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Ostseezeitung Bad Doberan vom 16.03.2011

Von Anett  Jonuschat

Immer dem Horizont entgegen

Warnemünder Skipper segelte um die halbe Welt und brachte ein Buch heraus. Angelika Bruhn unterhält seit 2000 den BS-Verlag in Bargeshagen. Mit 45 neuen Titeln reist sie zum 10. Mal zur Leipziger Buchmesse.

Wenn Angelika Bruhn am heutigen Mittwoch zur Leipziger Buchmesse reist, hat sie 45 neue Titel im Gepäck. Seit Gründung des BS-Verlages Rostock mit Sitz in Bargeshagen im Jahr 2000 brachte die Börgerenderin sage und schreibe 466 Bücher heraus. Vor allem Neues und Altes aus Mecklenburg, Wiederauflagen bekannter DDR-Autoren, aber auch historische Romane, Krimis und Reiseberichte gehören zum Repertoire im Ein-Frau-Verlag. Dabei ist die 60-Jährige nicht nur Literaturagentin, sondern Layouterin, Vertriebsagentin, Lektorin, Sekretärin und Verlagschefin in persona.

„Ich liebe Bücher, habe den schönsten Beruf von der Welt“, bekennt die studierte Betriebswirtin. Und sie erlebt in den nächsten Messetagen am Stand E 220 in der Halle 3 ein kleines Jubiläum, denn zum zehnten Mal ist der BS-Verlag-Rostock in Leipzig mit von der Partie. BS steht dabei für kleine, aber feine Bücher und Schriften. Da passt die Neuerscheinung von Ingo Peter Schoengraf sehr gut hinein. In „Dem Horizont entgegen“ beschreibt der Warnemünder seine Tour mit dem Segelboot „Bora Fem“ über den Atlantik. Diesen Traum erfüllte sich der Skipper 1999 mit 60 Jahren, als er sich eine Hochsee-Yacht kaufte. Auf dem 11,70 Meter langen und 3,75 Meter breiten Boot segelten der Elektrotechnik-Ingenieur und seine Bootsfrau anderthalb Jahre um die halbe Welt bis in die Karibik. Schreib es auf, hatten ihn Freunde gebeten. Und so summierte sich aus den Reisnotizen ein 385 Seiten starkes Buch, das es in etablierten Geschäften in Rostock und Warnemünde oder über den Verlag zu erwerben gilt (www.bs-verlag-rostock.de). 1937 in Markgrafenheide geboren, beschreibt der Autor gefährliche Situationen, die seine Crew allein auf hoher See meistern musste. Das Schlimmste: ein Orkan vor der Insel Porto Santo unweit von Madeira. Wellenberge so hoch, wie sie der erfahrene Sportsmann noch nie gesehen hatte. „Zwei Türen sind aus den Scharnieren gebrochen und fliegen im Salon von einer Seite auf die andere. Ich fange sie ein und zurre sie fest. Gerade wieder oben angekommen, beginnt ein Gewitter zu toben, wie wir es noch nicht erlebt haben. Beide müssen wir unsere Augen vor den Blitzen schützen, so blendet das“, berichtet der Skipper. Dem Tode nahe, überlebten sie das Unwetter. Reich bebildert und mit Karten versehen, gibt der Seemann wichtige Ratschläge für andere Meeresliebhaber.

Lesenswert, lautet das Resümee von Angelika Bruhn. Sie ist stolz, diesen Reisebericht publiziert zu haben. Kein Geringerer als Autor und Herausgeber Konrad Reich – 2010 in Güstrow verstorben – wollte diesen Titel drucken. Es kam nicht mehr dazu. Mutmacher begleiteten Angelika Bruhn in vielen Schaffensphasen. So war es Autor Ulrich Frohriep, der ihr vor elf Jahren riet. „Probier es einfach mit dem Verlag.“ „Der beste Tipp meines Lebens“, sagt Angelika Bruhn heute.

 Neuerscheinungen aus dem Katalog 2011

Mit 45 neuen Titel präsentiert sich der BS-Verlag-Rostock auf der Leipziger Buchmesse. Darunter befinden sich:

 „Der Direktor“ von Peter Weise; mit Tiefe und Schärfe wird der Lebensweg des Chefs einer Reederei erzählt.

