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Spätsommer
Eva Kelch
“Spätsommer” ist der dritte Roman der langjährigen Mitarbeiterin von Walter Felsenstein, dem Intendanten und Chefregisseur der Komischen Oper in Berlin.
Kammersängerin Ellen Koerth und der Techniker Edgar Lievermann hatten sich auf einer Kur kennengelernt. Beide empfanden eine tiefe Liebe füreinander. Wir kennen die beiden aus dem Roman “Vorfrühling”.
Nun ist er arbeitslos. Eine Vereinigung mit der geliebten Frau, die im In- und Ausland Erfolge feiert, könnte er nicht ertragen. “Ich tauge nicht für die Rolle eines Prinzgemahls.” Der Zwiespalt zwischen seiner Liebe zu Ellen und seiner Persönlichkeitsentwertung treibt ihn in eine tiefe Krise.
Ergreifende Passagen wechseln mit drastischem Humor. Und das Geschehen widerspiegelt heutige gesellschaftliche Probleme mit dem Fazit: “Aber der Mensch darf niemals aufgeben.”
Preis: 17,50 € *
Leseprobe
“Zicke, tu mir den Gefallen und setz dich hin. Du machst mich wahnsinnig mit deinem Gerenne. Außerdem”, sie schob ihr den Teller mit dem Mittagessen zu, “hier. Bitte iss erst einmal.”
“Kann ich nicht.” Wenigstens setzte sie sich. “Lola, ich versteh die Welt nicht mehr. Warum rückt Lievermann vor mir aus? So hässlich oder alt scheine ich doch noch nicht zu sein. Sonst würde sich der junge Franzen doch nicht in mich vergaffen. Dem Alter nach könnte ich seine Mutter sein.”
“Zicke, nun tu mir erst mal den Gefallen und fang an zu essen. Schließlich hab ich die Schnitzel nicht für mich gebra… anbrennen lassen! Aber – schmeckt nicht schlecht”, stellte sie fest, mit vollen Backen kauend. “Nun zu deinem ,Lieven Mann’. Ich hab dir schon mal gesagt, der hat vor dir Minderwertigkeitskomplexe. Weil er sicherlich arbeitslos ist. Mensch, Zicke, du spinnst dich in deine Kunst ein, und das Leben rauscht an dir vorbei. Hätte der sonst Gras gemäht, sicher als Schwarzarbeiter, wenn er nicht arbeitslos wäre? Und auf ‘m Mäher hat er sich vor dir geschämt. Aber Zicke, iss doch. Die Dinger werden kalt.”
Lustlos schnitt Ellen in ihrem Schnitzel herum. “Entschuldige, Lola! Aber kannst du nicht verstehen, dass mir der Appetit vergangen ist? Nachdem sich der Schwiegersohn in spe von Edgar in mich verknallt? Wenn Antje das erfährt, wird die mich hassen. Am liebsten würde ich das Konzert schmeißen, die ,Troubadour’-Leonore dazu. Muss ich eben Konventionalstrafe zahlen. Na und. Wär nicht zum ersten Mal. Ich hab alles satt.”
“Jetzt iss dich besser erst mal satt. Dann sieht die Welt wieder anders aus. Nicht mehr schwarz, sondern heller! Sing das Konzert, sag ich dir. Und wenn der Schwiegersohn in spe von deinem ,Lieven Mann’ spielt, muss der Schwiegervater in spe zu dem Konzert gehen, wenn er sein vielgeliebtes Fräulein Tochter nicht beleidigen will. Die würde ihren ,Paps’ lynchen, wenn der in der Oper nicht erschiene. Und wenn der Papa im Parkett seine strahlende Ex-Geliebte auf der Bühne sieht, die ihn mit Charme und Stimme in Ekstase bringt, dann ist der nicht mehr zu bremsen vor deiner Garderobentür. Verlass dich drauf.”
“Wenn du dich da nicht irrst, liebe Lola.”
Tapfer hatte Ellen sich zum Essen gezwungen, ihren Teller halb geleert.
“Lola irrt nie! Na siehst du, Zickchen, wenigstens das Schnitzel ist weg! Und deinen ,Lieven Mann’, den fangen wir ein, falls der ausbüxt vor dir. Da verlass dich drauf.”
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