auf Unteroffiziersdienststellungen aufgrund des Personalmangels.
“Bist du aus dem Grab, das dir die Dransker Zeit schaufelte, wieder auferstanden? Hast du Prognosen bei der zivilen Hand? Ich mache hier nur Unsinn”, schrieb Stern. Der Pfarrer Rainer Eppelmann, der neue Minister für Abrüstung und Verteidigung, hatte Dranske einen Besuch abgestattet. Zum ersten Mal in ihrer Laufbahn mußten die Stabsoffiziere einen Minister in Zivil hofieren. Die Matrosen, die sich von Eppelmann, dem ehemaligen Bausoldaten, baldige Auflösung der Truppe versprachen, sahen sich getäuscht. Statt dessen machte er den Berufssoldaten Hoffnung auf eine Zukunft der ostdeutschen Marine. Im Juli, kurz nach einer absurden neuerlichen Vereidigung teilte Stern mit: “Wir haben übrigens neue Kokarden. Der totale Lacher! Als ob es nichts wichtigeres gäbe.” Er, Broschi und Lehmännchen fuhren im Urlaub nach Spanien. Bezahlt “schon mit den guuuten Marks”, wie Stern es ironisch ausdrückte. Ich hatte inzwischen auch Paris gesehen und dort mein Begrüßungsgeld in Museen (mit dem DDR-Paß brauchte man für den Eintritt nur die Hälfte bezahlen) und für Wein und Käse (leider ohne Ost-Ermäßigung) ausgegeben.
Dann endlich konnten auch die drei nach Hause gehen und am 2. Oktober um 23.59 Uhr hörte die Volksmarine – wie die DDR – auf zu existieren. Die wenigsten Berufssoldaten wurden von der Bundesmarine übernommen. In Dranske und anderen Garnisonsorten herrschte bald Rekordarbeitslosigkeit.
Eine Postkarte aus Rio de Janeiro trudelte bei mir ein: “Ich bin im Paradies gelandet. Es ist unbeschreiblich schön hier. Unvorstellbar für europäisches Denken. Leben und pures Glück. Ich möchte hier bleiben, aber es wird nicht gehen, außer durch Heirat. Meine besten Wünsche für Dich, Ronald” – Lehmann, unser Heldenstädter, hatte sie geschickt. Es war nicht nur Verhexung durch brasilianische Exotik und Urlaubseuphorie! Er ging später, nachdem er in München hart für die Finanzierung seines Traums gearbeitet hat, tatsächlich nach Brasilien. Der andere Leipziger, Broschi, betreute in einem Kinderheim Schwererziehbare und wollte später ein Medizin- oder Psychologiestudium beginnen. Stephan Stern kehrte zurück ins Kernkraftwerk. Er wurde gleich auf “Kurzarbeit, null Stunden” gestuft. Und ich war inzwischen in ein Rostocker Studentenwohnheim eingezogen.
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