 Elfriede Brüning, 100 Jahre alt, lässt ihren Roman „Damit Du weiterlebst“ in einer neuen Form erscheinen.

 Rudolf Lehmann beschreibt in „Mein Traum von Afrika“ die Hochseefischerei beiderseits des Äquators.

 Franz Trommer aus Kühlungsborn verfasste den Reisenbericht „Die Sehnsucht nach dem Anderswo“.

 Heinz Kahlow ist mit „Immer noch das letzte Wort (Lyrik) vertreten.

 „Das Licht der schwarzen Kerze“ heißt der Thriller von Wolfgang Held.

 

Anett Jonuschat in der Ostsee-Zeitung am 25. April 2006 über den Verlag

Verlegerin entdeckt Nischen

Bücher von DDR-Autoren, Mecklenburger Geschichten und Schreibstücke junger Leute erscheinen im BS-Verlag in Rostock. Seit 2000 wurden 260 Titel aufgelegt. Chefin ist eine Frau aus Börgerende.
Börgerende. Sie liebt das gedruckte Wort, seit sie denken kann, doch so viel gelesen wie heute habe sie noch nie. "Als Verlegerin gehört das zu meinem Job. Mit Autoren sprechen, Manuskripte redigieren, Druckfahnen korrigieren, sind tägliche Aufgaben mit hohem Spaßfaktor", sagt Angelika Bruhn aus Börgerende.
Begonnen habe alles recht bescheiden. Sie wollte sich neben ihrer Büro-Service-Agentur ein zweites Standbein schaffen. "Und da kam mir und meinem Geschäftspartner Manfred Ehrlich die Idee, dort einzusetzen, wo andere Verlage sich nicht angesprochen fühlen, weil es unrentabel erscheint. Und so gründeten wir den BS-Verlag", erzählt die studierte Diplom-Ingenieur-Ökonomin. Ihr erster Titel "Bilder aus dem Dorfleben" von Johannes Gillhoff erschien in kleiner Auflage von 20 Stück. Und ging weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. "Das Gillhoff-Bändchen wurde 1905 zum ersten Mal verlegt, dann nie wieder. Wir boten es zu den Gillhoff-Tagen 2000 in Glaisin an", erzählt sie.
Der Startschuss war damit geglückt, danach folgten Titel auf Titel. Bis heute bietet sie ihren Lesern 260 verschiedene Offerten. Die Auflagen bewegen sich von 50 bis 1200 Stück, wenn es gut läuft. Bei 300 Exemplaren rechne sich die Herausgabe. Gedruckt wird in der Doberaner Digital-Druckerei "Printmix24". "Reich könne man damit nicht werden, aber es ist eine Herausforderung", so die 56-Jährige, die ehrenamtlich für den "Conventer Boten", die Zeitung in Börgerende-Rethwisch, schreibt.
Neben alter und neuer Literatur über Mecklenburg von Gillhoff, Richard Wossidlo, Rudi Czerwenka und anderen zeichnet sich der BS-Verlag mit interessanten Reihen aus. "Verbrannte Bücher" heißt eine, die Angelika Bruhn 2003 in Erinnerung an den 70. Jahrestag der Bücherverbrennung in Nazi-Deutschland herausbrachte. "Vergessene" Titel, wie "Rotes Herz der Erde" - Balladen von Paul Zech - hatten so eine neue Chance. Andere Reihen lauten MV Taschenbuch, Bücher aus der Schreibwerkstatt junger Autoren, wie Karina Albrecht, oder MV Wissenschaft. Angelika Bruhn ist stolz darauf, Werke so bekannter Autoren wie Klaus Frühauf, Wolfgang Schreyer, Kurt Biesalski, Gerhard Vontra oder Heinz Kahlow aufzulegen, 30 Schriftsteller, die schon in der DDR Rang und Namen hatten, sind im Programm. Sie schildern den Alltag "in der verschwundenen Republik" , authentisch, unaufdringlich, "Wir vertreten 34 Rostocker Autoren. Auch damit heben wir uns ab", so die Frau, die für ihre Bücher lebt, für sie wirbt, wo sie kann.
Beispielsweise entdeckte sie den "Ostseestern" in Börgerende als Kulturstätte. Mit Bürgermeister und Inhaber Axel Jaeger liegt sie auf einer Wellenlänge. Und so wird dort seit September 2002 "Kunst in der Kneipe" geboten. Der Erste, der hier las, war Kurt Biesalski, der seinen Nachwende-Roman "Der Hauptgewinn" vorstellte. Am Freitag ab 19 Uhr gastiert Autorin Beate M, Kunze aus Proseken in der urigen Kneipe.

