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Geschichten aus der Rodina
Olga Vogt
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnte im Juli 1991 das 1979 in Jekaterinburg entdeckte Massengrab mit der ermordeten Zarenfamilie untersucht werden. Das Skelett des Zarewitsch und einer seiner Schwestern fehlte. Hatte tatsächlich eines der Mädchen fliehen können? Anastasia? Mit einer Genanalyse wurde bewiesen, dass es sich bei dem Fund um ein Grab der Romanows handelte. Außerdem fanden die Forscher heraus, dass nicht Anastasia, sondern deren zwei Jahre ältere Schwester Marija fehlte.
Aus: www.dieterwunderlich.de
Preis: 13,60 € *
Leseprobe
“Mama, erzähl mir von deiner Mutter”, bat ich.
“Meine Mutter? Ich kann es dir nicht sagen.” Nach einer längeren Pause begann sie dann zu erzählen. “Ich glaube, sie war größer als mein Vater. Sie war sehr stolz und streng. Mein Vater dagegen war ruhig und ganz anders. Ach, ich weiß es einfach nicht mehr”, sagte sie unzufrieden. “Sie standen nebeneinander in einer Tür und haben mir nachgesehen.”
“Mama, ich denke, du bist von zu Hause weggelaufen, weil sie dich verheiraten wollten?”
“Ach, du bringst mich ganz durcheinander”, sagte sie genervt. “Es ist doch schon alles so lange her.” Mit diesem Satz stand sie auf und ging in die Küche, in der Papa am Ofen in einer alten Zeitung blätterte.
Auf dem Kopf trug er eine schwarze Schapka, eingehüllt in eine dicke Joppe und Filzstiefel an den Füßen. “Du wirst uns noch vor dem Ofen erfrieren!”, sagte Mama mit einem spöttischem Lächeln. Doch er winkte nur ab und sagte “Was für die Kälte gut ist, hilft auch bei der Wärme. Ich war in meinem Leben noch nie erkältet, also ist es auch nicht falsch, was ich anhabe.”
“Mama”, sagte ich vorsichtig, sie drehte sich zu mir um.
“Na, was gibt es noch?”
“Es war doch nicht schlimm, dass ich gefragt habe, oder?”
“Nein, nein, das ist schon gut, aber ich muss jetzt etwas anderes machen.”
“Na Walla, erzählst du dem Kind wieder Geschichten aus der Rodina? Was denkst du dir nur aus, du bist doch aus dem Waisenhaus!”
Mit einem “ach” und einem wütenden Blick drehte Mama sich zum Ofen um und schwieg. Ich sah Papa an, weil ich den Zusammenhang nicht verstand. Seine immer gleichen Bemerkungen waren wie ein Pflaster, das für Tage Mamas Mund verschloss. Traurig sang sie dann ihre Lieder und war weit weg in ihren Gedanken, vielleicht einfach nur zu Hause bei ihrer Familie. Sie muss ja eine Familie gehabt haben, bevor sie in so ein Waisenhaus kam. Eigentlich hassten wir Papas Bemerkungen, die Mama jedes Mal so schweigsam machten. Unsensibel und unpassend konnten Papas Worte sein. Er drehte sich danach um und verschwand aus dem Zimmer.
Wie soll ein Mensch sich an etwas erinnern, fragte ich mich, wenn er nicht die Möglichkeit dazu bekommt. Wir wussten es alle, wie krampfhaft sich Mama zu erinnern versuchte. Erst nach vielen Tagen ergab sich dann wieder eine Gelegenheit.
“Ach Olga!”, sagte sie traurig zu mir. “Was ist das für ein Leben! Ich hätte einen Doktor oder Ingenieur heiraten können und was tue ich? Ich heirate einen Deutschen. Weißt du, wie viel Kavaliere um meine Hand angehalten haben? Geweint haben sie um mich. Was war ich doch für eine Durotschka/Dummerchen. Nachgeschaut haben sie uns, wenn wir auf den Bällen hübsch angezogen flanierten. Wir trugen schöne Kleider, in den Haaren ein Diadem. Die Brillanten funkelten wie Sterne, alle staunten über uns. Mama machte eine Pause, als würde sie es sich bildlich vorstellen. Als wäre dies das Einfachste der Welt, sprach sie weiter. Ich kann mich noch erinnern, wie wir im eisigen Winter mit der Kutsche durch Moskau gefahren sind, eingehüllt in dicke Bärenfelle.”
“Mama, wer sind wir, mit wem bist du gefahren?”
“Na, mit meinen Schwestern.”
Verwundert fragte ich: “Du hattest Schwestern?”
Wieder blickte Mama mich nachdenklich an. “Genau kann ich es dir auch nicht sagen, aber sie waren da. Gemeinsam haben wir im Lazarett geholfen und Verwundete gepflegt.
Stell dir vor, uns ging es so schlecht, dass wir sogar von den Verstorbenen die Brotration unter dem Kopfkissen vorgeholt haben. Anfangs habe ich mich geekelt, bekreuzigte mich ein paar Mal, doch mit der Zeit war es das Normalste von der Welt.”
“Wo war das denn, ich denke, ihr wart reich. Ich verstehe dies nicht so richtig, Mama?”
“Du stellst immer Fragen”, sagte sie unruhig. Damit war dieses Thema bis auf weiteres beendet.
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