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Ahrenshooper Begegnungen
Seitenanzahl: 192
ISBN: 978-3-86785-030-8
Buchart: Paperback
Gewicht: 235 g
Größe: 12,6 x 20,5 cm
Erscheinungsdatum: April 2008

Ahrenshooper Begegnungen

Ein Haus am Meer und seine Gäste

Wolfgang Schreyer

Stefan Heym, Brigitte Reimann, Dieter Wellershoff, aber auch Erich Loest, Walter Kaufmann, Reiner Kunze oder Ralph Giordano – all diese Autoren waren in den letzten 50 Jahren zu Gast bei Wolfgang Schreyer in Ahrenshoop.
Die Begegnungen mit ihnen, die er in diesem Band erstmals schildert, geben einen unverstellten Einblick in das, was deutsche Schriftsteller in Ost und West in dieser Zeit bewegt hat und bis heute beschäftigt.
Nicht zuletzt zeigt dieses kurzweilige Buch, was den Künstlerort Ahrenshoop vielleicht bis heute ausmacht – lebendiger Austausch über Genregrenzen hinweg.

Preis: 9,90 € *

 

Leseprobe

Heym bei Schreyer
Als Stefan Heym mit Gertrude, seiner ersten Frau, am 20. August 1966 bei uns anlangt, hat er´s zum dritten Mal im Leben auf die Halbinsel Fischland-Darß geschafft. Einst gab ihn sein Vater, ein kleiner Textilfabrikant aus Chemnitz, nach Wustrow – in die Obhut einer jüdischen Wirtin, die zu mäßigen Preisen Jugendliche aufnahm. Es muß um 1930 gewesen sein; Heyms Memoiren erzählen von früher Romantik im Schatten der Wirtschaftskrise. Ringsum zeigt man sich zunehmend deutschnational, ja nazistisch, sogar am Strand. Über den Sandburgen flattern nämlich, neben den Fähnchen der Republik und des kaiserlichen Deutschlands, immer mehr Wimpel mit dem Hakenkreuz. Täglich nach dem Mittagessen – so vermerkt er 50 Jahre später im “Nachruf”, seinem Erinnerungsbuch – zog es ihn, ein Mädchen am Arm, hinter die Dünen zu einem schattigen Hain. Und dort, halbwegs sicher vor den Blicken streunender Badegäste, geschah es dann, daß die um drei Jahre Ältere niedersank, um ihn hastig atmend aufzufordern, “ihre Lippen, den Hals und die Brüste zu küssen.” Zu mehr indes kam es nicht; fast so, wie es auch mir in den Dünen von St. Peter-Ording erging. Im zweiten Anlauf ist Heym dann, zurück aus den USA und gerade eingebürgert in die DDR, im Sommer 1952 bis nach Ahrenshoop gelangt. Und zwar mit einem “Wägelchen aus Holz und Plastik, Marke Lloyd”, wie es im “Nachruf” heißt; ein eher frustrierender Aufenthalt. Immerhin, er lernt dort den Schweriner Domprediger Karl Kleinschmidt kennen. Nach dem 17. Juni wird er sich mit Kleinschmidt abwechseln beim Schreiben der Kolumne “Offen gesagt”, die jeden Sonntag auf Seite eins der Berliner Zeitung erscheint. Da Heym im alten Kurhaus zwar nicht wohnen, aber doch speisen darf, wird er von Johannes R. Becher bemerkt und eingeladen an dessen Tisch. Der Dichter hält abends dort Hof, in jener separaten Glasveranda, die im Dorf respektlos “Bonzenaquarium” heißt: “Die Augen hinter den dicken Gläsern scheinen zu warnen, daß mit ihm nicht zu spaßen ist, die Stimme, ein wenig schnarrend, beherrscht die Runde.” Der künftige Kulturminister gibt sich leutselig, erzählt Anekdoten, doch als Gastgeber versagt er in Heyms Augen zweifach: bloß flüchtig wendet er sich ihm zu, und am Schluß zahlt er nur für die eine Flasche Wein, die vor ihm selber steht. – Da sind sich zwei wichtige Männer begegnet, und die Chemie hat nicht gestimmt. Das soll nun diesmal, 14 Jahre später, gänzlich anders sein. Denn wir mögen den Mann und sein Werk, ja, er wird von uns verehrt. – Manchmal hab ich mich gefragt, was das eigentlich sei: Persönlichkeit. Ein Mensch wohl mit starkem Charakter und deutlicher Ausstrahlung, auf den man instinktiv hört? Vielleicht Macher und Denker in einer Person? Also ein Alphatyp, aufrichtig bis aggressiv, gern dabei, zu widersprechen, sich zu profilieren? Derlei Lust und Präsenz aber gepaart doch mit Sensibilität und der Neigung, auch selbst zuzuhören? Und dem Hang zur Analyse – bereit, den Lauf der Welt zu ergründen, wie auch fähig, die eigene Rolle zu sehen und sein Ego – so groß es auch sein mag – gelegentlich zu hinterfragen. Gewiß, das ist hinderlich, wenn man kämpfen muß. Doch Mut und Schlagkraft allein sind nichts, ohne Selbstkritik wird keiner groß. All diese Facetten sind mir wichtig, und ich hab sie an Heym bemerkt. Mein Gast, so scheint es, deckt ziemlich das ab, was für mich “Persönlichkeit” ist. Aber