Jörg Portius im Warnow Kurier am 22. Oktober 2005 über den Verlag

Beachtliches Angebot

Vielfach begabt: Angelika Bruhn ist Sekretärin, Maklerin - und Verlegerin


"Wir machen Bücher, die große Verlage nicht mehr oder gar nicht drucken würden", sagt Angelika Bruhn, die seit nunmehr fünf Jahren ihren kleinen, aber feinen BS- Verlag-Rostock betreibt. Dabei stimmt die Beschreibung "kleiner Verlag" so eigentlich gar nicht: Immerhin hat die 55-Jährige mehr als 220 Titel im Programm! Ein beachtliches Angebot, das die gebürtige Rostockerin quasi im Alleingang auf die Beine gestellt hat: "Eigentlich wollte ich nie Verlegerin werden, doch strategische Erwägungen gaben schließlich den Ausschlag. Bereits 1990 habe ich mich selbstständig gemacht. Ich führe heute immer noch meine Büro + Service GmbH hier am Hannes-Meyer-Platz in Dierkow." Dort bietet sie per Rundumbetreuung unter anderem möblierte Büros, Sitzungszimmer und Sekretariatsarbeiten an. Eine Art Sprungbrett in den Osten sei ihre Firmenidee für viele Unternehmen damals gewesen: "Ich war irgendwie immer am Puls der Zeit. Zu Beginn der neunziger Jahre hatte ich wohl 20 Telefone auf meinem Schreibtisch stehen ..." Auch Existenzgründer, die sich keine eigene Bürologistik leisten konnten, nahmen und nehmen immer noch gerne die Dienste von Angelika Bruhn in Anspruch. Doch mit zunehmender Etablierung der Unternehmen entwickelte sich das Geschäft rückläufig. Der Boom der ersten Vereinigungsjahre ließ nach. Eine logische Entwicklung, der neue Ideen entgegengesetzt werden mussten. "Ich hatte mir dann in den Kopf gesetzt, einen Verlag zu gründen und in einem ersten Schritt Regionalliteratur von Autoren aus Mecklenburg-Vorpommern anzubieten", so Angelika Bruhn. Exakt 20 Exemplare des wunderbaren Buches "Bilder aus dem Dorfleben" von Johannes Gillhoff nahm sie schließlich zu ihrer ersten Messe mit. "Die Exemplare wurden mir förmlich aus der Hand gerissen", erinnert sich die Verlegerin. "Das war der Startschuss!" Die Rostockerin ist heute stolz darauf, Werke so namhafter Autoren wie Kurt Biesalski, Klaus Frühauf, Wolfgang Schreyer, Gerhard Vontra oder Heinz Kahlow im Verlagsangebot zu haben. Eigenständige Reihen hat sie im Laufe von nur fünf Jahren außerdem entwickelt. Dazu gehört die Sparte "Lebenserinnerungen" mit Autorinnen wie Karina Albrecht ("Der Rosinenbaum") oder auch "Das verbrannte Buch" mit Werken, die ins Visier des Dritten Reiches kamen. So etwa "Die Rache des Kabunauri" von Helena Bobinska oder "Vaterlandslose Gesellen" von Adam Scharrer. Die Aufzählung ließe sich noch endlos fortsetzen. Egal, ob Science-Fiction, Lyrik, Reportagen oder Reiseliteratur: Der BS-Verlag-Rostock bleibt kaum etwas schuldig. "Wissen Sie, was das Schöne am Verlegerdasein ist? Man trifft eine Menge kluger und mutiger Menschen. Ich mache etwas, woran ich großen Spaß habe. Auch jungen Autoren eine Chance zu geben, ist eine reizvolle Aufgabe." Und dann ergänzt Angelika Bruhn mit einem verschmitzten Lächeln: "Ich nutze einen Teil meiner Arbeitszeit, um Bücher zu lesen. Darum werde ich immer wieder beneidet." Freilich beschränkt sich die Arbeit von Angelika Bruhn nicht nur aufs Lesen. Bis zu vier Bücher im Monat redigiert sie, bespricht sich mit Autoren, koordiniert Druckereitermine oder hält Kontakt zum Handel. Das seien neben dem eigentlichen Kerngeschäft im Büroservice genügend Aufgaben für Arbeitstage von zwölf Stunden und mehr. Kein Grund für Angelika Bruhn, nicht auch in Zukunft nach weiteren Literaturschätzen zu suchen. Der Verlag ist im Internet unter der Adresse "www.bs-verlag-rostock.de" zu erreichen.

Pressemeldung des Verlages, erschienen in der Ostsee-Zeitung am 29. April 2004

Viele Bücher kommen aus Dierkow

Verlag etabliert sich am Hannes-Meyer-Platz Dierkow.

"Unser Ziel war, möglichst viele Titel aus Mecklenburg, Vorpommern und Brandenburg wieder lieferbar zu machen", erklärt Angelika Bruhn, Geschäftsführerin des BS-Verlags mit Sitz in Dierkow. Seit 2000 verlegt die Geschäftsfrau Bücher. 151 verschiedene Titel sind seitdem auf dem Büchermarkt erschienen. Ob Romane, Science Fiction, Reiseliteratur, Biografien oder Lyrik, ist alles dabei, "was lesenswert ist".
Eigentlich fing alles mit dem Büroservice an. "Damit bestritt und bestreite ich bis heute meine Einnahmen. Das andere ist einfach Spaß", berichtet Angelika Bruhn. Doch ganz so mag man ihr das nicht glauben. Es steckt vielmehr dahinter. Im vergangenen Jahr beschäftigte sich der Verlag mit Büchern, die in der Nazi-Zeit dem Feuer zum Opfer fielen. "Wir haben sechs Bücher von den Autoren Walter Müller, Helena Bobinska, Georges Keate, Bruno Strauss, Emil Utitz und Bruno Theek herausgebracht. Das ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Immerhin wurden mehr als 12.000 Titel verbrannt. Unter dem Titel ,Das verbrannte Buch' werden in diesem Jahr zum 71. Jahrestag der Bücherverbrennung noch einige folgen", sagt Angelika Bruhn.
Doch die Titelliste des Verlages umfasst noch viel mehr Kategorien. Hörbuch, wissenschaftliche Erscheinungen, die Reihe MV-Taschenbuch und die Schreibwerkstatt sind weitere Themenlisten. Junge unbekannte Autoren finden genauso im BS-Verlag ihren Platz wie Autoren aus der DDR-Literatur und Schreiber des 19. Jahrhundert. Die handlichen Taschenbücher werden natürlich auch auf Messen präsentiert. "Man muss dabei sein, wenn man zur Kenntnis genommen werden will", sagt die Verlegerin. Wenn Sie das nächste Mal ein Buch in der Hand halten, dann schauen Sie doch mal, ob das Buch vom BS-Verlag in Dierkow stammt.

Horst Krieg in der Ostseezeitung am 24. März 2004 über den Verlag

In Leipzig öffnet morgen die Buchmesse ihre Pforten.

Verlage aus Mecklenburg-Vorpommern sind mit Bildbänden und Kalendern, Sachbüchern und Belletristrik dabei.

Rostock (OZ) 15 Verlage aus Mecklenburg-Vorpommern präsentieren an 17 Ständen auf der morgen beginnenden Leipziger Buchmesse ihre jüngsten Produktionen: Bildbände über Land und Leute, Kalender, Hör- und Sachbücher sowie Belletristik. - Ein bunter Blumenstrauß zum Fest der Bücher, an dem bis Sonntag über 2000 Verlage aus 29 Ländern teilnehmen.