derzeit ist er vor allem persona non grata in der DDR. Seit dem Winter 1966 steht der Mann unter Beschuß, darf keine Grenze passieren, nicht mal die zwei östlichen, nach Polen, in die Sowjetunion oder in die CSSR. Da freut es mich ganz besonders, ihm und seiner Frau einen Ferienplatz zu bieten: vier Wochen Ahrenshoop! Unser kleines Gästehaus, endlich steht es. Wir liegen am Strand, paddeln auf dem Saaler Bodden oder laufen durch die Wiesen. Und es stellt sich heraus, daß wir uns schon sehr viel früher virtuell begegnet sind. Seltsam, im April 1945 “lagen wir einander gegenüber”, wie es bei Veteranen heißt. Da sind in Bayern, südlich von Nürnberg, Flugblätter auf die 9. Flakdivision herabgewirbelt – schwarz mit fettem gelbem Fragezeichen, und darauf stand: “Deutscher Soldat, warum in den letzten Tagen des Krieges sterben?” Nur das, kein weiterer Text. Für mich damals ein Glanzstück der Feindpropaganda. Es kam aus Heyms Einheit für psychologische Kriegsführung, deren Geschichte sein Buch Crusaders erzählt (als “Kreuzfahrer von heute” in der frühen DDR erschienen). Natürlich ahnen wir nicht, wie sehr man uns jetzt beargwöhnt. Die Hauptabteilung XX des Ministeriums für Staatssicherheit hat schon im Juli bemerkt, daß die Eheleute Heym sich bei mir an der Ostsee erholen werden. Von zwei hiesigen Dorfpolizisten läßt der Leiter des Sachgebiets Kultur, Linie Schriftsteller, einen 5-Seiten-Bericht mit Lageskizze und Fotos über mein Grundstück anfertigen. Vom Kaufpreis bis zur politischen Einstellung der Nachbarn nennt der Bericht auch viel Läppisches; sogar die Kleintierhaltung des Umsiedler-Ehepaars bei mir unterm Dach und streunende Katzen werden erwähnt. Sehr viel später erst, nach der Wende, liest Heym verblüfft in seiner Akte, daß man in Berlin Gespenster sah und ihm subversive Umtriebe zuschrieb. Zur selben Zeit nämlich, fand die Stasi-Zentrale, lagen zwischen Ahrenshoop und Bansin weitere Verdachtspersonen am Strand: Robert Havemann, Wolf Biermann und der Westdeutsche Hans-Werner Richter, Gründer der “Gruppe 47”. Daraus schloß die Hauptabteilung XX kühn: “Gegenseitige Besuche der Genannten sind anzunehmen insbesondere auch deswegen, da alle Besitzer eines PKW sind.” Die MfS-Kreisdienststelle Ribnitz indes meldet sachlich: “Heym verhielt sich sehr zurückgezogen, machte viel Spaziergänge, hielt sich am Strand auf und hat im Ort selbst keine Kontakte gesucht. Lediglich in der ,Bunten Stube’ ist er öfter aufgetaucht …” Dabei klagt er dem Besitzer, daß man ihn nicht mehr ausreisen läßt, signiert eigene Bücher und deutet seine Bereitschaft an, in dem Laden öffentlich aufzutreten. “Dies wurde aber dann verhindert … An was H. zur Zeit schreibt, konnte nicht ermittelt werden. Er will im Jahre 1967 wiederum seinen Urlaub im Hause von Schreyer verleben.” Ahrenshoop und sein Stück Nudistenstrand im Visier, hatte der “Stern” kalauernd getitelt: “Die Nackten und die Roten”. Gemeint sind Autoren wie Alexander Abusch oder Johannes Tralow, der zwar nicht rot, aber in die DDR übersiedelt ist und wirklich, ungeachtet seiner Jahre, im FKK-Reservat südlich der Rehberge weiblichen Fans aus seinen Werken (“Roxelane” etwa oder “Der Eunuch”) vorliest. Ihm gratuliert Heym zu diesem Mut und – im Namen des PEN-Clubs – zum 84.Geburtstag. Das jedoch bleibt sein einziger Kontakt. Wir reden viel von Vietnam, wo das Feuer vom Himmel fällt; auch über Ferdinand Lassalle – der nächste Romanstoff für Heym. Seiner herzkranken Frau wegen hat er aufgehört zu rauchen, findet im Ortskonsumladen keine Bonbons, die ihm den Tabak ersetzen sollen, und schreibt das ins Beschwerdebuch. Bei uns erscheint der Dorfpolizist, um Näheres zu hören. Die Lokalgrößen wirken nervös, und erstmals fühlen wir uns belauert! Tatsächlich, der parteifromme Kulturbundchef hat auf die Frage des Potsdamer Autors Herbert Otto, weshalb er so verdrossen sei, in allem Ernst gesagt: “Heym bei Schreyer.” Das klingt prägnant; die Kontrolle scheint perfekt. Dazu meint Heym zornig, es geht demokratisch, oder es geht schief. Und er zitiert Brecht – der hat den Sozialismus das Einfache genannt, das schwer zu machen sei. Man kann es sich auch einfach machen, schlicht alles überwachen, sagt er – aber ist es dann noch Sozialismus?

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