… Auf die Messegespräche freut sich Angelika Bruhn vom Rostocker BS-Verlag. Denn die letzten Jahre hätten gezeigt, dass es sich lohnt, mit Lesern und Autoren ins Gespräch zu kommen und Kontakte mit Journalisten, Buchhändlern und Verlagen zu knüpfen. "Man muss einfach dabei sein, wenn man zur Kenntnis genommen werden will." Das sei sie ihren DDR-Autoren schuldig, die sie in den handlichen MV-Taschenbüchern überwiegend heraus bringt. Druckfrisch der Ro man "Achterbahn". Autor Rudi Czerwenka stellt in dieser Nachwendegeschichte Menschen ganz oben und ganz unten dar. Rosemarie Schuder lässt mit ihrem his torischen Roman "Die Erleuchteten" das mittelalterliche Münster in Westfalen aufleben, während Jean Villain in "Bitte nicht stürzen" ein bitteres Kapitel DDR-Pressegeschichte beleuchtet. …

Horst Krieg in der Ostseezeitung am 07. März 2003 über den Verlag

Die Erinnerung wachhalten - Rostocker Verlag bringt von Nazis verbotene Werke heraus

Angelika Bruhn ist Geschäftsführerin des Rostocker BS-Verlags.


Rostock (OZ) Auf der Leipziger Buchmesse Mitte März werden sie schon einmal als Dummys ausgestellt. Bücher, die die Nazis auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt haben, sollen neu verlegt werden. "Das verbrannte Buch" heißt die Reihe, die der BS-Verlag Rostock herausbringen will. Auf diese Idee kamen Verlagschefin Angelika Bruhn und Mitarbeiter Manfred Ehrlich, als sie sich an ein geliebtes Jugendbuch erinnerten und feststellten, dass es die Nazis verboten hatten: "Die Rache des Kabunauri" von der polnischen Autorin Helena Bobinska. Wenn schon diese Geschichte über Blutrache im fernen Kaukasus nicht erscheinen durfte, sagten sie sich, sollte man sich den Index mit den 12 000 eingetragenen Namen einmal genauer ansehen. Denn die Nazis haben bis 1941 peinlich genau Buch geführt. "Im Bewusstsein der Öffentlichkeit sind vor allem die berühmten Autoren, deren Bücher 1933 unter großem propagandistischen Rummel verbrannt wurden, wie Bert Brecht und Erich Kästner", argumentiert Angelika Bruhn. "Die wurden später auch oft verlegt. Wer sind aber die anderen, weniger bekannten, die auf die Liste kamen?" Sie stießen auf eine Reihe von Autoren, die sie jetzt für den Druck vorbereiten. Darunter der Christ Bruno Theek, Pfarrer in Ludwigslust, der das Büchlein "SOS - Jugend am Kreuz" schrieb. Der Autor der Schrift "Die Künstler" Emil Utitz war Jude. Der Philosoph arbeitete an der Universität Rostock. Auf dem Index steht sogar ein Buch, das im 18. Jahrhundert geschrieben wurde: "Nachrichten von den Pelew-Inseln" stammt aus der Feder des Engländers Georges Keate. Darin geht es um einen Schiffbruch, der glücklich ausgeht. Der Makel: Es ist von dem Schriftsteller und Völkerkundler Georg Forster (1754 - 1794) übersetzt worden, dessen Werk die Nazis verboten hatten. Warum, ist noch herauszufinden. Kopfzerbrechen bereitet auch der Band "Fliegerschicksale" von Bruno Strauss. Wieso steht der Autor auf der Liste, obwohl er doch Hitlers Luftwaffenchef Göring lobte? Prof. Karl-Heinz Jügelt, ein profunder Kenner speziell der Rostocker Bücher-verbrennung, vermutet: "Das passte Ende der 30er-Jahre nicht in die Kriegsvorbereitung der Nazis." Der Autor mehrerer Publikationen über die Bücherverbrennungen ist bereit, dem Verlag zu helfen. Trotzdem nennt er das Projekt "eine schwierige Kiste". Auch Angelika Bruhn hat gemerkt, dass ihr Verlag dafür zu klein ist. Da müssen Hinterlassenschaften der Reichsschrifttumskammer durchgesehen werden. Da sind Rechte des Nachdrucks zu erwerben. Da ist textkritisch nach Kürzungen und Einlassungen zu fahnden. Deshalb gründete sie mit ihrem Mitarbeiter die "Interessengemeinschaft Bücherverbrennung 1933 e. V." "Mit dem Verein sollen öffentliche Mittel aufgebracht werden, um die Geschichte der verbrannten Bücher aufzubereiten", erläutert dessen Vorsitzender Johann Scheringer. Er plant darüber hinaus Veranstaltungen zum 70. Jahrestag der Bücherverbrennungen. In Rostock z. B. am 5. Mai vor der Universität. Vier Tage später werde eine Magisterarbeit vorgestellt, in der die Verstrickung der Studenten in die Organisationsstruktur des Naziregimes dargestellt werden soll. Auf dem Kolloquium komme auch der Schriftsteller Ulrich Frohriep zu Wort, der den Landesverband der Schriftsteller im Verein repräsentiert. Auch in Neustrelitz und Greifswald soll es Veranstaltungen geben. Warum beschäftigen sich nach so langer Zeit ein Verein und Verlag mit der Bücherverbrennung, die nicht einmal ein gutes verlegerisches Geschäft zu werden verspricht? Angelika Bruhn verrät das Motiv: "Man muss die Erinnerung daran wachhalten. Dass so etwas - im weitesten Sinne - nie mehr passiert."

Wolfgang Rex im Neuen Deutschland am 05. April 2001 über den Verlag

Ein Bürobetrieb wird zum Verlag

In Rostock werden DDR-Schriftsteller verlegt - von Wolfgang Schreyer bis Wolfgang Sabath

Eigentlich ist man bei der Rostocker Büro+Scrvice GmbH eher per Zufall zur Buchproduktion gekommen. Ein Kollege suchte ein Buch aus DDR-Zeiten. Das sei nicht lieferbar, sagten die städtischen Buchhändler. Der Inhaber der Rechte an Willi Bredel wollte das Buch nicht auflegen. Es sei in Antiquariaten in ausreichender Menge vorhanden. Die Rostocker GmbH verfügte über freie Kapazitäten für Textverarbeitung, wie man das heute nennt. GmbH-Chefin Angelika Bruhn fügte beides zusammen. Sie holte sich Schriftsteller, die schon zu DDR-Zeiten schrieben und ließ deren Texte in Computer schreiben. Das Ganze nennt sich MV Taschenbuchverlag. Die Druckerei Sickinger aus dem in der Umgebung Rostocks liegenden Satow wurde gewonnen, Bücher im so genannten digitalen Verfahren herzustellen.
Das geht so, erklärt der Drucker, dass die Buchumschläge auf Vorrat gedruckt werden. Der Text ist auf einer Diskette gespeichert Die Seiten zwischen den Umschlägen werden je nach täglicher Bestellung gedruckt. Hat beispielsweise einer der Autoren eine Lesung, erzählt Angelika Bruhn, dann stellt Drucker Sickinger zur Not auch mal über das Wochenende 30 Bücher her. Die Startauflage für jedes Buch liegt bei 20 Exemplaren. Ab dem dreihundertsten verkauften Buch verdient auch der Autor mit. Drucker Sickinger ist zufrieden. Er druckt heute das Zehnfache an Büchern gegenüber den Aufträgen von Mitte vorigen Jahres, inzwischen auch für andere Verlage. Er kaufte sich schon eine zweite Maschine, um die Aufträge zu bewältigen.
Der prominenteste Autor des Verlages ist wohl Wolfgang Schreyer. Der beklagt, dass Schriftsteller aus dem Osten nur noch drei Prozent des bundesrepublikanischen Buchmarktes besetzen würden. Der stille, in sich gekehrte Krimi-Autor, dessen noble Rolle zu DDR-Zeiten auch Brigitte Reimann erwähnte, meint, er sei inzwischen vergessen. Dem widerspricht die Aussage eines Lesers, der durch die östliche Teilrepublik reiste, nur um Schreyers "Großgarage Südwest" aus den ganz frühen DDR-Zeiten im Antiquariat zu finden.
Dieses Buch gibt es allerdings nicht im Rostocker Verlag. Schreyer meint, er würde von seinen frühen Büchern nicht einmal mehr die Korrekturfahnen lesen wollen. Trotzdem verlegte der Taschenbuchverlag "Das grüne Ungeheuer" neu, vor 42 Jahren in der DDR erschienen und danach verfilmt. Auch die jüngsten Bücher Schreyers kommen in Rostock heraus. Klaus Frühauf, schon in der DDR Autor utopischer Bücher, wird ebenfalls hier verlegt. Mit "Westindienfahrer" gibt es das einzige Buch von Ulrich Frohriep. der in der DDR für das Fernseilen schrieb, sowie Kurt Biesalski. dessen Nachwenderoman "Der Hauptgewinn" das bisher meist verkaufte Buch der Rostocker ist.
Dazu kommen Neuerscheinungen. Wolfgang Sabath, früher Redakteur bei der Wochenzeitung "Sonntag" und dessen Nachfolgerin "Freitag", schrieb eine freche Satire auf die Redaktion, in der er arbeitete. Journalisten können aus Sabaths Buch lernen, warum die Einschätzung der Zeitung durch die Redakteure mehr über die Mitarbeiter und deren Verhältnisse als über die Qualität des eigenen Blattes sagt. Bissig rechnet Sabath vor allem mit früheren Kolleginnen, aber auch mit Kollege ab, die sich nach 1990 mehr oder wenige schnell in die neuen Verhältnisse in neue; Redaktionen hinein schrieben. Auch der "Sonntag" wäre fast nahtlos in die neuen überaus gut bezahlten Verhältnisse gerutscht. Das hofften zumindest Autoren der Redaktion und putzten für den angekündigten schwerreichen Westverleger sogar "Das Pissoir", wie Sabaths Buch heißt. Warum es mit dem reichen Onkel aus dem Westen doch nichts wurde, kam man eben dort nachlesen.
Die Autoren des MV Taschenbuch sind übrigens eingeladen, den Start oder Neustart ihrer Werke mit zu finanzieren. Jede Unterstützung werde "mit wenig Schuldgefühl" entgegen genommen, sagt Verlegerin Bruhn. Beispielsweise, wenn der Autor ein zinsloses Darlehen "im unteren dreistelligen Bereich" rüberreicht. Auch das bekommt er nach dem dreihundersten verkauften Exemplar zurück. Inzwischen verkaufe man die Bücher ohne Verluste. Nach einem knappen Jahr in Verlagsgeschäft.
Schwierig läuft es in Rostock noch mit dem Vertrieb. Im Verlagsgründungsrausch Mitte vorigen Jahres schrieben Angelika Bruhn und ihre Mitarbeiter 420 Buchhandlungen an: "Nicht ein Reaktion kam zurück. Das war keine Hochzeit." Inzwischen hat man 37 Buchhandlungen überzeugt, Bücher aus dem Roslocker Taschenbuchverlag anzubieten Davon zwölf, die nicht in Mecklenburg-Vorpommern beheimatet sind. Die Großhändler, über die Buchläden in der Regel innerhalb von 24 Stunden von Kunden bestellte Titel erhalten, interessieren sich nicht für solche Kleinstverlage. "Engagierte Buchhändler finden uns auf jeden Fäll, auch über die ISBN, die jedes Buch erhält", versichert Angelika Bruhn. Sie liefert natürlich auch, wenn man direkt bei ihr bestellt. Das Haus heißt allerdings irreführend immer noch nicht Verlag. sondern wie bisher Büro + Service GmbH. Eine traurige Pointe hat die relativ erfolgreiche Verlagsgeschichte dennoch. Die Rechte für die Bücher von Willi Bredel hat der Rostocker Verlag nicht bekommen Der Rechteinhaber wolle nicht einmal zum 100. Geburtstag im Mai ein neues Bredel-Buch herausbringen, sagt Verlegerin Bruhn.